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Als ich aufhörte, recht haben zu wollen | Von Dirk Ellerbrock

Als ich aufhörte, recht haben zu wollen | Von Dirk Ellerbrock

Warum ich ein Buch gegen die Moral geschrieben habe – und warum es kein Buch gegen Menschlichkeit ist

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Liebe Leser aller Geschlechter, Generationen, Nationalitäten, Religionen, Haut-und Haarfarben,

in diesen Tagen ist das Probeexemplar eines Buches zu mir unterwegs. Es hat 144 Seiten, ein handliches Format, und auf dem Umschlag das Bild einer Schlangenbeschwörerin von Henri Rousseau. Ich habe es noch nicht in der Hand gehalten, und doch fühlt es sich an, als käme etwas nach Hause, das lange unterwegs war. Das Buch heißt Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift. Ich möchte Ihnen erzählen, warum ich es geschrieben habe, und zwar persönlicher, als ich es sonst in meinen Kommentaren tue.

Wer meine politischen Texte kennt, weiß, dass ich dort vorzugsweise analytisch strukturell argumentiere. Ich frage nach Interessen, nach Machtverhältnissen, nach dem, was ein System von seinen Beteiligten verlangt. Doch das Buch ist aus der Frage entstanden: Was geschieht eigentlich in und mit uns, wenn wir moralisch urteilen? Und wie wird Gewalt, die ich in der Geschichte und in den Nachrichten beobachte, eigentlich bewertet und begründet?

Die Beobachtung, die mich nicht losgelassen hat

Mir fiel auf, dass fast jede Gewalt im Namen des Guten geschieht. Der Kreuzfahrer, der Kolonialherr, der Missionar der Menschenrechte mit dem Bomber im Rücken: Sie alle sind aufrichtig überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen. Die Inhalte wechseln, die Form bleibt. Zuerst wird die Welt in zwei Lager geteilt, dann wird das eine Lager aufgewertet und das andere abgewertet, dann folgt die Berechtigung, gegen das andere vorzugehen, und schließlich die Bestrafung derer, die nicht mitmachen. Ich nenne das im Buch das „moralische Betriebssystem“, weil es wie eine Software läuft, unabhängig davon, ob sie gerade Christentum, Zivilisationsmission oder „westliche Wertegemeinschaft“ heißt.

Das ist keine Anklage gegen bestimmte Menschen. Mein Buch behauptet das Gegenteil: Die meisten von uns sind nicht einfach böse. Wir geben weiter, was wir selbst empfangen haben, und führen oft aus, was das System von uns verlangt. Eltern, Lehrer, Beamte und Bürger können aufrichtig handeln und dennoch Muster reproduzieren, deren Folgen sie nicht sehen wollen oder können. Wer im Urteil lebt, ist nicht unbedingt kalt. Er ist oft ängstlich, und das Urteil ist sein Versuch, Sicherheit zu finden.

Was das Buch nicht ist

Ich weiß, wie sich ein Buch „gegen die Moral“ anhört, und ich möchte Missverständnisse gleich ausräumen. Es verteidigt keine Gewalt und kein Achselzucken. Es sagt nicht, dass Folter und Fürsorge dasselbe wären. Wer klar sieht, unterscheidet sehr wohl, und wer sieht, wie ein Kind geschlagen wird, greift ein. Aufgegeben wird nicht die Unterscheidung, sondern die moralische Aufladung, der Zwang, aus jeder Wahrnehmung sofort einen Richterspruch zu machen, der festlegt, wer dazugehört und wer nicht.

Ich bin auch kein Gegner von Regeln und Institutionen. Verfassungen, Gewaltenteilung und das Folterverbot sind für mich Sandsäcke gegen eine Flut, die niemand zum Stillstand bringen kann. Sie sind notwendig, gerade weil die meisten von uns die meiste Zeit im Richtermodus sind. Aber sie ersetzen nicht das Sehen, und das Sehen ersetzt nicht die Regeln. Beides gehört zusammen.

Und ich sage damit nicht, dass Gewalt aus der Moral entsteht. Kriege haben in aller Regel materielle Gründe: Interessen, Machtverhältnisse, Märkte, Rohstoffe. Wer meine politischen Kommentare kennt, weiß, dass ich danach immer zuerst frage, und daran ändert dieses Buch nichts. Es stellt eine andere Frage: Warum können Menschen eine Gewalt, die aus Interessen entsteht, so lange und so überzeugt mittragen, selbst wenn ihre Folgen längst sichtbar sind? Weil sie ihnen als Pflicht erscheint. Was Macht sichert, heißt dann Gerechtigkeit, und was anderen angetan wird, heißt Verteidigung des Guten. Die Moral ist in meinem Verständnis meist nicht der Anfang der Gewalt, sondern das, was sie gegen Zweifel abschirmt und deshalb so schwer zu beenden macht. Und selbst das heißt nicht, dass man zwischen Schutz und Zerstörung nicht mehr unterscheiden dürfte. Aufgeben möchte ich nur den Moment, in dem das eigene Urteil unangreifbar wird und die Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen, die Prüfung des eigenen Handelns ersetzt.

Schließlich ist das Buch kein Ratgeber. Im Vorwort steht ein Satz, der mir wichtig ist: Wer dieses Buch zu Ende liest, wird nicht wissen, was er tun soll. Das ist Absicht. Eine Handlungsanweisung wäre schon wieder Moral.

Wie ich dahin kam

Ich bin Jahrgang 1946, Diplom-Sozialwissenschaftler, habe mich 14 Jahre an drei Universitäten herumgetrieben, u.a. als Tutor bei dem marxistischen Soziologen Leo Kofler, und danach in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach gearbeitet. Mitte der 1990er Jahre begann ich, mich mit mystischen Traditionen zu beschäftigen: mit Advaita-Vedanta, einer indischen Lehre von der Einheit alles Seienden, mit Zen, Taoismus und der christlichen Mystik. Besonders geprägt haben mich Stephen Wolinsky, bei dem ich die Mechanik des Geistes besser verstehen lernte, und Ramesh Balsekar, bei dem ich in Bombay die Worte des indischen Lehrers Nisargadatta Maharaj nicht als Theorie, sondern als Frage an mich selbst kennenlernte.

An dem Buch habe ich über viele Jahre geschrieben, immer wieder umgebaut, gestrichen und neu begonnen. Was ich damals als Mystiker erfuhr und was ich als Sozialwissenschaftler an der Welt beobachtete, hing zusammen. Ich konnte es nur lange nicht in einer Sprache sagen, die beides zusammenbrachte.

Die Geschichte vom Baum

Der Ausgangspunkt des Buches ist eine Neulesung der Genesis. Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ist darin keine Gehorsamsprobe. Er ist eine Warnung vor einer Folge: Wer die Welt in Gut und Böse zu teilen beginnt, verlässt die Unmittelbarkeit, die Fähigkeit, etwas zu sehen, bevor man es beurteilt. Gott fragt Adam nicht, warum er von der tödlichen Frucht gegessen hat, sondern: „Wo bist du?“ Und die Schlange, die in dieser Lesart nicht die Verführerin von außen ist, sondern die Stimme in uns, flüstert bis heute: Urteile, um zu überleben. Spalte, um dich zu schützen.

Das gilt für das Kind, das am Esstisch mit dem besseren Bruder verglichen wird, genauso wie für Staaten, die einander ihre Werte absprechen. Ob es einen Ausweg gibt, wage ich nicht zu versprechen. Im Buch beschreibe ich einen kleinen Spalt, der sich öffnet, wenn man dem eigenen Urteil beim Entstehen zusieht, ohne ihm sofort zu folgen. Mehr verspreche ich hier nicht.

Warum ich Ihnen das hier erzähle

Ich schreibe seit Jahren politische Kommentare. Immer wieder stoße ich dabei auf dieselbe Wand: Argumente prallen ab, weil dahinter eine Gewissheit sitzt, die von Angst getragen wird. Das gilt für die Gegenseite, aber, ich sage es ehrlich, genauso für mich. Das Buch ist auch der Versuch, diese Wand nicht noch einmal zu streichen, sondern zu verstehen, woraus sie gebaut ist.

Wenn Sie neugierig geworden sind: Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift erscheint, sobald Books on Demand das Buch freigeschaltet hat und ist danach im Buchhandel und bei den Online-Händlern bestellbar: ISBN 978-3-6967-8733-2, Preis 15 Euro. Ich freue mich über jede Leserin und jeden Leser, und ich freue mich auch über Widerspruch.

Herzlich,
Ihr Dirk Ellerbrock

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Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift" (ISBN 978-3-6967-8733-2), das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet: https://substack.com/home/post/p-222671216

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


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