Warum philippinischer Nationalismus nur dann erwacht, wenn der Eindringling nicht amerikanisch ist.
Fast sieben Jahrzehnte lang beherbergten die Philippinen eine ausländische Militärpräsenz, die so mächtig war, dass sie ganze Regionen, Volkswirtschaften und politische Strukturen prägte. Und doch gab es all diese Jahre kaum einen Hauch von nationaler Empörung. Keine Massenproteste. Keine viralen Kampagnen. Keine landesweite Panik um die Souveränität.
Doch 2012, als China die Kontrolle über die Scarborough Shoal übernahm, erfolgte die Reaktion sofort und explosionsartig. Die sozialen Medien kochten über. Kommentatoren – professionelle wie selbsternannte – überschwemmten die Timelines mit Forderungen nach territorialer Verteidigung. Gewöhnliche Bürger versammelten sich unter nationalistischen Parolen.
Dieser krasse Unterschied – Jahrzehnte des Schweigens gegenüber den Vereinigten Staaten, plötzliche Wut gegenüber China – offenbart eine tiefere Wahrheit über die moderne philippinische Psyche, eine, die von Geschichte, Macht, Klasse und einer jahrhundertelangen Beziehung geprägt ist, die viel intimer ist, als die meisten zugeben wollen.
Dies ist nicht nur eine Geschichte über Geopolitik. Es ist eine Geschichte über Identität – konstruiert, vererbt und verteidigt.
I. Der lange Schatten der „wohlwollenden Assimilation“
Um den modernen Doppelstandard zu verstehen, müssen wir zu jenem grundlegenden Trauma zurückkehren, das die Beziehungen zwischen den Philippinen und den USA geprägt hat: dem Übergang von der spanischen zur amerikanischen Herrschaft an der Wende zum 20. Jahrhundert.
Als Spanien die Philippinen verlor, verkaufte es die Inselgruppe im Vertrag von Paris (1898) für 20 Millionen US-Dollar an die Vereinigten Staaten – ohne einen einzigen Filipino zu konsultieren. Der darauffolgende Philippinisch-Amerikanische Krieg (1899–1902) kostete schätzungsweise 200.000 Zivilisten das Leben. Ganze Städte in Batangas und Samar wurden in „Rekonzentrations“-Kampagnen niedergebrannt.
Doch die amerikanische Politik stellte die Besetzung nicht als Eroberung dar, sondern als Wohltat.
Präsident William McKinley sprach berühmt von „benevolent assimilation“ – der wohlwollenden Assimilation – und behauptete, Filipinos seien nicht bereit, sich selbst zu regieren. Bald darauf etablierte sich der Ausdruck „little brown brothers“ im offiziellen und populären Diskurs – ein paternalistisches Etikett, das Filipinos zugleich infantilisierte und Amerikaner als Retter erhob.
Diese Erzählung war nicht zufällig – sie war strukturell.
Die amerikanische Kolonialherrschaft formte das philippinische Bildungssystem, die Medienlandschaft, die Rechtsordnung und die Bürokratie. Englisch wurde zur Sprache des Aufstiegs. Amerikanische Helden ersetzten lokale in den Schulbüchern. Kinder lernten amerikanische staatsbürgerliche Ideale lange, bevor sie die vollständige Geschichte ihrer eigenen Revolution verstanden.
Kurz gesagt, die USA regierten die Philippinen nicht nur. Sie formten deren Weltbild neu.
II. Militärbasen ohne Protest: Die Nachkriegspräsenz
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Unabhängigkeit gewährt – aber nur teilweise. Die Philippinen erbten eine Republik, die amerikageprägt war: von der Verfassung bis zum Wirtschaftssystem. Vor allem aber behielten die USA massive strategische Stützpunkte über die ganze Inselgruppe hinweg.
Die Clark Air Base und die Subic Naval Base wurden zu zwei der größten US-Militäranlagen in Asien. Jahrzehntelang funktionierten diese Basen wie extraterritoriale Enklaven – amerikanisches Land, dem philippinischen Territorium entzogen.
Filipinos, die darin arbeiteten, unterlagen anderen Regeln. Die umliegenden Gemeinden wurden abhängig von der Ökonomie der Basen. Verbrechen ausländischer Soldaten verschwanden oft im diplomatischen Niemandsland.
Und dennoch erzeugte diese gewaltige, jahrzehntelange Präsenz kaum nationale Gegenwehr. Erst in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren entstanden nennenswerte Proteste – und selbst dann waren Eliten und politische Lager tief gespalten. Viele glaubten, die amerikanischen Basen seien entscheidend für Sicherheit und Modernisierung.
Souveränität war irgendwie verhandelbar.
Diese Normalisierung ebnete den Weg für das Visiting Forces Agreement (VFA) von 1998 – ein Abkommen, das amerikanischen Soldaten faktische Immunität vor philippinischer Strafverfolgung garantierte. Selbst umstrittene Fälle, darunter Gewalttaten gegen philippinische Bürger, lösten nur begrenzte Empörung aus.
Als Kritiker des VFA das Wort ergriffen, wurden sie oft von Landsleuten übertönt, die sie des „Anti-Amerikanismus“ beschuldigten.
III. Scarborough Shoal: Das Erwachen in den sozialen Medien
Ganz anders die Reaktion, als China 2012 die Scarborough Shoal besetzte.
Innerhalb weniger Tage dominierte das Thema die sozialen Medien. Nationalismus schwoll an. Künstler entwarfen Protestgrafiken; Influencer wurden über Nacht zu außenpolitischen Experten. Anti-China-Stimmung durchzog Radiosendungen, Zeitungen und Online-Communities.
Plötzlich war Souveränität heilig. Fremde Einmischung war unerträglich. Ein Riff 200 Kilometer vor der Küste wurde zum Nationalsymbol.
Doch wo war diese Energie, als amerikanische Soldaten mit rechtlicher Immunität auf philippinischem Boden operierten? Wo war die Empörung, als philippinische Soldaten auf ihrem eigenen Territorium eingeschränkte Zuständigkeit hatten? Wo war die Empfindlichkeit, als US-Basen über Jahrzehnte lokale Wirtschaft und Politik beeinflussten?
Die Inkonsistenz ist aufschlussreich.
IV. Die US-ausgebildeten Eliten und die Soft-Power-Pipeline
Eine der kritischsten, aber am wenigsten diskutierten Kräfte hinter dieser asymmetrischen Reaktion liegt in der Führungsschicht des Landes.
Seit über einem Jahrhundert haben große Teile der philippinischen Elite – Politiker, Wirtschaftsführer, Bürokraten, Journalisten – in den Vereinigten Staaten studiert. Von Ivy-League-Universitäten bis zu staatlichen Hochschulen wurden Tausende junger philippinischer Wissenschaftler, Diplomaten und Technokraten in amerikanischen Institutionen ausgebildet, die ihr Weltbild formten.
Diese Personen kehrten heim – fließend in Englisch, tief vernetzt mit US-Kontakten und sozialisiert in amerikanischen politischen und kulturellen Normen. Viele pflegen lebenslange Bindungen über Alumni-Verbände, Bruderschaften und Berufsorganisationen.
Das Ergebnis ist eine Führungsschicht, die – bewusst oder unbewusst – die Philippinen oft durch eine US-zentrierte Linse betrachtet:
- US-Außenpolitik wird zum Standardreferenzrahmen
- US-Militärpräsenz gilt als stabilisierend
- US-diplomatische Positionen werden als maßgeblich angesehen
- Kritik an amerikanischem Einfluss wird als irrational oder „links“ abgetan
- Geopolitische Ausrichtung an Washington erscheint als Selbstverständlichkeit, nicht als strategische Entscheidung
Einige philippinische Eliten sprechen sogar so, als seien die Philippinen eine Erweiterung – oder Verantwortung – der USA, nicht ein souveräner Staat.
Diese Denkweise sickert durch Medien, Bürokratie und akademische Institutionen und prägt die öffentliche Meinung auf eine Weise, die den meisten Filipinos kaum bewusst ist.
V. Die China-Bedrohung vs. der amerikanische Beschützermythos
Diese Eliteperspektive fügt sich nahtlos in das koloniale Narrativ des 20. Jahrhunderts:
- China wird als unberechenbarer Nachbar dargestellt
- Die USA erscheinen als stabiler Beschützer
- Asiatische Aggression wirkt alarmierend; westliche Aggression erscheint handhabbar
- Chinas Handlungen lösen nationalistische Panik aus; Amerikas führen zu diplomatischer Rechtfertigung
Das Ergebnis ist nicht nur ein Doppelstandard – es ist eine identitätsbasierte außenpolitische Ausrichtung. Menschen wählen nicht nur Seiten. Sie fühlen sie.
Amerikanischer Einfluss gilt als erstrebenswert, modern und wohlwollend.
Chinesischer Einfluss dagegen als fremd, autoritär und bedrohlich. Diese Narrative hängen oft weniger von realer Politik ab als von jahrzehntelanger kultureller Prägung.
VI. Was der Doppelstandard offenbart
Wenn Filipinos fordern, China solle „unserer Gewässer verlassen“, äußern sie ein legitimes Anliegen territorialer Integrität.
Wenn dieselben Stimmen jedoch die Präsenz amerikanischer Soldaten mit voller rechtlicher Immunität – nicht nur auf See, sondern im ganzen Land – dulden oder gar willkommen heißen, zeigt diese Doppelmoral etwas Tieferes:
- Souveränität zählt nur, wenn bestimmte Fremde sie verletzen
- Nationalismus aktiviert sich selektiv
- Ausländische Militärpräsenz ist je nach Pass akzeptabel
- Der Begriff „Schutz“ ist rassifiziert und historisiert
Kolonialmentalität verschwindet nicht mit der Unabhängigkeit. Sie verankert sich in Institutionen, Bildung und Klassenstrukturen. Sie formt Reaktionen, bevor Gedanken entstehen.
VII. Die wahre Besatzung
Die Philippinen sind mit diesem Muster nicht allein. Viele postkoloniale Nationen in Asien, Afrika und Lateinamerika kämpfen mit ähnlichen psychologischen Vermächtnissen.
Doch der philippinische Fall ist besonders eindrücklich, weil:
- amerikanischer Einfluss außergewöhnlich tief und intim war,
- Elite-Netzwerke weiterhin fest an die USA gebunden sind,
- Sprache, Medien und Kultur amerikanische Zentralität verstärken,
- die öffentliche Meinung alte Hierarchien von Vertrauen und Furcht widerspiegelt
In gewisser Weise lebt die Inselgruppe immer noch innerhalb der mentalen Architektur, die während der Kolonialzeit errichtet wurde.
Und das könnte die dauerhafteste Besetzung von allen sein.
Anmerkungen und Quellen
(1) Zum Vertrag von Paris (1898), in dem Spanien die Philippinen für 20 Mio. US-Dollar an die USA abtrat:
Siehe: Treaty of Paris (1898), Archiv des US-Außenministeriums.
(2) Die Schätzung von über 200.000 zivilen Todesopfern im Philippinisch-Amerikanischen Krieg (1899–1902) basiert auf demografischen Analysen von John Gates und wird in War and Peace in the Philippines, Journal of Asian Studies bestätigt.
(3) Präsident William McKinleys Politik der „benevolent assimilation“ ist in der Benevolent Assimilation Proclamation (1898) dokumentiert, veröffentlicht im U.S. Congressional Record.
(4) Der Ausdruck „little brown brothers“ wurde von William Howard Taft, später Präsident der USA, popularisiert.
Quelle: Stanley Karnow, In Our Image: America’s Empire in the Philippines.
(5) Zur prägenden Rolle amerikanischer Kolonialpolitik auf Bildung, Medien und Regierung siehe:
– Glenn May, Social Engineering in the Philippines
– Benedict Anderson, Cacique Democracy in the Philippines.
(6) Zur Geschichte der US-Basen siehe Archivmaterial der Subic Naval Base und Clark Air Base, bereitgestellt vom U.S. Naval History and Heritage Command.
(7) Zu strafrechtlichen Vorfällen mit US-Servicemitgliedern siehe die Senate Hearings on the Bases Treaty (Philippinischer Senat, 1991).
(8) Das Visiting Forces Agreement (VFA, 1998) ist einsehbar beim philippinischen Außenministerium. Artikel V–VI definieren Immunität und Zuständigkeiten.
(9) Zur Scarborough-Shoal-Krise (2012):
– Berichte der Asia Maritime Transparency Initiative (CNAS)
– Stellungnahmen des philippinischen Außenministeriums (2012).
(10) Zur Eskalation in sozialen Medien siehe Nicole Curato, Democracy in a Time of Misery.
(11) Zur Rolle der US-ausgebildeten politischen Elite siehe:
– Alfred McCoy, Policing America’s Empire
– Renato Constantino, The Miseducation of the Filipino.
(12) Zur geopolitischen Psychologie gegenüber China und den USA siehe Richard Heydarian, Asia’s New Battlefield.
(13) Zum postkolonialen Nationalismus im globalen Süden:
– Frantz Fanon, The Wretched of the Earth
– Partha Chatterjee, The Nation and Its Fragments.
(14) Zur Idee einer fortwirkenden „kolonialen Mentalarchitektur“ siehe Vicente Rafael, White Love and Other Events in Filipino History.
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Felix Abt ist ein in Asien lebender Unternehmer, Autor und Reiseblogger auf Substack: https://felixabt.substack.com. Hinweis: Der Autor war über Jahre hinweg geschäftlich auf den Philippinen tätig und hat zeitweise in Manila gelebt.
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Landkarte der Philippinen
Bildquelle: hyotographics / shutterstock
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