Lyrische Beobachtungsstelle

Der größte Irrtum der Menschheit | Von Hans-Jörg Müllenmeister

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Ein Beitrag von Hans-Jörg Müllenmeister.

Der Mensch irrt. Vielleicht ist das seine liebenswürdigste Schwäche – und seine gefährlichste. 
Wir irren uns in kleinen Dingen, in großen Dingen, in Dingen, die wir für sicher halten, und in Dingen, die wir kaum hinterfragen. Die Geschichte ist ein Museum solcher Irrtümer, und manche Exponate bringen uns heute zum Lächeln.

Wir glaubten einmal, die Erde sei der Mittelpunkt des Universums, ein privilegierter Ort, um den sich alles dreht. 
Wir hielten schlechte Luft für den Ursprung von Seuchen, nannten es Miasma, und irrten uns gewaltig, bis wir Bakterien und Viren unter dem Mikroskop entdeckten.  

Medizinisch irre Therapien der Vergangenheit schlugen den Menschenverstand 

Geschwächten Patienten wurden literweise Blut abgezapft, um der antiken Säftelehre zu genügen. Nach dieser antiken Theorie entstehen Krankheiten, wenn die vier Körpersäfte – Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim – aus dem Gleichgewicht geraten. Ebenso verabreichte man Quecksilber gegen die früher weit verbreitete „Lustseuche“ Syphilis. 

Es gibt sogar einen Begriff für die menschliche Neigung, an überholten Irrtümern festzuhalten und neue, widersprechende Erkenntnisse – trotz klarer Beweise abzulehnen: den Semmelweis-Reflex. Ignaz Philipp Semmelweis führte gegen erbitterten Widerstand seiner Kollegen die Händehygiene als antiseptische Maßnahme in der modernen Medizin ein.  

Auch heute halten sich hartnäckige Gesundheitsmythen –  dass etwa, das Lesen bei schlechtem Licht die Augen ruiniert, Karotten die Sehkraft stärkt oder Vitamin C Erkältung zuverlässig verhindert. 

Wir waren überzeugt, aus unedlen Metallen Gold gewinnen zu können – und erfanden dabei immerhin die Alchemie, die später die Grundlagen der modernen Chemie legte.

Auch die Technik war nicht frei von Illusionen.

Wir erklärten die Titanic für unsinkbar – bis sie sank. 

Wir glaubten, das „Nürnberger Ei“ sei wegen seiner Form so benannt, dabei war es schlicht eine Verballhornung von Aeurlein, dem „Ührchen“.

Und wir erzählten munter weiter, Einstein sei ein schlechter Schüler gewesen, weil er lauter Sechser im Zeugnis hatte – ohne zu wissen, dass im Schweizer Notensystem die 6 die Bestnote ist.

Gewiss ist, „Sechser-Kandidaten“ machen noch lange keinen Nobelpreisträger.

Doch nicht alle Irrtümer waren peinlich oder gefährlich. Manche brachten uns sogar weiter. Die Theorie der Kontinentaldrift wurde zunächst verlacht – heute ist sie Grundlage der modernen Geologie.

All diese Irrtümer amüsieren uns, manchmal inspirieren sie sogar. Sie zeigen, wie sehr der Mensch nach Ordnung sucht – und wie oft er dabei daneben greift. Und sie zeigen, wie leicht wir uns einlullen lassen: von Gewissheiten, von Geschichten, von dem Gefühl, die Welt verstanden zu haben. Doch genau hier beginnt die Gefahr.

Und aus berufenem Munde stammen viele diese Fehleinschätzungen: „Kein Ballon oder Flugzeug wird jemals einen Nutzen haben“, meinte einst der Physiker Lord Kelvin. 

„Computer sind absolut nutzlos; sie können nur Antworten geben“, so malte Pablo Picasso die Zukunft.

„Das Pferd wird es immer geben, Automobile sind nur eine vorübergehende Modeerscheinung“, verkündete Kaiser Wilhelm II. 

Und Sir Hiram Maxim, der Erfinder des ersten selbstladenden Maschinengewehrs, war überzeugt:

„Meine Erfindung wird Krieg unmöglich machen“. 

Kaum ein Beispiel zeigt die bittere Ironie der Geschichte deutlicher: Der Mensch glaubte, seine Erfindung mache den Krieg unmöglich – und schaffte ein Werkzeug, das Kriege grausamer, schneller und enthemmter machte.

Unsere Zeit straft all diese „Gewissheiten“ der Lügen. Denn während wir über die Missverständnisse der Geschichte schmunzeln, während wir uns in der Harmlosigkeit dieser Irrtümer wiegen, während wir uns sagen: „So ist der Mensch eben“, rollt ein Irrtum heran, der nicht in diese Reihe gehört.

Ein Irrtum, der nicht belächelt werden kann. 
Ein Irrtum, der nicht verziehen werden darf. 
Ein Irrtum, der sich nicht in Fortschritt verwandelt. 

Der Irrtum Krieg 

Krieg ist kein Irrtum wie die anderen. 
Er ist nicht die Art von Fehleinschätzung, über die wir später lachen können. 
Er ist nicht die Art von Irrtum, die uns Fortschritt beschert. 
Er ist der Irrtum, der alles verschlingt.

Während technische und kulturelle Fehlurteile oft harmlos bleiben – manchmal sogar kreativ befruchten –, ist der Krieg der Moment, in dem der menschliche Irrtum seine dunkelste Form annimmt.

Er ist der Punkt, an dem Selbstüberschätzung tödlich wird, an dem Illusionen zu Waffen werden und an dem Irrtümer nicht mehr korrigiert, sondern bezahlt werden – mit Leben. 

Die psychologische Falle

Der Krieg lebt von einer Illusion: der Illusion der Kontrolle.

Der Mensch überschätzt sich gern – im Alltag, im Beruf, in der Politik. Doch im Krieg wird diese Überschätzung tödlich. Man glaubt, man könne ihn begrenzen, könne ihn gewinnen, könne ihn rechtfertigen.

Man glaubt! Glaubenskriege sind Beispiele dafür: die Kreuzzüge, die französischen Hugenottenkriege und der Dreißigjährige Krieg, führten alle zu massiver Zerstörung. Der Krieg folgt keiner menschlichen Logik. Er ist ein Feuer, das sich nicht lenken lässt, sobald es brennt. 

Die historische Blindheit

Nach jedem Krieg ertönt derselbe Satz: 

Nie wieder.  

Er klingt wie ein Schwur, wie eine Erkenntnis, wie ein Versprechen.

Doch die Geschichte zeigt: Der Mensch vergisst schneller, als er lernt. Und er überschätzt sich schneller, als er zweifelt.

Vergesslichkeit ist ein Segen – und Fluch. Sie macht das Leben leichter. Und sie macht die Wiederholung möglich. 

Die kollektive Verantwortung

Krieg ist nie nur die Entscheidung eines Einzelnen. Er ist ein kollektiver Irrtum, ein Zusammenspiel aus Zustimmung, Schweigen, Angst und Gewohnheit. Da hängen politische Entscheidungsträger und Gesellschaft zusammen wie eine Klette.

Der eine bewegt sich nicht ohne den anderen. Und so entsteht ein moralischer Nebel, in dem niemand mehr klar sieht – und niemand mehr klar verantwortlich scheint. 

Der strukturelle Irrtum: Die Wiederholung des Unvermeidlichen

Kriege erscheinen oft wie Naturereignisse, als etwas, das „ausbricht“. Doch das ist ein weiterer Irrtum. Kriege werden gemacht: durch Ideologien, durch Machtinteressen, durch Feindbilder, durch das Versagen von Diplomatie, durch das Schweigen der Mehrheit. Sie sind nicht unvermeidlich. Sie sind das Ergebnis einer langen Kette von Fehlannahmen, die wir immer wieder zulassen. 

Der Irrtum, den wir uns nicht leisten dürfen

Irren ist menschlich. Aber nicht jeder Irrtum ist harmlos. Nicht jeder Irrtum ist lehrreich. Nicht jeder Irrtum ist verzeihlich. Der Krieg ist der Irrtum, der alles verschlingt: Moral, Vernunft, Erinnerung, Zukunft.

Ich denke, Goethe hatte recht, als er schrieb:

„Es irrt der Mensch, solang er strebt.“

Doch es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass wir nicht immer wieder denselben Irrtum begehen. Denn der größte Irrtum der Menschheit ist nicht, dass sie sich täuscht – sondern dass sie aus ihren schlimmsten Täuschungen nicht lernt.

Wir können uns viele Irrtümer leisten.

Diesen nicht. 

Denn der Krieg ist der Irrtum, der uns nicht nur täuscht, sondern auslöscht. Der Frieden aber ist die Schönheit – bellus. Der Krieg ist das Hässliche – bellum, die bombig entstellte auf den Kopf gestellte Menschlichkeit. 

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Dieser Beitrag erschien zuerst am 05. Mai 2026 auf dem Blog AnderWeltOnline.com.

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Bild: Verzweifelte Person

Bildquelle: Cristina Conti / shutterstock


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