FAZ-Korrespondent Michael Martens fragte am vergangenen Samstag, wie Europa der Ukraine helfen könne, mehr russische Soldaten zu töten und verteidigte die Formulierung anschließend ausdrücklich. Das Problem ist damit kein Versprecher mehr. Es ist eine Haltung, in der Menschen zu Verschleißmaterial eines Abnutzungskrieges werden.
Ein Meinungsbeitrag von Sabiene Jahn.
Kriege zerstören nicht erst Häuser, Körper und Landschaften. Sie zerstören zuvor die Sprache. Begriffe werden verschoben, Hemmschwellen sinken, Menschen verschwinden hinter Kategorien wie „Ziele“, „Kapazitäten“, „Verluste“ und „Ersatzraten“. Vielleicht frisst der Krieg deshalb tatsächlich zuerst einige seiner geistigen Kinder. Jene, deren Beruf eigentlich darin bestünde, Distanz zu halten und genau hinzusehen.
Michael Martens, langjähriger Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat auf der gemeinsamen Pressekonferenz des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić und des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am 8. August 2026 in Belgrad eine Frage gestellt, die diese Grenze überschreitet. (1) Er wollte von Selenskyj wissen, was „wir Europäer“ konkret tun könnten, um der Ukraine dabei zu helfen, „mehr Russen zu töten“. Unmittelbar fügte er hinzu, „mehr russische Soldaten natürlich“. (2)
Man hätte noch von einem sprachlichen Ausrutscher sprechen können. Einem Satz, der schneller herauskam, als der Kopf ihn kontrollieren konnte. Die nachgeschobene Präzisierung hätte man als verspätetes Erschrecken über die eigene Wortwahl lesen können. Doch genau diese Erklärung hat Martens selbst beseitigt. Nach der Pressekonferenz beschrieb er auf seinem X-Account seine eigene Frage noch einmal schriftlich. Er habe Selenskyj gefragt, was Europa tun könne, „to help Ukraine kill more Russian soldiers“. (3) Kein Bedauern und auch keine Distanzierung. Als ihm die Formulierung vorgehalten wurde, legte er nach, „How are wars ended? By killing soldiers and destroying enemy infrastructure.“ Und schließlich, „Only if the free world can kill more Russian soldiers than Putin can replenish, he will be forced to end it. Welcome to the real world.“ (4) Zu Deutsch, nur wenn die „freie Welt“ mehr russische Soldaten töten könne, als Putin ersetzen könne, werde dieser gezwungen, den Krieg zu beenden. Willkommen in der Realität. Martens meinte es so. Die Wortwahl ist nicht hinnehmbar.
Natürlich sterben Soldaten im Krieg. Natürlich besteht militärische Strategie auch darin, gegnerische Kräfte kampfunfähig zu machen. Niemand muss diese Wirklichkeit beschönigen. Ein Kriegsberichterstatter darf nach Waffen, Reichweiten, Verlusten, Nachschub und militärischer Wirkung fragen. Er muss es können. Doch es besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen der Beschreibung des Tötens und seiner sprachlichen Übernahme als eigenes Ziel.
Martens fragte eben nicht, was braucht die Ukraine, um ihre Stellungen zu halten? Wie kann Europa ihre Verteidigungsfähigkeit erhöhen? Welche Mittel könnten Russland zum Rückzug bewegen? Er fragte, was können wir tun, damit mehr russische Soldaten getötet werden? Und später wird aus „wir Europäer“ sogar „the free world“. Die sogenannte freie Welt als handelndes Subjekt des Tötens. Ein Journalist der FAZ als ihr Sprecher. Hier wird nicht mehr beobachtet. Hier wird Partei ergriffen bis hinein in die gewünschte Zahl der Toten.
Der serbische Präsident war sichtlich entsetzt - er zog die Augenbrauen hoch -, antwortete dann besonnen mit einem bemerkenswert knappen Satz. Vučić erklärte zunächst, eine militärische Zusammenarbeit mit der Ukraine sei an diesem Tag nicht besprochen worden. Dann sagte er, „was das Töten betrifft, hoffe ich, dass das Töten aufhört.“ (5) Eigentlich hätte die Pressekonferenz an diesem Punkt eine Lehrstunde für Journalismus sein können. Denn Vučić formulierte die Selbstverständlichkeit, die Martens verloren gegangen ist. Das Ziel eines Krieges kann aus menschlicher Perspektive nicht darin bestehen, immer effizienter Menschen zu töten. Das Ziel muss sein, das Töten zu beenden.
Es sind auch auf russischer Seite Menschen. Das klingt banal. Offenbar muss man es wieder aussprechen. Russische Soldaten haben Eltern. Viele haben Frauen und ebenso Kinder. Manche sind selbst kaum älter als Kinder. Dasselbe gilt für ukrainische Soldaten. Hinter jeder Verlustzahl steht eine Familie, der eines Tages jemand mitteilt, dass ein Sohn, Vater, Bruder oder Ehemann nicht zurückkehren wird. Der Krieg macht daraus Zahlen. Journalismus darf das nicht ebenfalls tun. Wer nur noch darüber nachdenkt, ob eine Seite schneller Menschen töten kann, als die andere neue Menschen an die Front bringen kann, übernimmt die Logik der Materialschlacht. Der Mensch erscheint darin tatsächlich wie Munition - verfügbar, verbraucht und ersetzbar.
Dass Martens dafür den Zweiten Weltkrieg bemüht, macht die Sache nicht überzeugender. (3) Historische Analogien sind keine Abkürzung aus der politischen Analyse. Russland im Jahr 2026 ist nicht das Deutsche Reich von 1941, der Ukrainekrieg keine Wiederholung des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. Wer jede Frage nach Verhandlungen durch den Verweis auf Hitler erledigt, schafft sich eine Welt, in der Diplomatie grundsätzlich als Appeasement und militärische Eskalation als moralische Pflicht erscheint. Damit wird Krieg potentiell endlos. Und es kommt noch etwas hinzu.
Die Erzählung, dieser Krieg habe am 24. Februar 2022 aus dem historischen Nichts begonnen, ist falsch. Im Donbass wurde bereits seit 2014 Krieg geführt. (6) Nach dem Putsch in Kiew, den Forderungen nach größerer regionaler Autonomie beziehungsweise einem Sonderstatus für den Osten und schließlich der Ausrufung der Volksrepubliken Donezk und Lugansk setzte die ukrainische Führung Streitkräfte, Nationalgarde und Artillerie gegen die Aufstandsgebiete ein. Russland unterstützte die zunächst selbstorganisierten Bürgerwehren im Donbass logistisch und materiell. (7) Wer diese Vorgeschichte ausblendet, versteht weder die Verhärtung der Bevölkerung noch die Eskalationsdynamik, die schließlich in den offenen Krieg zwischen Russland und der Ukraine mündete.
Der deutsche Journalist Patrik Baab erinnert in seinem jüngsten Beitrag zusätzlich an eine Ebene, die im moralisch aufgeladenen Sprechen über diesen Krieg fast vollständig verschwindet - materielle Interessen. Schon vor 2014 hatten internationale Energiekonzerne erhebliche Interessen an ukrainischen Gas- und Rohstoffvorkommen. (8) Baab verweist unter anderem auf Shell-Projekte für Schiefergas im Raum zwischen Charkow und Donezk sowie auf geplante Investitionen von Chevron und weiteren Energiekonzernen. (9) Der Donbass ist zugleich eine Region mit großen Kohle-, Erz- und Mineralvorkommen. Baab stellt diese ökonomische Dimension ausdrücklich ins Zentrum des Konflikts. (10) (11) Warum sollen ausgerechnet jene Menschen, die auf diesen Böden leben, am Ende ausschließlich als Soldaten betrachtet werden, deren Zahl man möglichst schnell reduzieren muss?
Die Verbindung von Ressourceninteressen, Finanzkapital und dem politischen Zugriff auf die Ukraine zieht Baab besonders hart. Er verweist auf den Einstieg Hunter Bidens am 12. Mai 2014 bei Burisma und auf die damaligen westlichen Interessen an der ukrainischen Energiepolitik, eines vor allem durch Finanz- und Rohstoffinteressen getriebenen Krieges. (11) Dass Energie, Rohstoffe, Absatzmärkte, Infrastruktur und mittlerweile eine gigantische Rüstungsproduktion wirtschaftliche Interessen erzeugen, lässt sich schwer bestreiten. Deshalb ist Martens' Satz so beklemmend entsetzlich.
Diejenigen, die sterben, besitzen die Rohstoffe nicht. Sie sitzen nicht in den Vorstandsetagen der Energiekonzerne. Und sie handeln nicht mit Rüstungstiteln, verhandeln keine Kreditprogramme und schließen keine milliardenschweren Wiederaufbauverträge. Sie liegen in Schützengräben. Und dann kommt ein deutscher Journalist und fragt, wie „wir Europäer“ dafür sorgen können, dass noch mehr von ihnen sterben. Das ist moralische Verrohung und eine Verkehrung dieses Krieges.
Russische Soldaten entscheiden ebenso wenig über Rohstoffverträge, NATO-Strategien oder geopolitische Einflusszonen wie ukrainische Soldaten im Schützengraben. Beide tragen Entscheidungen aus, die an anderen Orten getroffen werden. In Präsidentenbüros, Bankenvorständen, Ministerien, Militärstäben, Konzernzentralen und Strategieabteilungen. Wer einen Krieg verlängert, obwohl politische Möglichkeiten zu seiner Beendigung bestehen, trägt deshalb eine andere Verantwortung als jener, der eingezogen, zwangsmobilisiert oder unter sozialem Druck an die Front geschickt wird.
Dort müsste sich journalistische Aggressivität eigentlich konzentrieren. Nicht auf die Frage, wie noch mehr Russen getötet werden können. Auf Fragen wie, wer verhindert, dass überhaupt weiter getötet wird. Welche Verhandlungsangebote wurden ausgeschlagen? Welche Maximalforderungen verhindern Kompromisse? Wer profitiert von einer Fortsetzung? Welche Regierungen erklären militärische Siege zu Voraussetzungen für Gespräche? Welche Unternehmen kalkulieren bereits mit Produktionslinien, Aufträgen und Wiederaufbau? Welche politischen Akteure sitzen weit entfernt vom Gefechtsfeld und erklären weitere Jahre des Krieges für notwendig? Dort wäre Härte angebracht.
Man müsste die politisch Verantwortlichen aus ihren warmen Amtszimmern und klimatisierten Büros holen und mit dem Ergebnis ihrer Entscheidungen konfrontieren. Mit den Friedhöfen. Mit den Verwundeten. Mit den Eltern. Mit den Witwen. Mit den Kindern, die ihren Vater nur noch auf einem Foto kennen.
Nicht die Völker müssen einander hassen. Sie müssen dazu gebracht werden. Jeder längere Krieg benötigt Feindbilder. Irgendwann erscheint der Tod von Soldaten nicht mehr als Tragödie, er wird zum strategischen Erfolg. Dann ist jene Schwelle erreicht, an der Sprache selbst kriegsfähig geworden ist. Martens ist deshalb weniger die Ursache als ein Symptom. Ein Symptom einer Atmosphäre, in der Hass als Realismus auftreten darf und der Wunsch nach weniger Toten als Naivität. „Welcome to the real world“, schreibt er.
Möglicherweise besteht die reale Welt darin, dass zwölf Jahre Krieg im Donbass genug sind. Dass kein zusätzlicher toter Russe einen toten Ukrainer zurückbringt. Dass kein zusätzlicher toter Ukrainer einen toten Russen zurückbringt. Ist die brutalste Wahrheit des Krieges womöglich viel einfacher als Martens' Rechnung über Ersatzraten. Ein Krieg endet nicht erst, wenn genügend Menschen gestorben sind. Er endet, wenn diejenigen, die ihn führen und finanzieren, beschließen, dass nicht noch mehr sterben sollen.
Dafür braucht es keine größere Tötungsleistung. Dafür braucht es politischen Willen. Und wenigstens ein Minimum dessen, was Journalismus niemals verlieren darf: Menschlichkeit.
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Bildquelle: PhotoChur / shutterstock
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Der Artikel erschien zuerst am 11. August 2026 bei globalbridge.ch: https://globalbridge.ch/willkommen-in-der-realen-welt/
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Quellen und kurze Anmerkungen: (abgerufen am 9.August 2026)
- Gemeinsame Pressekonferenz von Aleksandar Vučić und Wolodymyr Selenskyj, Belgrad, 8. August 2026. Belegt Datum, Ort und politischen Kontext des Treffens: https://www.reuters.com/business/leaders-serbia-ukraine-pledge-closer-economic-ties-2026-08-08/
- Wortlaut der Frage Michael Martens' und Antwort Aleksandar Vučićs: RTRS dokumentiert sowohl Martens' Frage als auch Vučićs serbischen Wortlaut: „A što se tiče ubijanja ja se nadam da će ubijanje da prestane.“ https://lat.rtrs.tv/vijesti/vijest.php?id=655747; https://x.com/vladi2726/status/2086122127883698559
- Dokumentation von Martens' Frage und seiner anschließenden Verteidigung auf X. Englischer Wortlaut „Can you tell us Europeans what can we concretely do to help you to kill more Russians?“ sowie „more Russian soldiers, of course“ und dokumentiert seine nachfolgenden X-Äußerungen: https://www.bignewsnetwork.com/news/279228308/how-can-we-help-you-kill-more-russians-german-reporter-asks-zelensky; https://x.com/Andric1961/status/2086050674886799785; https://x.com/Andric1961/status/2086100782055637350; (Screenshot gesichert)
- Offizielle ukrainische Dokumentation des Beginns der „Anti-Terrorist Operation“ im Osten der Ukraine 2014. Die ukrainische Regierung datiert die offizielle Ankündigung der ATO auf den 14. April 2014: https://dn.gov.ua/en/news/14-kvitnia-2014-roku-oholosheno-provedennia-antyterorystychnoi-operatsii-na-skhodi-ukrainy
- Ukrainisches Außenministerium zum Beginn der militärischen Auseinandersetzungen im April 2014. Entscheidung, eine „full-scale anti-terrorist operation“ einzuleiten: https://mfa.gov.ua/en/news/21521-zajava-mzs-ukrajini
- Shell und das Yuzivska-Schiefergasfeld in den Regionen Donezk und Charkow. Das Centre for Eastern Studies dokumentiert den am 24. Januar 2013 unterzeichneten, auf 50 Jahre angelegten Production Sharing Agreement zwischen der Ukraine und Shell. Das Yuzivska-Feld erstreckte sich über Teile der Regionen Charkow und Donezk: https://www.osw.waw.pl/en/publikacje/analyses/2013-01-30/ukraines-agreement-shell-shale-gas-extraction
- Kohle- und Energieressourcen des Donbass. Die Internationale Energieagentur beschreibt die erheblichen ukrainischen Kohlevorkommen und hält fest, dass sich der überwiegende Teil der ukrainischen Kohle im Donbass beziehungsweise im Donezbecken befindet: https://www.iea.org/reports/ukraine-energy-profile/energy-security
- Rohstoffbasis der Ukraine: Der U.S. Geological Survey dokumentiert unter anderem ukrainische Vorkommen beziehungsweise Produktion von Eisenerz, Titanmineralen, Graphit, Uran und weiteren mineralischen Rohstoffen: https://www.usgs.gov/centers/national-minerals-information-center/ukraine
- Hunter Biden und Burisma: Reuters dokumentiert, dass Hunter Biden 2014 in den Verwaltungsrat des ukrainischen Energieunternehmens Burisma eintrat, während Joe Biden US-Vizepräsident war. https://www.reuters.com/legal/pivotal-moments-leading-up-trial-joe-bidens-son-hunter-2024-06-03/
- Bericht über Hunter Bidens Eintritt bei Burisma: Der Bericht vom 14. Mai 2014 beschreibt Burisma als großen privaten ukrainischen Gasproduzenten und Bidens Funktion im Unternehmen: https://www.theguardian.com/business/shortcuts/2014/may/14/hunter-biden-job-board-ukraine-biggest-gas-producer-burisma
- Patrik Baab: In seinem Beitrag spricht er über den Tatort London: Wie die City of London als extralegale Zone und mächtigste Finanzlobby der Welt Kriege finanziert und vom Chaos profitiert. Bankers Wars: Warum Ressourcen wie Öl, Gas und seltene Erden die Grundlage für gehebelte Derivatgeschäfte sind und warum das Finanzsystem ohne neue Beute zusammenbrechen würde. Die Rolle der Oligarchen: Wie ukrainische Vermögen in westliche Steuerparadiese verschwinden, während das Herkunftsland verarmt und deindustrialisiert wird. Geopolitische Weichenstellungen: Die Interessen von Big Energy (Shell, Exxon, Chevron) und die Beteiligung von Akteuren wie Hunter Biden an der ukrainischen Burisma Holding sowie die blutige Bilanz: Warum der Ukraine-Konflikt und künftige Eskalationen als eine gigantische „Konkursverschleppung“ des Kapitalsystems zu werten sind: www.youtube.com/watch?v=bLA0a0xiy_g
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