Tagesdosis

Das Imperium der Gewalt auf Selbstzerstörungskurs | Von Tilo Gräser

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Eine „Kultur des Mordens“ macht sich in der Politik der USA und Israels breit

Ein Kommentar von Tilo Gräser.

Die herrschenden Kräfte der USA haben zwei aktuelle Kriege provoziert und begonnen – in der Ukraine und in Westasien gegen den Iran –, die sie offensichtlich nicht beenden können. Ob sie es tatsächlich wollen, ist eine andere Frage. Da gibt es zwar die Aussagen des wiedergewählten US-Präsidenten Donald Trump, den Krieg in der Ukraine beenden zu wollen. Aber von einer Verhandlungslösung scheinen alle Beteiligten weit entfernt. Viele Beobachter sind längst der Meinung, dass der Ukraine-Krieg auf dem Schlachtfeld entschieden wird.

Ähnlich sieht es inzwischen beim Krieg der USA und Israels gegen den Iran aus. Was als kurzer Waffengang samt massivem „Enthauptungsschlag“ gegen Teheran und folgendem Regimewechsel gedacht schien, droht, ein weiterer langwieriger Zermürbungs- und Abnutzungskrieg zu werden. Und hat durch den iranischen Widerstand zunehmend globale Folgen, die sich stärker als im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg auswirken. Davon künden allein die steigenden Energie- und Rohstoffpreise.

Zwar gibt es Hinweise darauf, dass in den USA und Israel Teile der herrschenden Kräfte empfehlen, den Krieg zu beenden. Sie befürchten, dass ein langwieriger Krieg unübersichtliche Folgen haben und gar zu einer eigenen Niederlage führen könnte. Schon hat Trump wohl deshalb in Moskau Wladimir Putin angerufen und um Hilfe gebeten, um den Krieg wieder beenden zu können.

Doch ungeachtet dessen geht der Iran-Krieg weiter und wird mit allen Mitteln fortgesetzt. Dazu gehört weiterhin die Ermordung der führenden Personen der Islamischen Republik. Israel meldete am Dienstag, den Generalsekretär des iranischen Sicherheitsrates Ali Laridschani bei einem Angriff in Teheran getötet zu haben. Der galt nicht nur als einer der derzeit führenden Köpfe des Iran, sondern auch als eher moderat. Eine Bestätigung für seine Ermordung gab es den Meldungen zufolge seitens des Irans noch nicht.

Zugleich weitet Israel seine nicht minder völkerrechtswidrigen Angriffe im Libanon aus. Dem Land droht die weitflächige Zerstörung, Berichten nach sind schon mehr als eine Millionen Libanesen auf der Flucht. Israel bereitet demnach eine Bodenoffensive vor, die sich angeblich gegen die Hisbollah richtet. Diese islamische Organisation wurde einst als Widerstand gegen die israelische Kriegs- und Besatzungspolitik im Libanon gegründet. Sie zeigt sich mit ihren aktuellen Angriffen aktiver, als nach all den israelischen Bombardierungen und Ermordungen ihrer Führungskräfte in den letzten Jahren erwartet wurde.

Israel werde „im Libanon machen, was wir in Gaza gemacht haben“. Das kündigte gegenüber dem Nachrichtenportal Axios am Wochenende ein israelischer Offizier an. Demnach plant Israel die größte Bodenoffensive im Libanon seit dem letzten großen Krieg 2006. Ziel seien die Besetzung aller Gebiete südlich des Litani-Flusses sowie die Zerstörung jeglicher Infrastruktur der Hisbollah, gab die Tageszeitung junge Welt die Aussagen wieder. Israels Außenminister Israel Katz habe der Regierung in Beirut mit enormen Schäden an der Infrastruktur und mit der Übernahme der Kontrolle über libanesische Gebiete gedroht, sollte die Hisbollah nicht entwaffnet werden. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ergänzte demnach, Israel werde den Iran und die Hisbollah „zermalmen“.

Immerhin haben Berichten zufolge fünf westliche Staaten vor einer israelischen Bodenoffensive gewarnt. In einer gemeinsamen Erklärung der Staats- und Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Italien, Kanada und Großbritannien werden verheerende humanitäre Folgen und ein langwieriger Konflikt befürchtet, heißt es. Das hält diese Länder wie auch andere NATO-Partner der USA nicht davon ab, den Krieg gegen den Iran zu unterstützen – mit Ausnahme der von Trump gewünschten Beteiligung an einem Einsatz in der Straße vom Hormus. Diese wichtige Schifffahrtsroute hat der Iran unter Kontrolle gebracht und teilwiese blockiert.

Weg in den Abgrund

Wie in der Ukraine haben sich die herrschenden Kreise des Westens, allen voran die der USA, nun auch in Zentralasien verrannt. Die USA und Israel haben sich „in der iranischen Sackgasse verirrt“, wie Rainer Rupp vor Tagen feststellte. Aber es sieht so aus, dass am Ende dieser Sackgasse der Abgrund wartet, wie manche Beobachter meinen.

Der ehemalige britische Diplomat Alastair Crooke hält die Ermordung des iranischen Sicherheitschefs Laridschani für wahrscheinlich. In einem Gespräch mit dem Politologen Nima R. Alkhorshid in dessen Reihe Dialogue Works sagte er, das sei „ein Weg, den Israel schon seit sehr, sehr langer Zeit beschreitet“. Diese Attentate, Morde und Enthauptungen seien schon immer die grundlegende Vorgehensweise der Israelis gewesen – „und oft endet es, wissen Sie, noch schlimmer“, fügte Crooke hinzu. Die Nachfolger der Ermordeten, meist von islamischen Widerstandsbewegungen wie Hamas oder Hisbollah, seien einer härteren Linie gefolgt.

Laridschani sei dagegen „ein sehr intelligenter, intellektueller und besonnener Mensch“ und „keineswegs ein Extremist“. Er hatte westliche Philosophie studiert, konnte hart und zugleich einigungsbereit verhandeln, wie sich die ehemalige Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey in der aktuellen Ausgabe der Schweizer Wochenzeitung Die Weltwoche erinnert. Er habe „manchmal beharrlich auf einen Dialog mit dem Westen“ gedrängt. Laridschani sei nach Kriegsbeginn und der Ermordung von Staatsoberhaupt Ali Chamenei die Aufgabe zugefallen, den Widerstand zu organisieren und den Iran zusammenzuhalten. Er habe klargemacht, dass der Iran sich nicht beuge und den Angreifern eine Gewalt drohe, „wie sie sie noch nie erlebt haben“.

Crooke kommentierte die Meldung zu Laridschanis Ermordung:

„Israel geht immer davon aus, dass das Töten von Menschen, die ihrer Meinung nach nicht pro-israelisch sind, eine Art notwendige Funktion ist, aber oft ist es, wenn man so will, sogar für ihre eigenen Interessen kontraproduktiv, ganz zu schweigen von den Interessen vieler anderer.“

Der Ex-Diplomat widersprach den Behauptungen, der Iran wie die Hisbollah würden Israel vernichten wollen. Es sei stattdessen immer um das Ende der zionistischen Vorherrschaft gegangen. Sie wollten die israelische Führung dazu zu zwingen, die Idee von Sonderrechten für eine Bevölkerungsgruppe gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen aufzugeben, die gemeinsam auf einem Gebiet leben. Zu den Mutmaßungen um den aktuellen Verbleib von Israels Premier Benjamin Netanjahu sagte Crooke, dazu wisse er nichts. Aber es gebe einen veränderten Tonfall in den israelischen Medien, „als hätte etwas ziemlich Wichtiges Israel getroffen“. Es bleibe aber abzuwarten, was hinter der dichten Zensurwand vor sich gehe.

Entgegen der Erwartungen in Washington und Tel Aviv hätten die Bombenangriffe und der Verlust von Menschenleben den Widerstand gegen die Vereinigten Staaten und Israel im Iran tatsächlich gestärkt und eine Art Widerstandsgeist geschaffen. Doch selbst in den USA verändere sich die Stimmung „auf ziemlich tiefgreifende Weise“. In manchen Kreisen liege „ein Hauch von Panik in der Luft“, so Crook, „nicht nur wegen des Krieges, sondern wegen der Wirtschaft und wegen der Zwischenwahlen“. Zunehmend werde gefragt, warum die USA diesen Krieg begonnen haben.

„Warum hat sich Trump auf etwas so offensichtlich Falsches eingelassen? Ich meine, es ist so offensichtlich dumm, diesen Krieg zu führen, wo er doch normalerweise einen ziemlich guten politischen Instinkt hat.“

Bei vielen US-Amerikanern sei der Eindruck entstanden, dass dahinter „etwas Unsichtbares steckt, eine Machtstruktur, etwas, das in der Lage ist, Menschen zu einem Verhalten zu zwingen und in die Falle zu locken, das sie sonst vielleicht nicht an den Tag legen würden“. Crooke rechnet damit, dass die Republikaner unter Trump in der Folge die „Zwischenwahlen“ im November dieses Jahres verlieren werden. Dafür sorgten auch die wirtschaftlichen Folgen unter anderem durch die Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran. Nicht nur damit habe die US-Führung nicht gerechnet, sondern auch mit dem recht geringen Schaden für China. Zwar würden 40 Prozent des Öls, das durch die Meerenge transportiert wird, nach China gehen. Aber da es „ein so großer Energieverbraucher ist, macht das nur weniger als 5 Prozent seines Gesamtverbrauchs aus“.

„Es ist für China keine existenzielle Frage. Und auf jeden Fall hat es seine strategischen Reserven vor dem Krieg aufgefüllt. Im Gegensatz zu Amerika hat es tatsächlich einige strategische Vorsichtsmaßnahmen getroffen.“

China sei offenbar nicht durch die Ereignisse in der Straße von Hormus bedroht, auch wenn Trump und US-Finanzminister Scott Bessent das glauben. „Im Gegenteil, es profitiert sehr von dieser Phase und dürfte kaum das Bedürfnis verspüren, die Lage vor Ort zu ändern“, so Crooke dazu. Der Iran sorge für eine geostrategische Verschiebung, indem er die Kontrolle über diese Engpässe und die Seewege des Persischen Golfs übernimmt, durch die der Großteil der Energie transportiert werde. Das habe Folgen für viele Staaten.

Iranische Ziele

Die US-Führung sei vom iranischen Widerstand überrascht worden, wie sie „ideologisch gefangen“ sei. Zugleich gebe es eine geheime Machtstruktur, die wie deren Interessen nicht leicht zu erkennen sei, umschrieb der Ex-Diplomat, was andere als „Deep State“ in den USA bezeichnen. Jeder, der dem nachgehe und nach den Interessen hinter all den Kriegen der USA frage, werde „entweder verbal angegriffen oder auf andere Weise dafür kritisiert, dass er eine Position einnimmt, die als unamerikanisch oder den Interessen feindlich beschrieben wird“. Crooke machte auch auf die Ablenkung durch den Krieg gegen den Iran vom Geschehen in der Ukraine aufmerksam. Der Kiewer Machthaber Wolodymyr Selenskyj sei derzeit wieder in London, um weitere Unterstützung einzufordern.

Aus Sicht des Ex-Diplomaten versucht der Iran, den Kreislauf aus Konflikt, Verhandlungen und Krieg zu beenden. Dieser sei vor allem auf Kosten der einfachen Iraner, nicht der Eliten, gegangen. Der westliche Zermürbungskrieg gegen das Land dauere bereits 47 Jahre an.

„Das Ziel ist es also, es jedem unmöglich zu machen, nach all dem einen weiteren Krieg mit dem Iran in Betracht zu ziehen. Dieser Krieg sollte überzeugend genug sein, dass es keinen weiteren Folgekrieg geben wird, dass es keine Phase geben wird, in der es drei Jahre später wieder zu einem Konflikt kommt und Israel den Iran bedroht und die USA den Iran erneut bedrohen.“

Der jetzige Krieg könne nur enden, wenn die antiiranischen Sanktionen aufgehoben und die beschlagnahmten iranischen Vermögenswerte zurückgegeben würden. Und wenn klar sei, „dass dies nun endgültig der letzte Krieg in diesem Zusammenhang ist und der Iran danach frei sein wird, sein eigenes Schicksal zu gestalten“. Zudem wolle Teheran die Situation für die US-Militärstützpunkte in der Golfregion so unerträglich machen, dass diese abgebaut werden müssten und die USA nicht zurückkehren könnten. Der Iran habe sich langfristig auf diesen Krieg und asymmetrische Reaktionen auf die erwartbaren Angriffe der USA und Israels vorbereitet.

Den Einsatz von US-Bodentruppen, von dem Trump bereits mehrmals sprach, hält der Ex-Diplomat für unmöglich und zum Scheitern verurteilt. Zugleich kann er sich nach seinen Worten nicht vorstellen, dass die Möglichkeit, aus der selbstverursachten Situation wieder herauszukommen, „im Moment wirklich im Bereich der praktischen Politik in den USA liegt“. Der Iran habe seine wirkungsvollsten Waffen noch nicht eingesetzt, schätzt er ein.

Eine Stimme aus Israel

Eine Perspektive aus Israel gab der renommierte Journalist Gideon Levy von der israelischen Zeitung Haaretz in einem kürzlich veröffentlichten Gespräch mit Amy Goodman von der Initiative Democracy Now wieder. Levy sprach von dem „seltsamen Phänomen“, dass dieser Krieg in der jüdisch-israelischen Öffentlichkeit sehr große Zustimmung finde.

„So etwas habe ich noch nie gesehen: 93 Prozent der israelischen Juden – laut einer aktuellen Umfrage des Israeli Democracy Institute – unterstützen diesen Krieg. Das sind Zahlen wie in Nordkorea.“

Das komme „nach zweieinhalb Jahren eines anderen Krieges, der nicht mit großem Erfolg endete“, so der Journalist, der sagte: „Ich meine, der Krieg im Gazastreifen, 70.000 Opfer, 1.000 getötete Babys – wofür? Was hat Israel genau gewonnen?“ Für ihn ist die Frage: „Wohin streben wir jetzt? Wohin führt uns das?“ Es gebe in der Region inzwischen sechs Millionen Menschen, „die jetzt wegen Israel obdachlos sind“: 800.000 im Libanon, 3,3 Millionen im Iran und weitere zwei Millionen in Gaza. „Das sollte uns erschüttern“, sagte Levy und fügte hinzu: „Das sollte uns wirklich zu einigen Fragen führen: Haben wir das Recht, all diese Dinge zu tun? Erreichen wir damit irgendetwas? Wohin steuern wir? Wie wird der Morgen danach aussehen?“

Auf die Frage, ob das israelische Militär durch die gleichzeitigen Kriege und Angriffe in der Region nicht überdehnt werde, erklärte er: „Tatsache ist, dass sie es können.“ Die Führung des Landes würde dem folgen was kürzlich der US-Botschafter in Israel Mike Huckabee in einem Interview sagte: Israel solle zwischen dem Nil und den Flüssen des Irak liegen, also den ganzen sogenannten Nahen Osten einnehmen. „Vielleicht befinden wir uns gerade in einer Phase der Umsetzung dieser Vision“, kommentierte Levy das. Der israelische Journalist warf der US-Führung vor, die Kriege Israels zu ermöglichen.

„Israel tut so viel, wie es kann, und es kann es. Solange die US-amerikanische Unterstützung so massiv, so blind und so automatisch ist, wird dies weitergehen. In dem Moment, in dem die Vereinigten Staaten das anders sehen, wird das aufhören.“

Der Haaretz-Redakteur wies darauf hin, dass die israelischen Siedler gemeinsam mit der Armee unter dem „Deckmantel des Krieges gegen den Iran“ das palästinensische Westjordanland massiv verändern. Dort seien fast alle Dörfer und Städte abgeriegelt: „Das gesamte Westjordanland sieht aus wie eine Ansammlung von Konzentrationslagern. Anders lässt es sich nicht beschreiben.“ Die Siedler hätten den Krieg im Gazastreifen und den gegen den Iran genutzt, um mit Gewalt Zehntausende Hektar Land im gesamten Westjordanland an sich zu reißen und die dortige Bevölkerung zu vertreiben.

Letzter großer Krieg

Der französische Demograph und Historiker Emmanuel Todd meint, der Krieg gegen den Iran gehe als „der letzte große Krieg des Westens gegen den Rest der Welt“ in die Geschichte ein. Das sagte er kürzlich in einem Gespräch mit Diane Lagrange vom französischen Mediennetzwerk Fréquence Populaire. Aus seiner Sicht zeigt der aktuelle Krieg, dass die USA „von Niederlage zu Niederlage“ eilen. Die erste Niederlage sei militärisch und industriell die gegen Russland in der Ukraine. Noch bedeutender sei die wirtschaftliche und globale Niederlage gegen China. Trump sei mit seinem versuchten Handelskrieg gegen Peking auf eine Mauer geprallt.

Der Krieg gegen den Iran gehöre zu den Ablenkungen von diesen Niederlagen und Schwächen, neben dem Theater um Grönland und dem Überfall auf Venezuela. Der „Sieg“ über das lateinamerikanische Land und die Entführung von dessen Präsident Nicolás Maduro habe zu einer Selbsttäuschung über die eigene Stärke geführt. Die USA würden ihr Imperium und dessen militärisch-wirtschaftliches Prestige „mit allen Mitteln“ zu verteidigen versuchen. Hinzu komme in Verbindung mit der Niederlage des Westens und mit dem religiösen, ideologischen und wirtschaftlichen Verfall der Vereinigten Staaten „ein inneres Bedürfnis nach Gewalt, nach Zerstörung von Dingen, von Menschen, von der Realität, eine Vorliebe für den Krieg und eine reine Freude an der Gewalt“.

Ein Beispiel dafür sei US-Kriegsminister Pete Hegseth, der „völlig überdreht“ und „gewalttätig“ auftrete. In seinen Aussagen wie denen, gegen den Iran „keine Gnade“ zu gewähren, zeige sich eine „Kultur des Mordens“. Todd verwies in dem Zusammenhang sowie mit Blick auf Trumps wirr wirkende Aussagen auf eine „Dimension, die man berücksichtigen muss“:

„Das sind Idioten. Das heißt, Trump ist sehr überrascht, dass die Iraner nicht beeindruckt sind und sich angesichts der Ankunft von zwei Flugzeugträgern usw. nicht einschüchtern lassen. Ich denke, sie sind berauscht von dem, was sie für Erfolge hielten.“

Es gebe für die USA eine „katastrophale Situation“: Der Präsident befinde sich in „einer Phase des beschleunigten geistigen Verfalls“. Sein psychischer Zustand könne sich verschlechtern, so Todd. Aus seiner Sicht sind „75 Prozent der Menschen um Trump herum aus dem einen oder anderen Grund Nieten. Das sind Nieten in Geologie, weil sie direkt im Wahn sind, oder einfach, weil sie dumm sind.“ Zu den Ausnahmen gehöre Vizepräsident James D. Vance, der sich aus dem aktuellen Geschehen heraushalte.

Der französische Historiker rechnet mit beschleunigten Veränderungen in den USA und dass es in zwei Wochen „Gewissheit über das Ende des amerikanischen Imperiums“ gebe. Er macht einen „Aufstieg des Irrationalen im gesamten Westen“ aus. Dazu gehöre auch der neue religiöse Fundamentalismus mit Predigern, die mit Trump beten, und Anweisungen an US-Soldaten, der Krieg führe zur Wiederkehr von Jesus. Zudem beeindrucke ihn, dass die angeblich demokratische und auf Gewaltenteilung beruhende Gesellschaft der USA diese Probleme nicht in den Griff bekommt. Die Militärmaschine laufe endlos weiter und es gebe keinerlei ernsthaften Widerstand.

Wahres Ziel der USA

Todd hält es für möglich, dass der Krieg gegen den Iran sich als „spektakulärer US-amerikanischer Fehlschlag“ entpuppt. Zugleich habe sich damit gezeigt, „dass ein Land nicht sicher ist, solange es keine Atombombe besitzt. Wenn es also überlebt, wird es die Atombombe bekommen.“ Er sei am meisten beeindruckt von der „unglaublichen Unterschätzung der Iraner“ durch den Westen. Das sei eine Folge der Kriegspropaganda, die wie eine „Selbstvergiftung“ wirke.

Der französische Historiker und Demograph machte auf etwas aufmerksam, das im Westen unbeachtet blieb: Der Iran sei unter dem „sogenannten Mullah-Regime“ dabei gewesen, sich zu einer großen wissenschaftlichen und technischen Macht zu entwickeln. Die Entwicklung der wissenschaftlichen Ausbildung, der Masse an Wissenschaftlern und Ingenieuren habe das Potenzial für eine „sehr große regionale Macht“. Für Todd handelt sich um den „wahren Grund“ für den Krieg gegen den Iran.

„Die Wahrheit war, dass es darum ging, das Entstehen einer regionalen Macht zu verhindern, die jedoch unglaublich unterschätzt wurde.“

Das Ziel der USA sei kein Regimewechsel und nicht die Einführung der Demokratie: „Es ging darum, einen Bürgerkrieg im Iran auszulösen.“ Das sei das Einzige, was den Aufstieg des Iran zu einer großen regionalen staatlichen und sozialen Einheit aufhalten könnte. Die Israelis seien dabei nur Handlanger der US-Amerikaner, betonte Todd. Israel sei nur eine „kriminelle Schachfigur“ und verhalte sich wie ein „tollwütiger Hund“, der auf Befehl seines Herren angreife. Für die israelische Politik in der Region empfinde er Verachtung, sagte der Historiker mit jüdischen Wurzeln.

In dem Gespräch warnte er vor der weiteren Entwicklung und machte auf eine tatsächliche nukleare Bedrohung in der Welt aufmerksam – „und das ist die israelische Atomwaffe, aber nicht aus rationalen Gründen“. Das bedeute, „dass wir in eine Zeit eintreten, in der wir Dinge sehen werden, von denen wir nie gedacht hätten, dass wir sie sehen könnten“. Angesichts all der „Elemente des Wahnsinns, die im Verhalten vieler Israelis auftauchen“, sei ein Einsatz von Atomwaffen durch Israel vorstellbar, aber nicht für irgendein Ziel, sondern „aus einer quasi-selbstmörderischen Perspektive“. Aufgrund der Art und Weise des Angriffs auf den Iran, während noch verhandelt wurde, sieht Todd eine Welt heraufziehen, die er als „proto-hitlerisch“ bezeichnet. Von außen betrachtet wirke der Krieg gegen den Iran als „der Krieg eines Westens, der alle seine Werte verloren hat, seine Werte der Anständigkeit, der Menschlichkeit, der Achtung des Völkerrechts.

„Die Wahrheit über den Wendepunkt der Weltgeschichte ist, dass die westliche Welt, die den Planeten einige Jahrhunderte lang beherrscht hat, dabei ist, dieses im Hinblick auf die sehr lange Dauer der Geschichte sehr vorübergehende Privileg zu verlieren, aber dass der Westen wirklich kein guter Verlierer ist. Das heißt, es mangelt ihm wirklich an Anstand im Niedergang.“

Todd wiederholte seine Aussage aus einem anderen Interview: „Das Ende des amerikanischen Imperiums wird der Beginn des Friedens für die Welt sein.“ Er fügte hinzu, dass die Trump-Administration der Welt gerade vor Augen führt, „dass Amerika tatsächlich Krieg bedeutet, Chaos bedeutet, es ist das weltweite Chaos, und dass nun ganz Eurasien ein Interesse daran hat, die Vereinigten Staaten zu vertreiben“. Es komme ein Punkt, „an dem die Infragestellung der Vereinigten Staaten nicht mehr regional, sondern global sein wird. Aber sie haben es wirklich vermasselt, um so weit zu kommen.“

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: KI-generiertes Bild: gefallenes Imperium USA
Bildquelle: Shutterstock AI / shutterstock


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