Lyrische Beobachtungsstelle

Enthüllungen über die Welt der Ultrareichen | Von Paul Clemente

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Die Luxus-Yacht als autonomer Staat

 “Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.

Umfragen machen deutlich: Die Unzufriedenheit mit den Altparteien wächst. Mancher unterstellt den Politikern mangelnde Befähigung. Andere fragen sogar: Sind die Machthaber überhaupt am Wohl der Bürger interessiert? Falls nein, wem sonst dient die politische Zielsetzung? Wessen Interessen werden vertreten? Oder: Wer ist der wahre Souverän? Nein, keine Geheimgesellschaften, keine Freimaurer, keine Illuminaten oder ähnliches. Auch keine Banken oder Tiefer Staat. Die wirklichen Machthaber verstecken sich nicht: Es sind High-Tech-Milliardäre, monetäre Schwergewichte. Laut Prognosen soll 2027 oder 2028 ein Vertreter dieser Aristokratie die Schwelle zum Billionär überschreiten. Zum reichsten Menschen aller Zeiten avancieren.

Warum diese Finanzkolosse so wichtig sind? Nun, dank ihnen benötigen Machtpolitiker keine breite Unterstützung mehr. Vorbei die Tage, wo Präsidentschafts-Kandidaten bei Millionären um eine milde Gabe betteln mussten. Ein paar Ultrareiche – das genügt völlig. Bei Trumps Vereidigung 2025 waren anwesend: Elon Musk, Marc Zuckerberg, Jeff Bezos sowie Google-Mitbegründer Sergey Brin. Allein Musk ließ für Trumps Wahlsieg schlappe 288 Millionen Dollar springen.

Eine Liebe, die erwidert wird: In den Jahren zwischen Trumps erster und zweiter Amtseinführung hat sich das Vermögen amerikanischer Milliardäre mehr als verdoppelt. Diese Spezies hat Horror-Autor Stephen King treffend karikiert: Den Ultra-Reichen, so King, sei die Armut ihrer Mitmenschen völlig schnuppe. Die würden sich – O-Ton - „lieber ihre Schwänze mit Feuerzeugbenzin übergießen, ein Streichholz anzünden und herumtanzen und ,Disco Inferno' singen, als noch einen Cent Steuern“ für den Wohlfahrtsstaat zu zahlen.

Wer den Kosmos der Ultra-Reichen erkunden will, muss in die Branche eintauchen, die deren Träume erfüllt. Nein, keine Koks-Dealer, sondern Verkäufer von Yachten. Kein Witz: Yachten sind das neue Status-Symbol der High Society. Barocke Kunstwerke, einen echten Leonardo da Vinci im Wohnzimmer? - Ramsch von gestern. Also begab sich Reporter und Pulitzer-Preisträger Evan Osnos in den Kreis der Yacht-Fetischisten. Deren Boote messen bereits die Größe eines Kriegsschiffs, zählen inzwischen zu den teuersten Objekten, die unsere Spezies je besessen hat. Ein CEO aus dem Silicon Valley bezeichnete sie als schwimmenden Milliardengräber, als perfekte Anlage, um „das überschüssige Kapital zu absorbieren“. Tatsächlich gibt es nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich. Nein, es existiert noch eine weitere, weniger bekannte: Die zwischen Reichen und wirklich Reichen. Zwischen denen, die im Geld schwimmen und jenen, die eine Yacht besitzen.

Bereits Mitte des neunzehnten Jahrhunderts galten Yachten als Demonstration politischer Macht. Lediglich Staatsoberhäupter erlaubten sich solche Protzerei. Inzwischen ist die Yacht privatisiert. Und mit ihr die politische Macht. Evan Osnos präsentiert in seinem Buch „Yacht oder nicht Yacht - Nachrichten aus der Welt der Ultrareichen“ eine Galerie milliardenschwerer Bonzen. Hier eine kleine Zusammenfassung:

Beginnen wir mit einem läppischen Sonderangebot, einem Discounter-Schnäppchen: Die 61,8 Meter lange Superyacht „Sea Owl“. Die wechselte jüngst für schlappe 90 Millionen Dollar ihren Besitzer. Der stolze Eigentümer, Robert Mercer, Hedgefonds-Tycoon und Großspender für die Republikaner-Partei, sorgte für zusätzliche Wertsteigerung: Durch Möbel plus Zubehör, einen Steinway-Flügel, mehrere Beibooten, Fresken und raffiniertem Sicherheitssystem, mit Fingerabdruckerkennung inklusive. Aber es half nichts: Im tiefen Tal der Superreichen gilt Mercers Angebot als bescheiden. Das hätte er wissen müssen, denn der Status eines Wasserflitzers steigt nicht durch maximalen Komfort. Jeder weiß doch: Auf die Länge kommt es an. Wer hat den längsten oder die längste? Moderne Super-Yachten messen über 152 Meter. Das ist die Größe von Zerstörern. Entsprechend gesalzen der Preis: Sechs- bis siebenmal so hoch wie die „Sea Owl“.

Solche Yachten sind mehr als schwimmende Villen. Sie sind kleine Städte, mit Bord-Krankenhaus, IMAX-Kino, Wellness-Bereich plus Bar, Salon oder Disco. Mancher Tresenhocker ist mit Leder aus der Vorhaut von Walen bezogen. Tja, was wäre das Leben ohne Extras? Und wie steht es um die Besatzung? Auch hier ist Quantität angesagt: Für zwölf Gäste stehen durchschnittlich fünfzig Servicekräfte stramm. Regressive Rundumversorgung für VIP-Passagiere. 

Ein großer Unterschied zwischen heutigen Milliardären und früheren Protzern: Man präsentiert seine Statussymbole nur noch „klassenintern“, konkurrierenden Vertretern der Upper Class. Im Gegensatz zu den Jet-Set-Zombies der Siebziger halten Yachtbesitzer ihr bestes Stück versteckt. Nachvollziehbar. Aus mehreren Gründen: Zum einen produzieren eine gut ausgestattete Dieselyacht schätzungsweise so viel Treibhausgase wie 1500 PKWs. Das könnte manchen Klima-Terroristen triggern.

Außerdem fürchten Yacht-Besitzer den Hohn und Spott der Öffentlichkeit. Eine Häme, die Sammler moderner Kunstwerke bereits erdulden müssen. Wenn sie wieder Millionen für eine Banane mit Gafferband ausgeben. Dann lieber Abschottung. Ein Super-Reicher vergleicht diese Scheu mit der Fahrt in einer Luxuslimousine, deren Scheiben getönt sind:

„Die Leute können dich nicht sehen, aber du sitzt trotzdem in diesem teuren, beeindruckenden Ding“ 

Natürlich laden Beinah-Billionäre gerne Promis aus Politik und Show-Bizz zur exklusiven Bootstour. Dafür erhält der Gastgeber eine breite Info-Palette: Von Wallstreet-Tipps und zum Klatsch der Medienbranche. Auch politische Deals sollen vorkommen. Alles mit Live-Mucke von Mick Jagger oder Bono begleitet. Solche Promi-Events heben das Selbstgefühl der Yachtbesitzer. Denn: „Wir alle brauchen das Gefühl, dass wir auf die eine oder andere Weise wichtig sind.“ Dennoch ahnen Multi-Milliardäre ihr katastrophales Image: „Das ist ein bisschen tragisch, denn Yachten sind zum Synonym für die Bösewichte in James-Bond-Filmen geworden.“

In einem Punkt sind Yacht-Besitzer und Promi-Gäste sich einig: Über das Geschehen an Bord wird nicht gequatscht. Egal, ob Ivanka Trump, Barack und Michelle Obama oder Verfassungsrichter Claerence Thomas. Sie schweigen wie ein Grab. Als TV-Talkmasterin Oprah Winfrey von einer privaten Kreuzfahrt zurückkehrte, wies sie alle Reporterfragen ab: „Was auf dem Boot passiert, bleibt auf dem Boot“. Nur das eine: „Wir haben uns unterhalten, und alle anderen sind viel SUP gefahren.“ Ebenfalls als gefährlich gilt das Posten von Yacht-Fotos in sozialen Netzwerken: Der Shitstorm folgt garantiert. Darunter auch Kommentare wie #EatTheRich.

Bei soviel Angst bleibt es nicht aus, dass zahlreiche Milliardäre zur Apokalyptik neigen: In Silicon Valley soll es von ihnen nur so wimmeln. Deren Kalkulation: Wenn es richtig knallt, beispielsweise durch Bürgerkrieg, gibt es nur einen sicheren Ort: Die eigene Yacht. Gemütlich auf dem Liegestuhl dösen, während auf dem Festland die Welt stirbt. Das Riesenschiff als moderne Arche Noah. Vielleicht darf der Besitzer ein wenig „Führer“ spielen und eine Diktatur ausrufen? Dann werden Yachten zu kleinen Staaten.

Schon jetzt arbeitet eine kalifornische NGO, Seasteading, an diesem Projekt. Zielsetzung: Schwimmende Siedlungen in internationalen Gewässern, um neue Gesellschaftsformen zu erproben. Das erinnert an Kevin Costners Kinostreifen „Waterworld“. Der spielt nach der Klimakatastrophe: Der Meeresspiegel ist radikal angestiegen, alles Festland ist versunken. Überlebende bewohnen schwimmende Plattformen, werden von irgendwelchen Brutalos kommandiert. Ein ähnliches Projekt wie Seasteading verfolgt Elon Musk: Wenn die Erde kollabiert, darf eine transhumane Elite sich zum Nachbarplaneten Mars verdrücken. 

Bleibt noch die Frage: Warum spielt ausgerechnet Silicon Valley so laut auf der Panik-Tastatur? Auch darauf hat Autor Osnos eine Antwort: In diesem digitalen Disneyland wird die KI entwickelt, die Arbeitsplätze und Existenzen im großen Stil vernichten wird. Irgendwann, so fürchten die Nerds, werde das zum Aufstand führen. Da möchte man die armen Yachtbesitzer glatt beruhigen: Keine Sorge. Sobald es irgendwo köchelt, werden Ablenkungs-Diskurse ins Internet gestreut. Schon nach kurzer Zeit versiegt der Revoluzzer-Elan. Garantiert.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Hyperrealistischer Blick vom großen Deck einer Luxusyacht an einem Sommertag auf offener See, klarer Himmel ohne Wolken.

Bildquelle: Shutterstock AI / Shutterstock


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