Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Zwei, drei Sprengköpfe. Mehr braucht es nicht. Wenn der ehemalige Stabschef des US-Außenministeriums, Oberst Lawrence Wilkerson, in einem aktuellen Interview (15.09.2026) über die nukleare Verwundbarkeit des Nahen Ostens spricht, dann kommt er zu einem Satz, der die gewohnte westliche Erzählung auf den Kopf stellt: Sollte der Iran beschließen, zwei oder drei Atomsprengköpfe auf bunkerbrechende ballistische Raketen zu montieren, wären Tel Aviv und Haifa mit einem einzigen koordinierten Schlag ausgelöscht – und mit ihnen der Kern des israelischen Staates. Umgekehrt, so Wilkerson, könnte man fünfzig Atomwaffen auf den Iran abwerfen, ohne den Staat als Ganzes zu zerstören, wenn man nicht mit chirurgischer Präzision genau wüsste, wo man sie platziert. Die Schlussfolgerung klingt zunächst paradox: Israel, dessen nukleare Fähigkeiten offiziell weder bestätigt noch dementiert werden, ist gegenüber einem Atomangriff strukturell verwundbarer als der Iran, den es als existenzielle Bedrohung bekämpft.
Der Grund dafür ist keine Frage der Waffentechnik, sondern der Geographie. Israel erstreckt sich über rund 22.000 Quadratkilometer – kaum größer als Hessen – bei einer Bevölkerung von knapp zehn Millionen Menschen und einer Bevölkerungsdichte von etwa 450 Einwohnern pro Quadratkilometer. Allein im Ballungsraum Tel Aviv leben über 2,6 Millionen Menschen auf gerade einmal 335 Quadratkilometern; rechnet man Jerusalem (rund 920.000) und Haifa (rund 485.000) hinzu, konzentriert sich fast die Hälfte der israelischen Bevölkerung auf einen Küstenstreifen von wenig mehr als 150 Kilometern Länge. Es gibt keine strategische Tiefe, in die man ausweichen könnte – keine zweite, dritte, vierte Großstadt, die das Land am Leben hielte, sollte die erste fallen.
Der Iran dagegen erstreckt sich über 1,65 Millionen Quadratkilometer – flächenmäßig vergleichbar mit Westeuropa – bei einer Bevölkerungsdichte von gerade einmal 54 Einwohnern pro Quadratkilometer, also einem Achtel der israelischen Dichte. Seine Bevölkerungszentren sind über das ganze Land verteilt: Teheran mit gut neun Millionen Einwohnern, aber auch Maschhad (5,4 Millionen), Isfahan (1,8 Millionen), Täbris, Schiras, Ahvaz – jede dieser Städte eigenständig genug, um den Verlust einer anderen zu überstehen. Hinzu kommt, was Wilkerson als "dynamische Information" bezeichnet: Der Iran verfügt über unterirdische Produktionskapazitäten für ballistische Raketen, die es ihm erlauben – seinen Angaben zufolge – Nachschub praktisch so schnell zu produzieren, wie er verbraucht wird. Eine Fähigkeit zur Dezentralisierung, die dem israelischen Territorium schon aus geographischen Gründen verwehrt bleibt.
Diese strukturelle Schwäche ist keine neue Erkenntnis der israelischen Führung, sondern seit Jahrzehnten Teil ihrer Nukleardoktrin – bekannt unter dem Namen "Samson-Option", benannt nach dem biblischen Richter Shimshon, der sich zusammen mit seinen Gefangenen unter den einstürzenden Tempelsäulen begrub: Steht der eigene Untergang ohnehin bevor, reißt man den Feind mit in die Vernichtung. Bereits im Jom-Kippur-Krieg 1973 ließ Ministerpräsidentin Golda Meir, deren Armee von den arabischen Streitkräften zeitweise überrannt wurde, dreizehn Atomsprengköpfe scharf machen und auf Trägersysteme montieren – eine bewusst sichtbar gemachte Drohung, die laut dem Journalisten Seymour Hersh maßgeblich dazu beitrug, dass Washington eiligst militärische Nachschublieferungen an Israel organisierte. In einem BBC-Interview mit Alan Hart bestätigte Meir später unumwunden, sie würde im Fall einer existenziellen Bedrohung Israels ohne Zögern Atomwaffen einsetzen.
Genau in dieser Tradition, so Wilkerson, bewegen sich die wiederholten öffentlichen Andeutungen Netanjahus und seines Verteidigungsministers Israel Katz, man werde jede erdenkliche Option nutzen, um eine existenzielle Bedrohung abzuwenden – Formulierungen, die seit der israelisch-amerikanischen Militärkampagne gegen den Iran, die im Februar 2026 mit "Operation Epic Fury" begann und im Juni in "Operation Rising Lion" mündete, kontinuierlich eskaliert sind, zuletzt in Katz' Ankündigung Anfang September, man sei bereit, Teheran "Schläge auszuteilen, die es noch nicht erlitten hat". Die Pointe, die Wilkerson daraus zieht: Wer strukturell verwundbar ist und einen Krieg zu verlieren droht, wird nicht vorsichtiger, sondern gefährlicher – weil die nukleare Drohung die einzige verbleibende Verteidigungslinie ist, wenn geographisch keine andere existiert.
Genau hier begeht die westliche Öffentlichkeit denselben Kategorienfehler, den man sonst gegenüber dem Iran selbst beobachtet – nur in umgekehrter Richtung. Während man dem Iran regelmäßig unterstellt, seine nukleare Rhetorik sei kalkulierte Aggression, wird Israels ganz ähnlich gelagerte Drohkulisse fast durchgängig als legitime Abschreckung einer überlegenen, sicheren Atommacht gelesen. Beides beruht auf derselben fehlerhaften Prämisse: dass nukleare Drohungen Ausdruck von Stärke seien. Tatsächlich signalisieren sie in beiden Fällen das Gegenteil – die Abwesenheit jeder anderen Option. Nur dass diese Abwesenheit im israelischen Fall nicht politischer, sondern geographischer Natur ist und sich deshalb auch durch keinen Regierungswechsel, keine Diplomatie und keine amerikanische Sicherheitsgarantie beheben lässt.
Man kann Grenzen verschieben, Bündnisse kündigen, Regierungen stürzen. Die Küste, auf der fast die Hälfte der israelischen Bevölkerung lebt, lässt sich nicht verlegen. Nicht Irans wachsende Fähigkeiten sind am Ende das eigentliche Risiko dieser Konfrontation – sondern eine Geographie, die für Israelis keinen Raum zum Ausweichen lässt, gepaart mit einer Politik, die sich nicht aus den illegal besetzten Gebieten zurückzieht und den Groß-Israel-Plan mit genozidalen Mitteln verfolgt.
+++
Bildquelle: Rokas Tenys / shutterstock
+++
Quellen:
- Wilkerson/Rkin-Doppelinterview (15.09.2026, YouTube-Mitschnitt)
- bpb.de: "Israel – Das Land in Daten" / "Iran – Das Land in Daten"
- Worldometers: Bevölkerung Israels; Größte Städte in Israel; Größte Städte im Iran
- Wikipedia: "Samson-Option"
- Republic World: "The Samson Option: Israel's nuclear deterrence"
- The Hypertexts: "The Samson Option confirmed by Israeli Prime Minister Golda Meir"
- Wikipedia: "2026 Iran war"
- JNS: "Katz: Any Iranian attack will bring blows Tehran 'has not yet suffered'" (08.09.2026)
+++
Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:
Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark
oder mit
Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin
Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/
+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.
+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/
+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut