Die tote Hand in meinem Bett – Karsten Dusses neuer Roman „Filmriss auf Immenhof“
“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.
Worin besteht der dauernde Erfolg von Krimis, ob als Roman oder Film? Die spanische Autorin Rosa Ribas erklärt: Dieses Genre zeigt gesellschaftliche Bruchstellen. Da, wo kein Regelwerk mehr greift. Geht man von dieser Deutung aus, jagen Kommissare und Detektive die Übeltäter, um Brüche zu kitten. Zur Wiederherstellung des zerbrochenen Zusammenlebens. Populären Schurkenjägern traut das TV- oder Lese-Publikum maximales Durchgreifen, radikalen Kehraus oder das Ausheilen der Bruchstellen zu. Damit avancieren sie zu politischen Hoffnungsträgern.
Geht man zurück ins westdeutsche TV der Siebziger, stellt sich heraus: Damalige Gangsterjäger waren Musterbeamte. In denen versammelten sich alle Tugenden eines Staatsbeamten: Diszipliniert, aufgeräumt, innerlich balanciert, unbestechlich und standhaft: Sei es „Der Kommissar“, „Der Alte“, „Derrick“ oder „Tatort“- Schnüffler Heinz Haferkamp. Diese TV-Krimis lieferten kaum Auskunft über deren Privatleben. Vielleicht sollten sie gar keins haben, sondern den hundertprozentigen Ermittler mimen?
Lediglich Privatdetektiven, nicht verbeamtet, erlaubte man individuelle Eigenarten, ein paar Lüstchen oder Laster. Allen voran: Der anglo-amerikanischen Import-Schnüffler Sherlock Holmes, der sich Koks gegen Depressionen in die Venen jagte, bis zum zynischen Pulp-Helden wie Philip Marlowe.
Erst in den Achtzigern riskierten deutsche Krimi-Hersteller eine vorsichtige Vermenschlichung ihrer Star-Ermittler. Das gefiel nicht jedem. Kommissar Horst Schimanski, dargestellt von Goetz George, erntete in seinen „Tatort“-Folgen sowohl Applaus wie Empörung. Seiner Zeit weit voraus, aber kaum beachtet: Rainer Werner Fassbinder. In dem Spielfilm „Kamikaze 1989“ gab er den alkoholkranken Kommissar Jansen, jagte im Morgenmantel mit Gepardenfell-Design durch scheußliche Wohnsilos. Kaputtheitsfaktor: 100 Prozent.
Um die Feministinnen nicht zu verärgern: Natürlich hielt das Image des „Broken Detective“ auch bei weiblichen Ermittlern fröhlichen Einzug: Ob Carrie Mathison, Marcella Backland oder Saga Norén. Sie alle stehen für knallharte Traumata, Sucht, Autismus und Beziehungsunfähigkeit. Diese Entwicklung ist freilich alternativlos. Denn wer glaubt noch, dass Gesetzesvertreter automatisch „gute Menschen“ sind? Mit dem Absenken des Respekt-Pegels geht die Ausstellung der Intimität einher. Man präsentiert die Ermittler in ihren intimsten Momenten: Von der Dusche bis zum Sex. Ebenso erschüttert: Die kontinuierliche Gesundheit der Ermittler. So kämpft Kommissar Wallander gegen eine schleichende Demenz.
So ein Anstieg an Kaputtheit muss irgendwann die Schallmauer zur Parodie durchbrechen: Einen Job, den Ösi-Ermittler Major Adolf Kottan oder Kommissar 00 Schneider erledigten. Diese Schiene fährt auch der Autor Karsten Dusse - einer der erfolgreichsten Krimiautoren in deutscher Sprache. Hauptberuflich Rechtsanwalt, gelangten seine Beiträge zur Buchserie „Achtsam Morden“ regelmäßig in die Spiegel-Bestsellerliste. Jetzt kam sein neuestes Werk, „Filmriss auf Immenhof“ aus der Druckerpresse.
Wie der Titel andeutet, erlaubt der Roman einen Rückblick aufs heile Welt-Kino der Bonner Republik. Besonders schlimm trieben es die frühen „Immenhof“-Streifen. Die schmuggelten den Kitsch der Heimatfilme ins Kinder- und Jugendzimmer. Inzwischen dient der Immenhof als Touristen-Attraktion. Angebot: Einen Tag und eine Nacht im Filmset, zur verspäteten Befriedigung früher Sehnsuchtsorte.
Auch Sophias Lebensweg führt dorthin. Mit dieser Reise will die 45-,jährige Kriminalpsychologin ihre kindliche TV-Erfahrung reanimieren. Zum Abschluss des Tages steigt eine Retro-Party mit Pony-Songs und Vodka-Red-Bull-Coctails. Dazu tüftelt die Mord- und Totschlag-Spezialistin an einem Plan, um Andreas, ihren Ex-Freund, ins Nirwana abzuschieben. Dann, völlig unerwartet, kommt der Filmriss.
Am folgenden Morgen liegt Sophia auf dem Bett ihres Hotelzimmers. Langsam, sehr langsam, meldet sich ihr Bewusstsein zurück. Was sie als erstes spürt? Dass die Hand ihres Ex-Lovers Andreas auf ihr liegt. Ja, hat der immer noch nichts kapiert? Wütend greift sie seine Hand und schleudert sie weg. Hört, wie sie gegen die Wand klatscht. Moment?! Nur eine Hand?! Und wo steckt der Mensch, dem sie gehört? Innerhalb einer Sekunde ist Sophia hellwach, sieht die Hand auf dem Boden: abgeschnitten, kreideweiß und blutleer. Dennoch: Es ist seine Hand. Eindeutig.
Sophia behält die Ruhe. Bald gelingt ihr die Sortierung der Gedankenflut. Okay, ihr Ex-Lover, den sie gestern töten wollte, ist tatsächlich im Nirwana. Bedauern? Schuldgefühl? Nicht die Spur. Trotzdem drängen einige Fragen: 1.) Wo ist der Rest seines Kadavers? 2.) Hat die Kriminalpsychologin ihn wirklich umgebracht? Und falls ja, wie lassen sich Hinweise auf ihre Schuld tilgen, bevor die Polizei eintrifft?
Sophia versucht die Selbstanwendung aller Tricks, die sie als Kriminalpsychologin beherrscht. Nur: Diesmal ist sie die Angeklagte, diesmal hat sie Angst. Alternativen? Gibt es nicht. Sie muss sich selbst, ihre eigene Lebensgeschichte analysieren, um Klarheit zu erlangen. Mit einem Wort: Sophia muss gegen sich selbst ermitteln.
Dabei geht sie zurück bis zur Geburt: Wie sie, das ungeliebte Kind, in den „Immenhof“-Filmen ein emotionales Ventil fand. Wie sie einen alten Gnadenbrot-Gaul ritt, der ihr die elterliche Liebe ersetzte. Natürlich präsentiert der Autor bei der Gelegenheit weitere Beispiele damaliger Populärkultur, etwa die Musik von Udo Jürgens. Aber nicht nur zum Spott. Dusse weiß, dass ihre Funktion als Anker, als seelischer Rettungsdienst nicht zu unterschätzen ist. Egal, was die Kunstkritik dazu sagt.
So originell Sophias Selbstverhör klingt: Genau diese Variante kriminalistischer Forschung, das Selbstverhör, reicht zurück bis in die griechische Antike. Zu einer der frühesten Kriminalstorys: Dem Mythos von Ödipus. Auch der muss zur Aufspürung des Mörders von König Laios in der eigenen Vergangenheit wühlen, bis er schließlich kapiert: Er selber hat’s getan.
Ob die Kriminalpsychologin sich ebenfalls als Täterin entlarvt oder nicht, sei nicht verraten. Wohl aber, dass sie während des Selbstverhörs auch die eigene Methodik hinterfragt. Nein, Sophia fragt nicht allein nach kriminalistischer Wahrheit, sondern nach der Gesamt-Person. Am Ende ist sie nicht mehr die Gleiche.
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Bild: Rothensande, Deutschland, 4. Oktober 2020 – eine alte historische Reithalle, Drehort für die deutsche Fernsehserie „Immenhof“; gelegen in der Nähe der Städte Eutin und Malente.
Bildquelle: Lindenau / shutterstock
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