Lyrische Beobachtungsstelle

Nolan schockt mit Odysseus | Von Paul Clemente

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Operation Holzpferd – Christopher Nolans „Odyssee“-Verfilmung

Die Lyrische Beobachtungsstelle von Paul Clemente.

Er ist der Spezialist für gebrochene Helden. Für Zerrissene, Beschädigte, die eigenes Leid in Destruktion, Weltbedrohung und Terror transformieren: Christopher Nolan, Starregisseur des modernen Mainstream-Kinos. Seine bislang eindringlichste Kreation: Der Joker. Früher eine harmlose Nebenfigur im Batman-Kosmos, mutierte er in Nolans „The Dark Knight" zum nihilistischen Anti-Helden. Schon der Mund, wie eine klaffende Wunde im Gesicht, umrandet von verätzten Lippen. Ein Gangster-Typ, der nicht vom großen Reichtum träumt, sondern vom maximalen Schock. Mit höhnischem Lachen verbrennt er Geldscheine in Milliardenhöhe. Oder treibt seine Opfer in Situationen, wo eine Seite nur überlebt, wenn sie die andere tötet.

Kein Schreckensmensch, aber ein Gebrochener: Der Atomphysiker Robert Oppenheimer. Eher still, vom Umfeld hin und her geschubst. Erst in eine Ehe, dann in den Chefsessel des Manhattan-Projekts. Bis er das Grauen sieht, das er angerichtet hat: Hiroshima und Nagasaki. Wie einst Dr. Frankenstein will er sein Monster zurückrufen. Aber zu spät. Der US-Präsident verachtet ihn als „Heulsuse“ und McCarthys Spitzel verdächtigen ihn als Anhänger des Sozialismus.

Und jetzt Odysseus! Als König von Ithaka zog er in den trojanischen Krieg. Der dauerte ein komplettes Jahrzehnt: Zehn Jahre endlose Gemetzel, Wunden, Leichenberge und Belagerung. Da kommt Odysseus die Idee vom hölzernen Pferd. Die griechischen Heere gehen auf die Schiffe, täuschen Rückzug vor. Nur ein riesiges Holzpferd lassen sie zurück. Ein Geschenk für die Götter. Die Trojaner transportieren es in ihre Stadt. Aber im Inneren der Holzskulptur lauert Odysseus mit seiner Truppe. Im Schutze der Nacht klettern sie aus ihrem Versteck. Dann metzeln sie alles nieder und zündeln, was die Fackeln hergeben. Troja mit den uneinnehmbaren Mauern - es steht in Flammen. Nur: Wozu dieser Irrsinn? Wieso eine prächtige Stadt zerstören und ihre Bewohner abschlachten? Zwei Begründungen sind im Umlauf:

Erstens, die offizielle: Paris, ein trojanischer Prinz, entführte Helena, Ehefrau des Spartaner Königs Menelaos in seine Heimatstadt. Der betrogene Ehemann fordert die Ehefrau und seine Ehre zurück. Als Troja sich weigert, bläst er zum Krieg. Dazu  ersucht er alle griechischen Fürsten um Unterstützung. Auch Odysseus, den Herrscher von Ithaka. Dass Menelaos nicht aus Eifersucht handelt, zeigt Nolans Verfilmung überdeutlich: Nach Trojas Zerstörung gelangt Helena wieder in seine Gewalt. Menelaos lässt ihr eine Gesichtshälfte zerschneiden. Physische Verstümmelung drohte fliehenden Sklaven noch im Amerika des 19. Jahrhunderts. Nolans Besetzung der Helena mit der schwarzen Lupita Nyong'o verstärkt diese Assoziation: Sie ist Menelaos Sklavin, sein Eigentum.

Schon die griechischen Soldaten glauben nicht an Helena als Kriegsgrund. Zumindest im Film ahnen sie: Die Entführung war ein willkommener Vorwand, um vor Troja eine ungestörte Handelsroute zu etablieren. Deshalb hat Helenas Rückeroberung nicht gereicht. Deswegen wurde die gesamte Stadt gegrillt, darum rollten die Köpfe der Einwohner. 

Diese zweite und inoffizielle Version darf als zeitlos gelten. Bis heute. 2800 Jahre ununterbrochenes Gemetzel mit mythischer Überhöhung. Odysseus begreift, dass durch Trojas Sturz nicht nur eine Stadt, sondern eine hochentwickelte Kultur – die der Bronzezeit – ihr Ende fand. Leider kam diese Einsicht erst rückwirkend.

Diese Endzeitstimmung schlägt sich auch in Nolans Bildsprache nieder: Nach Meinung zahlreicher Forscher lag das historische Troja im Nordwesten der heutigen Türkei, wenige Kilometer südlich der Dardanellen und des Ägäischen Meeres. Bei diesen Namen ploppen innere Bilder auf: Grelle Sonne, sengende Hitze, schweißnasses Haar und glühende Schwerter. Aber in „Die Odyssee“ ist der Himmel oft trübe, mit dunklen Wolken überzogen. Gewitter und sogar Schnee lassen frösteln, wenn nicht frieren. Und erst recht beim Übergang in den Hades, ins Totenreich. Der Sand wird schwarz, der Himmel sternlos. Ein Versprechen des ewigen Dunkels.

Im frühen Glauben der Griechen gelangte die Seele des Verstorbenen in den Hades. Dort schweben laut Homer „die Abbilder derer, die sich (im Leben) gemüht haben“, wie ein Schatten, wie Rauch. In der Verfilmung verfügen die Toten über dichtere Konsistenz, wandeln in dunklen Umhängen und schmutzigen Gesichtern. Hier begegnet Odysseus den toten Soldaten seiner Armee, dem anonymen Kanonenfutter. Unter ihnen: Der junge Simon, der den Trojanern das hölzerne Pferd überbringen sollte. Allein dieses Totenreich lässt jede Apologie des Krieges verstummen.

Der Hades in der „Odyssee“ ist kein Fantasy-Ort, sondern zeigt eine Gruppe Trauernder in ewiger Dunkelheit. Ebensowenig unterscheiden sich Götter und Menschen. Keine Größendifferenz, keine besondere Aura. Mit dieser Aussparung äußerer Unterschiede erklärt Nolan das antike Ethos der Gastfreundlichkeit. Das lautet nämlich: „Wenn ein Fremder eintritt, behandele ihn gut. Es könnte nämlich ein Gott sein.“

Von seiner zehnjährigen Irrfahrt verbringt Odysseus ganze sieben Jahre auf der Insel Ogygia, bei der Meeresgöttin Kalypso. Nein, er genießt dort kein Jetset-Leben mit Sonne, Sand, Sex und Suff. Stattdessen grübelt der Irrfahrer, weshalb sein Heimweg so beschwerlich, so bestückt mit Hindernissen war. Alle Mitstreiter sind längst ins traute Heim zurück und sitzen wieder auf dem Thron. Nur er und seine Truppe haben sich hoffnugslos verfahren. Kalypso weiß die Antwort: Odysseus gelangt nicht zurück nach Ithaka, weil er es gar nicht will. Alle Verwicklungen und Unfälle spiegeln sein unbewusstes, uneingestandenes Wollen. So wird das Unbewusste zum Schicksal. Nolans „Odyssee“ präsentiert Kalypso als Therapeutin, die Odysseus beim Verstehen innerer Irrfahrten hilft.

Damit griff der Film eine Deutung auf, über die 1964 der Regisseur Fritz Lang mit dem Produzenten Jeremy Prokosch in Jean-Luc Godards „Die Verachtung“ diskutiert: Will Odysseus wirklich zurück nach Ithaka – so wie er behauptet? Allerdings zweifelte Lang, ob solches Deuten der archaischen Story gerecht werde. Zumal, so möchte man ergänzen, solche Deutung des Scheiterns die Außenwelt aus jeglicher Zuständigkeit entlässt. Kaum Zufall, dass libertäre Politiker dem Individuum komplette „Selbstverantwortung“ unterstellen 

Andererseits betreibt Nolans „Odyssee“ keinerlei Kult um seine Hauptfigur. Darsteller Matt Damon spielt den Part ohne markante Züge. Völlig konträr zu Kirk Douglas Performance in der 1954-er Verfilmung. Damons Odysseus wirkt so stinknormal, dass er in keiner Gruppe auffällt. Er ist weder Held noch Antiheld, kein Robert Oppenheimer und erst recht kein Joker. Als postheroischer Krieger steht er nur noch für blanken Selbsterhalt.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Matt Damon, Christopher Nolan und Anne Hathaway nehmen am 14. Juli 2026 an der Premiere von „The Odyssey“ am AMC Lincoln Square in New York, NY teil

Bildquelle: lev radin / Shutterstock

 


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