Ein Meinungsbeitrag von Dirk C. Fleck.
Auf Facebook betreibe ich eine Seite mit dem Titel „Zitate um Welt“. Dort poste ich in unregelmäßigen Abständen Aussagen, die ich in Interviews, Filmen oder Büchern gefunden habe. Futter für die Seele eben. Wie zum Beispiel dieser Dialog zwischen einem Mann und einer Frau aus dem Film „Schatten der Schuld“ nach Kurt Vonneguts Roman „Haifa“, mit einem großartigen Nick Nolte in der Hauptrolle:
„Ich habe gleich gespürt, dass Sie zur Bruderschaft gehören“. – „Zu welcher Bruderschaft?” – „Zur Bruderschaft der verwundeten Seelen. Das ist die größte Organisation der Welt und das irre ist, dass die Mitglieder absolut unfähig sind, miteinander zu reden“.
Ich möchte hier einige Kostproben von Menschen geben, die dieser Organisation angehören und die mir den Glauben an die Menschheit bewahren helfen, wobei mir ein Mädchen einfällt, deren Namen ich zwar vergessen habe, die mir aber seit über sechzig Jahren gelegentlich in den Sinn kommt. Sie war eine Klassenkameradin. Unser Lehrer war neu. Er gab uns die Aufgabe, einen Aufsatz über uns selbst zu schreiben. Wie siehst Du dich? Natürlich ging jeder hart mit sich ins Gericht, schließlich wollten wir ihm zeigen, dass wir durchaus zur Selbstkritik fähig waren, was sicher Pluspunkte bringen würde. Dieses Mädchen jedoch lieferte nur einen Satz ab, und der wurde vom Lehrer höhnisch vor versammelter Mannschaft verlesen. Der Satz lautete: „Ich finde mich gut so, wie ich bin!“ Die ganz Klasse lachte sie aus. Ich auch. Dafür schäme ich mich noch heute. Wie sagte doch der deutsche Dramatiker Friedrich Hebbel (1813 - 1863)?: „Das Gewissen ist die Wunde, die nie heilt und an der keiner stirbt“.
Dazu passt, was Anna Magnani, die Ikone des italienischen Nachkriegskinos (Rom, offene Stadt) einer Reporterin anvertraute:
„Seine Meinung sagen zu können, ist ein Luxus, den man teuer bezahlt. Ich persönlich zahle gern dafür. Es ist schön, innerlich frei zu sein. Sehr schön.“
Natürlich darf Che Guevara (1928 - 1967) nicht fehlen, dieser marxistische Revolutionär, Guerillaführer, Arzt und Autor. Er war von 1956 bis 1959 ein zentraler Anführer (Comandante) der Rebellenarmee der Kubanischen Revolution und ist neben Fidel Castro deren wichtigste Symbolfigur.
„Seid vor allem immer fähig, jede Ungerechtigkeit gegen jeden Menschen an jedem Ort der Welt im Innersten zu fühlen. Das ist die schönste Eigenschaft eines Revolutionärs. Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren.“
Die US-amerikanische Schriftstellerin Djuna Barnes (Nightwood) hat mich mit dieser Aussage berührt: „Furchtlos auf das Schreckliche zugehen und es in Schönheit verwandeln.“ Dazu gehört Mut. Wer von uns hat den schon?
Künstler können nicht schweigen, selbst wenn sie es wollten, selbst wenn sie erkannt haben, dass ihr Talent und ihre Ausdruckskraft das Leben nicht zu fassen vermag. Die deutsche Schriftstellerin Liane Dirks (Jahrgang 1955, „Vier Arten meinen Vater zu beerdigen“) beschreibt das Dilemma folgendermaßen:
„Kunst machen zu wollen, schreiben zu wollen, singen zu müssen, das kommt mit einer ungeheuren Wucht daher. Es haut einen um. Es fordert, es verlangt, es will in die Welt, es ist ein Auftrag. Und es lässt nicht mehr locker. Wild, bedingungslos, sehr oft gnadenlos, hart und lustvoll, unglaublich schön, nichts verleugnend, alles umarmend und immer im Werden. Kunst zu machen fordert den Menschen ganz und: Es fordert einen ganzen Menschen.“
Fast möchte man ihr mit dem deutschen Theologen und Arzt Angelus Silesius (1624 - 1677) zurufen: „Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir!“
Um ein Licht in das Dunkel unseres Kollektivbewusstseins zu bringen, hält der österreichische Dramatiker Johann Nestroy (1801 - 1862) folgende Erkenntnis bereit: „Dummheit ist eine furchtbare Stärke, sie ist ein Fels, der unerschüttert dasteht, wenn auch ein Meer von Vernunft ihm seine Wogen an die Stirne schleudert“.
Wow! Nun ja, die Unbewussten gehören immer zur Mehrheit und dieses Wissen reicht aus, damit sie ihrer Arroganz und ihrem Zynismus lustvoll freien Lauf lassen können. Würde man sie auch nur für einen Tag aus ihrer Solidargemeinschaft reißen und sie unter sensible, mitfühlende Menschen stecken, sie würden sich nicht mehr zurecht finden. Dazu braucht es die Leitplanken einer sogenannten „Realität“, die sie zu folgsamen Schafen der Eliten werden lässt, welche sich jede, aber auch jede Schweinerei ungestraft leisten dürfen.
„Je mehr du diese Welt verstehst, desto mehr zerstört sie dich,“ schrieb Fjodor Dostojewski (1821-1881). Diese Erkenntnis „passiert“ vielen von uns. Einige träumen dagegen an, wie zum Beispiel die britische Schriftstellerin Virginia Woolf (1882.1941):
„Mich in einer eigenen kleinen Welt abzuschotten, voll mit Gemälden und Musik, voll mit allem was schön ist – ich fühle die Freude darauf ganz intensiv…“
Jim Jarmusch, Jahrgang 1953, einer der bekanntesten Vertreter des US-amerikanischen Independent-Films, propagiert ein anderes Rezept gegen die dauerhafte Schwermut: „Klaue von allem, was dich inspiriert oder deine Fantasie beflügelt. Verschlinge alte Filme, neue Filme, Musik, Bücher, Gemälde, Fotos, Gedichte, Träume, zufällige Gespräche, Architektur, Brücken, Straßenschilder, Bäume, Wolken, Gewässer, Licht und Schatten. Wähle nur aus Dingen, die direkt zu deiner Seele sprechen.“
„Nimm den nicht gekannten Weg,“ rät der griechische Literatur-Nobelpreisträger Jorges Seferis (1900-1971), „blind und trotzig. Such nach Worten, die verwurzelt sind wie der knotige Olivenbaum. Und wünsche, dass noch andere diese drückende Einsamkeit bewohnen:“
Das französisches Schreibgenie Arthur Rimbaud (1854-1891), schüttelt die erdrückende Melancholie des Lebens mit folgendem Satz ab: „ICH ist ein anderer!“ Ganz anders verhält sich mit Georges Bernanos (1888-1948) ein weiterer Literat seines Landes: „Ich weiß nicht, ob das Leben mich liebt, aber Gott hat mir die Gnade erwiesen, dass ich das Leben liebe, welches die Dummköpfe durchrasen, ohne sich Zeit zu nehmen es anzuschauen, das Leben voll wunderbarer Geheimnisse, die es für alle Menschen bereit hält.“
Zum Schluss möchte ich zwei Frauen zitieren, deren Aussagen durchaus in der Lage sind, ein unruhiges Herz zu beruhigen. Das „Tanzlied“ von Else Lasker Schüler (1869 - 1945) zum Beispiel: „Aus mir braust finstre Tanzmusik. Meine Seele kracht in tausend Stücken; der Teufel holt sich mein Missgeschick, um es ans brandige Herz zu drücken. Die Rosen fliegen mir aus dem Haar und mein Leben saust nach allen Seiten. So tanz ich schon seit tausend Jahr, seit meinen ersten Ewigkeiten“.
Da wäre Bettina von Arnim (1785 - 1859), die als Vertreterin der deutschen Romantik gehandelt wird. Für mich ist sie keiner Gattung zuzuordnen. Etikettierungen, egal welche, sind trügerisch. Bettines Worte sind es nicht, sie drücken aus, was in uns allen schwingt:
„Wenn ich der Natur lausche, zuhören will ich es nicht nennen, denn es ist mehr, als man mit dem Ohr fassen kann, aber lauschen, das tut die Seele. – Siehst Du, da fühl ich alles, was in mir vorgeht, ich fühl den Saft, der in die Bäume hinaufsteigt bis zum Wipfel, in meinem Blut aufsteigen. Alles was ich anseh, fühl ich plötzlich ganz – als wär ich die Natur selber. Der Seele Element ist also das Schauen, das ist das Lauschen, sie saugt alle Form, das ist die Sprache der Natur. Aber die Natur selbst hat auch eine Seele, und diese Seele will auch geküsst und genährt sein. Ich habe sie geküsst mit meinen Seelenlippen …“
Was angesichts der trüben Zeiten, in denen sich die Schlinge der finalen Katastrophe immer fester um den Hals der Menschheit zuzieht, häufig vergessen wird, ist die Tatsache, dass in den Herzen der Menschen nicht nur Wut und Enttäuschung sitzen. In Milliarden Herzen wächst etwas heran, was von unschätzbarem Wert ist: die Sehnsucht nach einer besseren Welt! Diese Sehnsucht ist mit Händen zu greifen und zwar überall auf der Erde. Die Menschen haben die Seele der Gier-Kultur endgültig satt.
In jedem von uns steckt ein gewaltiges Potential an Liebe und Empathie, steckt die Sehnsucht nach einem friedlichen Miteinander. Warum legen wir dieses Potential nicht frei, warum bekennen wir uns nicht zu unserer wahren Natur? Täten wir das, würden die Mitglieder unserer Bruderschaft, also die mit den verwundeten Seelen, auch wieder miteinander reden können …
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Illustration: Tauben vor flammendem Hintergrund
Bildquelle: Dadan_pm / shutterstock
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