Dauerkrieg, Legitimation und die Entmenschlichung des Anderen
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
I. Eine Praxis bekommt ihren Namen
Wenn der ehemalige Chef des israelischen Militärgeheimdienstes Tamir Hayman, heute Leiter des Institute for National Security Studies (INSS), einer der wichtigsten Denkfabriken des Landes, aufschreibt, welche Grundsätze Israels Sicherheitspolitik seit dem 7. Oktober 2023 tatsächlich leiten, dann ist das kein Bekenntnis, sondern eine Bestandsaufnahme mit Warnung. Er nennt die Liste „Konzeption” und räumt ein, dass sie nirgends förmlich beschlossen wurde. Sie wirkt gerade deshalb, weil sie ungeschrieben bleibt. Trita Parsi vom Quincy Institute findet es im Gespräch mit Glenn Diesen „dennoch ein wenig erschütternd”, das schwarz auf weiß zu sehen.
Erschütternd ist, dass ein ehemaliger Geheimdienstchef die Praxis zusammenhängend aufschreibt, und zwar, wie er selbst sagt, als „subjektive, theoretische Interpretation” dessen, was die Politik leitet. Von dieser Praxis muss dieser Artikel ausgehen, bevor er die Doktrin deutet und prüft, was ihre innere Logik über den Westen aussagt.
Zunächst Gaza. Eine UN-Untersuchungskommission stellte im September 2025 fest, dass Israel dort einen Völkermord begeht. Amnesty International kam im Dezember 2024 zum selben Ergebnis. Am 1. September 2025 beschloss auch der Weltverband der Genozidforscher mit 86 Prozent der abgegebenen Stimmen, Israels Politik und Handeln in Gaza erfülle die rechtliche Definition des Völkermords. Beteiligt haben sich 28 Prozent der rund 500 Mitglieder. Der Internationale Gerichtshof (IGH), das höchste UN-Gericht für Streitigkeiten zwischen Staaten, hielt im Januar 2024 die von Südafrika geltend gemachten Rechte für plausibel und ordnete einstweilige Maßnahmen an. Ein Urteil in der Hauptsache steht aus: Israel hat seine Klageerwiderung im März 2026 eingereicht, Südafrikas Antwort ist für November 2027 angesetzt, Israels nächste Stellungnahme für Mai 2029. Vor 2029 ist also nicht mit einem Urteil zu rechnen.
Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH), der Einzelpersonen wegen Völkerrechtsverbrechen verfolgt, erließ im November 2024 Haftbefehle gegen Ministerpräsident Netanjahu und den damaligen Verteidigungsminister Gallant. Ihnen wird als Kriegsverbrechen der Einsatz von Hunger als Mittel der Kriegführung vorgeworfen, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit Mord, Verfolgung und andere unmenschliche Handlungen. Die Kriegführung traf die Lebensgrundlagen einer ganzen Bevölkerung: Schon bis Juli 2024 waren nach der Satellitenauswertung der UN-Stelle UNOSAT rund 63 Prozent aller Gebäude im Gazastreifen beschädigt oder zerstört. Die Zahl der Toten liegt nach Angaben des Gesundheitsministeriums inzwischen über 73.000. Auch während der Waffenruhe, die im Oktober 2025 begann, wurden nach Angaben des Ministeriums über tausend Menschen getötet.
Dazu kommt der imperiale Zug. Im Juli 2024 erklärte der IGH in einem Gutachten die Besatzung der palästinensischen Gebiete für völkerrechtswidrig und verlangte ihr Ende. Stattdessen wächst die Siedlungstätigkeit im Westjordanland. Israel hält Zonen in Syrien, nach Netanjahus Worten „unbefristet” auch am Hermon, und Hayman nennt Sicherheitszonen in Syrien, im Libanon und im Gazastreifen als Teil der Konzeption. Im September 2025 griff Israel sogar in Doha, der Hauptstadt eines Golfstaats, Hamas-Führer an, und gemeinsam mit den USA führt es Krieg gegen den Iran. Das ergibt das Bild einer Macht, die ihre Sicherheit nicht an Grenzen bindet, sondern an die Ausdehnung ihres Herrschaftsgebiets. Ob man das Imperialismus oder Expansion nennt, ist eine Frage der Wortwahl. Die Sache ist dieselbe: Raum wird gesichert, indem er anderen genommen wird.
II. Haymans Prinzipien als System
Hayman leitet zehn Prinzipien aus der Praxis ab, und man sollte sie nicht einzeln lesen, sondern als Kette. Am Anfang steht der Vorrang der jüdischen Identität vor der Demokratie. Dazu passt, dass Frieden nur ein Mittel ist, kein Ziel, denn jede Vereinbarung mit arabischen Akteuren gilt als vorläufig und trügerisch. Wer so denkt, muss die Nachbarn stigmatisieren: Sie seien keine Nationalstaaten, sondern Zusammenschlüsse von „Stämmen und ethnischen Gruppen” ohne gemeinsame Geschichte, ihre Destabilisierung ein „natürlicher Prozess”, den Israel leichter lenken könne, als sich mit starken Nationalstaaten auseinandersetzen zu müssen, und den es „sogar fördern” solle.
Dann ist der Krieg der Grundzustand, denn „Ruhe ist Schmutz”, wie es die Hymne der revisionistischen Zionisten um Ze’ev Jabotinsky formuliert. Dazu kommt der Vorrang des Angriffs vor der Verteidigung. Gemeint ist nicht nur der Angriff gegen eine unmittelbare Bedrohung (das hieße präemptiv, also zuvorkommend), sondern gegen mögliche künftige (das hieße präventiv, also vorbeugend), und diese Prävention verbietet das Völkerrecht. Hayman gebraucht beide Begriffe nebeneinander: Er spricht von „präemptiven Überraschungsschlägen” und folgert daraus „präventive Kriege”. Das lässt nach meiner Lesart den Angriff ohne akute Bedrohung als Notwehr erscheinen.
Die weiteren Prinzipien führen das fort. Die „Vorfeldverteidigung”, also Pufferzonen jenseits der eigenen Grenze, dient als aufgeschobener Angriff. Siedler und Zivilisten werden zum Teil des Sicherheitsnetzes, ein Rückgriff auf den „Yishuv”, die jüdische Gemeinschaft vor der Staatsgründung. Der palästinensische Nationalismus gilt als „inauthentische” westliche Erzählung, der Konflikt als dauerhafter arabisch-israelischer Krieg ohne Lösung. Schließlich sollen die Abkehr von den USA, die als „absteigende Macht” und Träger eines „progressiven Wertesystems” gelten, und die Autarkie in der Rüstung Israel unabhängig machen.
Das System lässt sich in einem Satz fassen: Ein Staat erklärt den Dauerkrieg zur Existenzbedingung und seine Nachbarn zur beliebigen Verfügungsmasse.
III. Das amerikanische Bindemittel
Die Doktrin findet ihren stärksten Rückhalt außerhalb Israels in den USA, im christlichen Zionismus. Nach Sachs ist er der Vorläufer des jüdischen. Der irische Geistliche John Nelson Darby entwarf im frühen 19. Jahrhundert den Dispensationalismus, eine Lehre, die die Heilsgeschichte in aufeinanderfolgende Zeitalter einteilt und die Rückkehr der Juden in das Land Israel auf dem „Fahrplan” der Weltgeschichte verbucht. Die Scofield-Bibel von 1909 machte daraus in Amerika eine Massenbewegung. Der Laienprediger William Blackstone soll sechs Jahre vor Herzls erstem Zionistenkongress eine Kampagne für einen jüdischen Staat in Palästina organisiert haben. Nach Sachs brachten die Christen die religiöse Begründung mit, die frühen jüdischen Zionisten waren überwiegend säkulare Nationalisten.
Nach meinem Verständnis ist die Endzeitlehre als Weltdeutung eine mythologische Projektion ohne Bezug zur Wirklichkeit. Als politisches Bindemittel ist sie dennoch hochwirksam, und so ist sie zu verstehen. Nicht der Glaube „steuert” die Politik. Vielmehr verbindet sich ein Staat, der Fürsprecher braucht, mit einer Kirchenwelt, die Deutung, Wählerstimmen und Geld liefert. Nach Shibley Telhami erklären die evangelikalen Haltungen den größten Teil der republikanischen Israelunterstützung; ohne die Evangelikalen unterscheidet sich die republikanische Haltung kaum vom Rest der Bevölkerung. Wie weit der Landanspruch gehen kann, zeigte im Februar 2026 der US-Botschafter Mike Huckabee, ein früherer baptistischer Pastor. Auf die Frage Tucker Carlsons, ob Israel das Land zwischen Nil und Euphrat zustehe, antwortete er, es wäre „fine”, wenn Israel alles nähme, und ruderte danach zurück. Seine Antwort deckt sich mit dem Prinzip, das Vorfeld immer weiter auszudehnen.
Das Bündnis ruht auf einem Zweck: Die Juden kehren in der klassischen Endzeitlehre zurück, damit der Fahrplan weiterläuft, und am Ende sollen sie bekehrt werden. Doch die Haltung seiner jüngeren Mitglieder zu Israel hat sich inzwischen verändert. Bei den 18- bis 29-jährigen Evangelikalen fiel die Israelunterstützung nach Umfragen zwischen 2018 und 2021 von rund 70 auf rund 34 Prozent, die Werte schwanken je nach Auswertung (Barna: 69 auf 33,6; Brookings: 75 auf 34). Auch außerhalb der Evangelikalen hat sich auf der amerikanischen Rechten ein Milieu gebildet, das Israel weniger bedingungslos sieht. Der evangelikale Block verschwindet nicht, aber er altert.
IV. Was dem Dauerkrieg entgegensteht
Am Maßstab der israelischen Verhältnisse selbst lässt sich prüfen, wie tragfähig die Doktrin ist.
Der erste Widerspruch betrifft die Abhängigkeit. Die angestrebte Selbstständigkeit („Self-Reliance”) ist zunächst Programm, nicht Realität. Israel erhält über das Abkommen von 2016 etwa 3,8 Milliarden Dollar US-Militärhilfe pro Jahr (38 Milliarden über die Haushaltsjahre 2019 bis 2028), dazu kam allein im April 2024 ein Zusatzpaket von rund 8,7 Milliarden. Im Zwölf-Tage-Krieg gegen den Iran im Juni 2025 verbrauchten die USA nach Angaben des Washingtoner Instituts JINSA etwa ein Viertel ihrer Bestände an THAAD-Abfangraketen, mehr als hundert Stück. Wer sich von den USA lösen will, muss erst zeigen, womit er sie ersetzt.
Die neue Konzeption begründet die Abkehr von den USA damit, dass ein „progressives Wertesystem” Israels jüdischen Charakter bedrohe und dass die USA Israel „angesichts ihrer sozialen und politischen Veränderungen” ohnehin bald im Stich lassen würden. Das passt zunächst nicht zusammen, denn Israels eigentliche Stütze in Amerika ist, wie der vorige Abschnitt zeigte, die evangelikale Rechte. Sie trägt die Unterstützung heute und altert zugleich: Bei den jungen Evangelikalen hat sie sich in wenigen Jahren etwa halbiert. Der Satz zielt also weniger auf die Gegenwart als auf die absehbare Zukunft, in der nach dieser Annahme eine andere Wählerschaft den Ton angibt. Das legt eine Lesart nahe, die ich als Deutung kenntlich mache: Die Selbstständigkeitsdoktrin ist auch eine Absicherung gegen das Wegbrechen der amerikanischen Basis. Israel stellt sich auf den Verlust des Patrons ein, solange er noch liefert.
Der zweite Widerspruch betrifft die Wirtschaft. Der Hightech-Sektor stellte 2025 laut der israelischen Innovationsbehörde 18,3 Prozent der Wirtschaftsleistung und 58 Prozent der Exporte. Er hängt an internationalem Kapital, internationalen Forschungsverbünden und offenen Märkten. Die Ratingagenturen, die die Kreditwürdigkeit von Staaten bewerten, haben Israel 2024 mehrfach herabgestuft: Moody’s im Februar und im September (um zwei Stufen), Fitch im August. Dennoch sieht die neue Konzeption vor, Forschung „unabhängig” statt über internationale Verbünde wie das EU-Forschungsprogramm Horizon Europe zu betreiben, an dem Israel seit 2021 als assoziiertes Mitglied teilnimmt. Hayman, der diese Prinzipien nur beschreibt, hält in seinen kritischen Fragen dagegen: Ob eine solche Abkopplung für einen kleinen, vom Handel abhängigen Staat überhaupt tragbar sei oder in technologischen Stillstand und diplomatische Isolation führe.
Wie verletzlich die Einbindung schon heute ist, zeigt ein Vorstoß von außen. Die EU-Kommission schlug am 29. Juli 2025 unter Berufung auf die Menschenrechtsklausel des Assoziierungsabkommens vor, israelische Start-ups von der Förderlinie des Europäischen Innovationsrats auszuschließen, wegen deren möglicher militärischer Verwendung etwa bei Drohnen und künstlicher Intelligenz. Es ging um rund 200 Millionen Euro an künftigen Zuschüssen, Universitäten und Forscher blieben ausgenommen. Im Rat der Mitgliedstaaten fand der Vorschlag zunächst keine qualifizierte Mehrheit: Deutschland und Italien baten um mehr Zeit, Ungarn, Bulgarien und Tschechien lehnten jedes Vorgehen ab.
Drittens trifft die Doktrin die Nachbarn, auf deren Stabilität auch Israels Partner am Golf bauen. Nach Parsis Darstellung hatte Saudi-Arabien nach der Annäherung an den Iran den Jemen beruhigt und konnte sich auf „Vision 2030" konzentrieren, sein Programm, die Wirtschaft vom Öl unabhängiger zu machen. Dann sah Riad, dass die Iraner Flugzeuge nach Sanaa schickten, um Vertreter der Huthi, einer jemenitischen Miliz, zur Beerdigung des verstorbenen obersten Führers des Iran abzuholen. Die Saudis deuteten das als Durchbrechen der Blockade und bombardierten den Flughafen der jemenitischen Hauptstadt. Daraus wurde ein Krieg, der inzwischen auf saudisches Gebiet übergreift: Nach Diesen drohen die Huthi erneut den Ölfeldern des Staatskonzerns Aramco, und die Saudis hätten im Jemen eine Raffinerie oder Ähnliches getroffen. Parsi nennt das eine „gewaltige Fehleinschätzung”, die nicht nötig gewesen wäre. Im Iran-Krieg gilt Ähnliches. Kuwait und Bahrain, die den USA ihr Gebiet nicht verweigern können, müssen mit iranischen Angriffen rechnen, obwohl Teheran und die Golfstaaten gleichzeitig über die Zeit nach dem Krieg verhandeln.
Die neue Konzeption macht die Schwächung der arabischen Nachbarn zur Agenda: Ihre Instabilität soll ja nicht nur hingenommen, sondern gefördert werden, denn Israel könne einen solchen Zerfall nach dieser Annahme leichter lenken, als sich mit starken Nationalstaaten auseinandersetzen zu müssen. (s.o.) Das setzt aber voraus, dass sich Instabilität dosieren lässt. Die Golfkrise zeigt das Gegenteil: Man kann nicht steuern, wen sie am Ende trifft, auch dort, wo Israel sie nicht verursacht hat.
Entscheidend ist demnach, ob die funktionale Einbindung (Waffen, Geheimdienste, Golf, Kapital) schneller erodiert als die ideologische Deckung. Das ist keine Frage der Moral, sondern der Rechnung.
V. Die Pointe: Warum diese Praxis den Menschen entwertet
Hier liegt der Kern. Die Entmenschlichung ist in dieser Doktrin keine Entgleisung, sondern eine Funktionsbedingung. Wer den Dauerkrieg zum Staatsprinzip macht, braucht ein Gegenüber, das nicht Subjekt sein darf. Das zeigt sich auf fünf Ebenen.
Begriff. Die Nachbarn werden als „Stämme und ethnische Gruppen” ohne gemeinsame Geschichte stigmatisiert, ihre Staaten als „synthetisch”, die palästinensische Nation als „inauthentisch”. Damit wird dem Gegenüber die Existenzberechtigung abgesprochen, noch vor jeder Gewalt.
Rechtsform. Die arabischen Einwohner des Landes, also auch die Palästinenser in den Gebieten, dürfen nach Hayman bleiben, aber mit Aufenthaltsrecht und „lokaler Selbstverwaltung”. Im Ergebnis heißt das: ohne Staatsbürgerschaft. Das ist die Abstufung von Menschen in Rechtsklassen.
Zeit. Wo Frieden nur Mittel ist, verliert die Verständigung ihren Eigenwert. Der Andere ist kaum noch Verhandlungspartner, nur Hindernis oder Instrument.
Nach innen. Zivilisten, vor allem Siedler, gelten als „wahrer Schild” und werden Teil der Verteidigung. Das kehrt das Prinzip „Soldaten vor Zivilisten” um. Die Entmenschlichung trifft auch die eigenen Leute, die zu Mitteln werden.
Diskurs. Die Grausamkeit wird zur sachlichen „Doktrin” mit nummerierten Prinzipien. Parsi nennt es erschütternd, die Doktrin schwarz auf weiß zu sehen. Die sachliche Form normalisiert die Grausamkeit.
Dazu gehört der blinde Fleck der Opposition. Haymans „kritische Fragen” fragen nach Kosten, nach dem Preis für Wirtschaft, Ansehen und Zusammenhalt. Die Palästinenser in den Gebieten kommen darin als Menschen mit Rechten nicht vor, die arabischen Bürger Israels nur in einer Frage, nämlich ob die Beschneidung ihrer Bürgerrechte mit „jüdisch und demokratisch” vereinbar sei.
Die Opposition widerspricht nach meiner Lesart dem Dauerkrieg, aber nicht dem Objektstatus des Anderen. Ihr „traditionelles Konzept” idealisiert zudem die Staatsgründung als liberal-gleichheitlich. Hayman beruft sich auf die Unabhängigkeitserklärung und ihre „vollständige Gleichheit” aller Bürger. Jakov Rabkin hält dagegen, die Rechtslastigkeit sei in der Geschichte des Zionismus von Anfang an angelegt gewesen: Die erste Finanzinstitution der Bewegung hieß Jewish Colonial Trust, und ein ethnischer Nationalismus, der eine unterworfene Bevölkerung kontrollieren muss, wandere nach seiner Überzeugung fast zwangsläufig von links nach rechts. Die linke Arbeiterbewegung regierte bis zum Wahlsieg des rechtskonservativen Likud 1977. Die Entmenschlichung ist also älter als die neue Doktrin und wird von beiden Lagern geteilt. Der Gegensatz zwischen „alter” und „neuer” Doktrin ist ein Gradunterschied.
Wichtig ist ein einheitliches Kriterium. Die Kategorie der Entmenschlichung gilt der Praxis und der Doktrin, nicht den Menschen, die in ihr handeln oder von ihr betroffen sind. Sie trifft auch westliche Bilder von Arabern und anderen als Gegner markierten Völkern, und sie trifft jede Seite, die ihr Gegenüber zum bloßen Objekt der eigenen Interessen macht. Wer sie nur einer Seite anlegt, macht aus einer Strukturanalyse ein Urteil über Menschen und stigmatisiert sie, und damit tut er genau das, was er kritisiert.
VI. Schluss: Was die Doktrin über den Westen sagt
Parsi hält diese Doktrin für unvereinbar mit den Interessen der USA und des Westens. Seine Folgerung: Wer die Beziehung zu einem Land halten will, das Krieg als „dauerhaften und wünschenswerten Zustand” behandelt, muss sich selbst verändern. Der Westen und die USA müssten dann selbst zu Mächten werden, für die Dauerkrieg normal ist. Wie weit sie an der Praxis schon beteiligt sind, lässt sich an Taten ablesen. Washington zahlt jährlich 3,8 Milliarden Dollar Militärhilfe und legte im Krieg Zusatzpakete nach. Berlin setzte im August 2025 einen Teil der Rüstungsexporte aus, soweit die Waffen im Gazastreifen einsetzbar wären, hob die Aussetzung aber am 24. November 2025 wieder auf, unter dem Vorbehalt, dass die Waffenruhe hält. Und als die EU-Kommission die Förderung israelischer Start-ups einschränken wollte, war ohne Deutschland oder Italien keine qualifizierte Mehrheit zu erreichen, und beide baten um mehr Zeit. Zu liefern, zu finanzieren und zu schweigen heißt, an der Praxis teilzunehmen.
Die Stützen dieser Politik sind in Washington und Berlin verschieden. In den USA tragen sie Wahlkalkül, die Spenden der Megakirchen und eine Endzeitlehre. In Deutschland trägt sie die Staatsräson, also die Leitlinie, Israels Sicherheit gelte als Teil der deutschen Staatsinteressen, begründet mit der Erinnerung an den Völkermord an den europäischen Juden. Die Begründung ist eine andere, die Politik dieselbe. Die amerikanische Stütze zeigt bereits Risse, weil die Jüngeren sich abwenden. Ob die deutsche hält, hängt davon ab, wie lange sich Erinnerung als Rechtfertigung gegen Entscheidungen von Gerichten aufrechterhalten lässt.
Die Doktrin ist deshalb kein israelisches Sonderproblem. Sie fragt die westliche Ordnung, wie viel von ihrer eigenen Rechtfertigung sie noch zu verteidigen bereit ist. Beobachten lässt sich das an vier Punkten: den Bedingungen für Waffenlieferungen, der Befolgung von Entscheidungen des IGH und des IStGH, dem Stand der Normalisierung am Golf und dem Generationswechsel in den US-Parteien. Entschieden wird es nicht an Argumenten, sondern daran, wann die Kosten der Loyalität gegenüber Israel ihren Nutzen übersteigen. Eine Ordnung, die vor der Wahl steht zwischen dem Recht, das sie selbst geschrieben hat, und dem Partner, dem dieses Recht Grenzen setzt, entscheidet nicht mit ihren Prinzipien, sondern mit ihrer Rechnung. Das ist ihr eigentliches Urteil über sich selbst.
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Bildquelle: noamgalai / shutterstock
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Quellen
Primärtexte: Tamir Hayman, The „New” National Security Concept, INSS, 12.10.2026. Gespräch Trita Parsi mit Glenn Diesen: https://www.youtube.com/watch?v=7m9IFCdKrkc
Gaza und Gerichte: UN-Untersuchungskommission: Law Society Gazette Ireland, Geneva Solutions. Amnesty, Dezember 2024. Weltverband der Genozidforscher: AP via News4Jax, 01.09.2025. IGH-Anordnung: HRW, Opinio Juris. Zeitplan des IGH-Verfahrens: EWN, 03.06.2026. IStGH-Haftbefehle: UN News, 21.11.2024. Gebäudeschäden: UNOSAT via Gulf News, 02.08.2024. Tote während der Waffenruhe: Asharq Al-Awsat. Opferzahl: Meldung vom September 2026 (73.651). IGH-Gutachten: UN, UNRIC.
Expansion: Netanjahu zum Hermon; Boston Globe, 17.12.2024; CBS zu Doha; EU-Bericht 2025 zu Siedlungen.
Abschnitt IV und VI: CRS-Bericht RL33222 (Militärhilfe); JINSA zu THAAD; Innovationsbehörde, Hightech-Bericht 2026; Ratings: Moody’s, Feb. 2024, Fitch, Aug. 2024, Moody’s, Sept. 2024; Horizon: EU-Kommission, 29.07.2025, Euronews, 30.07.2025; deutsche Rüstungsexporte: Al-Monitor, 17.11.2025.
Abschnitt III und V: Hummel, Covenant Brothers (2019); Telhami über Brookings; Al Jazeera zu Huckabee, 20.02.2026; Barna über Times of Israel; Rabkin, What Is Modern Israel? (2016); zum Jewish Colonial Trust Center for Israel Education; zu 1977 Shindler, rezensiert von Shlaim, LRB
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Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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