Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Als der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu Ende September vor die UN-Generalversammlung trat, verließen mehr als hundert Diplomaten demonstrativ den Saal, bevor er zu sprechen begann. Delegierte aus Palästina, Brasilien, Spanien, der Türkei, Tunesien, Saudi-Arabien und Südafrika waren darunter. Netanjahu, gegen den der Internationale Strafgerichtshof – jenes Den Haager Tribunal, das Einzelpersonen wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord anklagen kann – einen Haftbefehl wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen in Gaza erlassen hat, nannte die Auszugswilligen "moralische Feiglinge".
Man könnte diese Szene als bloße Provokation abtun, als das übliche Theater eines Politikers, der Angriff für die beste Verteidigung hält. Interessanter als der Auszug selbst ist aber, wer blieb. Die amerikanische Delegation saß vollzählig im Saal. Die europäischen Vertretungen dagegen waren nur spärlich besetzt, und ihr Applaus fiel demonstrativ verhalten aus – nicht abwesend, aber auch nicht enthusiastisch. Das ist keine moralische Abstimmung gewesen, sondern eine Geometrie der Nähe zur Vormacht: Jeder positionierte sich so weit vom Hegemon entfernt, wie es ohne echte Konsequenzen für die eigene Bündniszugehörigkeit möglich war.
Diese Szene taugt als Einstieg in ein größeres Problem, das die politische Berichterstattung insgesamt prägt: die selektive Wahrnehmung. Damit ist nicht gemeint, dass einzelne Journalisten lügen oder bewusst manipulieren. Gemeint ist etwas Grundsätzlicheres: ein institutionalisiertes Filtersystem, das lange bevor irgendeine Bewertung stattfindet, bereits entscheidet, welche Tatsachen überhaupt die Schwelle zur Meldungswürdigkeit erreichen. Wer Zugang zu Akkreditierungen, offiziellen Briefings und als "verlässlich" geltenden Quellen hat, bestimmt maßgeblich, was als Nachricht existiert – und was im Rauschen verschwindet. Dieselbe Tatsachenkategorie wird also nicht nach ihrem Gewicht behandelt, sondern danach, welchem Akteur sie zugerechnet wird.
Dieses Muster lässt sich an einer Reihe klassischer Gegenüberstellungen ablesen. Alexej Nawalny starb 2024 in russischer Haft und wurde binnen Stunden zur globalen Symbolfigur des mutigen Widerstands gegen ein autoritäres Regime, mit Staatstrauer westlicher Politiker und wochenlanger Titelseiten-Präsenz. Julian Assange, der als Gründer von WikiLeaks tatsächliche Kriegsverbrechen dokumentierte – etwa das sogenannte "Collateral Murder"-Video, das einen amerikanischen Hubschrauberangriff auf Zivilisten im Irak zeigt –, saß über fünf Jahre in Isolationshaft im britischen Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh, ohne dass sein Fall auch nur annähernd vergleichbare mediale Dauerpräsenz erreichte. Beide Fälle betreffen dieselbe Kategorie: ein Staat bestraft einen unbequemen Aufklärer. Die öffentliche Aufmerksamkeit richtete sich dennoch fast ausschließlich danach, ob der bestrafende Staat als Gegner oder als Verbündeter galt.
Ähnliches zeigt sich im Vergleich zwischen Butscha und dem Jemen. Nach dem Rückzug russischer Truppen aus der Stadt Butscha bei Kiew im April 2022 wurden getötete Zivilisten gefunden, und die Berichterstattung etablierte den Fall binnen weniger Tage als gesicherten Fakt und moralischen Fixpunkt der gesamten Ukraine-Erzählung. Im von Saudi-Arabien geführten, von den USA und Großbritannien mit Waffen und Aufklärung unterstützten Krieg im Jemen dokumentierten Gremien der Vereinten Nationen über Jahre hinweg Zehntausende zivile Todesopfer durch Luftangriffe auf Märkte, Hochzeiten und Schulbusse – ohne dass daraus eine vergleichbare mediale Dauerempörung oder gar eine Sanktionsdebatte gegen die beteiligten westlichen Waffenlieferanten entstand. Gleiche Kategorie, radikal unterschiedliche Verweildauer im öffentlichen Bewusstsein.
Auch der Fall Skripal gehört in diese Reihe. Nach der Vergiftung des früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal 2018 in Salisbury verhängte der Westen kollektiv Sanktionen gegen Russland, gestützt auf geheimdienstliche Einschätzungen, die öffentlich nie vollständig belegt wurden. Mehrere unter ungeklärten Umständen verstorbene Unterstützer und Vertraute von Julian Assange in westlichen Ländern blieben demgegenüber medial nahezu unbeachtet – ihre Fälle wurden entweder gar nicht als politisch relevant gerahmt oder rasch als bedauerliche Einzelfälle abgelegt. Der Unterschied liegt nicht in der Beweislage, sondern darin, welchem Staat überhaupt ein Interesse an der Tat unterstellt werden konnte.
Ein weiteres Beispiel liefert der mutmaßliche Chemiewaffenangriff im syrischen Duma 2018. Die Version eines Giftgasangriffs des Assad-Regimes wurde rasch zur offiziellen Grundlage westlicher Luftschläge. Als jedoch eigene Ingenieure der Organisation für das Verbot chemischer Waffen – jener Behörde, die international mit der Überwachung des Chemiewaffenverbots betraut ist – in geleakten internen Berichten Zweifel an der offiziellen Auswertung äußerten, etwa zur Herkunft der gefundenen Gasflaschen, fanden diese Zweifel kaum den Weg in die großen Leitmedien. Die Ausgangsversion blieb gesetzt, obwohl die eigene Fachbehörde intern uneins war.
Schließlich zeigt sich das Muster auch in der schlichten Zählweise von Opferzahlen. Angaben des von der Hamas verwalteten Gesundheitsministeriums im Gazastreifen werden in der Berichterstattung regelmäßig mit dem Zusatz "nicht unabhängig verifizierbar" versehen oder relativiert. Zivile Opferzahlen aus anderen Konflikten werden dagegen häufig ohne vergleichbare Einschränkung übernommen, sofern sie zur vorherrschenden Erzählung passen. Der Maßstab für Quellenskepsis verschiebt sich also nicht nach der Qualität der Quelle, sondern nach der politischen Verwertbarkeit ihrer Aussage.
Der einzelne Journalist handelt in all dem selten aus bösem Willen. Er exekutiert eine Struktur, die er nicht selbst entworfen hat – eine Rollenausübung, die sich von der individuellen Gesinnung des Rollenträgers längst gelöst hat. Aufmerksamkeit folgt in diesem System dem Ressourcenzugang und der strukturellen Nähe zur Macht, nicht der moralischen Schwere eines Ereignisses.
Damit schließt sich der Kreis zur Szene in New York. Die spärliche europäische Anwesenheit und der reservierte Applaus waren selbst schon ein Produkt dieser Struktur – eine vorauseilende Kalibrierung dessen, was gerade noch sagbar ist, ohne die eigene Bündniszugehörigkeit zu gefährden. Selektive Wahrnehmung ist keine Abweichung vom journalistischen Auftrag, sie ist sein Betriebssystem. Und wer sie als individuelles Versagen beklagt, verwechselt die Software mit dem Programmierer.
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Bildquelle: noamgalai / shutterstock
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Quellen
- Netanjahus UN-Rede und der Auszug der Delegierten (25.09.2026): RT DE, "Moralische Feiglinge" – Massenprotest UN-Delegierter empört Netanjahu
- Yemen, zivile Opferzahlen durch Luftangriffe der von Saudi-Arabien geführten Koalition: UN-Menschenrechtsrat-Bericht, präsentiert von Kamel Jendoubi (Group of International and Regional Eminent Experts on Yemen), August 2018 – dokumentiert Tausende zivile Opfer durch Luftangriffe auf Wohngebiete, Märkte, Hochzeiten, Beerdigungen und medizinische Einrichtungen; spätere UN-Erhebung (September 2021) beziffert mindestens 18.000 zivile Opfer seit 2015 (Quelle u. a.: UN Human Rights Council, Yemen Data Project)
- OPCW-Douma-Leak: geleakte interne "Engineering Assessment" von Ian Henderson (OPCW), 2019, die eine manuelle statt aus der Luft abgeworfene Platzierung der Gasflaschen nahelegt; öffentliche Aussage des ehemaligen OPCW-Generaldirektors José Bustani zu "Unregelmäßigkeiten" in der Untersuchung; Hendersons Zeugenaussage vor dem UN-Sicherheitsrat (Arria-Formula-Treffen, 20.01.2020)
- Fälle Nawalny/Assange und Skripal: allgemein zugängliche, chronologisch dokumentierte Presseberichterstattung zu Haftbedingungen, Reaktionen westlicher Regierungen und Sanktionsentscheidungen; keine Einzelquelle, sondern Kontrastierung der öffentlich nachvollziehbaren medialen Aufmerksamkeitsverteilung
- Gaza-Opferzahlen und Quellenskepsis: wiederkehrendes Muster in der internationalen Berichterstattung, das sich am Umgang mit Angaben des Gesundheitsministeriums im Gazastreifen im Vergleich zu anderen Konfliktquellen ablesen lässt
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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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