Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Ein 18-Jähriger wird stundenlang verhörähnlich befragt und einer entwürdigenden Leibesvisitation unterzogen – nicht, weil er sich einer Straftat verdächtig gemacht hätte, sondern weil er auf einem Fragebogen ehrlich angekreuzt hat, dass er keinen Dienst an der Waffe leisten will. Dieser Fall aus Kiel ist kein Einzelfall und schon gar kein Ausrutscher überengagierter Sachbearbeiter. Er ist die konsequente Anwendung einer Logik, die man beim Namen nennen muss: der Logik des Krieges, die den jungen Menschen nicht als Rechtssubjekt behandelt, sondern als Verfügungsmasse.
Der äußere Anlass ist die Wehrpflicht-Debatte, die sich derzeit an den Schulstreiks gegen die Zwangsmusterung entzündet. Doch wer sich auf die juristische Ebene beschränkt – hält sich die Bundeswehr an ihr eigenes Gesetz, ja oder nein –, verfehlt den eigentlichen Skandal. Das Wehrdienstgesetz sah in seiner ursprünglichen Fassung eine Übergangsfrist bis Juli 2027 vor, innerhalb derer nur ausdrücklich Interessierte gemustert werden sollten. Diese Formulierung wurde zwei Tage vor der Verabschiedung aus dem Gesetzestext gestrichen – lautlos, ohne öffentliche Debatte. Dass anschließend gezielt jene vorgeladen wurden, die im Fragebogen eine Null angekreuzt hatten, ist insofern kein Bruch der Legalität, sondern ihre plangemäße Ausnutzung. Das Recht wird hier nicht verletzt, sondern als Instrument der Verfügbarmachung eingesetzt.
Genau darin liegt die eigentliche Ideologie: Der junge Mensch wird nicht als Bürger mit unveräußerlichen Rechten adressiert, sondern als eine Ressource, deren Widerstand ein technisches Problem der Beschaffungslogistik darstellt. Diese Logik ist nicht neu – sie ist die zeitgenössische Form eines uralten Prinzips der Kriegsökonomie: der Landsknecht-Prinzip, wonach Kriegsapparate ihre Arbeitskraft als disponibel behandeln, austauschbar, ohne Eigenwert jenseits der Verwertbarkeit. Was sich ändert, sind nur die Verwaltungsformen – Musterungszentrum statt Werbetrommel, Fragebogen statt Handgeld.
Bemerkenswert ist, wie viele gesellschaftliche Institutionen sich in diese Logik einreihen, ohne dass es einer zentralen Anweisung bedürfte. Der Deutsche Lehrerverband warnte Schüler bereits vor einem Jahr vor der Teilnahme an den Streiks. In Baden-Württemberg leiteten Schulleiter Bußgeldverfahren gegen einkommenslose, also strukturell wehrlose Schüler ein. In Cottbus drohte ein Schulleiter einem streikenden Schüler mit Suspendierung. Das brandenburgische Bildungsministerium warnte alle Schulen vor der Bewegung und übernahm dabei unbesehen die Diktion des Inlandsgeheimdienstes: gefährliche "Linksextremisten" seien am Werk. Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt sprachen Schüler in Kiel direkt an. Die Polizei nahm in Berlin und München streikende Schüler vorübergehend fest und leitete Ermittlungsverfahren wegen "Politiker-Beleidigung" ein.
Diese Aufzählung liest sich wie eine Ansammlung disparater Vorfälle. Sie ist es nicht. Sie ist die praktische Ausführung dessen, was man ein moralisches Betriebssystem nennen kann: Zuerst die Spaltung – hier die staatstragende Mehrheit, dort die "Extremisten". Dann die Bewertung – Verweigerung wird nicht als legitime politische Position behandelt, sondern als Sicherheitsrisiko kodiert. Und schließlich die Sanktionierung – Bußgeld, Suspendierungsdrohung, Ingewahrsamnahme, Ermittlungsverfahren. Jede dieser Stufen wirkt für sich genommen wie neutrale Verwaltungspraxis. In der Summe bilden sie ein System, das den zivilen Widerstand gegen die eigene Verheizung kriminalisiert, noch bevor die gesetzliche Grundlage dafür überhaupt vollständig in Kraft getreten ist.
Es ist diese vorauseilende Bereitschaft – von Schulleitung bis Geheimdienst –, junge Menschen für ihre bloße Weigerung zu bestrafen, die den eigentlichen Charakter der Sache offenlegt. Es geht nicht um Landesverteidigung in einem irgendwie nachvollziehbaren Sinn. Es geht um die Einübung einer Haltung: dass der Staat über den Körper und die Biografie seiner jüngsten Bürger verfügen darf, sobald die Kriegsökonomie es verlangt – und dass Widerspruch dagegen nicht Ausdruck von Mündigkeit, sondern ein zu behandelndes Problem ist. Genau das ist der Kern von Menschenfeindlichkeit als Staatsideologie: nicht der Hass auf den Einzelnen, sondern die stillschweigende Übereinkunft, dass der Einzelne zählt, solange er nützt – und andernfalls schikaniert werden darf.
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Bildquelle: apolut
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Quellen:
- Alexandra Nollok: "Gegen die Wehrpflicht: Schüler wollen wieder streiken – Behörden und Militär schikanieren sie", RT DE, 23.09.2026 (Ausgangsartikel)
- Bundesverteidigungsministerium ggü. Berliner Morgenpost (zitiert nach RT DE): Bestätigung der rund 1.000 Vorladungen wehrunwilliger 17- und 18-Jähriger zur Musterung
- Informationsstelle Militarisierung (IMI): Bericht zur gezielten Vorladung von Jugendlichen mit erklärtem Nulldesinteresse
- Berliner Zeitung: "Schulstreik gegen Wehrpflicht": Der Verfassungsschutz schweigt zu Vorwürfen von Schülern – https://www.berliner-zeitung.de/article/10038382
- Berliner Zeitung: Schulstreik gegen Wehrpflicht: Schüler berichten von Bedrohung durch BKA und Verfassungsschutz – https://www.berliner-zeitung.de/article/10034893
- Lausitzer Rundschau: Bericht zur Suspendierungsdrohung gegen einen Cottbuser Schüler (hinter Bezahlschranke)
- Schulstreik-gegen-Wehrpflicht-Bündnis: Erfahrungsberichte betroffener Schüler auf der Bündnis-Website
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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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