Artikel

Die Waffe, die sich ihre eigene Nachfrage schreibt | Von Dirk Ellerbrock

Die Waffe, die sich ihre eigene Nachfrage schreibt | Von Dirk Ellerbrock

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Der frühere Stabschef des amerikanischen Außenministeriums, Colonel Lawrence Wilkerson, hat kürzlich in einem öffentlichen Gespräch die These vertreten, amerikanische Rüstungskonzerne finanzierten direkt zivilgesellschaftliche Kampagnen in mehreren postsowjetischen und nordeuropäischen Staaten – von Norwegen über Georgien und Moldau bis nach Armenien und Aserbaidschan –, um dort eine NATO-nahe Ausrichtung zu befördern. Diese konkrete Behauptung ließ sich in der öffentlich zugänglichen Literatur nicht bestätigen. Was sich dagegen sehr wohl belegen lässt, ist ein eng verwandter, dokumentierter Mechanismus, der denselben Verdacht auf einem anderen, nachprüfbaren Weg erhärtet – nicht über direkte Zahlungen an Bürgerinitiativen vor Ort, sondern über die Finanzierung jener Institutionen in Washington, die die politischen Empfehlungen liefern, aus denen solche Ausrichtungen am Ende folgen.

Als der Atlantic Council im Jahr 2015 in Washington den Vorschlag ausarbeitete, die Ukraine mit Javelin-Panzerabwehrraketen auszurüsten, klang das zunächst wie eine nüchterne sicherheitspolitische Empfehlung eines der angesehensten außenpolitischen Thinktanks der USA. Ein Thinktank ist, zur Erinnerung, keine staatliche Behörde, sondern eine privat finanzierte Denkfabrik, die Studien und politische Empfehlungen erarbeitet und diese dann an Kongressabgeordnete, Ministerien und Journalisten weitergibt – ihre Empfehlungen gelten in Washington oft als scheinbar neutraler Sachverstand, weil sie nicht direkt von einer Regierung oder einem Unternehmen selbst stammen. Genau das macht den folgenden Befund so aufschlussreich. Was in der damaligen Berichterstattung über den Javelin-Vorschlag kaum erwähnt wurde: Diese Panzerabwehrrakete wird von genau zwei Unternehmen hergestellt, Raytheon und Lockheed Martin, und beide gehören zu den Firmen, die den Atlantic Council selbst mit erheblichen Summen finanzieren. Nach Recherchen des Fachdienstes Responsible Statecraft erhält der Council allein von 22 Rüstungskonzernen mindestens 2,69 Millionen Dollar im Jahr, darunter neben Raytheon und Lockheed auch Boeing und General Dynamics. Der Council ist damit kein neutraler Beobachter, der zufällig zu einer Empfehlung gelangt, die seinen Geldgebern nützt. Er ist der Ort, an dem sich Empfehlung und Nutzen gar nicht mehr sauber trennen lassen, weil beide von denselben Akteuren finanziert werden.

Das ist mehr als ein gewöhnlicher Interessenkonflikt, wie man ihn etwa von einem Gutachter kennt, der zufällig auch für die begutachtete Firma arbeitet. Es lohnt sich, den Mechanismus einmal in Ruhe auseinanderzunehmen, weil er eine ganz bestimmte, normalerweise unterstellte Reihenfolge auf den Kopf stellt. Normalerweise stellt man sich vor, dass zuerst eine Bedrohung entsteht – etwa die Aufrüstung eines Nachbarlandes –, dass darüber dann eine öffentliche Debatte geführt wird, in der Fachleute unabhängig voneinander zu einer Einschätzung kommen, und dass erst am Ende, gewissermaßen als logische Konsequenz dieser Debatte, ein Beschaffungsauftrag an die Industrie vergeben wird. Bedrohung, Debatte, Auftrag – in dieser Reihenfolge. Was sich am Beispiel des Atlantic Council zeigt, ist eine umgekehrte, in sich geschlossene Schleife: Die Industrie finanziert bereits im Vorfeld die Institution, die anschließend die Bedrohungsanalyse liefert, diese Analyse bereitet wiederum die politische Entscheidung vor, und aus dieser Entscheidung geht am Ende der Auftrag an genau jene Industrie hervor, die den ganzen Vorgang von Anfang an mitfinanziert hat. Legitimation und Profit sind hier nicht mehr zwei getrennte Ebenen, von denen die eine die andere nachträglich rechtfertigt, so wie man es aus klassischen Kritiken der Rüstungslobby kennt. Sie sind ein und derselbe Vorgang, nur zu verschiedenen Zeitpunkten seines Ablaufs betrachtet.

Wie sauber diese Schleife auch ganz ohne den Umweg über einen Thinktank funktionieren kann, zeigt ein zweites Beispiel, das noch unmittelbarer ist: Norwegen. Das Land hat kürzlich seine Flotte von 52 F-35-Kampfjets vollständig in Dienst gestellt, gebaut vom selben Konzern, Lockheed Martin, der auch am Atlantic Council beteiligt ist. Die norwegische Regierung hat diese milliardenschwere Beschaffung seit Jahren mit einer wiederkehrenden Formel begründet: wachsende russische militärische Aktivität in der Arktis, gestiegener Bedarf an Abschreckung im sogenannten hohen Norden, jener nördlichen Region, die für die NATO wegen ihrer Nähe zur russischen Nordflotte strategisch bedeutsam ist. Der norwegische Verteidigungshaushalt wurde mehrfach genau mit Verweis auf dieses Beschaffungsprogramm angehoben, zuletzt mit einer Prognose von 7,6 auf 9,2 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2028. Hier gibt es nicht einmal mehr eine vermittelnde Institution wie einen Thinktank, die zwischen Bedrohungserzählung und Bestellliste steht. Die Erzählung von der russischen Arktis-Bedrohung und die Lieferliste des Herstellers sind praktisch identisch geworden – man könnte fast sagen, das eine ist nur die politische Übersetzung des anderen.

Noch aufschlussreicher wird der Mechanismus dort, wo er nicht auf ein bereits seit Jahrzehnten etabliertes NATO-Mitglied wie Norwegen trifft, sondern auf ein Land, das sich gerade erst aus einer anderen Einflusssphäre löst und dabei quasi live beobachten lässt, wie eine neue Anbindung entsteht. Armenien hat nach seiner militärischen Niederlage gegen Aserbaidschan im Jahr 2023 mit seinem traditionellen Schutzpatron Russland gebrochen, weil die von Moskau geführten Sicherheitsgarantien im entscheidenden Moment ausgeblieben waren – ein Vertrauensbruch, der das Land außenpolitisch praktisch heimatlos zurückließ. Schon im Januar 2025, also erstaunlich kurz danach, unterzeichneten die USA und Armenien eine sogenannte Strategic Partnership Commission, eine gemeinsame Kommission zur Vertiefung der wirtschaftlichen und militärischen Zusammenarbeit. Verbunden war damit eine konkrete Summe: rund 18 Millionen Dollar aus dem amerikanischen Programm zur Finanzierung ausländischer Streitkräfte, bereitgestellt unter anderem für gepanzerte Sanitätsfahrzeuge und ein neues Zentrum für Cyberabwehr. Der Moment, in dem sich ein Land aus einer alten Einflusssphäre löst, ist also gerade nicht der Moment, in dem es sich selbst überlassen bleibt und frei entscheiden kann, wie es weitergeht. Er ist vielmehr genau der Moment, in dem eine neue Finanzierungslinie eröffnet wird, die diese Loslösung nachträglich absichert, vertieft und in eine bestimmte Richtung lenkt.

Am aufschlussreichsten ist am Ende jedoch nicht einmal die Frage, wer wen finanziert, so wichtig diese Frage für sich genommen auch ist. Aufschlussreicher ist die Frage, was mit der zugehörigen Erzählung selbst passiert, sobald sie einmal in der Welt ist und sich von ihrem ursprünglichen Kontext löst. In Georgien läuft derzeit ein Gerichtsverfahren gegen acht Oppositionspolitiker, unter ihnen der frühere Präsident Micheil Saakaschwili, denen vorgeworfen wird, ausländischen Regierungen sicherheitsrelevante Informationen weitergegeben und damit den georgischen Staatsinteressen geschadet zu haben. Vor Gericht sagten im Juli 2026 regierungsnahe Zeugen aus, die Proteste gegen die georgische Regierung in den Monaten November und Dezember 2024 seien von der amerikanischen Auslandsgeheimdienst CIA und der amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID finanziert worden und hätten einem versuchten Umsturz gleichgekommen. Die Angeklagten weisen das entschieden zurück, ebenso internationale Beobachter wie Transparency International, die das Verfahren als politisch motivierte Anklage kritisieren und inzwischen von neunzig politischen Gefangenen in Georgien sprechen.

Was hier stattfindet, verdient besondere Aufmerksamkeit, gerade weil es die einfache Version der These auf den Kopf stellt. Es ist nämlich nicht der Westen, der die Erzählung von der finsteren CIA-Finanzierung in Umlauf bringt, um von der eigenen Einmischung abzulenken oder sie zu rechtfertigen – wie man es in den vorangegangenen Beispielen erwarten könnte. Es ist umgekehrt eine Regierung, die selbst als Russland zugewandt gilt und die traditionell als Gegenspielerin des Westens beschrieben wird, die genau diese Erzählung von der amerikanischen Einmischung benutzt, um die eigene innenpolitische Opposition strafrechtlich zu verfolgen und mundtot zu machen.

Damit schließt sich ein Kreis, der über die einzelnen Länderbeispiele weit hinausweist. Die Behauptung, dass amerikanische Institutionen im Ausland Proteste und politische Umbrüche finanzieren, ist irgendwann selbst zu einer frei verfügbaren Legitimationswährung geworden – zu einer Art Universalmünze, die von praktisch jeder Seite eingesetzt werden kann, die gerade eine Rechtfertigung für ihr eigenes Handeln braucht. Sie dient westlichen Thinktanks, die eine Aufrüstung befürworten, ebenso wie einer moskaufreundlichen Regierung, die eine Justizkampagne gegen die eigene Opposition führt. Was in Washington als Finanzierungsschleife zwischen Rüstungskonzern und Politikberatung beginnt, endet in Tiflis als Gerichtsverfahren, in dem dieselbe Formel in ihr genaues Gegenteil verkehrt wird. Die materielle Frage, wer an einer Aufrüstung tatsächlich verdient, lässt sich in jedem der vier hier vorgestellten Fälle – dem Javelin-Vorschlag, der norwegischen F-35-Flotte, der armenischen Neuausrichtung und dem georgischen Gerichtsverfahren – sauber und nachprüfbar nachzeichnen. Die moralische Erzählung dagegen, mit der diese Aufrüstung jeweils gerechtfertigt wird, hat sich von ihrem materiellen Ursprung inzwischen so weit gelöst, dass sie zur Waffe für so ziemlich jeden geworden ist, der sie gerade in die Hand nimmt – unabhängig davon, auf welcher Seite er eigentlich steht.

+++

Bildquelle: Atlantic Council

+++

Quellen

  • Danny Haiphong (Livestream, 26.09.2026), Gespräch mit Colonel Lawrence Wilkerson und Patrick Henningson – Ursprung der unbelegten Behauptung zur direkten Finanzierung zivilgesellschaftlicher Kampagnen durch Rüstungskonzerne in Norwegen, Georgien, Moldau, Armenien und Aserbaidschan
  • Responsible Statecraft, "Think tank staffer stumped when asked about arms industry funding" – Atlantic Council erhält von 22 Rüstungskonzernen mindestens 2,69 Mio. Dollar jährlich, u. a. von RTX, General Atomics und SAAB
  • World Beyond War / MintPress News (Alan Macleod), "Selling War: How Raytheon and Boeing Fund the Push for NATO's Nuclear Expansion" – Ranking der am stärksten von der Rüstungsindustrie finanzierten Thinktanks; Beleg für den Javelin-Vorschlag des Atlantic Council 2015
  • Conservapedia, Eintrag "RTX Corporation" – Bestätigung, dass der Javelin-Vorschlag von 2015 von Raytheon und Lockheed Martin hergestellte Waffensysteme betraf
  • Gamereactor / Army Technology, Berichte zur norwegischen F-35-Flotte – Komplettierung von 52 F-35 (Lockheed Martin), Begründung über russische Aktivität in der Arktis
  • Regierung Norwegens (regjeringen.no) sowie Army Technology, "Norway Defense Market 2023-2028" – wiederholte Erhöhung des norwegischen Verteidigungshaushalts mit Verweis auf das F-35-Programm, Prognose 7,6 auf 9,2 Mrd. Dollar bis 2028
  • Kyiv Post, "US, Armenia Sign Strategic Partnership Agreement" – Unterzeichnung der Strategic Partnership Commission im Januar 2025, rund 18 Mio. Dollar Foreign Military Financing für Armenien
  • Jam-News, "Georgia 'sabotage' trial: US, USAID and CIA branded 'hostile forces'" – Zeugenaussagen im georgischen Prozess gegen acht Oppositionspolitiker, darunter Micheil Saakaschwili; Einordnung des Verfahrens als politisch motiviert durch Transparency International

+++

Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:

Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark

oder mit

Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin

Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/

+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.

+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/

+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut

Dirk Ellerbrock Thinktank Georgien Moldau Armenien Aserbaidschan Atlantic Council Denkfabrik Aufrüstung


Artikel vorlesen MP3 Download
0:00
0:00