Lyrische Beobachtungsstelle

Ingeborg Bachmann - Ist die Wahrheit zumutbar? | Von Paul Clemente

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Zum Kinostart der Ingeborg Bachmann-Dokumentation

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.

Pünktlich zum 100. Geburtstag: Ein Dokumentarfilm über Ingeborg Bachmann. Titel: „Jemand, der ich einmal war“. Drei Jahre nach Margarethe von Trottas Biopic versucht Regisseurin Regina Schilling eine weitere Annäherung. Und die ähnelt einer Schatzsuche. Gehoben wurden Mitschnitte von Lesungen, Fotos aus Presse und Verlagsmagazinen. Außerdem stürmte Schilling mit Darstellerin Sandra Hüller in Bachmanns ehemaligen Wohnräume. Sie zeigt sogar Ausschnitte aus „Romanze in Moll“, einer melodramatischen Lovestory anno 1943, bei der alle Protagonisten an ihren Gefühlen verenden. Goebbels hasste diesen Film. Für die junge Österreicherin hingegen war er Kult.

Bachmanns Wohnungen, ob in Wien oder in Rom, waren vor allem Orte der Arbeit, des Schreibens. Entsprechend das Mobiliar: Bücherregale, Schreibtische. Sandra Hüller durchschreitet sie, wagt ein dezentes Stöbern. Aber der Geist der einstigen Bewohnerin bleibt fern. Alles ist hell und ruhig. Nichts verweist mehr auf den Horrortripp, in dem die Dichterin gefangen war: 

„Ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe. (…) Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran.“

Dieser Schecken kehrt auch nicht zurück, als Sandra Hüller in die Rolle der Poetin einsteigt. Wenn die Schauspielerin versucht, Bachmanns Texte in verschiedenen Stimm- und Tonlagen vorzutragen, erlebt man deren zahlreiche Bedeutungsebenen. Aber  alles bleibt auf spielerischer Ebene.

Fragt man die KI oder Bachmann-Fans nach Gründen, weshalb ihr Werk noch die Lektüre lohnt, folgen Hinweise auf dessen gesellschaftskritische und politische Dimension: Als Kafka-Verehrerin habe sie die Sprache als Komplizin der Macht, als Herrschaftsinstrument zerlegt, die Rhetorik des Faschismus und patriarchaler Gewalt enttarnt. 

Dieses Abarbeiten an sprachlicher Gewalt bestimmte sogar Bachmanns Partnerwahl. Neun Jahre lang fand sie in dem Lyriker Paul Celan einen kongenialen Geliebten. Seine Verse: Voller Wortschöpfungen, für ein Sprechen über Auschwitz. Darunter die „Todesfuge“ und „Eis,Eden“. Beschwörungen unermesslicher Ängste, nicht enden könnender Alpträume. 

Was heutige Bachmann-Rezensionen selten thematisieren: Es gibt bei ihr auch einen Schrecken, der sich politischer und psychologischer Deutungen entzieht. Eine Angst, die inzwischen als „Thanatophobie“ gilt, den man in den Zuständigkeitsbereich der Psychologie verschoben hat: Den Horror über die Endlichkeit allen Lebens. Mitte des 20. Jahrhundert war er Bestandteil der „Existenzphilosophie“, später auch des „Existenzialismus“. Ein Denken, das vom Menschen fordert, sich - jenseits alltäglicher Zerstreuung - der eigenen Sterblichkeit zu stellen. Nicht, um sie zu „überwinden“, sondern um im Aushalten der Angst dem Geschwätz der Welt zu entkommen. Den Mut zum Eigentlichen aufzubringen.

Ingeborg Bachmann, die eine berufliche Laufbahn als „Philosophin“ in Betracht zog, las in jungen Jahren die Schriften von Martin Heidegger. Dreiundzwanzigjährig reichte sie an der Universität Wien ihre Doktorarbeit ein. Titel: „Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers“. Unschwer zu erraten, was sie bei dem Schwarzwälder Seins-Denker suchte: Besagte Angst und die Erkenntnis der Endlichkeit.

In seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ erklärte der Philosoph, dass die Angst keinen konkreten Auslöser, keine bestimmte Bedrohung benötigt, nicht mit Furcht zu verwechseln ist. Die Endlichkeit als solche erzeugt Angst. Egal, woran man letztendlich stirbt: Der Knochenmann kommt in jedem Fall. In Heideggers Worten:

Das Wovor der Angst ist völlig unbestimmt. Dass das Bedrohende nirgends ist, liegt nicht daran, dass es dort nicht ist, sondern daran, dass es nirgends einen Halt gibt."

Ingeborg Bachmanns berühmter Satz „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ ist nicht allein auf historischer und politischer Ebene zu deuten, sondern auch im Sinne der Existenzphilosophie: Das Wissen um die eigene Endlichkeit ist zumutbar. Ob sie damit richtig lag?

Die Dichterin bekämpfte ihre Grundangst durch Kettenrauchen, Alkohol, Psychopharmaka und Liebesaffären. In den Mitschnitten später Lesungen wirkt sie aufgedunsen, ihr Tonfall hat etwas Weinerliches. Da konnte jemand nicht mehr. In der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973 schlief sie mit brennender Zigarette ein. Den Brand bemerkte sie zu spät. Eine Mega-Dosis an Betäubungsmitteln hatte das Schmerzempfinden gedämpft. Im Krankenhaus starb Ingeborg Bachmann an den Verbrennungen und einen radikalen Entzug. Sie war erst 47 Jahre alt. In der 1990er Verfilmung ihres Romans „Malina“ ließ Regisseur Werner Schroeter die Wohnung der Heldin brennen, während die Tragödie ihren Lauf nimmt. Eine Anspielung auf den Tod der Autorin. 

Nach all dem wird mancher fragen: Ist der 100. Geburtstag zugleich ihr 100. Todestag? Spiegelt ihr Werk tatsächlich nur unausweichliche Angst, Scheitern und Leiden? Nein. Das wäre eine Verkürzung. Trotz allem. Deshalb verweisen wir zum Schluss auf ihr Gedicht „Böhmen liegt am Meer“, geschrieben 1964.

Der Titel basiert auf einem geographischen Fehler. Den hatte sich William Shakespeare bei der Niederschrift seiner Tragikomödie „Das Wintermärchen“ gegönnt: Darin schreibt er dem Binnenstaat Böhmen eine Küste zu. Ein „Fehler“, der Shakespeares Böhmen zu einem Nicht-Ort erhebt. Übersetzt man „Nicht-Ort“ ins Altgriechische, wird „Utopie“ daraus. Heimstätte jener, die ihr Zuhause verloren haben. Im „Wintermärchen“ befiehlt der sizilianische König Leontes die Tötung seiner Tochter. Der mit dem Mord beauftragte Diener verweigert die Anweisung und bringt das Mädchen stattdessen nach Böhmen, wo sie überlebt. Zu dieser Stätte der Zuflucht lädt auch Bachmann:

„Ich will zugrunde gehen.

Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.

Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser, und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen“

Trotz der Einladung: Ingeborg Bachmann hat ihr Böhmen leider nicht gefunden.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Ein helles, leuchtendes Schlüsselloch offenbart ein strahlendes Licht aus einem unbekannten Raum, das in einer dunklen, strukturierten, grunchartigen Wand untergebracht ist

Bildquelle: mas arkaz / shutterstock  


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