Warum der Krieg nicht enden wird, solange er noch etwas abwirft
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Während im Donbass die letzten ukrainischen Festungsstädte fallen und Kiews Luftverteidigung nach Einschätzung des RUSI-Militäranalysten Jack Watling faktisch kollabiert ist – von einer behaupteten Abfangrate von über 70 Prozent auf nahe null –, verhandelt Selenskij über die Türkei ein Moratorium für Angriffe auf die Schwarzmeerschifffahrt. Sergej Lawrow lässt die Vermittlung kühl abblitzen.
Auf den ersten Blick ist das eine Geschichte vom militärischen Scheitern eines Staates. Auf den zweiten Blick ist es etwas anderes: der sichtbarste Ausschlag eines Mechanismus, der auf mindestens zwei weiteren Ebenen längst arbeitet – einer, auf der ukrainisches Leben zur Handelsware wird, und einer, auf der der Krieg selbst zur Sicherheit für internationales Kapital wird. Wer nur die Front betrachtet, sieht ein Land, das verliert. Wer alle drei Ebenen zusammen betrachtet, sieht ein System, das genau deshalb nicht aufhören kann, weil es auf jeder dieser Ebenen einen eigenen Nutznießerkreis erzeugt.
Die Front als Symptom, nicht als Ursache
Die militärische Lage ist eindeutig. Watlings Zahlen sind ein Offenbarungseid: Der Westen verfügt über rund 200 alte Patriot- und 600 PAC-3-Abfangraketen, während Russland allein an Iskander-Systemen jährlich etwa 700 Stück produziert, Tendenz steigend. Rechnet man Kinschal und Kalibr hinzu, übersteigt die russische Produktionskapazität die westliche bei weitem. Selenskis Forderung nach fünf Prozent des US-Bestands – rund 40 Raketen – gegen eine russische Jahresproduktion von über 1.400 Stück ist keine Militärstrategie mehr, sondern der Versuch, einen Waldbrand mit einer Pipette zu löschen. Im Donbass entstehen großflächige Durchbruchszonen, Toretsk und Dorilia fallen, in Saporischschja kontrollieren russische Drohnen bereits die letzten Versorgungswege. Ukrainische Blogger sprechen offen von Soldaten, die aus Mangel an Nachschub Urin trinken müssen, weil jeder Rotationsversuch zur Todesfalle wird.
Das ist die Realität, die sich mit Zahlen belegen lässt. Aber sie beantwortet nicht die eigentliche Frage: Warum wird unter diesen Bedingungen weitergekämpft, statt zu verhandeln? Warum bettelt Selenski über Ankara um ein Moratorium, anstatt einen Waffenstillstand anzustreben? Die Antwort liegt nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in den beiden Ebenen dahinter.
Die Ebene der Elite: Korruption als Betriebssystem
Die ukrainische Historikerin Marta Havryshko – selbst Kriegsflüchtling, mit Familie, die noch im Land lebt – hat es im Gespräch mit dem ehemaligen britischen Diplomaten Ian Proud Mitte August so formuliert: Der Krieg sei längst kein Kampf um Territorium mehr, sondern ein hocheffizientes Geschäftsmodell für eine schmale Elite um Selenski geworden. Verteidigungsverträge, Energiedeals, westliche Hilfsgelder fließen nach oben, während die Körper unten aufgeschichtet werden. Korruption, sagt Havryshko, sei nicht die Nebenwirkung, sondern das Betriebssystem.
Bemerkenswert ist dabei die soziale Schieflage, die sie beschreibt: Arme, Arbeiter, Russischsprachige würden faktisch als Rohmaterial behandelt – von der Straße weg zwangsrekrutiert, in Aushebungsstellen misshandelt, teils untauglich und trotzdem für tauglich erklärt, während Eliteeinheiten ihre Rekrutierungsvideos selbst auf Russisch drehen, wofür man einfache Bürger öffentlich anfeindet. Havryshko verweist auf Gallup-Daten, wonach die Mehrheit der Ukrainer inzwischen ein rasches Kriegsende wünscht – eine Stimmungslage, die die offizielle Erzählung als „russische Propaganda" abtut, während sie selbst mit optimistischen Siegesumfragen operiert. Das ist die Beschreibung eines Staates, der sich von der eigenen Bevölkerung entkoppelt hat, weil seine Führungsschicht ökonomisch etwas ganz anderes verfolgt als Sieg oder Frieden: den Erhalt des Zahlungsstroms, der an sie selbst gebunden ist.
Diese Beobachtung liefert die entscheidende Korrektur zu jeder rein militärischen Erklärung. Wenn eine Führungsschicht am Fortbestehen des Kriegszustands verdient, ist militärische Niederlage kein Grund zur Kapitulation – sie ist bestenfalls ein Verhandlungsargument, um den Zahlungsstrom zu verlängern.
Die Ebene des Kapitals: Krieg als Sicherheit
Damit ist aber immer noch nicht erklärt, warum sich westliches Kapital an genau diesem Zustand beteiligt, statt auf ein Ende zu drängen. Hier schließt sich der Kreis zu einem Muster, das sich bereits einmal in der Ukraine besichtigen ließ. Im Januar 2013 unterzeichneten Viktor Janukowytsch und Shell-Chef Peter Voser in Davos einen Fünfzig-Jahres-Vertrag über die Erschließung des Schiefergasfelds Juziwska in Charkiw und Donezk, zehn Milliarden Dollar Investitionsvolumen; kurz darauf sicherten sich Chevron und ein Exxon-Konsortium vergleichbare Claims, in Summe über dreißig Milliarden Dollar. Ausgerechnet die gasreichen Regionen Krim und Ostukraine verweigerten sich dem darauffolgenden Machtwechsel im Februar 2014 – und verwandelten sich innerhalb weniger Wochen in ein Bürgerkriegsgebiet, das den Konzernen genau das entzog, was sie sich gerade gesichert hatten: die Möglichkeit, Rohstoffe im Boden in buchbare Sicherheiten zu verwandeln. Eine erst 2026 aus den freigegebenen Epstein-Akten bekannt gewordene Mail vom März 2014 an Ariane de Rothschild, die den Umbruch als Eröffnung „vieler Möglichkeiten" beschreibt, zeigt, dass dieser Zusammenhang in den Finanzzentren zum normalen Tagesgeschäft gehörte, lange bevor irgendjemand öffentlich von Kriegswirtschaft sprach.
Der Grund dafür liegt im Derivatgeschäft selbst: Seit der Liberalisierung der internationalen Finanzdienstleistungen durch das WTO-Protokoll von 1999 ist der außerbörsliche Derivatehandel zu einem der konzentriertesten Geschäftsfelder der Welt herangewachsen – und diese Maschine funktioniert nur, solange ihr fortlaufend neue, werthaltige Sicherheiten zugeführt werden. Der Donbass-Konflikt 2014 war insofern kein Randgeschehen, sondern ein Sicherheitenausfall, dem folgerichtig ein IWF-Kredit über 17 Milliarden Dollar folgte, mobilisiert unter dem Druck westlicher Geldgeber, die Kontrolle über die Förderregionen zurückzugewinnen. Zwölf Jahre und einen ausgewachsenen Krieg später ist gelungen, was 2013 an lokalem Widerstand scheiterte: Im Januar 2026 ging der Zuschlag für die Lithiumlagerstätte Dobra in Kirowohrad an ein Konsortium um TechMet und Ronald Lauder, einen engen Trump-Vertrauten – abgesichert durch einen zwischenstaatlichen Vertrag, der die Hälfte künftiger Förderlizenz-Einnahmen dauerhaft in einen gemeinsamen Fonds mit Washington bindet. Der Unterschied zu 2013 ist nicht die Substanz, sondern der Grad der Offenheit: Damals verhandelten Konzernvorstände mit einem Präsidenten in Davos, heute steht der Zugriff im Gesetzestext der Rada.
Drei Ebenen, ein Mechanismus
Genau hier schließt sich der Kreis zu einer allgemeineren Beobachtung, die sich nicht auf die Ukraine beschränkt: Kriege werden über Anleihen, Sonderhaushalte und Kreditlinien finanziert, und jeder dieser Mechanismen hat einen Gläubiger, der an der Laufzeit verdient, nicht am Ausgang. Die Drehtür zwischen Pentagon und Rüstungsindustrie – über 80 Prozent der in den vergangenen fünf Jahren pensionierten Vier-Sterne-Generäle wechselten in Vorstände, Beratungen oder Lobbyfirmen der Branche, begleitet von rund 200 Millionen Dollar Rüstungslobbying allein 2025 – sorgt dafür, dass niemand den Krieg persönlich wollen muss, damit er sich fortsetzt. Es genügt, dass ein System weiterläuft, in dem Personalentscheidung und Beschaffungsentscheidung sich gegenseitig finanzieren.
Damit ergibt sich ein Bild, das keiner der drei Ausgangsquellen für sich allein liefert. Das Militärische (Watlings Zahlen, der Zusammenbruch der Luftverteidigung) erklärt, warum die Front fällt. Havryshkos und Prouds Bericht von der ukrainischen Elite erklärt, warum trotzdem nicht kapituliert, sondern nur taktisch lamentiert wird – ein Staat, dessen Führungsschicht an der Dauer verdient, hat kein strukturelles Interesse an einem schnellen Ende, ganz gleich wie aussichtslos die militärische Lage ist. Und die Derivat- und Rohstofflogik erklärt, warum dieses Interesse auf westlicher Seite gespiegelt wird: Auch dort verdient eine Gläubiger- und Sicherheitenstruktur nicht am Sieg, sondern an der Zahlungsfähigkeit des Schuldners und am fortlaufenden Zugriff auf verwertbare Claims. Kein einzelner Akteur muss den Krieg wollen. Es genügt, dass drei separate, sich selbst reproduzierende Anreizstrukturen – militärisch-industriell, innenpolitisch-korrupt, finanzmarktbasiert – zufällig in dieselbe Richtung zeigen: auf Dauer statt auf Ende.
Diplomatische Vorstöße, die diese dreifache Struktur ignorieren – ein Moratorium hier, ein Gespräch in Ankara dort –, sind deshalb nicht bloß erfolglos, sondern kategorial an der falschen Stelle angesetzt. Man verhandelt über eine Front, während die eigentlichen Entscheidungen in Aktionärsversammlungen, Beschaffungsämtern und Rohstofffonds fallen. Solange keine dieser drei Ebenen berührt wird, bleibt das, was an der Oberfläche wie diplomatisches Ringen aussieht, exakt das, was es strukturell ist: die Fortsetzung eines Geschäftsmodells mit anderen Mitteln.
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Bildquelle: Juergen Nowak / shutterstock
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Quellen:
Ian Proud (The Peacemonger) – Interview mit Dr. Marta Havryshko: „As Zelensky and co. get richer ordinary Ukrainians suffer: their lives are now worthless", 14.8.2026 https://thepeacemonger.substack.com/p/as-zelensky-and-co-get-richer-ordinary
Jack Watling (RUSI) – „Patriot missiles have been a godsend for Ukraine against Putin, but they're running out" https://www.rusi.org/explore-our-research/publications/external-publications/patriot-missiles-have-been-godsend-ukraine-against-putin-theyre-running-out-kyiv-needs-help-and-fast
Ukrainska Pravda – Zuschlag Dobra-Lithium an TechMet/Rock Holdings JV (Ronald Lauder), 12.1.2026 https://www.pravda.com.ua/eng/news/2026/01/12/8015797/
S&P Global Commodity Insights – Reserven, Investitionssumme (179 Mio. USD), PSA-Struktur des Dobra-Deals, 12.1.2026 https://www.spglobal.com/energy/en/news-research/latest-news/metals/011226-techmet-rock-holdings-jv-wins-rights-for-dobra-lithium-deposit-in-ukraine
BBC – Shell-Ukraine-Schiefergasdeal (Janukowytsch/Voser), Davos, 24.1.2013 https://feeds.bbci.co.uk/news/world-europe-21191164
OSW Centre for Eastern Studies – Eigentumsstruktur und Lage der Felder Juziwska/Oleska/Skifska, 30.1.2013 https://www.osw.waw.pl/en/publikacje/analyses/2013-01-30/ukraines-agreement-shell-shale-gas-extraction
CNBC – IWF-Kredit über 17 Mrd. USD für Ukraine, 30.4.2014 https://www.cnbc.com/2014/04/30/imf-approves-17-billion-loan-package-for-ukraine.html
RT – Epstein-Rothschild-Mail zur Ukraine (März 2014), veröffentlicht 2.2.2026 https://www.rt.com/news/631852-ukraine-opportunities-epstein-rothschild/
Drehtür Pentagon–Rüstungsindustrie, Lobbying-Zahlen: https://apolut.net/das-geschaftsmodell-krieg-wie-dauer-zur-dividende-wird-von-dirk-ellerbrock/
IndustryWeek- und Mining.com-Quellen zu Shell bzw. TechMet: https://apolut.net/warum-der-ukraine-krieg-ohne-den-derivatehandel-nicht-zu-verstehen-ist-von-dirk-ellerbrock/
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