Vermögenssperre, Embargo, Exportkontrolle und der Preis ihres Gebrauchs
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Anfang Januar 2027 laufen zwei Fristen ab, die den Konflikt zwischen den USA und China prägen. Am 10. Januar endet die Handelspause, die Washington und Peking im September um zwei Monate verlängert haben. Finanzminister Scott Bessent verkündete es am 23. September, Peking bestätigte es am 28. September. Feste Zusagen zu Seltenen Erden und KI-Chips gab es nicht. Fast gleichzeitig greift ein Stichtag des Pentagons: Ab Anfang 2027 sollen Rüstungsaufträge keine Dauermagnete mehr enthalten, die aus chinesischer Förderung, Raffination oder Fertigung stammen. Für die Zeit danach legen beide Seiten nach. Washington arbeitet an einem Gesetzentwurf gegen Chip-Maschinen, Peking an einem neuen Instrument, das chinesischen Stellen verbietet, fremde Sanktionen zu befolgen.
Die Waffen, um die es geht, heißen Vermögenssperre, Rohstoffembargo und Exportkontrolle. Sie wirken leise und lassen sich abstreiten, sie töten niemanden und sind doch Machtmittel ersten Ranges. Erfunden wurden sie nicht für diesen Konflikt. Sie liegen seit Jahrzehnten in einem Lager, aus dem sich jede Regierung bedient und das jede auffüllt. Dieser Text beschreibt dieses Lager: seine Bestände, ihre Wirkung, ihren Verbrauch. Und er fragt, wem es gehört: dem Stärksten oder dem, der den entscheidenden Engpass hält.
Meine These hat zwei Teile. Die Struktur legt fest, welche Werkzeuge bereitliegen, denn Staaten brauchen Mittel unterhalb der Kriegsschwelle. Wer sie wirksam führt, entscheidet dagegen die Stellung am Engpass, also an dem Punkt einer Lieferkette, den man nicht umgehen kann. Und was einmal gebaut wurde, sedimentiert: Es lagert sich als Gesetz, Behörde, Liste und Gewohnheit ab und bleibt abrufbar, auch wenn der Anlass längst vorbei ist.
1. Der Strukturzwang und seine Grenzen
Staaten brauchen dauerhaft Mittel, die unterhalb der Kriegsschwelle wirken. Zwischen diplomatischer Note und Krieg liegt wenig, und was dort liegt, hat drei Vorzüge. Es ist politisch handhabbar, weil es die direkte militärische Eskalation vermeidet. Es erlaubt, Druck auf einzelne Akteure auszuüben, statt ein ganzes Bündnissystem in die Konfrontation zu ziehen. Und es dient doppelt: als Signal an den Gegner und als tatsächliche Einschränkung seiner Fähigkeiten.
Dieser Rahmen hat eine Grenze, und sie ist der Kern des Themas. Je verfügbarer ein Werkzeug ist, desto schwerer lässt sich seine Dynamik steuern. Finanzsanktionen dehnten sich von der Sperre einzelner Konten auf den Ausschluss aus ganzen Zahlungssystemen aus, Exportkontrollen von Produkten auf Technologien und Dienstleistungen. Jeder Schritt erhöht, was der Betroffene als Bedrohung seiner Existenz erlebt. Der Fall Iran zeigt es. Als die Sanktionen SWIFT trafen, das Nachrichtennetz, über das Banken weltweit Zahlungen abwickeln, taten internationale Banken aus Angst vor Strafen mehr, als verlangt war. Fachleute nennen das Overcompliance, übererfüllte Regeltreue. Die Wirkung ging über das hinaus, was die Urheber bezweckt hatten.
Wirtschaftliche und militärische Eskalation liegen deshalb nicht in verschiedenen Feldern. Sie liegen auf derselben Leiter und unterscheiden sich in der Form, in der der Druck übertragen wird. Die Verlockung des wirtschaftlichen Mittels liegt in der Illusion, man könne es kontrollieren, bis das Ziel es als Bedrohung seines Daseins versteht.
Dazu kommt der Verschleiß über die Zeit. Jede Runde hinterlässt Bestände: Rechtsgrundlagen, Genehmigungsverfahren, Sanktionslisten, Fachbehörden, eingespielte Routinen. Dieses Sediment verschwindet nicht, wenn der Anlass entfällt. Es macht das nächste Mal billiger und schneller, und so wächst das Arsenal mit jeder Runde.
2. Die Werkzeuge der Gegenwart: drei Logiken
a) Fähigkeitsverweigerung: die Chip-Kontrollen. Die USA kontrollieren nicht den Markt für Halbleiter, sondern einige unersetzliche Knoten. Dazu gehören die Lithografiemaschinen des niederländischen Herstellers ASML, mit denen Schaltkreise auf Siliziumscheiben belichtet werden, die Entwurfssoftware von Synopsys und Cadence und die Hochleistungsprozessoren von Nvidia. Im Oktober 2022 verbot Washington die Ausfuhr der leistungsfähigsten KI-Chips und der zugehörigen Fertigungstechnik, 2023 wurde verschärft, Ende 2024 kamen Hochleistungsspeicher hinzu. Druck auf die Niederlande und Japan sollte verhindern, dass dieselben Maschinen von dort aus nach China gelangen.
Die Wirkung ist zweischneidig. Die Kontrollen drängen China zur Eigenversorgung. Zugleich hat eine KI-getriebene Speicherkrise den chinesischen Herstellern den Markt geöffnet. Der weltweite Umsatz mit Flash-Speicher (NAND) stieg im ersten Quartal 2026 auf das Dreieinhalbfache des Vorjahres, vor allem durch Preissteigerungen. Der chinesische Hersteller YMTC steigerte seinen Anteil von 8 auf 13 Prozent. Sein Landsmann CXMT kam beim Arbeitsspeicher (DRAM) auf knapp 8 Prozent, nach 3 Prozent im Vorjahr. Die Krise ging nicht von den Exportkontrollen aus, aber sie hat deren Wirkung unterlaufen. Der Ökonom Albert Hirschman beschrieb die zugrunde liegende Logik schon 1945: Handelsabhängigkeit ist eine Machtquelle, und gerade deshalb treibt sie den Abhängigen, Alternativen aufzubauen, die den Hebel auf Dauer entwerten.
Der Mechanismus hat eine zweite Wendung, die sich seit 2025 zeigt: Aus der Sperre wird eine Maut. Im April 2025 verlangte Washington für Nvidias eigens für China gebauten Chip H20 eine Lizenz, im Sommer wurde der Verkauf gegen 15 Prozent Umsatzbeteiligung wieder erlaubt. Im Dezember kündigte Trump den leistungsstärkeren H200 gegen 25 Prozent Abgabe an. Am 13. Januar 2026 stellte die Exportbehörde des Handelsministeriums die Prüfung solcher Anträge von der Ablehnungsvermutung auf den Einzelfall um, das heißt, ein Antrag gilt nicht mehr von vornherein als abgelehnt. Die 25 Prozent werden als Zoll erhoben, wenn die Chips auf dem Weg nach China durch die USA laufen. Peking reagierte mit Gegendruck: Berichten zufolge ließ der chinesische Zoll die Chips zunächst nicht einführen, und Firmen wurden angewiesen, sie nur im Ausnahmefall zu kaufen. Wo der Hebel einst den Zugang verweigerte, wird er zum Preisschild, und die Gegenseite lehnt es ab, zu zahlen.
b) Knotenkontrolle: die Seltenen Erden. Seltene Erden sind 17 Metalle, die vor allem für starke Dauermagnete in Motoren, Windrädern und Waffensystemen gebraucht werden. China lieferte 2025 rund 69 Prozent der geförderten Menge und stellt etwa 90 Prozent der Weiterverarbeitung und Magnetfertigung, bei den schweren Seltenen Erden noch mehr. Diese Dominanz ist das Sediment einer langen Industriepolitik. Wie sie als Hebel taugt, zeigt die Rohstoffkette. Gallium und Germanium unterstellte Peking im Juli 2023 einer Ausfuhrgenehmigung, Antimon im August 2024, und im Dezember 2024 verbot es die Ausfuhr aller drei in die USA ganz. Im Februar 2025 folgten Wolfram und Tellur, zusammen mit Wismut, Molybdän und Indium, im April 2025 sieben mittlere und schwere Seltene Erden samt Magneten. Die Kontrolle vom April 2025 gilt bis heute.
Am 9. Oktober 2025 hob Peking die Kontrolle auf eine neue Stufe. Die Bekanntmachung Nr. 61 war bei Seltenen Erden Chinas erste Regel mit extraterritorialer Reichweite, also mit Geltung auch jenseits der eigenen Grenzen, und mit einer 0,1-Prozent-Schwelle. Auch im Ausland gefertigtes Dauermagnetmaterial oder Sputtertargets (Beschichtungsmaterial für Chips) mit mindestens 0,1 Prozent chinesischer Seltener Erden nach Wert brauchen eine chinesische Genehmigung. Das ist kein Vetorecht über „jedes Gerät“, aber die Möglichkeit eines Vetos über weite Teile der Magnetfertigung weltweit. Fachleute beschrieben es als Spiegelbild der amerikanischen Regeln für Halbleiter, und genau so ist es gedacht.
Die Regel ist seit dem 7. November 2025 bis zum 10. November 2026 ausgesetzt, im Tausch gegen die einjährige Aussetzung einer US-Regel, die Beschränkungen auf Töchter gelisteter Firmen ausdehnt (die „50-Prozent-Regel“). Eine Verlängerung der Aussetzung bis zum 10. Januar 2027 ist angekündigt, Ende September aber noch nicht förmlich bekannt gemacht. Peking erwähnte in seiner Bestätigung der Handelspause die Seltenen Erden nicht ausdrücklich.
Washington ist hier verwundbar. Nach einer Auswertung der Datenfirma Govini vom April 2025 stecken in rund 80.000 Teilen von 1.900 US-Waffensystemen Antimon, Gallium, Germanium, Wolfram oder Tellur, deren Weltversorgung China dominiert. Fast 78 Prozent der Systeme sind damit potenziell betroffen. Das ist keine feststehende Abhängigkeit, aber ein Hinweis darauf, wie tief der Engpass reicht.
c) Finanzinfrastruktur: die Vermögenssperre. Die Sperre von rund 300 Milliarden Dollar russischer Zentralbankreserven 2022 wirkt nicht wie ein Handelsverbot. Sie wirkt über die Vermittler des Geldes und beschneidet die Fähigkeit, den Wechselkurs zu stützen, Banken zu stabilisieren und Importe zu bezahlen. Russland glich das teilweise durch Rohstofferlöse und umgeleitete Handelsströme aus. Eine Vermögenssperre wirkt am stärksten zusammen mit Beschränkungen der Exporterlöse.
2026 ist der Gegenapparat in Arbeit. Im Dezember 2025 machte die EU die Sperre der rund 210 Milliarden Euro russischer Zentralbankvermögen in Europa unbefristet. Sie stützte sich dafür auf einen Notfallartikel der Verträge, der nur eine qualifizierte Mehrheit verlangt und das Veto einzelner Staaten wie Ungarn ausschaltet. Der größte Teil, etwa 185 Milliarden Euro, liegt beim belgischen Wertpapierverwahrer Euroclear. Die russische Zentralbank klagte am 27. Februar vor dem Gericht der Europäischen Union gegen diese Verordnung, nach den vorliegenden Quellen ist darüber nicht entschieden. Außerdem verklagte sie Euroclear in Moskau. Das Moskauer Schiedsgericht sprach ihr am 15. Mai 200 Milliarden Euro zu und ordnete am 26. Mai die sofortige Vollstreckung an. Euroclear erkennt die Zuständigkeit des Gerichts nicht an, hat Rechtsmittel eingelegt, und die Gelder bleiben gesperrt.
3. Das Gedächtnis des Arsenals
Japan 1941: Finanzblockade plus Ressourcenembargo. Das Ölembargo gilt als Auslöser des japanischen Angriffs, die Vermögenssperre war der Mechanismus. Roosevelts Erlass Nr. 8832, am 26. Juli 1941 unterzeichnet und einen Tag zuvor angekündigt, stützte sich auf das Gesetz vom 6. Oktober 1917, den Trading with the Enemy Act, und blockierte alle japanischen Vermögenswerte in den USA. Zugleich fror er auf Wunsch Chiang Kai-sheks auch chinesische Vermögen ein, um der Regierung in Chongqing zu helfen. Nach Edward Millers Forschung, die auf freigegebenen Akten des Finanzministeriums und der Notenbank beruht, schnitt das Japan von den Dollarbeständen ab, mit denen es Öl und Rohstoffe bezahlte.
Das Bemerkenswerteste an Millers Befund ist die Absicht dahinter. Roosevelt wollte Japan zur Vernunft bringen, nicht in die Knie zwingen. Doch Beamte um Dean Acheson im Außenministerium verhärteten die Sperre, indem sie die nötigen Dollars verweigerten. Der Apparat überholte die Absicht des Präsidenten. Das ist der Sedimentationsgedanke in seiner frühesten Form: Ein Instrument entwickelt eine Eigendynamik, die über den Willen seiner Urheber hinausgeht.
Die Lehre lautet nicht „Embargo, dann Pearl Harbor“. Wenn Finanzsperre und Ressourcenembargo zusammen das Ziel an seinem Kern treffen, kann es eskalieren, statt nachzugeben. Dieses Muster kehrt 2022 gegen Russland und 2025 im Streit um Seltene Erden und Chips wieder.
COCOM: eine Leistung der Verwaltung. Das Koordinierungskomitee für multilaterale Exportkontrollen überwachte von 1949 bis zu seiner Auflösung 1994 die Technologieausfuhr in den Ostblock, unter ständigen Spannungen zwischen den USA und Europa. Europäische Staaten zweifelten den Umfang der Listen an, die Durchsetzung war lax. Dass es über vier Jahrzehnte hielt, war selbst eine Leistung.
Der Unterschied zu 1973. Die arabischen Ölstaaten kontrollierten einen Strom, die Fördermenge, mit Spotmärkten, Langfristverträgen und Alternativen wie der Nordsee und Alaska. China kontrolliert dagegen Verarbeitungskapazität: chemisch vielfältig, mengenmäßig klein, technisch hochkonzentriert. Die Lehre von 1973 war, dass sich diversifizieren lässt. Die Lehre von 2025 ist, dass Diversifizierung teuer ist und lange dauert.
4. Verschleiß und Gegenapparate
Die Internationale Energieagentur. Die IEA wurde 1974 als Antwort auf den Ölschock gegründet. Am 11. März 2026 beschlossen ihre 32 Mitglieder einstimmig die größte Freigabe von Ölreserven ihrer Geschichte: 400 Millionen Barrel, die sechste koordinierte Aktion. Anlass war die Sperrung der Straße von Hormus nach dem Beginn des Krieges gegen Iran am 28. Februar. Dort liefen 2025 im Schnitt 20 Millionen Barrel täglich durch, rund ein Viertel des weltweiten Seehandels mit Öl. Im März lagen die Ausfuhrmengen nach IEA-Angaben unter zehn Prozent des Vorkriegsniveaus. Rechnerisch entsprechen 400 Millionen Barrel etwa zwanzig Tagen dieses Durchflusses, und freigegeben werden sie über längere Zeit, je nach Lage der Mitglieder. Der Hebel der Agentur liegt deshalb nicht in der Ersatzlieferung, sondern in der Erwartung: Sie soll zeigen, dass die Verbraucherländer gemeinsam handeln, und so die Panikprämie glätten. 2022 wirkte das, weil die Mengen am Markt im Kern gleich blieben und nur die Handelsströme umgeleitet wurden. 2026 stößt es an Grenzen, weil die Mengen selbst fehlen.
Die Lage hat sich bis heute nicht beruhigt. Ein Waffenstillstand Anfang April brachte keine dauerhafte Öffnung, die USA verhängten ab dem 13. April eine Seeblockade iranischer Häfen, im Juli kam es erneut zu Angriffen. Nach Medienberichten und Schiffsverfolgungsdiensten liegt der Verkehr Anfang Oktober weit unter dem Vorkriegsniveau, und Iran knüpft die Öffnung an sieben Bedingungen.
Die Sperre wird zur Maut, der Hebel zum Gegenapparat. Die Firma MP Materials, die das Bergwerk Mountain Pass in Kalifornien betreibt, hat die US-Regierung als größten Aktionär, einen Mindestpreis von 110 Dollar je Kilogramm Neodym-Praseodym-Oxid über zehn Jahre und ein Darlehen von 150 Millionen Dollar für die Trennung schwerer Seltener Erden bekommen. Der australische Konzern Lynas wollte in Texas eine Trennanlage bauen, deren Bau unsicher wurde. Im März 2026 unterzeichnete er mit dem Pentagon eine bindende Absichtserklärung über rund 96 Millionen Dollar Abnahme in vier Jahren, ebenfalls mit 110-Dollar-Mindestpreis. Solche Apparate sind teuer, aber einmal gebaut, sind sie träge. Sie verschwinden nicht, wenn sich die Lage entspannt, und sie werden selbst zum Ziel: Im Juni setzte Peking nach übereinstimmenden Berichten zehn US-Firmen auf seine Exportkontrollliste, darunter MP Materials.
5. Wem gehört das Arsenal? Struktur und Engpass
Drei Regierungen, eine Linie. Die US-Technologiekontrollen gegenüber China überdauern die Regierungswechsel: Trump im ersten Mandat, Biden mit seinem Grundsatz vom „kleinen Hof, hohem Zaun“, danach die Ausweitung unter Trump. Die Nationale Sicherheitsstrategie vom 4. Dezember 2025 macht Lieferketten, kritische Mineralien und die „Erste Inselkette“ (Japan, Taiwan, Philippinen) zum Dauerthema. Kanzleianalysten beschreiben sie als Neujustierung des Wettbewerbs ohne Entkopplung, mit schärferer Kontrolle der Schlupflöcher bei Verbündeten und Vorteilen für Partner, die ihre Kontrollen angleichen.
Der Match Act, am 2. April 2026 im Repräsentantenhaus eingebracht, geht denselben Weg. Er soll Kontrollen für Chipfertigungsmaschinen und deren Wartung ausweiten und nennt SMIC, Huawei, Hua Hong, YMTC und CXMT beim Namen. Niederländern und Japanern gibt er 150 Tage, ihre Regeln anzugleichen, sonst droht einseitige US-Durchsetzung. Ein Gesetz ist er noch nicht.
Dieselbe Strategie ist verhandelbar. Nach dem Gipfel in Busan Ende Oktober 2025 setzte China die weltweite Umsetzung der Regeln vom 9. Oktober aus und erteilte US-Endnutzern Allgemeingenehmigungen, kurz nachdem Trump drastische Zölle und Kontrollen für kritische Software angedroht hatte. Exportkontrollen sind nicht nur ein Sicherheitsinstrument, sondern auch Verhandlungsmasse.
Die Position des Engpassinhabers. Wäre die Politik rein strukturell bestimmt, änderte es nichts, wer den Knoten hält. In der Wirklichkeit hat sich die Lage verschoben. Nach Chinas Aufbau der Verarbeitung Seltener Erden stehen die USA auf der Seite des Abhängigen. Das ist nicht bloßer Strukturzwang, sondern die Frucht langer Investitionen in bestimmte Engpässe.
Das Arsenal erreicht Dritte. Die USA haben fünf chinesische Raffinerien, darunter Hengli, wegen des Kaufs iranischen Rohöls sanktioniert. Am 2. Mai 2026 antwortete Peking mit der ersten Blockadeanordnung (Blocking Order) seiner Geschichte. Sie verbietet es chinesischen Stellen und, so die Lesart von Rechtskanzleien, auch ausländischen Banken und Versicherern, diese Sanktionen zu befolgen. Gestützt ist sie auf Blockaderegeln von 2021 und, nach Berichten, eine im April erlassene Verordnung des Staatsrats. Knapp zwei Wochen später begann der Gipfel in Peking. Ob das Ziel dieser Sanktionen Iran oder China ist, lässt sich aus den Maßnahmen allein nicht entscheiden. Wer nachweisen will, dass es um China geht, findet hier einen Indikator, wer von Kollateralwirkung ausgeht, einen anderen. Sicher ist, dass die Werkzeuge längst nicht mehr nur den Gegner treffen, sondern auch alle, die mit ihm Handel treiben.
Der strategische Stillstand. Nach dem Gipfel im Mai in Peking und dem Staatsbesuch im September in Washington behalten beide Seiten ihre Ziele, erkennen aber die Kosten unbeschränkter Verfolgung. Trump nannte Waffenverkäufe an Taiwan ein „sehr gutes Verhandlungsobjekt“ gegenüber Peking. Eine Entspannung ist das nicht: Die Chip-Beschränkungen blieben unverändert, und die USA werfen China vor, Zusagen zur Lieferung Seltener Erden nicht einzuhalten.
6. Schluss: das Gleichgewicht von Eskalation und Deeskalation
Was geschieht, wenn die Pause ausläuft? Die Antwort zeichnet sich ab: Beide Seiten rüsten für die nächste Runde und wahren zugleich eine oberflächliche Stabilität. Trump hat zwei weitere Treffen mit Xi angekündigt, im November beim APEC-Gipfel in Shenzhen und im Dezember beim G20-Gipfel in Miami. Das schafft Gesprächstermine, vor allem aber Fristen. Peking kalkuliert nach meiner Einschätzung, dass die Zeit für es arbeitet, weil sich die USA binnen weniger Monate nicht von chinesischen Seltenen Erden lösen können. Dass es zugleich den Kauf des H200 bremst, lässt sich als Wette auf die eigene Chip-Industrie lesen. Washington wettet auf KI als Machtmultiplikator.
Die Erweiterung des Arsenals ist damit mehr als das Sediment früherer Entscheidungen. Sie ist die Antwort auf die Engpassinvestitionen des Gegners. Hält eine Seite einen Knoten, ist die vernünftige Gegenreaktion der anderen, Alternativen zu schaffen oder ein Gegengewicht aufzubauen. Die Struktur legt die Speisekarte fest, die Wahl treffen konkrete Investitionen, die Fähigkeit, Bündnisse zu führen, und politischer Wille. Von selbst läuft der Prozess nicht weiter.
Offen bleibt daher nicht, wer gewinnt. Offen bleibt, welches Gleichgewicht entsteht, wenn beide Seiten begreifen, dass ihre Engpässe vom Gegner benutzt werden können. Die Jahre 2025 und 2026 geben eine vorläufige Antwort: ein Zyklus von Eskalation und Deeskalation, in dem jede scheinbare Entspannung Werkzeuge für die nächste, genauere Runde anhäuft.
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Bildquelle: Dan74 / shutterstock
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Quellen
Abschnitt 2a, Chips
- Counterpoint/Caixin, Marktanteile NAND: https://www.caixinglobal.com/2026-06-04/chinese-chipmaker-ymtc-claims-13-of-46-billion-global-nand-market-102450726.html
- CXMT im DRAM-Markt: https://mbiz.heraldcorp.com/article/10789093
- H200-Regel (BIS, 13. Januar 2026): https://www.mayerbrown.com/en/insights/publications/2026/01/administration-policies-on-advanced-ai-chips-codified
- Chinas Einfuhrstopp und Kaufwarnungen: https://www.asiafinancial.com/china-puts-strict-curbs-on-purchases-of-nvidias-h200-chips
- Match Act: https://finance.yahoo.com/sectors/technology/articles/us-targets-chinese-chipmaking-proposed-114407813.html und https://thefai.org/posts/the-match-act-is-the-missing-piece-in-america-s-ai-export-control-strategy
Abschnitt 2b, Seltene Erden
- Govini: https://www.govini.com/blog/from-rock-to-rocket-critical-minerals-and-the-trade-war-for-national-security
- Wolfram/Tellur, 4. Februar 2025: https://www.iea.org/policies/26795-decision-to-implement-export-controls-on-tungsten-tellurium-bismuth-molybdenum-and-indium-related-items
- Gallium, Germanium, Antimon, Dezember-Verbot: https://www.exiger.com/perspectives/critical-minerals-export-controls/
- Oktober-Regeln und Tausch gegen die 50-Prozent-Regel: https://china-briefing.com/news/chinas-rare-earth-export-controls
- Aussetzung (Bekanntmachung Nr. 70): https://www.cirs-group.com/en/chemicals/china-temporarily-suspends-export-controls-on-key-raw-materials-including-rare-earths-lithium-batteries-and-diamond
- Fördermenge 2025: https://www.mining-technology.com/news/china-rare-earth-export-pause-nears-expiry-amid-persistent-supply-concentration/
- Verlängerung bis 10. Januar 2027, noch nicht förmlich: https://rawmaterials.net/rare-earth-export-controls-china-confirms-extension-of-trade-arrangements-with-u-s/ und https://asiaai.fyi/guides/chip-export-controls-tracker/
- Pentagon-Stichtag (DFARS) und Gipfel: https://bisi.org.uk/reports/chinas-rare-earth-processing-dominance-and-what-the-trump-xi-summit-didnt-change
Abschnitt 2c, Vermögenssperre
- EU-Beschluss, Dezember 2025: https://www.euronews.com/my-europe/2025/12/11/eu-triggers-emergency-clause-to-indefinitely-immobilise-russian-assets
- Moskauer Urteil und EuG-Klage: https://interfax.com/newsroom/top-stories/117600/
- Sofortige Vollstreckung, Beschwerde: https://interfax.com/newsroom/top-stories/117852/
- Euroclear-Stellungnahme: https://meduza.io/en/news/2026/05/19/euroclear-rejects-moscow-ruling-seeking-massive-damages-keeps-russian-assets-frozen
Abschnitt 3, Japan 1941 (aus dem ersten Entwurf übernommen, nicht neu geprüft)
- Erlasstext: https://history.state.gov/historicaldocuments/frus1931-41v02/d185
- Pressemitteilung vom 25. Juli: https://history.state.gov/historicaldocuments/frus1931-41v02/d184
- Miller, Verlagstext: https://www.usni.org/press/books/bankrupting-enemy
Abschnitt 4, Gegenapparate
- IEA-Mitteilung: https://www.globalsecurity.org/military/library/news/2026/03/mil-260311-iea01.htm
- Waffenstillstand im April: https://www.bnnbloomberg.ca/business/2026/04/08/shippers-seek-clarity-on-hormuz-reopening-after-us-iran-ceasefire-deal/
- Verkehr in der Meerenge: https://www.nbcnews.com/data-graphics/strait-of-hormuz-ports-traffic-trump-us-iran-war-rcna331507
- MP Materials: https://www.miningweekly.com/article/mp-materials-lands-multibillion-dollar-pentagon-deal-to-bolster-us-rare-earth-magnet-supply-2025-07-10
- Lynas (ASX-Mitteilung, 16. März 2026): https://wcsecure.weblink.com.au/pdf/LYC/03068512.pdf
Abschnitt 5 und 6
- Blockadeanordnung: https://www.caixinglobal.com/2026-05-04/china-counters-us-sanctions-on-refineries-with-blocking-order-102440580.html und https://sanctionsnews.bakermckenzie.com/ofac-continues-economic-fury-campaign-against-iran/
- Sicherheitsstrategie (aus dem ersten Entwurf übernommen): https://www.akingump.com/en/insights/alerts/key-takeaways-from-the-2025-national-security-strategy-what-has-changed-and-what-it-means-for-business
- Taiwan als „Verhandlungsobjekt“: https://eastasiaforum.org/2026/05/31/china-turns-trumps-ill-prepared-summit-towards-taiwan/
- Gipfel in Washington und Verlängerung: https://en.mercopress.com/2026/09/25/trump-and-xi-end-the-state-visit-with-the-trade-truce-extended-and-no-substantive-deals/ und https://bdnews24.com/business/2upjbfl7zc
- APEC und G20: https://www.roic.ai/news/trump-sets-november-apec-and-december-g20-meetings-with-xi-as-trade-truce-faces-january-deadline-09-25-2026
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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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