Am Samstag stieg über dem Flughafen der saudischen Hauptstadt Riad eine schwarze Rauchsäule auf, über einem Treibstofflager. Vorher hatten die Behörden zum ersten Mal seit der Eskalation im Juli Luftalarm für Riad ausgelöst. Die Huthi, die jemenitische Bewegung Ansar Allah, reklamierten Angriffe auf „sensible Orte“ in der Hauptstadt und auf Aramco-Anlagen in Yanbu. Die saudisch geführte Koalition bestätigte den Abschuss einer ballistischen Rakete. Was den Brand ausgelöst hat, ist unabhängig nicht geklärt. Sicher ist etwas anderes: Die Hauptstadt eines der größten Ölexportländer der Erde liegt in Reichweite einer Bewegung, die man im Westen gern „Miliz“ nennt. Quellen: ABC · AP/NBC
Ich verknüpfe hier vier Gespräche mit der Berichterstattung: Alastair Crooke (ehemaliger britischer Diplomat) bei Danny Haiphong, Joe Kent (früher Direktor des Nationalen Zentrums zur Terrorismusbekämpfung der USA, aus Protest gegen den Iran-Krieg zurückgetreten) bei Glenn Diesen, KJ Noh bei Haiphong und Pepe Escobar bei Transition Protocol. Sie kommen aus verschiedenen politischen Lagern und beschreiben doch dieselbe Struktur. Das ist selbst ein Befund.
Der alte Tausch
Die Ordnung am Golf beruhte jahrzehntelang auf einem Tausch. Die Förderstaaten verkauften ihr Öl in Dollar und legten die Erlöse großenteils in US-Staatsanleihen und amerikanischen Werten an, das heißt Petrodollar-Recycling. Dafür garantierten die USA die Seewege und die Sicherheit der Monarchien. KJ Noh nennt die Meerengen Hormus und Bab el-Mandeb die linke und rechte Halsschlagader des globalen Kapitalkreislaufs. Wer sie bedrohen kann, erschüttert nicht nur die Lieferung, sondern das Versprechen, auf dem der Kreislauf ruht.
Vor dem Krieg, den die USA und Israel am 28. Februar gegen Iran begonnen haben, lief durch Hormus rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls. Iran hat die Meerenge in den ersten Kriegstagen faktisch geschlossen. Riads Ausweg war die East-West-Pipeline, die über 1.200 Kilometer zu den Häfen am Roten Meer führt und bis zu sieben Millionen Fass am Tag transportiert. Aramco, der staatliche Ölkonzern, verbuchte im Sommer dank ihr außergewöhnlich hohe Gewinne, und das Königreich blieb lange weitgehend abgeschirmt. Die Pipeline war das Ventil des Systems. CNBC · Al Jazeera · AP/PBS · Middle East Eye
Die Umkehr der Hebel
Dann drehte sich die Lage. Im Juli beendeten die Huthi den vierjährigen Waffenstillstand mit Riad und erklärten eine Blockade saudischer Schiffe. Am 8. September verletzte eine Angriffswelle im Süden mehr als 70 Menschen. Am 10. September griffen Drohnen die Pipeline an, einen Tag später schaltete Riad sie ab. Es macht iranisch gestützte Milizen im Irak verantwortlich, die irakische Regierung bestätigte, dass die Angriffe von ihrem Gebiet ausgingen, und entließ zwei hohe Beamte. Riad verzichtete auf Vergeltung, um Bagdad Raum zum Handeln zu lassen. Die Reparatur dauert nach Angaben zweier eingeweihter Beamter drei bis fünf Wochen. Nach einem Reuters-Bericht reichen die Lagerbestände in Yanbu nur für fünf bis sieben Tage Exporte. Zugleich nahmen die Huthi den Hafen Mokka, die Insel Mayun in der Meerenge Bab el-Mandeb und die Hanish-Inseln ein. Sie stehen damit rund 32 Kilometer vor dem US-Stützpunkt in Dschibuti. CNN · AP/PBS · AP/PBS · World Israel News/Reuters
Im Roten Meer läuft der Verkehr mit Störungen weiter, und die Huthi könnten die Passage nach Einschätzung der Jerusalem Post nicht sperren, aber den Verkehr überwachen und gezielt bedrohen. Escobars Satz, Bab el-Mandeb stehe „vollständig“ unter Kontrolle der Huthi, geht daher zu weit. Kents Formel trifft es besser: Iran und die Huthi hätten mehr Druckmittel gegen die USA als umgekehrt. Sie müssen nicht schließen, es genügt die Fähigkeit dazu. AP beschreibt genau das: Während Washington die eine Seite lockert, öffnet sich auf der anderen ein zweiter Hebel für Teheran. AP/PBS · AP/NPR · Jerusalem Post
Dazu kommt eine Asymmetrie, die im Gespräch zwischen Diesen und Kent ebenso auftaucht wie bei Escobar. Eine Pipeline liegt fest und ist bekannt. Der Angreifer wählt den Zeitpunkt, der Verteidiger muss wieder aufbauen. Escobar sagt voraus, ein Angriff auf die halb reparierte Leitung setze die Uhr zurück. Das ist seine Prognose, aber die Logik ist strukturell: Ein fester Zubringer taugt nicht als Sicherheitsventil, wenn Gegner ihn erreichen können.
Wenn die Garantie zur Haftung wird
Kronprinz Mohammed bin Salman bat Trump nach mehreren Berichten um Angriffe auf die Huthi, Trump lehnte ab und bot Aufklärungshilfe an. Er sagte zudem, die Huthi hätten bei ihm angerufen und wollten nicht gegen die USA kämpfen. Am 17. September genehmigte das Außenministerium den Verkauf von 48 F-35-Kampfjets für 24,3 Milliarden Dollar. Der Kongress hat 30 Tage Zeit, ihn zu prüfen, bis zur Auslieferung dürften Jahre vergehen. Für ein Land unter Beschuss ist das eine politische Geste, keine Entlastung. Riad gehen laut Berichten die Abfangraketen aus, und nach Angaben regionaler Beamter bat es Frankreich, Großbritannien, Pakistan und Ägypten um Luftabwehr. Über das US-Regionalkommando CENTCOM soll es auch Israel indirekt um Aufklärungshilfe gebeten haben, keine Seite hat das offiziell bestätigt. JPost · AP/PBS · Al Jazeera · Times of Israel · Middle East Monitor
Auch die Bündnisse tragen nicht. Am 7. August schlossen Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan in Mekka einen Verteidigungspakt. Ankara und Islamabad beschränken sich bisher auf Verurteilungen. Beide sagen, im Rahmen des Pakts habe Riad keine Unterstützung angefordert. Pakistans Verteidigungsminister erklärte am 16. September, der Pakt gelte, nannte aber keine Konsequenz, und nach Berichten erwägt Islamabad keine Militäraktion gegen die Huthi. Die Emirate bauten ihre Militärinfrastruktur auf den Hanish-Inseln nach dem Zerwürfnis mit Riad ab. Algerien brach am 10. September die Beziehungen zu Abu Dhabi ab, wegen Israel, Westsahara und Sahel, ebenso der Sudan und Somalia. Kent zieht daraus den Schluss: Die Golfstaaten stellten fest, dass ihre Sicherheitsgarantie zur Belastung wurde, weil US-Stützpunkte vor der Haustür iranische Raketen anzogen. Sie würden Abmachungen mit Teheran treffen müssen, ob Washington es mag oder nicht. Den Mekka-Pakt hält er für kaum mehr als Papier, aber für einen ersten Ausdruck dieses Wandels. Al Jazeera · AP/NPR · Middle East Eye · Eurasian Times · Al Jazeera
Der Kategorienfehler
Ein Kategorienfehler liegt vor, wenn man einen Akteur der falschen Sorte zuordnet und daraus falsche Schlüsse zieht. „Miliz“ bezeichnet einen irregulären, meist von außen gelenkten Kampfverband ohne eigene politische Ordnung. Die Huthi kontrollieren aber die Hauptstadt Sanaa und die bevölkerungsreichsten Teile des Jemen und verwalten Gebiet. Kent sagt, sie sähen sich als gleichberechtigtes Mitglied der „Achse des Widerstands“, nicht mehr als Stellvertreter Irans, und fordert, sie als Regierung in Sanaa anzuerkennen, so wie Washington es mit al-Scharaa in Syrien tat. Das Bild ist nicht einseitig: Die Huthi haben nach AP Mühe, Beamte zu bezahlen, und halten UN- und Hilfskräfte fest. Ein Quasi-Staat mit Repression ist weder Miliz noch Befreiungsbewegung. Reuters/ABC · AP/NPR
Derselbe Fehler steckt in Washingtons Erwartungen. Trump habe angekündigt, nach den Zwischenwahlen (Midterms) im November entweder Iran zu vernichten oder einen Deal zu machen. Das setze voraus, sagt Kent, dass Iran passiv abwartet. Es gebe aber Hinweise, dass Iran selbst eine neue Runde beginnt, er rechne damit Ende September oder im Oktober. Wer Wollen und Können nicht unterscheidet, so Kent, handelt aus einer Hegemonie, die es in dieser Form nicht mehr gibt.
Der unsichtbare Teil
Sichtbar ist der Krieg, entschieden wird auch, was man nicht sieht. Belegbar sind zunächst die Kanäle zwischen Staaten. Oman richtete vergangenes Wochenende ein Treffen zwischen US-Vertretern und Huthi aus, wie ein Huthi-Vertreter AP bestätigte. So verhandelt man mit einem Gesprächspartner, nicht mit einer Miliz. Escobar behauptet, die Huthi hätten den USA über Oman mit der Zerstörung ihres Stützpunkts in Dschibuti gedroht, falls sie eingreifen. Das Treffen ist bestätigt, die Drohung nicht. Pakistan übermittelte eine saudische Botschaft an Iran. China bat Iran nach Reuters-Informationen, seinen Einfluss auf die Huthi geltend zu machen, nachdem sich Riad an Peking gewandt hatte. Die Türkei spricht mit Iran und den Emiraten, Mohammed bin Salman reiste nach Ägypten, und Gespräche der Golfstaaten mit Iran über Schifffahrt in Hormus wurden verschoben. Der Nahost-Experte Bernard Haykel fasst die saudische Linie zusammen: mit Iran verhandeln, gegen die Huthi härter auftreten. AP hält eine Einigung ohne einen Durchbruch im weiteren Iran-Krieg für unwahrscheinlich, denn nur Iran habe Einfluss auf die Huthi. Die Huthi verlangen, dass Riad seine Blockade ihrer Häfen und Flughäfen aufhebt. Auch das hat Präzedenz: Das saudisch-iranische Abkommen von 2023 wurde in Peking verkündet, nachdem beide Seiten seit April 2021 in Bagdad und Oman im Verborgenen verhandelt hatten. AP/NPR · Middle East Eye · Middle East Eye · Reuters/US News · The National
Darunter liegt die Ebene, die Crooke betont. Die Huthi würden nun mit Stammesführern im Inneren Saudi-Arabiens verhandeln, über ein gerechteres Verhältnis in einem Land, in dem eine einzige Familie Geld und Anerkennung auf sich vereine. Bestätigen kann ich das nicht, und Crooke selbst räumt ein, keine privilegierten Informationen zu haben. Kent und Escobar stützen die Logik, aber auf jemenitischem Boden. Der Jemen laufe über Stämme, Patronage und Abmachungen, sagt Kent, und der Präsident Saleh habe jahrelang so regiert. Escobar prophezeit Vereinbarungen für die Stadt Marib nach jemenitischer Art: Waffen behalten, Gefangene frei, keine Rache. Beides sind Erwartungen, keine Berichte. Was in beiden Fällen offen bleibt, ist der Schritt über die Grenze.
Bemerkenswert ist deshalb ein prüfbarer Punkt: Nach Angaben der saudisch geführten Koalition zielen Huthi-Angriffe inzwischen auf zivile und wirtschaftliche Ziele in Abha, Khamis Mushait, Jizan und Najran, also in der Region der Provinzen, die Saudi-Arabien 1934 im Vertrag von Taif zufielen und die jemenitische Führer weiter als jemenitisch bezeichneten. Dort leben nach einer Studie von 2020 rund 400.000 Ismailiten, deren Loyalität Riad mit Patronage sicherte. Patronage funktioniert aber nur, solange Geld fließt, und das hängt an den Ausfuhrwegen. Das ist meine Überlegung, keine Meldung. Wer Crookes These prüfen will, sollte auf Nachrichten aus diesen Provinzen achten. JFeed · Carnegie · Washington Institute · Sana'a Center
Was noch nicht entschieden ist
Eine Machtverschiebung ist noch keine Entscheidung. Ein im Juni erzielter Rahmenvertrag mit Iran zerfiel nach AP rasch. Die USA haben keine erkennbare Ausstiegsstrategie, der Krieg hat mehr als 37,5 Milliarden Dollar gekostet und 18 US-Soldaten das Leben. Trump sagte am 17. September, man nähere sich hoffentlich dem Ende, und erklärte im August, es gebe keine Gespräche. Laut einer Umfrage von Ende Juli lehnen 60 Prozent der US-Wähler den Einsatz ab, ein Analyst hält einen Deal nach den Wahlen für möglich. In Israel wird am 27. Oktober gewählt, die Blöcke liegen in den Umfragen fast gleichauf. Saudi-Arabien wiederum besitzt noch Luftstreitkräfte und Geld. AP/PBS · CNBC · Al Jazeera · JPost · Al Jazeera
Die nächsten Tage liefern Hinweise. Xi Jinping trifft am Mittwoch in Washington ein, die Gespräche sind für Donnerstag angesetzt. Auf der Agenda stehen laut AP Zölle, künstliche Intelligenz und seltene Erden. Escobar erwartet, dass Peking mit einem Ausfuhrstopp für seltene Erden droht, falls die US-Blockade iranischer Häfen bleibt. Das stammt aus Teheraner Umfeld und ist unbestätigt. Danach folgen Marib, das Ende der Pipeline-Reparatur und die beiden Wahlen. AP/US News
Zwei Lesarten stehen sich gegenüber. Noh und Escobar sehen den Beginn einer multipolaren Ordnung, Kent nüchterner eine Lage, in der Washington Prioritäten setzen und Abmachungen treffen muss. Kent rechnet langfristig damit, dass Iran wieder als Regionalmacht anerkannt wird. Die Belege sprechen eher für seine Version.
Der Hegemon hat nicht verloren, was er besaß, sondern was er versprach. Das Versprechen war der Kredit, auf dem die Ordnung lief. Jetzt wird bar gezahlt, in Barrel, in Raketen und in Zugeständnissen.
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Bildquelle: Symbolbild, Dmitriy Sidanchenko / shutterstock
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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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