Ein Kommentar von Rainer Rupp.
Vor dem Hintergrund des fortgesetzten Aufbaus umfangreicher militärischer Kapazitäten durch die Vereinigten Staaten zur Vorbereitung eines möglichen Angriffs auf den Iran stellt sich die zentrale Frage: Wie werden Länder wie Russland und China reagieren. Denn die werden sich auf Grund der globalen, geopolitischen Kräftekonstellation kaum leisten können, eine Niederlage oder gar eine mögliche Zerschlagung Irans hinzunehmen und dadurch einen vernichtenden Prestigeverlust zu erleiden, der das ganze multipolare BRICS+ Projekt zum Einsturz bringen könnte.
Andererseits wollen weder Moskau noch Peking einen direkten militärischen Schlagabtausch mit den USA riskieren, was umgekehrt auch für die USA gilt, denn die Gefahr eines Abgleitens eines konventionellen Krieges zwischen den großen Atom-Mächten in einen nuklearen Schlagabtausch ist einfach zu groß. Wenn also eine unmittelbare Kriegsbeteiligung ausgeschlossen ist: Auf welche Weise könnten Russland und China dann Teheran doch dabei unterstützen, sich gegen den drohenden, unprovozierten, völkerrechtswidrigen US-Angriff zu verteidigen? Tatsächlich haben beide Länder bereits viel getan, um das militärische Abschreckungspotential ihres BRICS+-Mitglieds Iran erheblich zu verstärken.
Auch im kommenden Krieg, der den Regimewechsel in Teheran und die Unterwerfung Irans zum Ziel hat, soll die US-Luftwaffe wieder die Hauptrolle spielen. Nur diesmal wird es höchstwahrscheinlich ganz anders ablaufen als von Washington geplant. Denn Russland und China haben seit dem letzten unprovozierten, völkerrechtswidrigen massiven US-Bombenangriff im Juni letzten Jahres alles getan, um bei einer Wiederholung die zu erwartenden Verluste für die US-Luftwaffe an Piloten und Material inakzeptabel hochzuschrauben.
Russland hat in kurzer Zeit für den Iran ein integriertes Luftverteidigungssystem aufgebaut – eine Fähigkeit, über die das Land zuvor nicht verfügte und die Teheran noch vor der zwölftägigen US-israelischen Offensive im vergangenen Jahr abgelehnt hatte. Damals hatten sich in der Regierung in Teheran die Kräfte durchgesetzt, die eine zu enge militärische Verbindung, bzw. Integration mit Russland verhindern wollten und die geglaubt hatten, sie könnten den Anforderungen einer effizienten und modernen Luftabwehr mit eigenen Mitteln gerecht werden. Dafür hat Iran blutiges Lehrgeld im Juni letzten Jahres gezahlt.
Jetzt sind es nicht nur neue Radarsysteme und Luftabwehr-Raketen, die auf dem weltweit höchsten Stand der Technik sind, sondern Russland hat diese iranischen Systeme in den umfassenden Luftabwehrschirm der russischen strategischen Frühwarn- und Aufklärungssysteme integriert und die einzelnen Systeme wieder untereinander vernetzt. Das heißt, die Feuerleitsysteme der iranischen Flugabwehrraketen russischer Bauart, wie z.B. die S-300, die sich auf iranischem Boden befinden sind mit der strategischen Fernaufklärung durch russische Satelliten und Radarsysteme gekoppelt.
Die neue, integrierte Verteidigungsarchitektur ist mehrschichtig aufgebaut. Die äußerste Ebene dient dazu, feindliche Ziele schon möglichst weit außerhalb des eigenen Staatsgebiets abzufangen – zu identifizieren und abzuschießen, noch bevor sie den eigenen Luftraum erreichen. Als nächstes folgt die Schicht der landesweiten strategischen Luftverteidigung. Anschließend kommt die operative Ebene größerer Gefechtsräume im Landesinneren, die z.B. auf dem bewährten und unschlagbaren „Pantir“-System der Russen aufbaut. Die letzte und kleinste Ebene bildet die punktuelle Nahverteidigung, etwa mit schultergestützten Flugabwehrwaffen wie der „Igla“. Sie stellt die letzte Verteidigungslinie dar, falls ein Ziel – etwa eine Drohne oder ein plötzlich auftauchender Hubschrauber – alle anderen Verteidigungsebenen durchdrungen hat.
Wenn ein solches System integriert funktioniert, dann bedeutet das, dass alle Radar- und Waffensysteme aller Ebenen miteinander kommunizieren. Gelingt es einer Ebene nicht, ein Ziel zu neutralisieren, werden die Daten automatisch an die nächste Ebene weitergegeben, die dann den Abfangversuch übernimmt – und so fort, bis das feindliche Objekt entweder zerstört ist oder Schaden anrichtet. Selbstverständlich sind schultergestützte Raketen nicht dafür ausgelegt, ballistische Raketen oder Marschflugkörper abzufangen. Gegen Kampfjets, Hubschrauber oder größere Drohnen können sie jedoch wirksam eingesetzt werden.
Auf diese Weise können sogar die älteren, jedoch weiterhin funktionierenden iranischen Flugabwehrraketen des russischen Typs S-200 erfolgreich eingesetzt werden. Berichten zufolge sollen sie sich im Irak insbesondere gegen US-Tomahawk-Marschflugkörper bewährt haben. Aber nicht nur die Flugabwehr macht den amerikanischen Tomahawks Probleme, sondern auch die eigene schlechte Wartung. So seien zum Beispiel von zwölf Tomahawks, die US-Präsident Donald Trump jüngst auf Ziele in Nigeria hat abfeuern lassen, Sprengköpfe von vier Raketen nicht detoniert – eine Ausfallquote von 33 Prozent.
Aber das sind bei weitem nicht alle Probleme, mit denen sich die Amerikaner in ihrem Luftkrieg gegen Iran konfrontiert sehen werden. Zwar ist es bisher von keiner Seite offiziell bestätigt worden, doch Medienberichten zufolge soll das leistungsfähigste Luftverteidigungssystem der Welt, das russische S-400, inzwischen Teil des iranischen Arsenals sein. Iranisches Personal war bereits vor etlichen Jahren an diesem System geschult worden. Teheran hatte die S-400 in den vergangenen Jahren bestellt und bezahlt, doch aufgrund der damaligen UN-Sanktionen gegen Waffenlieferungen an den Iran verzögerte Russland die Auslieferung. Nach Auslaufen dieser Sanktionen könnte das System in den vergangenen Monaten geliefert worden sein – als oberste Ebene des neuen Luftverteidigungssystems.
Auch im Bereich der Luftstreitkräfte soll der Iran aufgerüstet haben. Berichten zufolge wurden Piloten auf dem russischen Kampfflugzeug des Typs Su-35 ausgebildet und entsprechende Maschinen geliefert. Die Su-35 soll hinsichtlich Reichweite und Leistungsfähigkeit in bestimmten Parametern dem wichtigsten Jagdbomber der US-Luftwaffe überlegen sein.
Die besondere Aufmerksamkeit der Iraner gilt aktuell dem US-Kampfjet F-35. Auf dem tarnkappenfähigen Jagdbomber mit dem Spitznamen „Fliegender Computer“ ruht die Hoffnung der USA und Israels auf einen raschen militärischen Erfolg gegen Iran. Doch auch dieses System gilt längst nicht mehr als unverwundbar. Während des unprovozierten und völkerrechtswidrigen 78 Tage dauernden NATO-Luftkriegs gegen Rest-Jugoslawien, hatte die serbische Luftabwehr einen US-amerikanischen „Nighthawk“ - Tarnkappen-Kampfjet des Typs F-117A mit einem vergleichsweise alten Raketensystem aber mit moderner Radartechnik am 27. März 1999 abgeschossen.
Vor diesem Hintergrund dürfte die Nachricht den amerikanischen Planern große Bauschmerzen machen, dass China dem Iran integrierte Radarsysteme geliefert hat, die Tarnkappenflugzeuge bereits auf große Entfernung sichtbar machen.
Chinas bahnbrechendes Radarsystem arbeitet mit schmal gebündelten, kurzwelligen Frequenzbereichen und kann angeblich – in Verbindung mit Satellitentechnologie –Flugbewegungen in einem Umkreis von 500 bis 600 Kilometern außerhalb des iranischen Luftraums erfassen. Demnach würden Starts von US- oder israelischen Flugkörpern frühzeitig erkannt, was Teheran wertvolle Reaktionszeit verschaffen würde. Bei einem Marschflugkörper blieben demnach rund 30 Minuten bis zum Eindringen in den iranischen Luftraum – eine erhebliche Zeitspanne für die Aktivierung von Abwehrsystemen. Auch die Starts und Flugbewegungen der amerikanischen und israelischen F-35 wären auf diese Weise frühzeitig erkennbar und könnten von dem vielschichtigen integrierten Luftverteidigungssystem abgefangen werden.
US-Planer weisen solche Szenarien jedoch als unbegründet zurück. Sie argumentieren, dass das neue chinesische Anti-Stealth-Radarsystem in der Praxis nicht ausreichend erprobt sei. Zudem habe sich die russische und chinesische Technologie bislang nicht unter realen Kriegsbedingungen bewähren müssen. Ob diese Einschätzung zutrifft, bleibt abzuwarten. Kritiker warnen, es könnte für F-35-Piloten zu unangenehmen Überraschungen kommen.
Fest steht: Viele der beschriebenen Systeme waren im vergangenen Juni, als die USA zuletzt angegriffen hat, noch nicht vorhanden oder einsatzbereit. Von Iran vollkommen unerwartet fügten damals die gezielten israelischen Enthauptungsschläge zu Beginn des 12 Tage-Krieges der iranischen militärischen Infrastruktur erheblichen Schaden zu: Radaranlagen und Flugabwehrsysteme wurden zerstört, führende Offiziere getötet. Eine solche Überraschungsattacke dürfte diesmal jedoch schwerer fallen. Teheran vertraut amerikanischen und israelischen Zusicherungen auch in der aktuellen Verhandlungsphase nicht.
Der Überraschungseffekt kann nicht wiederholt werden. Zudem verfügt nach Einschätzung von unvoreingenommenen westlichen Beobachtern Iran nun nicht nur über deutlich verbesserte Frühwarn- und Verteidigungsstrukturen, sondern auch über die Möglichkeit, mit seinen fortschrittlichen Hyperschall-Raketen amerikanische Kriegsschiffe und Luftwaffenbasen in einem Umkreis von bis zu 2.000 km von der iranischen Grenze unter Feuer zu nehmen.
Damit wird nicht nur jede US-Basis im Mittleren Osten zu einem potentiellen Ziel der iranischen Khorramshahr und Sejjil Raketen, sondern auch die UK-US-Basis auf Zypern, oder die US-Basen in Griechenland oder Bondsteel in Kosovo bis zu den US-Basen in Rumänien und Bulgarien. Diese Raketen sind nicht nur superschnell, sondern in der Endphase schlagen sie Haken wie ein Hase. Amerikanische Patriots und Thaad Flugabwehrraken haben sich zur Abwehr dieser, auch von Russen eingesetzten Technologie in der Ukraine nicht bewährt.
Wie diese Krise mit dem Potential ein Weltkrieg zu werden letztlich ausgehen wird, weiß niemand. US-Planer schreiben anscheinend die Gefahren für massive Verluste der eigenen Seite einfach zu leichtfertig ab. Vielleicht haben sie ja Recht und das im realen Kampf noch nicht getestete neue chinesische Anti-Tarnkappen-Radarsystem kann die ihm zugedachte Aufgabe im Ernstfall nicht erfüllen. Natürlich bleibt auch die Frage, wie gut alle Systeme tatsächlich miteinander vernetzt sind. Der reale brutale Krieg, bei dem es um Tod oder Überleben geht, ist der ultimative Test. Wenn sich die Amerikaner lustig machen über die angebliche technologische Prahlerei der Russen und Chinesen, dann ist das womöglich auch nur ein Pfeifen im dunklen, gefährlichen Wald der Unwissenheit.
Wir werden also warten müssen und sehen, was letztlich passiert. Aber wenn sich die Amerikaner irren, dann wird es für die heldenhaften F-35 Piloten einen großen Schock geben. So mancher wird dann die nach den Bombenabwürfen üblichen Drinks an der Bar in der Offiziersmesse auf dem Luftwaffenstützpunkt verpassen, wo der trockene Martini vergeblich auf ihn wartet.
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Szczecin, Polen Januar 2024: Lockheed Martin F-35 Lightning II - US Single-Sitzplatz, Einmotorenflieger. 3D-Abbildung
Bildquelle: Mike Mareen / Shutterstock.com
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