
Von der Schuldzuweisung an Russland zur Kritik am kollektiven Westen
Ein Kommentar von Rainer Rupp.
Die deutsche Friedensbewegung durchläuft einen bemerkenswerten Wandel. Jahrelang galt Russland als der alleinige Aggressor im Ukraine-Konflikt, während die westlichen Staaten – insbesondere die USA, die NATO und die EU – als Verteidiger der Demokratie und des Völkerrechts gefeiert wurden. Selbst Parteien und Organisationen, die sich als „links“ bezeichneten, wiederkäuten gedankenlos das westliche Propaganda-Narrativ vom „brutalen, unprovozierten, völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ der bösen Russen gegen die unschuldige Ukraine.
Doch die jüngsten Äußerungen traditioneller und linker Friedensorganisationen wie der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsgegner (DFG-VK) und des Bündnisses „Rheinmetall Entwaffnen“ zeugen von einer tiefgreifenden Neuorientierung. Plötzlich wird die These, dass Russland die alleinige Schuld am Krieg trägt, infrage gestellt, und die Verantwortung des kollektiven Westens rückt in den Fokus. Dieser Wandel verdient eine genauere Betrachtung.
Seit Beginn der russischen militärischen Sonderoperation (SMO) am 14. Februar 2022 stand unbegreiflicherweise der Großteil der deutschen Friedensbewegung weitgehend geschlossen hinter der offiziellen Linie der Bundesregierung: Russland führt einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, und der Diktator Wladimir Putin trägt die alleinige Verantwortung. Dies spiegelte sich in den Aufrufen von Organisationen wie der DFG-VK, der Ärztevereinigung IPPNW und Pax Christi wider. Ein Aufruf von 2024 verdeutlichte dies exemplarisch: „Die mehr als zehn aufrufenden Gruppen verurteilen den völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die gesamte Ukraine“. Noch im Vorjahr betonte die Brandenburger Sektion der DFG-VK in ihrem Aufruf[i] „Pazifismus statt Putin-Propaganda“: „Die Kriegsursache sitzt in Moskau“, usw.
Doch im Vorfeld der großen Friedensdemonstration am Antikriegstag in Köln am 30. August 2025 zeigt sich ein radikaler Paradigmenwechsel. Die DFG-VK stellt nun die Narrative infrage, die sie selbst lange unterstützt hat. In ihrem Aufruf vom 17. August[ii] heißt es:
„Mit der Begründung einer angeblichen Bedrohung durch Russland, haben viele Staaten, darunter Deutschland, massive zusätzliche Ausgaben für Waffen, militärische Infrastruktur und Maßnahmen zur Kriegsvorbereitung in allen gesellschaftlichen Bereichen (Wirtschaft, Bildung, Gesundheitswesen u.v.m.) eingeleitet.“
Hier wird die „angebliche“ russische Bedrohung explizit angezweifelt, und die Schuldfrage wird neu formuliert:
„Ist es tatsächlich der postulierte Eroberungsdrang Wladimir Putins, der Deutschland, Europa und die ganze Welt gefährdet, oder liegt die Bedrohung nicht vielmehr in der Aufrüstungsspirale und damit einhergehenden Provokationen auf allen Seiten?“
Auch das linke Bündnis „Rheinmetall Entwaffnen“ spricht Klartext:
„Fast alle Instrumente und Verträge der Rüstungskontrolle sind ausgelaufen oder wurden außer Kraft gesetzt – und das nicht nur, wie oft einseitig behauptet von Russland, sondern auch von den NATO-Staaten.“
Diese Aussage markiert eine klare Abkehr von der einseitigen Schuldzuweisung an Russland und sieht die Verantwortung auch bei den westlichen Staaten. Zugleich scheint die künstlich hochgeschaukelte Stimmung im Land zugunsten eines Bundeswehreinsatzes in der Ukraine zwecks Sicherheitsgarantie in den letzten Wochen deutlich zu kippen.
1. Anerkennung der Mitschuld des kollektiven Westens
Die Friedensbewegung erkennt zunehmend, dass die USA, die NATO und die EU eine Mitschuld an der Eskalation des Konflikts tragen. Dieser Wandel ist nicht nur ein Bruch mit der bisher geltenden offiziellen Erzählung, sondern auch eine längst überfällige Einsicht – ironisch könnte man sagen: „Ein spätes Erwachen aus einem geopolitischen Dornröschenschlaf“. Nach Jahren, in denen die westliche Allianz als moralisch unantastbar dargestellt wurde, wird nun die Frage laut: Haben die USA, die NATO und die EU den Konflikt durch ihre Politik nicht nur zugespitzt, sondern aktiv provoziert?
Die DFG-VK kritisiert die Bundesregierung scharf: „Die Bundesregierung behauptet, diplomatische Verhandlungen zur Wahrung des Friedens seien nicht möglich.“ Deshalb brauche man immer mehr Waffen zur Abschreckung, für eine robuste Verteidigung und mehr Waffenlieferungen für die Ukraine, weil die angeblich unsere europäischen (Un)Werte verteidigt. In dieser Haltung sieht der DFG-VK jetzt eine eskalierende Spirale, die das Leid und das Sterben in der Ukraine nur verlängert, aber am Ausgang des Kriegs nichts verändern wird: „Wir sollten die Spirale der Eskalation, die Hochrüstung der BRD und der NATO, die Lieferung immer schwererer Waffen an die Ukraine und die angekündigte Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland durchbrechen und das Töten und Sterben in der Ukraine beenden!“ heißt es im Aufruf zum Anti-Kriegstag in Köln am 30. August.[iii]
Die Gruppe „Rheinmetall Entwaffnen“ geht noch weiter und prangert die „militärische Doppelmoral“ an, die mit Waffenlieferungen an verbündete Akteure (gemeint ist Israel) einher geht, die „vernichtende Kriegsführung (in Gaza) gegen die Zivilbevölkerung durchführen.“ Diese Kritik richtet sich nicht nur gegen Deutschland, sondern implizit gegen die gesamte westliche Allianz, die durch ihre Unterstützung der Ukraine und anderer Konflikte, z.B. im Mittleren Osten, eine destabilisierende Rolle spielt.
2. Provokationen des Westens als Auslöser des Konflikts
Die Friedensorganisationen werfen dem kollektiven Westen vor, Russland durch aggressive politische und militärische Maßnahmen in die Enge getrieben zu haben. Die DFG-VK fragt pointiert, ob die Bedrohung nicht vielmehr in der „Aufrüstungsspirale und damit einhergehenden Provokationen auf allen Seiten“ liegt. Dies deutet auf eine bewusste Provokation Russlands hin, die den Konflikt erst ermöglicht hat. „Rheinmetall Entwaffnen“ ergänzt[iv]: „Fast alle Instrumente und Verträge der Rüstungskontrolle sind ausgelaufen oder wurden außer Kraft gesetzt – und das nicht nur, wie oft einseitig behauptet von Russland, sondern auch von den NATO-Staaten.“
Die Auflösung von Rüstungskontrollverträgen, die fortgesetzte NATO-Osterweiterung und die massive Aufrüstung westlicher Staaten werden als gezielte Provokationen interpretiert, die Russland zu seiner „militärischen Sonderoperation“ veranlasst haben. Diese Sichtweise steht im krassen Gegensatz zur bisherigen Darstellung, dass Russland aus imperialistischem Ehrgeiz handelt. Stattdessen wird nun anerkannt, dass die westliche Politik – von der Stationierung von Mittelstreckenraketen bis hin zu Waffenlieferungen an die Ukraine – eine Eskalation forciert hat, die den Konflikt in einen Stellvertreterkrieg verwandelt hat.
3. Der Stellvertreterkrieg und die strategische Niederlage
Die Friedensbewegung scheint zu erkennen, dass die Ukraine im Konflikt als „Rammbock“ des Westens gegen Russland instrumentalisiert wird. Offizielle US-Erklärungen, wie etwa die von Politikern wie Lindsey Graham oder Victoria Nuland in den Jahren vor 2022, betonten, dass die Unterstützung der Ukraine darauf abzielt, Russland eine „strategische Niederlage“ zuzufügen. Dieser Plan, Russland durch einen langwierigen Konflikt zu schwächen, scheint jedoch zu scheitern. Stattdessen droht dem kollektiven Westen selbst eine strategische Niederlage, da die ukrainischen Streitkräfte trotz massiver westlicher Unterstützung Gelände verlieren und die wirtschaftlichen und politischen Kosten für die Unterstützer steigen.
Die Friedensorganisationen kritisieren diese Dynamik implizit, indem sie die Eskalationsspirale und die Waffenlieferungen anprangern. Die DFG-VK fragt rhetorisch, wie weitere Waffenlieferungen das Töten beenden sollen, und deutet damit an, dass die westliche Strategie nicht nur gescheitert ist, sondern das Leid unnötig verlängert. „Rheinmetall Entwaffnen“ sieht in der Unterstützung des Westens eine „militärische Doppelmoral“, die den Konflikt anheizt, anstatt ihn zu entschärfen.
4. Trumps Verhandlungen und die Abkehr von Selenskij
Angesichts der drohenden strategischen Niederlage des Westens versucht US-Präsident Donald Trump, sich aus der Sackgasse zu befreien. Seine Verhandlungen mit Russland, insbesondere das Treffen mit Wladimir Putin in Alaska am 15. August 2025, signalisieren einen Versuch, die USA von der Verliererrolle zu entkoppeln. Trump hat mehrfach betont, dass er den Krieg schnell beenden will, und scheint bereit, die Ukraine unter Druck zu setzen, Zugeständnisse zu machen – etwa den Verzicht auf die Krim und den Donbass, sowie auf einen NATO-Beitritt. Der ukrainische Präsident Selenskij lehnt solche Zugeständnisse jedoch kategorisch ab und spricht von einem „Täuschungsversuch“ Moskaus[v].
Die Friedensbewegung unterstützt diesen Kurswechsel indirekt, indem sie die Notwendigkeit eines Dialogs mit Russland betont. Die Einladung des ehemaligen Wolgograder Oberbürgermeisters Juri Starowatitsch, ein Grußwort auf der Kölner Friedensdemonstration zu halten, ist ein symbolischer Akt des Brückenbaus. Starowatitsch, der 1988 die Städtepartnerschaft zwischen Köln und Wolgograd initiierte, repräsentiert eine historische Verbindung, die trotz der seit 2022 „auf Eis gelegten“ Partnerschaft nun wiederbelebt wird. Dies unterstreicht den Wunsch nach Dialog und Deeskalation, anstatt weiterer Konfrontation.
Ein spätes Erwachen
Jahrelang haben sie die westliche Erzählung vom bösen Putin und der unschuldigen Ukraine kritiklos übernommen, nur um nun – quasi über Nacht – zu erkennen, dass die Welt vielleicht doch nicht so schwarz-weiß ist. Es ist fast, als hätten sie nach drei Jahren intensiven Nachdenkens entdeckt, dass Geopolitik kein Märchen von Gut und Böse ist, sondern ein Schachspiel, in dem alle Seiten ihre Bauern opfern. Die NATO-Osterweiterung, die Auflösung von Rüstungskontrollverträgen und die milliardenschweren Waffenlieferungen waren wohl doch nicht nur „defensive Maßnahmen“, sondern eine bewusste Provokation, die Russland in die Enge trieb. Wer hätte das gedacht?
Dieser Sinneswandel ist jedoch nicht nur ein Zeichen von Reue, sondern auch ein notweniger strategischer Schachzug. Indem die Friedensbewegung die Mitschuld des Westens anerkennt, positioniert sie sich als Stimme der Vernunft in einer Zeit, in der die westliche Strategie ins Wanken gerät. Die Umfragen, die eine klare Ablehnung eines Bundeswehreinsatzes in der Ukraine zeigen – 67 Prozent der Deutschen sind dagegen, wie eine Civey-Umfrage im Auftrag von Focus ergab – untermauern diese Haltung. Die Deutschen wollen keinen Krieg, und die Friedensbewegung scheint endlich zu begreifen, dass Frieden nicht durch Aufrüstung, sondern durch Dialog erreicht wird.
Fazit
Der Wandel in der deutschen Friedensbewegung markiert einen entscheidenden Wendepunkt. Die einseitige Schuldzuweisung an Russland wird zugunsten einer differenzierteren Sichtweise aufgegeben, die die Provokationen des kollektiven Westens in den Fokus rückt. Die Erkenntnis, dass die USA, die NATO und die EU durch ihre Politik einen Stellvertreterkrieg entfacht haben, der nun in eine strategische Niederlage zu münden droht, zwingt die Akteure zum Umdenken. Trumps Verhandlungen mit Russland und die wachsende Skepsis gegenüber Selenskijs Maximalforderungen spiegeln diesen Wandel wider. Die Friedensbewegung, die sich nun für Dialog und Deeskalation einsetzt, könnte eine Schlüsselrolle dabei spielen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen – vorausgesetzt, sie bleibt ihrer neuen Erkenntnis treu und lässt sich nicht erneut in die Logik der Konfrontation ziehen.
Quellen und Anmerkungen
[i] https://berlin.dfg-vk.de/pazifismus-statt-putin-propaganda-aktionsaufruf-3-10-2024/
[ii] https://www.lpb-bw.de/ukrainekonflikt
[iii] https://koelner-friedensforum.org/30-08-antikriegstagsdemo-frieden-schaffen-aufruestung-stopp/
[iv] https://rheinmetallentwaffnen.noblogs.org/post/2025/08/07/koelner-parade-gegen-den-krieg-zusammen-gegen-die-militarisierung-der-gesellschaft/
[v] https://www.sueddeutsche.de/politik/ukraine-krieg-newsblog-trump-selenskij-li.3298820; https://www.sueddeutsche.de/politik/ukraine-krieg-newsblog-vance-trump-putin-selenskij-li.3295609
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Teilnehmer auf Friedensdemonstration in der Münchner Altstadt
Bildquelle: FooTToo/ shutterstock
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