Lyrische Beobachtungsstelle

Was soll auf Ihrem Grabstein stehen? | Von Paul Clemente

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Drei Dichterporträts von Fleur Jaeggy

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.

In den vergangenen Jahren wurde der Freiheitsbegriff zunehmend von Ökonomen okkupiert. Deren „Liberalismus“ meint die Freiheit des Marktes. Das beinhaltet: Freiheit für die Upper-Class, Mindestlohn für den Rest. Einhergehend mit zunehmender Maulkorb-Kultur. Das Gros der Kulturschaffenden ist aufgesprungen. Die Galerien und Theater der Metropolen präsentieren Siegerkunst und Sklavenprosa.

Wer Inspiration für den Ausstieg sucht, findet ihn allenfalls im sozialen Randterrain. Natürlich ist und waren Lebenswege von Aussteigern nie ein Catwalk, kein Gang über rote Teppiche. Das waren sie nie. Dennoch besser als Unterwerfung bei schrumpfendem Lebensstandard, unbezahlbaren Mieten und Rausschmiss aus den Stadtzentren. Die prekären Existenzen gleichen einem Schüler, der das Klassenziel nur knapp erreicht. Nur mit einer 4 Minus, aber egal: Hauptsache, am Ball bleiben. Bloß nicht die Schule verlassen.

Da kommt das neue Bändchen der Schweizer Schriftstellerin Fleur Jaeggy gerade recht. Titel: „Mutmaßliche Leben“. Die 85-jährige Autorin begann ihre berufliche Laufbahn als Model, war befreundet mit der Dichterin Ingeborg Bachmann und Philosophen wie Pierre Klossowski. Ihr Ehemann: Der Schriftsteller Roberto Calasso. Schließlich begann sie selbst zu schreiben. Auf Italienisch. Deutsche Übersetzungen druckte Matthes und Seitz und der Berlin-Verlag. 2024 biss Suhrkamp schließlich an. 

Jaeggys „Mutmaßliche Leben“ enthält drei Porträts: Über Thomas de Quincey und Marcel Schwob. Beider Werke hatte Jaeggy bereits  übersetzt. Dritter im Bunde: John Keats. Drei Dichter des 19. Jahrhunderts. Ihre Gemeinsamkeit: Ein Leben jenseits physischer und geistiger Gitterstäbe. Freilich, im Zeitalter von Punk- und Rapper-Lyrik wirkt die Sprach-Revolte des Trios eher harmlos. Aber die Geschichten seines Daseins, die flüstern ungebrochen. De Quincey, Keats und Schwob brachten nicht nur Buchstaben zu Papier, sondern lebten, was sie schrieben. Sie hatten auch keine Wahl. Frühe Traumata machten den breiten Trampelpfad der Normalos unmöglich. Auch nicht auf prekärem Niveau. 

Keiner propagierte eine Weltverbesserung. Sie spielten nach eigenen Regeln, betrieben keine Selbstoptimierung. Ließen sich nicht coachen. Und nein, keiner generierte ein nennenswertes Einkommen. Dass sie in ihrem Job, als Schreiber, Dichter, weit über dem Durchschnitt agierten, hat sich finanziell nie ausgezahlt. Was nicht verwundern dürfte. Gottfried Benn, einer der berühmtesten deutschen Lyriker, resümierte im fortgeschrittenen Alter: Die gesamte Lyrik habe ihm insgesamt nur 150 Mark eingebracht. Mit anderen Worten: Unser Trio wäre ein Fall für das JobCenter. Sie wären Loser. Low-Performer. So wie Vincent van Gogh und all die anderen.

Nein, für unser Trio war das Leben ein Experiment, ein poetisches Funkensprühen, ein Feuerwerk. Etwas, das man heute schon zu Neujahr verbieten möchte. Sie waren A-soziale im besten Sinne: Unsichtbar, ungestört, ungejagt. Ein Lebensstil, den man heute mit Namen wie Anita Berber in Verbindung bringt. Den man vielleicht nicht nachahmen möchte, dessen Glanz aber ebenso wenig verlischt.

Die Autorin Fleur Jaeggy verzichtet auf Analysen. Nichts wird „erklärt“. Stattdessen reiht sie Stationen, lässt prägende Augenblicke aufleuchten. Fotos aus dem Lebensfluss. Als wäre sie selbst literarische Fiktion. Hier geht es nicht um Verständnis. Schon gar nicht um Mitleid. Sondern um immateriellen Reichtum.

Nehmen wir Thomas de Quincey: Schon als Kind bemerkte er: Das Leben verläuft kreisförmig. Nach jedem Winter, nach der Schneeschmelze, blühen die Krokusse im elterlichen Garten erneut auf. Was verloren schien, kehrt plötzlich zurück. In der Natur verschwindet nichts. Daraus folgerte der kleine Thomas: Wenn alles wiederkehrt, kommt vielleicht auch Jane zurück? Jane, das war seine Schwester, die im Alter von drei Jahren verstarb. So wartete der Junge und wartete. Bis ihm irgendwann dämmerte: Nein, die kehrt nie mehr zurück. Bald ging noch eine Schwester in den Orkus und ab dem siebten Lebensjahr wurde Thomas zur Vollwaise. 

Früh erwachte seine Leidenschaft zur Poesie. Thomas de Quincey zog nach London, führte das Leben eines Bohemian. Zur Linderung seiner rheumatisch verursachten Schmerzen nahm er Laudanum. Bald stellte er fest: Opium linderte nicht nur Schmerz, sondern befeuerte auch die Kreativität. Erzeugte Euphorie. Der Beginn einer lebenslangen Hassliebe. So wurde sein Erstlingswerk „Bekenntnisse eines englischen Opiumessers“ zum unverwüstlichen Klassiker der Rauschliteratur, auf einer Stufe mit Ernst Jünger oder William S. Burroughs. Das Interesse an deutscher Philosophie fand ihren Niederschlag in der Novelle „Die letzten Tage des Immanuel Kant“. Thomas de Quincey starb 1859 im Alter von 75 Jahren. Ein langes Leben, das Keats und Schwob nicht beschieden war. 

Auch John Keats ereilte allzufrühe Vollverwaisung. Das kleines Kind musste er sich früh in Erziehungsanstalten durchschlagen. Und das buchstäblich. Bald schon praktizierte Keats das Faustrecht. Ständig war er in Raufereien verwickelt, bei denen selbst Fußball-Hooligans kapituliert hätten. Aber Keats schlug nicht die Kleinen, keine jüngeren Mitinsassen. Nein, er legte sich mit den Großen an. Mit den Aufseher beispielsweise, auf die drosch er ein. Seine Lehrer wetteten: Das wird mal ein Krieger, ein Feldherr. Was sie übersahen: War der Wutanfall verraucht, wurde Keats wieder sanft. Außerdem besaß für ihn der Kampf eine eigene Schönheit, eine eigentümliche Poesie.

Solche Poesie fand er auch im Studium der klassischen Antike. Mehr noch: In diesem Reich der Vergangenheit folgte ihm niemand. Hier war er sicher vor seinem Vormund. Auch das spätere Medizinstudium zielte nicht auf eine bürgerliche Existenzform. Das Ansetzen von Blutegeln, dem Ziehen von Zähnen und Nähen von Wunden sollte ihn zum Apotheker machen. Dann, so rechnete er, erhielte er nämlich ungehinderten Zugang zum Laudanum. Aber dazu kam es nicht mehr. 26-jährig starb Keats an der Auszehrung. Seine Poesie und Aphoristik waren von Vergänglichkeit durchdrungen: „Halt inne und bedenke! Das Leben ist nur ein Tag; ein zerbrechlicher Tautropfen auf seinem gefährlichen Weg aus dem Baumwipfel.“ Dennoch hat er das „Prinzip der Schönheit in allen Dingen geliebt, und wenn ich Zeit gehabt hätte, würde ich mir ein Gedenken geschaffen haben.“ Hier lag er falsch. Sein Gedenken dauert schon seit 200 Jahren.

Kommen wir nun zum letzten Poeten, der uns zeitlich am nächsten steht: Marcel Schwob. Als Kind von extremer Frühreife, aber oft ans Bett gefesselt, träumte er von Abenteuern mit Jules Verne und Edgar Alan Poe, malte Pläne für künftige Weltreisen. Sein einziger Schulfreund suizidierte sich im Alter von 20 Jahren. Marcel jedoch entdeckte das Schreiben. Seine erste Freundin: Louise, eine junge Arbeiterin. Beide hausten in einer Dachkammer, voll gestellt mit ihren Puppen. Beide qualmten um die Wette: Zigaretten, Zigarren, Pfeife. Und dazu kräftig Kaffee. Louise, an TBC erkrankt, verstarb bald.

Nach ihrem Tod startete Marcel eine Weltreise. Ein Bekannter, Jules Renard, begriff sofort: „Vor dem Tod lebt er seine Geschichten.“ Wie viele Menschen haben sich diese Freiheit genommen? Marcel Schwob ging im Alter von 38 Jahren. Sein symbolistisches Werk enthält Porträts über antike und fiktionale Persönlichkeiten. Deutlich ihre Entstehung im Fin de siecle, dessen gespürte Endzeit der heutigen durchaus ähnelt. 

Wenn man über einen Friedhof geht, passiert man Grabsteine mit unbekannten Namen und Zahlen. Geburts- und Sterbedaten. Sonst nichts. Würde man die Lebensleistung der Verstorbenen ungeschönt in einen Satz pressen: Man verfiele in Depression. Eine Horror-Show des Banalen, Funktionalen und der Zombiefizierung. Ganz im Gegensatz zu dem Trio, das Fleur Jaeggy porträtierte. Daraus folgt die Frage: Welcher Satz soll später auf Ihrem Grabstein stehen?

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Rom, Italien: Der nichtkatholische Friedhof ist ein privater Friedhof in Rom.Die englischen Dichter John Keats und Percy Shelley sind dort begraben

Bildquelle: Clara Bonitti / Shutterstock 


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