Propaganda gegen Umverteilung:
Zum Kinostart von „The Death of Robin Hood“
“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.
Schon seit Jahren demontiert das Mainstream-Kino seine Helden. Dabei geht es nicht um „Vermenschlichung“, sondern um Enttarnung. Lass uns den inneren Fiesling sehen. Wäre doch gelacht, wenn der keine Leiche im Keller hätte. Und tatsächlich: Die Abgründe der Pop-Helden sind so tief wie der Pazifische Ozean. In Zack Snyders "Batman V Superman: Dawn of Justice" beispielsweise, schrammt der Fledermaus-Mann nur um Haaresbreite eine Psychose, während Superman von Selbstzweifeln zernagt wird.
Ebenso krass traf es James Bond, dem Männlichkeits-Ideal der Sechziger. Der Geheimagent, Womanizer und stolzer Besitzer einer Tötungs-Lizenz, leidet zunehmend an posttraumatischen Beschwerden. In „Spectre“ befragt ihn die Psychiaterin Dr. Madeleine Swann zum Alkoholismus und seiner Lust an der Gefahr.
Natürlich ist es kein Zufall, dass Frau Dr. Swann, gespielt von Léa Seydoux, den Agenten 007 auch im nächsten Film, „Keine Zeit zu sterben“, tatkräftig unterstützt. Subtext: Ohne Seelenklempnerin kriegt auch Bond nix mehr auf die Reihe. Zumal dessen Lieblingsbeschäftigung, Typen abknallen und Miezen flachlegen, inzwischen als Verhaltensstörung gilt. Sean Connery oder Roger Moore? - Würden heute im Shitstorm ertränkt.
In der vergangenen Woche ging die nächste Abrissbirne in Betrieb: Im Kino startete „The Death of Robin Hood“. Das Wort „Tod“ ist hier mehrdeutig. Einmal verweist es auf den physischen Tod des Helden. Und zweitens auf den Tod eines Mythos, einer langen Idealisierung, dem Image vom „edlen Räuber“, der Aristokraten zur Kasse bat, die Beute den Bedürftigen gab. – und den Sheriff von Nottingham zur Weißglut trieb.
So präsentierte ihn die klassische „Robin Hood“-Verfilmung mit Errol Flynn, Walt Disneys Zeichentrickadaption plus Mel Brooks TV-Comedy-Serie "Robi Robi Robin Hood". Auch Richard Lesters 1976 verfilmte Geschichte „Robin und Marian“ über die Midlife-Crises des Räuber-Paares ging über subtile Ironisierung nicht hinaus. 2010 zeigte Ridley Scott den Rächer aus Sherwood Forrest als Raubein, ließ den Kern des Mythos jedoch unversehrt.
Schon mittelalterliche Balladen schilderten Robin Hood als Wegelagerer, der liebend gern Reisende plündert. Erst in späteren Bearbeitungen mutierte er zum edlen Umverteiler. Zuvor galt „Robin Hood“ als Spitzname für jede Art von Räuber.
Solch Relativierung lässt das neue Biopic locker hinter sich. Regisseur Michael Sarnoski zeigt Hood als mordgeiles Monstrum. Bei einer Pressevorführung haben Kritiker angeblich den Saal verlassen und den nächsten Safe Space gestürmt. Es beginnt wie in einem Horrorfilm: ein nächtlicher Gebirgswald. Ein junges Mädchen, das verzweifelt nach Nahrung sucht. Ihre Ausbeute bleibt gering. Erschöpft legt sie sich schlafen.
Da plötzlich: Auf halber Höhe des angrenzenden Berges: Ein Licht, ein Lagerfeuer. Das Mädchen rafft sich auf, eilt dorthin. Sie erkennt einen alten Mann, der gerade ein frisch getötetes Tier grillt. Das Mädchen bittet um ein paar Bissen. Der Alte wirft ihr einen Fleischbrocken vor die Füße. Es folgt ein beidseitiges Beschnuppern. Denn lenkt das Mädchen die Konversation auf den legendären Robin Hood. Der Alte korrigiert sie: Hood sei kein Wohltäter, sondern ein Outlaw mit gewaltiger Mordlust.
Als der Greis sich schlafen legt, schleicht das Mädchen zu ihm. Langsam. Keinen Laut. Dann holt sie mit dem Messer weit aus – weiter kommt sie nicht. Der Greis wendet sich blitzschnell. Ein Stich in die Halsschlagader und die Angreiferin liegt am Boden. Er hatte es geahnt: Das Mädchen war das Kind eines seiner Opfer, war auf Blutrache aus. Diese blutjungen Rächer suchen ihn. Deshalb floh der alte Haudegen in die Einsamkeit. Sein letztes Großprojekt: In einer Schlacht zu sterben. Nicht an Altersschwäche, aber auch nicht als Mordopfer. Sondern im Kampf.
Bald darauf begegnet Robin Hood einem früheren Kumpan, Little John. Der hatte ein ehrliches Leben versucht, Frau, Kinder, einen Job. Leider hat er alles in den Sand gesetzt. Aber Little John hat einen letzten Wunsch: Noch einmal so richtig plündern. Mit allem, was dazu gehört. Also fragt er den greisen Kameraden: Willst du mich begleiten? Der Alte sagt zu und sie zermetzeln eine Bauernfamilie im Teamwork. Wenn Robin Hood einem fliehenden Kind einen Pfeil hinterherschießt, der den Kopf durchbohrt und dessen Spitze aus der rechten Augenhöhle des Kindes ragt, dann ist Hood ein Killer wie Michael Myers in „Halloween“ oder Jason Voorhees aus „Freitag der 13.“ geworden. Ein Slasher-Monster.
Aber als Robin Hood selber schwer verwundet wird, nimmt der Film eine Wendung: Little John bringt den bewusstlosen Kumpan zu einer Insel, auf der sich ein Nonnenkloster befindet. Die Äbtissin pflegt den Verwundeten. Die Genesung schreitet voran, es kommt zu ersten Gesprächen. Die Äbtissin, ebenfalls mit brutalen Schicksalsschlägen belastet, treibt den Greis zur Reflexion über seine Untaten. Eine Art Psychoanalyse ante verbum. Und ja, am Ende findet auch der Schwerverbrecher einen friedvollen Tod.
Natürlich ist die Kloster-Insel eine Art Utopie, eine Oase, inmitten einer Wüste aus Dürre und Gemetzel. Sie erinnert an das verborgene Land Eldorado aus Voltaires Roman „Candide“. Oder an Aldous Huxleys „Island“, deren Bewohner die Lehren des Anarchisten Kropotkin mit fernöstlicher Spiritualität verbinden. Auf utopischen Inseln mag ein Leben ohne Verbrechen funktionieren. Aber jenseits der Inseln erscheint das irreal. Im Mittelalter wie im 21. Jahrhundert. Dafür steht die gescheiterte Existenzgründung von Little John.
Für alle, die an Synchronizität glauben, noch ein Hinweis: Exakt an dem Tag, als „The Death of Robin Hood“ in hiesigen Kinos startete, forderte CDU-Politiker Alexander Dobrindt die Kürzung des Bürgergeldes. Die Mittellosen bekämen mit monatlichen 536 Euro definitiv zu viel. Das behauptet ein Politiker, der ein monatliches Brutto-Einkommen von 34.000 Euro einstreicht. Reiche erklären den Mittellosen, dass sie zu viel Geld besäßen! Dobrindts Kalkulation: Durch soziale Grausamkeiten ließen sich 50 Milliarden einsparen und manches Haushaltsloch stopfen. Wo blieb der Aufschrei? Der blieb aus. Bald traute sich auch Markus Söder ans Mikrophon, wiederholte Dobrindts Forderung.
Vielleicht fragen Sie jetzt: Was haben Robin Hood und Dobrindt miteinander zu tun? Der Politiker steht für einen globalen Trend, den Gestolperten noch der kläglichsten Reste zu berauben, den Sozialstaat zu zertrümmern und dafür von aufgehetzten Bürgern noch gewählt zu werden: Was aber soll eine entsolidarisierte Gesellschaft noch mit einem Helden des sozialen Ausgleichs? Ob intendiert oder nicht: „The Death of Robin Hood“ spiegelt globalen Zeitgeist. Das Anschwärzen der Umverteilung erklärt jeden Widerstand gegen Sozialabbau als gefährlich.
Dazu passt auch, dass die 1.200 Jahre alte Eiche im Sherwood Forest, ein wichtiger Bestand der Robin-Hood-Legende, ausgerechnet in diesem Jahr gestorben ist. Im Frühjahr 2026 brachte sie kein einziges Blatt mehr hervor. Daraufhin hat die Royal Society for the Protection of Birds ihren Tod festgestellt.- Eine weitere Synchronizität.
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Bild: Statue von Robin Hood, East Midlands
Bildquelle: WDG Photo / shutterstock
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