Von der UN-Generalversammlung über Iran und Kaliningrad bis zur NATO-Nordflanke: Wie aus Abschreckung eine gefährliche Eskalationsdynamik werden kann
Ein Meinungsbeitrag von Wolfgang Effenberger.
Die Welt befindet sich gegenwärtig in einer Übergangsphase, in der die bisherige internationale Ordnung ihre Bindekraft verliert, während eine neue Ordnung noch nicht entstanden ist. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen zeigt diese Entwicklung politisch: Multipolarität ist längst ein gemeinsamer Ausgangspunkt der internationalen Debatte. Gleichzeitig bleibt die UN vor allem ein normatives Forum, während die tatsächlichen Entscheidungen zunehmend in konkurrierenden Machtzentren getroffen werden.
Noch deutlicher zeigt sich dieser Wandel jedoch dort, wo politische Interessen auf militärische Macht treffen.
Die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten und an der europäischen NATO-Ost- und Nordflanke sollten deshalb nicht isoliert betrachtet werden.
Reuters berichtete am 2. Oktober unter Berufung auf drei hochrangige iranische Regierungsvertreter, dass der Iran für den Fall einer erneuten großangelegten US-Offensive eine breitere und stärkere militärische Reaktion vorbereitet. Dabei werde offenbar auch erwogen, Ziele über unmittelbar US-amerikanische Einrichtungen hinaus einzubeziehen – darunter Staaten, die US-Operationen unterstützen, möglicherweise sogar Ziele außerhalb des Nahen Ostens.
Wichtig ist aber die Einschränkung: Das bedeutet nicht, dass der Iran beschlossen hat, den Krieg auszuweiten.
Reuters schreibt ausdrücklich, dass noch keine endgültige Entscheidung getroffen worden sei. Gleichzeitig halte Teheran einen diplomatischen Kanal weiterhin offen. (1)
Militärisch ist eine solche Vorbereitung allerdings rational erklärbar: Nach den bisherigen Erfahrungen muss der Iran davon ausgehen, dass eine zu schwache Antwort von Seiten der USA nicht erst genug genommen wird (die amerikanische Abschreckungswirkung nicht unterbricht). Deshalb scheint die iranische Planung auf Abschreckung durch glaubhafte Eskalationsfähigkeit zu zielen. (2)
Die zweite Meldung – rund 3.000 US-Soldaten in Israel
Auch diese Zahl ist inzwischen durch mehrere aktuelle Quellen gestützt.
Die israelische Nachrichtenseite Walla berichtet laut Anadolu und Jerusalem Post, dass sich derzeit etwa 3.000 US-Soldaten in Israel befinden. Ihre Aufgaben umfassen unter anderem Luftverteidigung, Unterstützung von Piloten und Besatzungen, Logistik sowie Tätigkeiten in militärischen Hauptquartieren.
Allerdings ist die US-Verstärkung im Nahen Osten größer als nur die 3.000 in Israel, die nur Teil eines wesentlich größeren US-Aufmarsches sind. Aktuelle Berichte sprechen inzwischen von einer möglichen Verlegung eines dritten US-Flugzeugträgerverbandes in den Nahen Osten sowie von zusätzlichen 9.000–10.000 Soldaten.
Die Washington Post berichtet sogar von Planungen für bis zu drei Flugzeugträgergruppen mit Begleitschiffen, möglicherweise fast 20.000 zusätzlichen Soldaten und rund 150 Kampfflugzeugen. Dabei handelt es sich allerdings um Planungen bzw. mögliche Verlegungen, nicht um eine bereits vollständig vollzogene Stationierung.
Reuters zufolge beschränkt sich die iranische Vorbereitung nicht auf öffentliche Drohungen.
Iranische Militärführer überprüfen offenbar konkrete Optionen und haben verbündete Gruppen in Libanon, Jemen und Irak angewiesen, sich auf eine koordinierte Reaktion vorzubereiten. Der mögliche Reaktionsraum reicht nach den Reuters-Angaben vom Golf und der Straße von Hormus bis zu US-Interessen außerhalb des Nahen Ostens.
Das ist militärstrategisch erheblich, denn dadurch verändert sich die Gleichung US/Israel: Iran, wenn in einem neuen Krieg verbündete bewaffnete Akteure, die maritime Dimension und regionale Infrastruktur mit eingesetzt werden.
Das erhöht die Gefahr einer unkontrollierten Ausweitung, selbst wenn Washington ursprünglich nur begrenzte Ziele verfolgen sollte.
Reuters berichtet weiter, dass der Iran über Katar einen Vorschlag an Washington übermittelt habe, der unter anderem ein Ende der Kampfhandlungen, eine Wiederöffnung der Straße von Hormus und eine Lockerung bestimmter Sanktionen vorsieht. Die USA haben diesen Vorschlag laut Reuters zurückgewiesen; zugleich wurde über Katar eine amerikanische Antwort an Teheran übermittelt.
Das ergibt ein bemerkenswertes Doppelbild:

Das ist keine stabile Deeskalation, aber auch noch nicht der Beweis für einen unmittelbar bevorstehenden neuen Großkrieg.
Wenn man die aktuellen Entwicklungen zeitlich und strategisch zusammenführt, lässt sich sachlich sagen: Die sicherheitspolitische Lage bewegt sich in Richtung einer höheren Kriegsgefahr, da gerade die Kombination der Entwicklungen entscheidend ist.
Kaliningrad ist inzwischen ein ausdrücklich benannter möglicher Auslöser.
Die russische Warnung ist wesentlich ernster, als wenn es sich nur um eine Äußerung eines einzelnen Botschafters handeln würde. Russland hat die NATO offiziell gewarnt, dass der Versuch, Kaliningrad zu isolieren oder anzugreifen, eine Reaktion mit „all means … including nuclear weapons“ auslösen könne. Putin bekräftigte am 1. Oktober persönlich, dass bei einem direkten Angriff auf Kaliningrad der Einsatz sämtlicher russischer Waffen auf die Tagesordnung komme.
Gleichzeitig bestreitet die NATO, Kaliningrad bedrohen oder blockieren zu wollen. Generalsekretär Rutte sagte ausdrücklich, es bestehe derzeit keine unmittelbare Bedrohung des NATO-Gebiets durch Russland.
Damit entsteht aber ein gefährliches Problem: Was die eine Seite als Verteidigungsvorbereitung versteht, kann die andere Seite als Vorbereitung einer Aggression interpretieren.
Gleichzeitig wird die militärische Infrastruktur im russischen Nordwesten tatsächlich ausgebaut. Hier gibt es eine reale, längerfristige Entwicklung.
Russland hat den früheren Westlichen Militärbezirk aufgeteilt und im Nordwesten den Leningrader Militärbezirk neu geschaffen. Nach Angaben des litauischen Nachrichtendienstes werden dort bestehende Brigaden zu Divisionen erweitert, ein neues Armeekorps aufgebaut und eine neue Iskander-M-Raketenbrigade formiert.
Auch Satellitenbilder zeigen den Ausbau russischer Garnisonen bei Petrosawodsk und Kandalakscha nahe der finnischen Grenze.
Die finnische Grenze ist dabei besonders wichtig: Nach Angaben der Tagesschau wird langfristig sogar mit einer erheblichen Vergrößerung der russischen Truppenpräsenz gerechnet; gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass derzeit noch ein großer Teil der russischen Streitkräfte durch den Ukrainekrieg gebunden ist.
Man muss deshalb zwei Dinge auseinanderhalten: Der Aufbau von Fähigkeiten ist eindeutig feststellbar.
Die Absicht, diese Fähigkeiten gegen NATO einzusetzen, ist daraus nicht automatisch ableitbar.
Auch die NATO baut ihre nördliche und östliche Flanke aus; sie hat 2026 mit "Arctic Sentry" ihre Präsenz im Hohen Norden verstärkt und im Juni die multinationalen "Forward Land Forces Finland" eingerichtet. (3) Bei "Cold Response 26" übten mehr als 32.000 Soldaten aus 14 NATO-Staaten in Norwegen und Finnland. (4)
Damit entsteht eine klassische Wechselwirkung: Russland verstärkt Nordwesten → NATO verstärkt Nordflanke → Russland interpretiert dies als Bedrohung → Russland verstärkt weiter → NATO reagiert erneut.
Das ist genau das Sicherheitsdilemma, das historisch besonders gefährlich werden kann.
Im Nahen Osten erleben wir gegenwärtig ebenfalls:
US-Militärpräsenz ↑
→ iranische Gegenmaßnahmen ↑
→ weitere US-Verstärkung ↑
→ iranische Eskalationsplanung ↑
Der Konflikt bleibt nicht mehr ausschließlich regional. Reuters berichtet aktuell beispielsweise über die Verlegung amerikanischer B-1-Bomber aus RAF Fairford zurück in die USA nach Sicherheitsbedenken. Die Basis war zuvor für US-Operationen gegen den Iran genutzt worden und wurde von den iranischen Revolutionsgarden als legitimes Ziel bezeichnet.
Damit berührt der Iran-Konflikt bereits europäische militärische Infrastruktur.
Das Entscheidende ist also nicht ein einzelnes Ereignis, sondern die verbundenen Eskalationsräume:

Das bedeutet noch nicht, dass diese Konflikte zu einem einzigen Krieg verschmelzen.
Aber die Zahl der möglichen Verknüpfungspunkte steigt. Hier kommen jetzt noch die elementaren Interessen der Großmächte ins Spiel. Geht es darum, die geo- und machtpolitischen Interessen einer Großmacht weltweit durchzusetzen oder geht es darum, die elementaren Sicherheitsinteressen vor der eigenen Haustür zu wahren?
Während die USA gleichzeitig ihre militärischen Optionen im Nahen Osten – Tausende Kilometer von der eigenen Landesgrenze entfernt – verstärken, warnt Russland die NATO im Zusammenhang mit Kaliningrad ausdrücklich vor einer möglichen nuklearen Reaktion. Parallel verstärkt Moskau seine militärischen Strukturen im Nordwesten, während die NATO ihre Präsenz im Ostseeraum und im hohen Norden ausbaut.
Das sind unterschiedliche Konflikte, die aus unterschiedlichen Motiven gespeist werden.
TRADOC: Der Blick auf den zukünftigen Krieg (6)
Für die Beantwortung dieser Frage lohnt sich ein Blick auf ein Dokument, das in der öffentlichen europäischen Debatte erstaunlich wenig Beachtung findet: das TRADOC Pamphlet 525-3-1 "Win in a Complex World 2020–2040".
Das Dokument wurde im Oktober 2014 vom "U.S. Army Training and Doctrine Command" veröffentlicht. Es beschreibt nicht einen konkreten Angriffsplan gegen einen bestimmten Staat, sondern ein strategisches und operatives Konzept für die US Army.
TRADOC geht ausdrücklich davon aus, dass die Vereinigten Staaten künftig nicht mehr in einer Welt unangefochtener militärischer Überlegenheit operieren werden. Russland und China werden als zentrale militärische Herausforderungen behandelt. In der späteren Fassung wird Russland für technische und taktische Zwecke sogar als gegenwärtige „maßgebliche Vergleichsbedrohung“ (pacing threat) bezeichnet. Das Dokument verweist auf russische Fähigkeiten, Zugang sowie die Bewegungsfreiheit in umkämpften Räumen (Anti-Access/Area Denial-Systeme (A2/AD)) zu verhindern.
Die Logik des Dokuments ist damit bemerkenswert: Die amerikanischen Streitkräfte sollen sich auf eine Welt vorbereiten, in der die bisherige militärische Dominanz nicht mehr selbstverständlich ist.
„Win in a Complex World“ und die Rückkehr des Großmachtkonflikts
Der Begriff „complex world“ ist dabei mehr als eine Beschreibung politischer Unübersichtlichkeit.
Das Konzept geht von einer Welt aus, in der die Vereinigten Staaten gleichzeitig mit staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren, konventionellen und unkonventionellen Methoden sowie Konflikten unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges konfrontiert sind.
Die zentrale operative Herausforderung wird als „layered standoff“ beschrieben: Ein Gegner versucht, amerikanische und verbündete Kräfte durch ein Zusammenwirken verschiedener Fähigkeiten vom Zugang zu einem Operationsraum abzuhalten.
Die Antwort lautet nicht Rückzug, sondern „penetrate and dis-integrate“, die Fähigkeit, gegnerische Anti-Access-/Area-Denial-Systeme zu überwinden und anschließend die eigenen strategischen Ziele durchzusetzen. Die TRADOC-Konzeption wurde später in die Multi-Domain-Operations-Logik weiterentwickelt.
Wichtig ist allerdings eine präzise Formulierung: Das TRADOC-Dokument sagt nicht wörtlich „der Auftrag lautet, die Bedrohung dieser vier Staaten zwischen 2020 und 2040 abzubauen“ (7). Es sagt, dass das Army Operating Concept 2020–2040 die künftige Streitkräfinnlandfteentwicklung an den Fähigkeiten ausrichtet, die zur Bewältigung der beschriebenen Bedrohungen erforderlich sind. (8)
Damit wird ein Grundproblem der heutigen Weltordnung sichtbar: Beide Seiten denken zunehmend in militärischen Fähigkeiten für den Fall einer Konfrontation.
Russland entwickelt A2/AD-Fähigkeiten.
Die NATO entwickelt Fähigkeiten zu deren Überwindung.
Russland verstärkt seine militärische Präsenz im Nordwesten.
Die NATO verstärkt ihre Präsenz im Norden und Osten.
Der Iran entwickelt Fähigkeiten zur Abwehr amerikanischer Angriffe und zur Gegenreaktion.
Die USA bauen ihre Fähigkeiten für einen erneuten Konflikt mit Iran aus.
Kaliningrad – der gefährlichste Punkt in Europa?
Diese Dynamik ist derzeit besonders deutlich im Fall Kaliningrad zu beobachten.
Russland hat Ende September 2026 eine diplomatische Warnung an die NATO übermittelt. Darin heißt es, Russland sei bereit, sein gesamtes Arsenal einschließlich nuklearer Waffen einzusetzen, sollte ein NATO-Staat versuchen, die Region Kaliningrad vom übrigen Russland zu isolieren. Zugleich warnte Moskau vor möglichen Angriffen von NATO-Mitgliedstaaten auf Entscheidungszentren.
Das ist keine gewöhnliche politische Protestnote.
Kaliningrad ist eine russische Exklave zwischen Polen und Litauen. Aufgrund seiner militärischen Infrastruktur besitzt sie erhebliche strategische Bedeutung für den Ostseeraum. Gleichzeitig macht gerade ihre geografische Lage sie im Falle eines größeren Konflikts zu einem besonders verwundbaren Raum.
Die NATO versichert, dass sie Kaliningrad bedrohe. Generalsekretär Mark Rutte erklärte ausdrücklich, es gebe gegenwärtig (!) keine unmittelbare Bedrohung des NATO-Gebiets durch Russland und die NATO bleibe ein Verteidigungsbündnis. (9)
(Hat Herr Rutte den völkerrechtswidrigen Angriff der NATO auf Restjugoslawien im Frühjahr 1999 vergessen?)
Damit stehen sich zwei unterschiedliche Wahrnehmungen gegenüber:
- NATO: Verstärkung dient der Abschreckung und Verteidigung.
- Russland: Die zunehmende militärische Präsenz an den Grenzen erhöht die Bedrohung seiner Sicherheit.
NATO wiederum: Russische Verstärkungen und russische Drohungen bestätigen die Notwendigkeit eigener Abschreckung.
Hier beginnt das Dilemma.
Im Konfliktraum Iran findet sich dasselbe Muster. Auch hier lohnt sich ein Rückblick: Wann hat Persien oder der Iran seine Nachbarn überfallen? Zwischen 1980 und 1988 waren es die USA, die den Irak im Krieg gegen den Iran unterstützten.
Von der Abschreckung zur Eskalationsspirale
Abschreckung funktioniert nur dann stabil, wenn beide Seiten die militärischen Maßnahmen der anderen Seite richtig interpretieren können.
Genau das wird zunehmend schwieriger.
Wenn Russland seine Streitkräfte im Nordwesten verstärkt, interpretiert die NATO dies als zusätzliche Bedrohung.
Wenn die NATO ihre Truppen in Finnland und im Baltikum verstärkt, interpretiert Russland dies als zusätzliche Bedrohung.
Wenn die USA ihre Kräfte im Nahen Osten verstärken, interpretiert der Iran dies als Vorbereitung weiterer Angriffe.
Wenn der Iran seine Raketen-, Drohnen- und regionalen Fähigkeiten ausbaut, interpretiert Washington dies wiederum als Begründung für weitere militärische Vorsorge.
So entsteht eine Rückkopplung: Bedrohungswahrnehmung → militärische Verstärkung → Gegenverstärkung → neue Bedrohungswahrnehmung.
Diese Dynamik braucht keinen zentralen Plan. Sie kann aus den Einzelentscheidungen verschiedener Regierungen entstehen. Hier bekommt „Win in a Complex World“ eine besondere Bedeutung.
Das TRADOC-Dokument sagt nicht voraus, dass es 2026 zu einem Krieg zwischen Russland und NATO kommen muss.
Es zeigt vielmehr, dass die US Army bereits 2014 damit begann, ihre Streitkräfte systematisch auf eine Welt vorzubereiten, in der Russland und China wieder als ernsthafte militärische Gegner auftreten und in der die amerikanische Bewegungsfreiheit durch gegnerische A2/AD-Fähigkeiten eingeschränkt werden kann.
Und genau deshalb sollte man TRADOC bei der Analyse der heutigen Entwicklung nicht ignorieren.
Es bildet einen Teil des konzeptionellen Hintergrunds für die Transformation der US Army von einer Streitkraft, die nach dem Ende des Kalten Krieges lange Zeit auf eine relativ unangefochtene militärische Überlegenheit bauen konnte, hin zu einer Streitkraft, die wieder mit ebenbürtigen oder nahezu ebenbürtigen Gegnern rechnet.
2014 – 2026: Was hat sich verändert?
Die zeitliche Entwicklung ist deshalb aufschlussreich:
2014:
Maidan-Putsch (Krieg im Donbass)
TRADOC veröffentlicht „Win in a Complex World 2020–2040“. Russland und China werden als zentrale Herausforderungen betrachtet.
2022:
Der Ukrainekrieg macht aus strategischer Konkurrenz einen offenen Krieg an der europäischen Peripherie.
2023/24:
Finnland und Schweden treten der NATO bei. Der strategische Raum im Norden Europas verändert sich.
2026:
Russland baut seine militärische Struktur im Nordwesten aus.
2026:
NATO verstärkt gleichzeitig die Nord- und Ostflanke.
September 2026:
Russland verbindet die Frage Kaliningrads öffentlich mit der Möglichkeit eines nuklearen Einsatzes.
2026:
Parallel dazu eskaliert der Konflikt zwischen den USA und Iran erneut und erhält eine immer deutlichere globale Dimension.
Damit ist etwas eingetreten, was 2014 noch als strategische Zukunftsherausforderung beschrieben wurde:
Die Konkurrenz zwischen den großen Machtzentren ist nicht mehr nur geopolitisch. Sie wird zunehmend militärisch organisiert.
Europa steht dabei vor einem grundlegenden Problem.
Die europäische Sicherheitsordnung nach 1990 – wir erinnern uns an die Aussage des US-Präsidenten George H. Bush am 11. September 1990: „Toward a new World-Order“ – beruhte auf der Vorstellung, dass wirtschaftliche Verflechtung, politische Kooperation und institutionelle Einbindung militärische Konfrontation zunehmend überflüssig machen würden.
Heute erleben wir das Gegenteil: Militärische Fähigkeiten werden wieder zu einem zentralen Instrument der internationalen Politik.
Erst wenn zusätzlich politische Entscheidungen, konkrete Kräfteaufstellungen, Operationsplanungen, Übungen, Waffenstationierungen und tatsächliches Verhalten hinzukommen, lässt sich prüfen, ob aus der Vorbereitung auf mögliche Konflikte eine Vorbereitung auf einen bestimmten Konflikt geworden ist.
Diese Unterscheidung ist für die Analyse der Jahre 2014 bis 2026 entscheidend. Besonders stark ist die Kette 2014: Gegner benannt → 2020–2040: Streitkräfteentwicklung → 2018: Russland/China als Schwerpunkt → 2026: reale militärische Gegenmaßnahmen. (10)
Der Schwebezustand zwischen der brüchigen alten Ordnung und der sich konstituierenden neuen Ordnung ist besonders gefährlich.
Das Risiko liegt darin, dass eine Großmacht nach der unipolaren Weltordnung strebt, während die restliche Welt sich für eine multipolare Friedensordnung einsetzt.
Aktuell beherrschen die USA alle Wasserstraßen der Welt. Doch die Nord-Ost-Passage durch die Arktis könnte die bedeutende Handelsstraße einer multipolaren Welt werden.
Das wird die Noch-Weltmacht USA nicht ohne Weiteres hinnehmen. Vor diesem Hintergrund verbindet die NATO-Nordflanke auch die Arktis und den Ostseeraum.
Und TRADOC zeigt, dass diese neue militärische Realität nicht erst gestern entstanden ist, sondern Teil einer seit Jahren laufenden strategischen Anpassung ist.
Vom Krieg zur Weltordnung?
Die Weltordnung von 1945 beruhte auf einer institutionellen Architektur: Vereinte Nationen, Völkerrecht, Sicherheitsrat, internationale Verträge und – nach 1990 – die Vorstellung einer unipolaren Weltordnung. Diese Ordnung ist heute erkennbar unter Druck.
Gleichzeitig entsteht eine multipolare Welt, in der China, Russland, Indien und weitere Machtzentren ihre eigenen Sicherheitsinteressen zunehmend selbstbewusst vertreten.
Die UN-Generalversammlung kann diesen Wandel sichtbar machen.
TRADOC macht ihn aus militärischer Perspektive sichtbar.
Kaliningrad macht ihn zur unmittelbaren europäischen Sicherheitsfrage.
Iran macht ihn zu einem globalen Problem.
Und die zunehmende militärische Verstärkung auf allen Seiten zeigt, wie wenig belastbar die Übergangsordnung inzwischen geworden ist.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr nur:
Welche internationale Ordnung entsteht aus der gegenwärtigen Konfrontation – und gelingt es, diese Ordnung zu schaffen, bevor die militärische Logik die politische Logik überholt?
Denn die gefährlichste Situation ist möglicherweise nicht die Welt, in der eine Seite den Krieg gewinnen will, sondern in der alle Seiten glauben, sich durch militärische Stärke gegen den Krieg schützen zu müssen.
Dann kann genau das geschehen, was niemand beabsichtigt: Die Vorbereitung auf den Krieg wird zum Weg in den Krieg.
+++
Anmerkungen und Quellen
Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm:
- „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020)
- "Die unterschätzte Macht" (2022)
- "Vom Krieg zur Weltordnung" (Juni 2026)
- "Der Kalte Geist des Krieges " (Oktober 2026)
+++
6) In TRADOC Pamphlet 525-3-1 von 2014, §2-4 „Harbingers of future conflict“, werden tatsächlich genau diese vier staatlichen Akteure genannt: China und Russland als „competing powers“, Iran und Nordkorea (DPRK) als „regional powers“.
+++
Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
+++
Bild: KI-generiertes Bild: Weltkarte als Aquarell mit farblichen Verwerfungen als Ausdruck der geopolitischen Neuordnung
Bildquelle: Shutterstock.AI Generator / shutterstock
+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:
Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark
oder mit
Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin
Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/
+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.
+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/
+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut