Lyrische Beobachtungsstelle

Der Preis des Genies | Von Paul Clemente

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Rettung durch Peter Pan. Zum Kinostart des Michael Jackson-Biopics.

Ein Beitrag von Paul Clemente.

Drei Jahrzehnte trug er den Adelstitel „King of Pop“. Eine Zeit des ungebremsten Ruhmes, überreich an Glamour, ekstatischen Live-Shows, emotional überforderten Fans und einem moralischen Super-GAU: Das war Michael Jackson. Zugleich eine Kunstfigur, die den Irrsinn der Gegenwart an sich riss, auf schmaler Bühne über dem Abgrund tanzte. Was er aufnahm, trieb er ins Extrem, bis zur Kenntlichkeit. Beispiele? Bitte sehr:

Jackson erzwang die Wertschätzung durch das weiße Establishment nicht nur durch musikalisches Maximum. Die zahllosen Gesichts-OPs und das Auftragen von Bleichmitteln führten zu einer Metamorphose: Er wurde zu einem „Weißen“, erwarb die Hautfarbe der US-Upper Class. Leider führte das ständige Ausbleichen der Haut zur Zombiefizierung. Seinen Fans versicherte er: Mit den Bleichmitteln wolle er helle Hautflecken kompensieren. Hinzu kam reichlich Koks. Diese Mixtur war zuviel: 2002 zerbrach die Maskerade: Buchstäblich. Paparazzis fotografierten eine Perforation seiner Nase, worauf das Boulevardblatt B.Z. ihn als „Bröckelnase“ verspottete. 

Zur Kompensation seiner vermurksten Kindheit errichtete Jackson die Neverland-Ranch. Ein riesiger Spielplatz für Kids. Vor allem aber: Für das verwundete Kind in ihm. Inzwischen gilt der private Abenteuerspielplatz als Tatort pädophiler Übergriffigkeit. Dass ein Gericht den Popstar freisprach, spielt freilich keine Rolle.

Jacksons womöglich intensivste Beziehung blieb platonisch: Gemeint ist seine Freundschaft mit Elizabeth Taylor - dem Männertraum der Fünfziger, der glamourösen „Cleopatra“ -Darstellerin. Für Taylor war Michaels Platonismus nach lebenslangem Beziehungsmüll eine willkommene Erholung. Wie tief diese Beziehung ging, zeigt ihr letzter Wille: Seit Taylors Tod, seit 2011 liegen beide nebeneinander. Grab an Grab. Der King of Pop neben der Königin von Ägypten.

Eine weitere Auswirkung von Jacksons brutaler Erziehung: Sein ständiger Bedarf nach Tabletten, nach Downern, gemixt mit Drogen: Nur so blieb ihm das Leben erträglich: Durch temporäre Erlösung von dem Trauma. Bis zum bitteren Ende. Eine Mixtur aus Lorazepam und einem Narkosemittel brachte dem 50jährigen die ewige Ruhe.

Was sagen diese Anekdoten? - In jedem Fall belegen sie das Außerordentliche seiner Existenz. Und, ja: Michael Jackson wusste früh von seinen Schattenseiten, integrierte sie sogar in sein Werk: Im Videoclip zu „Thriller“ verwandelt er sich beim Rendez-vous in einen Werwolf, später in einen Zombie.

Daraus folgt: Ein Biopic über Jackson zu drehen ist ein Seiltanz - ohne Sicherheitsnetz. Schon im Vorfeld rätselten Filmkritiker, Fans und Trendsetter: Welche Seiten seiner Persönlichkeit werden gezeigt? Und natürlich: Was lässt man weg? Empörungs-Profis lagen schon auf der Lauer. Produzent Graham King hatte im Vorfeld versichert, er wolle

„die Geschichte vermenschlichen, aber nicht beschönigen und die fesselndste, unvoreingenommenste Geschichte präsentieren.“

Tatsächlich umging der Film fast alle kontroversen Aspekte im Leben des Stars. Zumal der Zweistünder bereits 1988 endet. Also mehrere Jahre vor den Skandalen.

Entsprechend enttäuscht gaben sich die Kritiker: Mit einer Wertung von nur 37 Prozent bei Rotten Tomatoes hat Michael" die Negativ-Hitparade gestürmt: Seit Jahren schnitt kein Biopic so schlecht ab. Konträr dazu: Der Publikumsgeschmack: Am ersten Wochenende spülte „Michael“ ganze 97 Millionen Dollar in die Kinokassen. Eine Woche später sind es schon 220 Millionen Dollar. Damit gilt „Michael“ als erfolgreichstes Biopic aller Zeiten.

Hauptdarsteller Jaafar Jackson, Michaels Neffe, avancierte in dieser Rolle ebenfalls zum Star. Vor allem seine Tanz-Szenen bringen die Leinwand zum Beben. Taj Jackson, ein weiterer Neffe des Verstorbenen, zeigt sämtlichen Filmkritikern den Mittelfinger:

„Tut mir leid, Medien, aber ihr habt nicht länger das Recht, die Geschichte darüber zu erzählen, wer Michael Jackson wirklich war."

Die Filmbiographie fokussiert Jacksons Beziehung zum Vater, die er erst als 30jähriger lösen konnte: Als der Starmusiker sich endgültig von den „Jackson 5“ verabschiedete.

Es beginnt in einer kleinen Ortschaft Gary, im US-Bundesstaat Indiana. Es schneit. Beinah ein Weihnachts-Idyll. Dann, brutaler Kontrast: Der Familien-Horror im Haus der Jacksons. Die fünf Söhne, völlig ermattet, werden vom Vater zur Musik-Probe gepeitscht. Vor allem auf den jüngsten hat er es abgesehen: Auf Michael. Der zeigt nämlich das meiste Talent.

Einwände der Mutter, die Kinder müssten früh zur Schule, stoßen beim Vater auf wütenden Widerstand: Die Welt, vor allem für Schwarze, kenne nur Gewinner und Verlierer. Und er, Joseph Jackson, wolle seine Kinder auf der Gewinner-Seite wissen. Ein Plan, nicht ohne Eigennutz. In manchen Momenten ähnelt das Gesicht des ehrgeizigen Vaters dem Vampir in „Blackula“: Einem blutsaugenden Monster.

Diese Konstellation erinnert an Leopold Mozart, der seinen Sohn Wolfgang und die Tochter Maria Anna zu Höchstleistungen drillte, um sie als musikalische Wunderkinder zu vermarkten. Gibt der Erfolg ihnen Recht? Nicht wirklich. Zumindest nicht im Falle von Michael Jackson. Der avancierte zwar zum Megastar, aber gleichzeitig zum Psycho-Krüppel. Zum Geprügelten, der früh in die Welt von Peter Pan flüchtete. Auch der blieb ewig ein Kind. Im Film betrachtet der kleine Michael eine Illustration zu Peter Pans Sieg über den fiesen Captain Hook: Peter haut ihm eine Hand ab. Michael verpasst Hook einen neuen Namen. Den seines Vaters: Joseph Jackson. Vielleicht würde das Kind dem Erzeuger auch gerne die Hand abhacken? Damit er nicht mehr schlagen kann.

Regisseur Antoine Fuqua deutet die seelischen Schäden des Stars nur an. So erinnert das Zimmer des Teenagers Michael an eine Kinderstube: An den Wänden: Disney-Poster. Auf den Möbeln sitzen Stofftiere und Plüschfiguren. Während seine Brüder der ersten Liebschaft nachjagen, kauft Michael ein Lama, das er zärtlich umarmt. Weitere Tiere sollten folgen. Auch als Erwachsener blieb er ein Kind, dessen libidinösen Anlagen nie zur Ausbildung fanden. Wenn er auf der Bühne abrockt und die Fan-Girls kreischen, interessierte ihn das nicht. After-Show-Orgien? Nicht mit ihm.

Als Michael Jackson in der letzten Szene, im Londoner Wembley-Stadion, der Ausbruch gelingt, weiß das Publikum: Zu spät. Die Neurose frisst ihn trotzdem auf. Bleibt die Frage: Kommt ein zweiter Teil in die Kinos? Einer, der 1988 startet und späteren Jahre thematisiert?

Zu der Frage nach einer Fortsetzung gab Produzent Graham King ein nichtssagendes Statement:

„Ich habe definitiv über einige Dinge nachgedacht. Wir werden sehen. Wir werden sehen, was passiert.“ Jetzt, nach dem Riesenerfolg dürfte die Entscheidung klar sein.

Ein tatsächliches Manko von „Michael“ ist die Reduktion der Schwestern Janet und La Toya Jackson. Zwar gibt es ein paar Szenen mit La Toya, aber als Charakter bleibt sie maximal belanglos. Dabei dürfte ihr Verhältnis zum Bruder eine maximale Ambivalenz aufweisen. Immerhin hat sie ihn Anfang der Neunziger mit Pädophilie-Vorwürfen überkübelt. Später nahm sie alles zurück und wechselte ins Lager der Verteidiger. Worin wurzelt dieses Verhalten? Wer soll uns das sagen, wenn nicht ein Biopic?

Komplett ausgespart wurde Janet Jackson. Leider auf eigenen Wunsch. Nach Michael ist sie die erfolgreichste Künstlerin des Jackson-Clans: eines ihrer Alben fand 160 Millionen Käufer. Mehr noch: Das „Scream“-Album nahm sie gemeinsam mit Michael auf. Bei ihr stellt sich die Frage: Hat der Vater sie auch zum Ruhm gepeitscht, so wie bei Mozarts Schwester, oder entwickelte sich ihr Talent ohne Drill, ohne Zerstörung ihrer Emotionalität?

Es dürfte kaum Zufall sein, dass das ZDF jetzt eine mehrteilige Dokumentation über den Jackson-Prozess von 2005 startet. Da findet sich alles, was das Biopic nicht - oder noch nicht  - sagt.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: 2015: Michael Jackson im Madame Tussauds Museum in San Francisco.

Bildquelle: Anton_Ivanov / Shutterstock


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