Liebenswürdige Monster? - Zwei Kinostarts zum Thema Pädophilie
Die Lyrische Beobachtungsstelle von Paul Clemente.
Es geschah zur Jahreswende 2025 zu 2026. Im Dezember und Januar. Da schüttet das US-Justizministerium eine Flut von E-Mails, Notizen, Bekenntnissen, Fotos und weiteren Textsorten ins Netz. Insgesamt drei Millionen Seiten. Vieles davon geschwärzt. Allein die Aufarbeitung dieser Informationsflut sprengt alle Grenzen. Ja, richtig: Es geht um die Epstein-Files. Das größte Interesse galt freilich der Frage: Welche Promis aus Politik, Wissenschaft und Kultur haben es mit den Minderjährigen getrieben? Und: Wer von den zahlreichen Kontaktpersonen hat zwar selber nichts verbrochen, aber davon gewusst? Oder den Horror still geduldet? Dabei ist der Millionen-Leak keineswegs vollständig. Noch eine weitere, ebenso große Aktenladung wartet auf Publikation. Dennoch: Eine Ahnung, die vor 30 Jahren, seit dem Fall Marc Dutroux, aufgekommen ist, droht erneute Bestätigung: Dass es ein globales „Pizzagate“ tatsächlich gibt.
Dabei bilden finstere „Bonbon-Onkels“ statistisch die Ausnahme. Nein, der Tatort von Missbrauchsdelikten ist das Elternhaus. Täter? Ein Familienmitglied: Vater, Mutter, Onkel, und was sonst in der Verwandtschaft kreucht und fleucht. Das dürfte kaum überraschen. Im eigenen Rudel ist Abhängigkeit des Kindes nahezu total. Hier können Erwachsene auf der kompletten Emotions-Tastatur spielen: Von Zuneigung bis Abweisung, von Zuckerbrot bis Peitsche. Bis das Kind weichgekocht ist, bis es sein „Einverständnis“ gibt. So litt Pola Kinski, Tochter des legendären Schauspielers Klaus Kinski, unter der Kälte ihrer Mutter. Diese emotionale Unterernährung wurde vom Vater instrumentalisiert. Sie akzeptierte seine Annäherungen, weil er ihr die vermisste Liebe versprach.
Zurück zum Akten-Leaking: Acht Monate später. September 2026. Zwei Kinofilme starten zu diesem Thema: „Gentle Monster“ und „PrimeTime“. „Gentle Monster“, eine österreichisch-deutsch-französische Koproduktion, erzählt von der Konzertpianistin Lucy Weiss. Mit ihrem Ehemann, dem TV-Journalisten Philipp Weiss, und dem gemeinsamen Sohn Johnny residiert sie in einem Landhaus unweit von München. Hoher Lebensstandard in jeder Hinsicht. Dann, eines Morgens, steht die Polizei vor der Tür: Razzia. Computer, Smartphone, alles einkassiert. Auch Philipp soll mitkommen, ein paar Fragen beantworten. Nein, einen Politiker hat er nicht beleidigt, sondern kinderpornographisches Material hoch- und runtergeladen.
Für Lucy bricht eine Welt zusammen. Erste Reaktionen: Unverständnis, Verwirrung. Sie eilt zum Revier. Aber niemand kann Auskunft geben: Erst nach Auswertung der Festplatten, und das dauert. Verzweifelt flüchtet sie mit Sohn Johnny zu ihrer Mutter. Gedanken kreisen: Wie konnte sie sich in Philipp so täuschen? Wie konnte ihr diese Seite so verborgen bleiben? Oder hat sie Hinweise ausgeblendet – aus Angst vor Eskalation? Die quälendste Frage: Hat ihr Mann den gemeinsamen Sohn missbraucht? Der Junge bestreitet zwar jeglichen Übergriff, aber sagt er die Wahrheit?
Schließlich kontaktiert Lucy den Anwalt. Der erklärt ihr kurz und knapp: Ihr Mann habe für eine Reportage recherchiert. Über Pädophilie. Deswegen die Materialsammlung. Lucy ist verwirrt. Soll sie auf diese Version ihre Hoffnung setzen? Dass alles ein Missverständnis war? Sie versucht es. Aber ausgerechnet Philipp selbst zerstört dieses Konstrukt. Nein, sagt er. So eine Reportage habe er nie vorgehabt. - Aber was dann?
Der Ehemann verzapft ihr, dass er für sie, sich und den Sohn ein Haus kaufen wollte. Aber es fehlte an Geld. Also habe er mit schmutzigen Bildern gehandelt. Und nein, er habe kein eigenes Pornomaterial hergestellt, sondern „nur“ Bilder verbreitet, die bereits veröffentlicht waren. Oder noch schöner: „Nur“ den Publikumsradius ein wenig vergrößert. Obwohl Lucy auch diese Version für verwerflich hält: Zumindest hätte er demnach keinerlei Eigenbedarf. Also auch keinen Grund, Johnny zu missbrauchen. Es ging lediglich ums Geld. Oder?
Dann der große Knall: Auf Besuch bei Philipps Eltern erfährt Lucy vom Vermögen des alten Paares. Dass sie den Hauskauf des Sohnes fraglos subventioniert hätten. Kein Problem. Lucy begreift: Ihr Ehemann hatte erneut gelogen. Nicht zur Finanzierung des Hauses hatte er kinderpornographische Bilder gespeichert. Also doch Eigenbedarf. Ohne das Ende des Films zu spoilern: Regisseurin Marie Kreutzer bietet keinerlei Auflösung: Kein klares Geständnis. Kein Rachefeldzug, weder von Johnny noch von Lucy Kein Rape and Revenge.
Wer von Medien unbedingte Positionierung und Katharsis verlangt, der war mit Chris Hansens NBC-Reihe „To Catch a Predator“ bestens bedient. Das war die Pranger-Version von „Versteckte Kamera“. Ein Sensationserfolg in den Nuller Jahren. Damals recherchierte Hansen im Netz nach Hebephilen. Das sind Leute, die auf Minderjährige zwischen 11 bis 16 Jahren stehen. Einmal aufgespürt, setzte Hansen einen Lockvogel auf ihn an. Der schlug für das erste Treffen einen präparierten Ort vor. Die Ankunft des Täters wurde heimlich gefilmt. Kurz bevor der Sex begann, unterbrach Hansen, stellte den Täter bloß und informierte die Polizei.
Wie gesagt: Die Reality-TV-Serie avancierte zum Mega-Erfolg, kam in die Prime Time des Senders. Aber Hansen wollte höher hinaus. Nicht nur Loser oder Underdogs überführen, sondern die ganz großen Fische. Einen Riesenwal harpunieren, vor Publikum. 2006 war es soweit: : Ein texanischer Bezirksstaatsanwalt lief Hansen in die Falle, entzog sich allerdings der Verhaftung durch Suizid. Damit war das Format beendet.
Jetzt, zwanzig Jahre später, startete in hiesigen Kinos auch ein Biopic über Chris Hanson. Titel: „Primetime“. Fokussierte sich „Gentle Monster“auf den Privatbereich, so reflektiert Regisseur Lance Oppenheim über mediale Berichterstattung.
Gleich zu Beginn zeigt „PrimeTime“ die damalige Überführungs-Dramaturgie: Die Darstellerin wartet im verabredeten Haus. Die Tür geht auf. Der Geköderte stellt sich vor. Ein kleiner Wortwechsel. Dann kommt Hansen, gespielt von Robert Pattinson, die Treppe herunter. Ganz langsam. In seiner Hand hält er ein Gewehr. Der Besucher bekommt Panik. Mit zynischer Höflichkeit fordert Hansen vom Überführten, er möge doch Platz nehmen. Dann konfrontiert er ihn mit belastendem Material.
Den Beschuldigten überkommt die Angst. Er fürchtet, für seine Neigung auf dem elektrischen Stuhl zu landen. „PrimeTime“ zeigt, wie genüsslich Hansen seinen Part als Vertreter des Guten ausspielt. Vom eigenen Moralismus berauscht, glaubt er jeglichen Sadismus als gerechtfertigt. Selbstgerechte Menschen, ebenso heutige Hypermoralisten, akzeptieren keine Grenzen. Wozu auch? Schließlich sind sie edle Rächer, Helden wie Superman, Batman oder gleich The Punisher.
Durch solch ignorantes Auftreten geschieht etwas Unglaubliches. Im Publikum steigt plötzlich Mitleid auf - Mitleid mit dem überführten Täter. Egal, ob von der Regie beabsichtigt oder nicht. Denn alle Lynchjustitzler und selbstgerechte Hobby-Inquisitoren – von denen es im Internet nur so wimmelt – sie alle haben eines gemeinsam:. Die Verdrängung des Schattens, der in der eigenen Seele lauert.
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Bild: Erwachsener Mann ohne Hose steht vor einem verängstigten kleinen Mädchen.
Bildquelle: New Africa/ Shutterstock
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