Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Es ist eine beruhigende Nachricht für den europäischen Waldschutz: Die spanischen Wälder stehen zwar lichterloh in Flammen, aber sie brennen immerhin streng regelkonform und vollkommen sanktionskonform ab. Man stellt sich die Erleichterung in den Brüsseler Prachtbauten vor: Ja, Madrid versinkt im Rauch, mehr als 45.000 Hektar sind bereits verbrannt, die Evakuierungszahlen gehen in die Zehntausender und das Militär übernimmt die Katastrophenhilfe – aber Gott sei Dank wird kein einziger russischer Mechaniker auch nur in die Nähe einer Kamow Ka-32 gelassen, um eine Schmiernippel-Wartung durchzuführen.
Wo kämen wir denn da hin? Zehn dieser Maschinen stehen komplett flugunfähig auf dem Flugplatz von Guadalajara – eine ganze Flotte, stillgelegt nicht aus Sicherheitsgründen, sondern aus reiner Prinzipientreue. Die EU-Sanktionen von 2024 haben nicht nur die Ersatzteillieferung gekappt, sondern gleich die EASA dazu gebracht, der Ka-32 die Musterzulassung zu entziehen. Ein Bürokratie-Kunstgriff von seltener Eleganz: Man muss die Hubschrauber gar nicht mehr politisch verteidigen, man hat sie einfach aus der Zulassungsrealität herausdefiniert. Die Sanktion hat sich selbst verwaltungstechnisch für alle Zeit abgesichert.
Wenn Hunderte Millionen Euro an Sachwerten und unzählige Hektar Natur in Schutt und Asche gelegt werden, ist das ein kleiner Preis für die europäische Prinzipientreue. Ein Kamov-Hubschrauber mag zwar über 5.000 Liter Wasser zielgenau abwerfen können – mit einer Präzision, die laut spanischem Umweltministerium selbst „auf dem Markt ihresgleichen nicht hat“ –, aber wozu braucht man Präzision, wenn man stattdessen moralische Überlegenheit versprühen kann? Das eigene Ministerium bestätigt amtlich die Überlegenheit des Geräts und verweigert sich trotzdem seinem Einsatz. Das löscht zwar kein einziges Glutnest, wärmt aber ungemein das Gewissen.
Besonders faszinierend ist die politische Dynamik in Madrid. Während das Land brennt, versuchte der Koalitionspartner Sumar vergeblich, die sozialdemokratischen Partner davon zu überzeugen, dass die Russland-Sanktionen in diesem Punkt kontraproduktiv seien. Die Reaktion der Regierung Sánchez? Ein diplomatisches Schulterzucken – man sei ja nicht zuständig, das entscheide Brüssel. Bloß nicht anecken, bloß keinen Antrag stellen. Lieber kauft man auf dem westlichen Markt Superpuma-Maschinen von Airbus ein, die laut demselben Ministeriumsbericht bei Hitze und in großer Höhe spürbar weniger Wasser tragen, schlechter manövrieren und obendrein deutlich teurer sind – dafür aber das güldene Siegel der geopolitischen Korrektheit tragen.
Spanien ist damit kein Einzelfall, sondern Blaupause eines europäischen Musters: Auch Griechenland fehlen seit 2022 die russischen Berijew Be-200-Löschflugzeuge, die dort über Jahre als das entscheidende Gerät gegen Großfeuer galten – und von denen man noch heute mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Wehmut spricht. Die Sanktionslogik brennt sich, einmal etabliert, zuverlässig durch den gesamten Kontinent.
Wer am Ende von diesem Umstieg profitiert, ist dabei so wenig überraschend wie die Asche selbst: Airbus und die europäische Rüstungs- und Luftfahrtindustrie verkaufen teurere, schwächere Technik in einen Markt, den die eigene Sanktionspolitik ihnen erst geschaffen hat. Der Krieg ernährt eben nicht nur die Rüstungsindustrie, sondern inzwischen auch den Katastrophenschutz.
Die Logik ist schlicht bestechend: Wer braucht schon funktionierende Rettungsgeräte, wenn die Bürokratie so hervorragend funktioniert? So blickt die EU stolz auf ihre Trümmerfelder und darf zufrieden feststellen: Der Wald ist zwar weg, aber die Haltung steht wie eine Eins.
+++
Bildquelle: arafatmyt / shutterstock
+++
Quellen:
La Razón (Spanien): „Las sanciones a Rusia dejan a España sin sus mejores helicópteros para combatir los incendios forestales“ - Bericht über den Stillstand der zehn spanischen Kamow Ka-32-Löschhubschrauber aufgrund fehlender EU-Wartungsgenehmigungen und Ersatzteillieferungen.
The Objective & The Diplomat in Spain: Berichterstattung über die parlamentarische Initiative der spanischen Regierungsfraktion Sumar, die beim spanischen Kongress eine partielle Ausnahmegenehmigung bei den EU-Sanktionen für Notfall-Fluggeräte beantragt hatte.
Spanisches Parlament (Congreso de los Diputados): Antrag der Fraktion Sumar in der Verkehrskommission des Kongresses zur Lockerung der Beschränkungen für zivile Rettungs- und Löschhubschrauber.
HeliOps Magazine (Luftfahrt-Fachjournal): „Spain wants to partially lift sanctions for Russian firefighting Ka-32“ / „Spain stops flying Kamov KA32s“ - Detaillierte Analyse zum schrittweisen Ausfall der Ka-32-Flotte seit 2023. Da weder russische Mechaniker einreisen dürfen noch zertifizierte Ersatzteile importiert werden können, erlosch die Betriebserlaubnis der spanischen Zivilluftfahrtbehörde (AESA).
+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:
Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark
oder mit
Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin
Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/
+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.
+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/
+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut