Am Weltfrauentag
Ein Kommentar von Paul Clemente.
Haben Sie es bemerkt? Gestern, am 8. März war wieder Weltfrauentag. Schon der Hundertfünfzehnte, seit 1911. Impulsgeberin war die deutsche Sozialistin Clara Zetkin, Mitstreiterin von Rosa Luxemburg. Zweck der Aktion: Ans Frauenrecht und Gleichstellung der Geschlechter zu erinnern. Im Jahr 2026 ist der Sachverhalt komplizierter. Denn: Wer oder Was ist eigentlich eine „Frau“? Gender-Ideologen postulieren: Nicht der Körper bestimmt das Geschlecht, sondern die Gesellschaft. Folglich ist der Welt-Frauentag auch ein Tag für Transfrauen.
Dass diese Neukonzeption kaum Euphorie auslöst, sorgt bei „Progressiven“ für reichlich Frust. Auch bei der Autorin, Schauspielerin und Trans-Aktivistin Phenix Kühnert. Im Interview mit dem Online-Magazin Glamour lautet die erste Frage: „Fühlst du dich als trans* Frau am Weltfrauentag gesehen?“ Ihre Antwort:
„Ja, ich bin ja auch einfach eine Frau. Schwierig ist es natürlich nur, wenn angenommen wird, dass jede Frau mit einer Vulva geboren wird. Oder ich an Formulierungen merke, dass trans* Menschen nicht mitgedacht werden.“
Dabei sind biologistische Ignoranten nicht das größte Problem. Die ließen sich notfalls umerziehen. Nein, so richtig ätzend sind Feministinnen, die Transfrauen nicht anerkennen, ihnen die Weiblichkeit absprechen. Verbale Giftspritzen, zu denen auch Alice Schwarzer zählt. Die Veteranin des Geschlechterkriegs befürchtet, dass böse Machos sich als Frauen ausgeben, um feministische Errungenschaften zu untergraben. Etwa beim Sport: Männer, die bei gleichgeschlechtlicher Konkurrenz unterliegen würden, erklären sich zu Frauen und sacken Gold-Pokale ein. Auch der Weg zur Frauensauna ist für Transfrauen geebnet. In England berief sich sogar ein Sexualstraftäter auf seine Weiblichkeit. So konnte er eine Verlegung in den Frauenknast durchsetzen. Ebenfalls in Gefahr: Die Frauen-Quote: Transfrauen könnten den Bio-Frauen die Platzreservierung kapern.
Was Kritiker der Gender-Ideologie in den Irrsinn treibt: Sie entkoppelt die Geschlechtszugehörigkeit von überprüfbaren Kriterien. Verlagert sie stattdessen in die Subjektivität des Betroffenen. Somit ist Widerspruch unmöglich. Oder man endet als Transfeind am virtuellen Marterpfahl. Ein Schicksal, dass auch Alice Schwarzer traf. Die 83-jährige Herausgeberin der Zeitschrift Emma ist eine scharfe Kritikerin der Gender-Ideologie. Das ist kein Geheimnis. Aber jetzt lud das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg sie zur Lesung aus ihrem neuen Buch. Und zwar exakt am 8. März. Am Frauentag. Mit anderen Worten: Das Theater hatte auf Eklat, also Gratiswerbung spekuliert. Und bekam sie auch. Postwendend.
Schon im Vorfeld jammerten 340 Theaterschaffende in einem offenen Brief: „Mit Bestürzung mussten wir feststellen, dass Alice Schwarzer am 08.03. ihr neues Buch ,Feminismus pur. 99 Worte’ in eurem Theater vorstellen darf. Wir als Theatermacher*innen fordern: Sagt diese Veranstaltung ab! Nein zu menschenfeindlicher Rhetorik! Alice Schwarzer kämpft seit Jahren gegen Selbstbestimmung, Arbeitsrechte und soziale Teilhabe von Trans-Menschen und Sexarbeiter*innen.“
Frau Schwarzer beharre „auf biologistischen Vorstellungen von Geschlecht, nennt Trans-Geschlechtlichkeit einen ,Trend’ bzw. ein ,Freizeitvergnügen’ und schwadroniert - ganz in AfD-Manier - von einer Gefahr für Kinder und Jugendliche, denen der Geschlechtswechsel verlockend leicht gemacht“ werde.
Außerdem bewertete eine mögliche Kanzlerschaft von Alice Weidel als ermutigendes Zeichen für Frauen, trotz politischer Differenz. Fazit:
„Keine Bühne für Hetze! Keine Bühne für Alice Schwarzer!“
Aber die Theaterdirektion wollte sich dem Cancel-Terror nicht beugen. Auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes definierte sie die Bühne als Ort des „direkten" Austauschs: „Die Forderung, die der offene Brief aus der Interpretation und Wertung herleitet, Alice Schwarzer den Mund zu verbieten und ihr keine Möglichkeit zu geben, ihre Sicht der Dinge offen zu diskutieren, tragen wir nicht mit.“ Stattdessen vertraue man, mit Berufung auf den Philosophen Jürgen Habermas, dem „eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments“. Deshalb halte man die Hälfte des Zeitrahmens für Publikumsgespräche frei.
Natürlich hat diese Cancel-Forderung eine lange Vorgeschichte. Seit Jahren betiteln linke Medien Schwarzer als „Rechtsfeministin“, als „alten weißen Mann“. Oder man wirft ihr gleich „False Flag“ vor. So konstatierte die Taz:
„Alice Schwarzers Weltsicht hat nichts mehr mit Feminismus zu tun.“
Da öffnet sich nicht allein die Kluft zwischen klassischer und postmoderner Linken, der Graben zwischen Lohn- und Chancengleicheit versus Identitätspolitik. Denn Schwarzer hat sich auch mit traditionellen Linken angelegt. Sie in den Siebzigern als versteckte Agenten des Patriarchats enttarnt. So schoss sie gegen Sozialisten, die sich zwar für bolivianische Bauern einsetzten, aber ihre Freundinnen weiterhin zur Hausfrauen degradierten.
In den späten Achtzigern empörte sich die selbsternannte Kulturpsychologin Schwarzer über die Liberalisierung von Pornographie: Damit hätten linke Männer die Ausbeutung von Frauen zur sexuellen „Befreiung“ umgedeutet.
Auch vom Weltfrauentag hat Schwarzer keine hohe Meinung, plädiert seit Jahren für dessen Abschaffung. Auch hier wittert sie Etikettenschwindel. Der Tag sei „gönnerhaft“ und zudem „eine sozialistische Erfindung, die auf einen Streik von tapferen Textilarbeiterinnen“ zurückgehe, verriet sie auf Emma-Online. Statt „realer Gleichberechtigung“ setze der Frauentag lediglich auf eine „symbolische Schmeichelei“.
Zurück zum gestrigen Weltfrauentag: Wie schon erwähnt, blieb das Theater standhaft. So startete um 19 Uhr die Lesung vor hundert Zuschauern. Draußen standen ebenso viele Demonstranten mit Protestbanner. Regelmäßig stürmte ein Aktivist die Bühne, rief irgendwas ins Publikum, und erntete dafür Buh-Rufe. Schwarzer hingegen verhielt sich ruhig. Abwartend. Schließlich sagte sie:
„Wir sind da, um voneinander zu hören, uns auszutauschen. Wir müssen überhaupt nicht einer Meinung sein."
Und genau dieses Ertragen konträrer Meinung gilt vielen Zeitgenossen als Überforderung. Sie halten sich die Ohren zu und schreien nach Cancelling. Sie beanspruchen das Recht auf widerspruchsfreie Räume, politische Safe Spaces. Und beerdigen damit die Demokratie.
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Bild: Alice Schwarzer, deutsche Autorin und Journalistin (Emma), auf der Frankfurter Buchmesse Frankfurt 2011 in Frankfurt am Main, Deutschland
Bildquelle: Markus Wissmann / shutterstock
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