Warum der Versuch, das Absolute zu besitzen, in die Gewalt führt
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
1. Die Sehnsucht nach dem Absoluten – und ihre gefährlichste Verkleidung
Es gibt eine Denkfigur, die in spirituellen, esoterischen und manchmal auch philosophischen Texten immer wieder auftaucht. Sie beginnt mit einer scheinbar demütigen Einsicht: Die absolute Wirklichkeit – jenseits von Raum und Zeit, jenseits aller Begrenzung – entziehe sich der objektiven Beweisbarkeit. Sie sei nur subjektiv erfahrbar, nur in der Tiefe des eigenen Bewusstseins.
Bis hierhin ist das eine nachvollziehbare, ja traditionsreiche Position, die sich bei Mystikern aller Kulturen findet.
Doch dann vollzieht diese Denkfigur einen entscheidenden, meist unbemerkten Schritt. Aus der Subjektivität des Zugangs wird die Behauptung einer objektiven Struktur des Absoluten. Nun heißt es plötzlich: Die absolute Wirklichkeit sei individuell, sie besitze einen freien Willen, sie sei von Liebe durchdrungen, sie habe eine persönliche Beziehung zu uns, und wir alle seien Funken dieses einen absoluten Bewusstseins.
Dieser Schritt ist nicht nur vorschnell – er ist ein logischer Fehler. Und ein gefährlicher dazu.
2. Der Kategorienfehler: Wenn die Ewigkeit zur Persönlichkeit wird
Der erste Fehler liegt in der stillschweigenden Gleichsetzung von Zeitlosigkeit mit Vollkommenheit aller Eigenschaften. Die Argumentation verläuft etwa so:
- Die absolute Ebene ist zeitlos und unbegrenzt.
- In unserer relativen Welt gibt es Eigenschaften wie Individualität, Freiheit und Liebe.
- Da die absolute Ebene alle Eigenschaften in vollkommenem Maß enthalten muss, muss sie selbst individuell, frei und liebend sein.
Das klingt schlüssig – aber es ist ein Trugschluss. Aus der Zeitlosigkeit eines Prinzips folgt nicht, dass es alle Eigenschaften seiner Teile in gesteigerter Form besitzt. Ein mathematischer Satz ist zeitlos – aber er liebt nicht. Ein physikalisches Gesetz ist unveränderlich – aber es hat keinen freien Willen. Die Eigenschaften Persönlichkeit, Wille und Liebe sind an Erfahrungswesen gebunden, die in der Zeit leben, die Bedürfnisse haben, die Beziehungen eingehen.
Hier wird also heimlich eine anthropomorphe Vorstellung in das Absolute eingeschmuggelt. Das Absolute wird nach dem Bild des menschlichen Ichs modelliert – und dann wird dieses Bild für die Wirklichkeit selbst ausgegeben. Das ist keine Erkenntnis mehr. Es ist die Projektion der eigenen Sehnsucht auf den leeren Himmel des Absoluten. Was als demütige Subjektivität begann, endet in der Behauptung, die Struktur des Ganzen zu kennen.
3. Der Widerspruch zur eigenen Prämisse: Wenn Subjektivität zur Allmachtsfantasie wird
Der zweite Fehler ist noch schwerwiegender, weil er die eigene Prämisse untergräbt. Die Denkfigur beginnt mit dem Satz: „Der Zugang zur absoluten Ebene entzieht sich objektiver Beweisbarkeit."
Das ist eine erkenntnistheoretische Bescheidenheit. Sie sagt: Wir können über das Absolute keine allgemeingültigen Aussagen machen, weil es uns nicht als Objekt gegeben ist.
Doch dann, auf den nächsten Seiten, geschieht das Gegenteil. Nun werden mit großer Geste kategorische Aussagen über die absolute Ebene getroffen: dass sie individuell ist, dass sie einen Willen hat, dass sie Liebe ist, dass wir uns entschieden haben, in diese Welt einzutreten, dass es „fortgeschrittene Seelen" gibt, die den Weg weisen.
Wenn der Zugang zur absoluten Ebene prinzipiell subjektiv und unbeweisbar ist, dann ist keine dieser Aussagen erlaubt. Sie sind nicht mehr und nicht weniger als menschliche Gedankenkonstrukte – aber sie werden als Offenbarung, als Einsicht, als Wissen verkauft. Der Autor dieser Denkfigur beansprucht eine Autorität, die er sich durch seine eigene Prämisse verboten hat. Er redet, als hätte er einen Reiseführer für das Jenseits gelesen. Das ist nicht Demut – es ist intellektuelle Hybris.
4. Die politische Pointe: Warum die Spaltung von Geist und Materie ein Machtspiel ist
Damit ist der dritte Fehler erreicht – und er ist der entscheidende, weil er aus der Philosophie in die Politik führt. Die Spaltung von Geist und Materie ist nicht nur ein erkenntnistheoretischer Irrtum. Sie ist ein Herrschaftsinstrument – und das lässt sich nicht nur behaupten, sondern zeigen.
Sobald ich die Wirklichkeit in zwei feindliche Lager teile – hier die „höhere" absolute Seele, dort die „niedere", „illusorische" oder „relative" Materie – habe ich eine Rangordnung etabliert. Und Rangordnungen sind immer auch Machtordnungen, sobald jemand darüber entscheidet, wer auf welcher Seite der Rangordnung steht.
Diese Funktion ist keine bloße Möglichkeit, sondern historisch gut dokumentiert. Die mittelalterliche Kirche legitimierte weltliche Herrschaft, Zehntabgaben und den Ablasshandel mit genau dieser Hierarchie von unvergänglicher Seele und vergänglichem, sündigem Fleisch. Die europäische Kolonialmission rechtfertigte Landraub und Zwangsarbeit mit dem Auftrag, „unwissende", „gottlose" Völker zur höheren Wahrheit zu führen – die materielle Enteignung wurde durch die behauptete geistige Überlegenheit gedeckt. Und auch die moderne spirituelle Ökonomie ist keine Ausnahme: Wo „fortgeschrittene Seelen" den einzigen Zugang zur absoluten Erkenntnis verwalten, entstehen reale Abhängigkeits- und Spendenstrukturen, reale Hierarchien von Eingeweihten und Novizen, reale materielle Vorteile für die, die an der Spitze dieser Rangordnung stehen. Die Behauptung, im Besitz der einzig gültigen Landkarte des Jenseits zu sein, ist selten folgenlos für die Verteilung diesseitiger Ressourcen.
Der Mechanismus ist dabei immer derselbe, nur die Akteure wechseln:
- Wer die Welt für „illusorisch" erklärt, muss keine Verantwortung mehr für Hunger, Kriege und Umweltzerstörung übernehmen. Das ist ja nur „relativ".
- Wer die Materie für eine „Projektion der Unwissenden" hält, kann den konkreten Schmerz anderer Menschen als nebensächlich abtun.
- Wer das Absolute als „individuell" und „liebend" definiert, aber den Zugang nur über „fortgeschrittene Seelen" ermöglicht, hat eine neue Priesterschaft etabliert – mit allen Mechanismen der Exklusion, der Abhängigkeit und, nicht selten, der Finanzierung.
Divide et impera – teile und herrsche. Die Moral liefert die Rechtfertigung für die Teilung. Die Spiritualität verleiht ihr den göttlichen Segen. Und am Ende dieser Kette steht fast immer eine sehr diesseitige Frage: Wer entscheidet, wer erleuchtet und wer unwissend ist – und wer profitiert davon, dass diese Entscheidung getroffen wird? Wer die Welt in Geist und Materie, in absolut und relativ, in erleuchtet und unwissend spaltet, schafft nicht Frieden – er schafft Fronten, und an diesen Fronten stehen selten zufällig verteilte Gewinner und Verlierer.
5. Die Alternative: Weder Geist noch Materie – sondern beides als untrennbarer Prozess
Es gibt eine dritte Möglichkeit – und sie ist nicht der Kompromiss zwischen zwei Extremen, sondern die Überwindung der Spaltung selbst.
Weder der materialistische Reduktionismus (nur Materie ist real) noch der spiritualistische Reduktionismus (nur Geist ist real) halten, was sie versprechen. Beide teilen die Wirklichkeit in zwei Hälften und erklären dann eine Hälfte für die „wahre" – mit allen Konsequenzen, die wir gesehen haben.
Die dritte Möglichkeit lautet: Geist und Materie sind zwei Perspektiven auf ein und dasselbe Geschehen. So sah es Spinoza: Es gibt nur eine Substanz, die sich unter dem Attribut der Ausdehnung als Materie zeigt und unter dem Attribut des Denkens als Geist – eine Substanz übrigens, der er selbst ausdrücklich jede Persönlichkeit, jeden individuellen Willen abspricht. Genau das unterscheidet Spinozas Monismus von der Denkfigur aus Abschnitt 2: Er überwindet die Spaltung, ohne sie durch ein neues anthropomorphes Absolutes zu ersetzen.
Eine verwandte Spur findet sich, mit anderem Vokabular, auch bei dem Physiker David Bohm, der in seinen späten, explizit philosophischen Schriften festhielt:
„Es gibt einen universellen Fluss, der sich nicht explizit fassen, sondern nur implizit erkennen lässt … In diesem Fließen sind Geist und Materie keine voneinander getrennten Substanzen, sondern vielmehr Aspekte einer einzigen und bruchlosen Bewegung."
Auch hier gilt: Das ist keine physikalische Beweisführung, sondern Bohms eigene, in der Physik bis heute umstrittene Deutung – aber sie zeigt, dass die Überwindung der Spaltung kein exklusiv östliches oder metaphysisches Motiv ist, sondern auch aus einer nüchternen, unpersönlichen Naturbeschreibung heraus gedacht werden kann.
Der Buddhismus kennt eine ähnliche Einsicht: Die Welt ist nicht „illusorisch" im Sinne von nicht-existent. Sie ist Sunyata – durchsichtig, leer von eigenständigem Wesen, aber gerade dadurch offen für Verbindung, für Prozess, für Beziehung. Die Welle ist nicht vom Ozean getrennt – aber sie ist auch nicht der Ozean. Sie ist der Ozean in Bewegung.
Wer diese Einsicht ernst nimmt, kann die Welt nicht mehr verachten. Er kann sie nicht mehr als bloße Projektion abtun. Er sieht: Die Welt ist wirklich – wirklich genug, dass wir Verantwortung für sie tragen. Und sie ist prozesshaft – prozesshaft genug, dass wir sie nicht besitzen können.
6. Schluss: Gegen jeden Besitzanspruch auf die Wahrheit
Die tiefste Gefahr der beschriebenen Denkfigur liegt nicht in ihren einzelnen Fehlschlüssen. Sie liegt in ihrem Anspruch: Sie beansprucht, das Absolute zu besitzen.
Wer glaubt, die absolute Wahrheit zu haben, hat sie bereits verloren. Denn er hat sie in ein Objekt verwandelt, über das er verfügen kann – und über das er dann auch andere verfügen lassen kann. Wer die absolute Wahrheit besitzt, besitzt auch die Macht, sie anderen vorzuenthalten, sie zu verwalten, sie zu bewachen.
Die wahre Weisheit ist bescheidener. Sie sagt nicht: „Ich habe die Wahrheit." Sie sagt: „Die Wahrheit hat mich – wenn ich still genug bin, um sie zu empfangen."
Krishnamurti hat dafür eine Formel gefunden, die so schmucklos ist wie unbestechlich: „Inspiration erscheint, wenn der Geist still wird." Nicht: wenn der Geist mehr weiß. Nicht: wenn er die richtige Theorie gefunden hat. Sondern: wenn er aufhört, ununterbrochen zu urteilen, zu kategorisieren, zu beanspruchen.
Dann zeigt sich, was sich nicht besitzen lässt. Dann zeigt sich, dass die Spaltung von Geist und Materie nicht die letzte Wahrheit ist – sondern der erste Fehler, den wir korrigieren müssen, wenn wir aufhören wollen, uns und andere zu beherrschen.
Die Alternative ist nicht der Besitz einer neuen Wahrheit. Es ist die Bereitschaft, immer wieder aufs Neue in jene Stille einzutreten, in der die Spaltung von Geist und Materie, von absolut und relativ, von gut und böse gegenstandslos wird – nicht weil sie verschwindet, sondern weil sie ihren Herrschaftsanspruch verliert.
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Welle in Gestalt des Yin-Yang-Symbols
Bildquelle: Munimara / shutterstock
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