Medizin der Zukunft: Wollt Ihr die totale Prophylaxe?
“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.
Mit über neunzig flog Ernst Jünger nach Malaysia. Nur von dort, so die Astronomen, ließe sich die maximale Erdannäherung des Kometen Halley beobachten. Das wiederholt sich alle siebzig Jahre. Als Teenager hatte Jünger ihn bereits gesehen. Jetzt also zum zweiten Male. Bei der Gelegenheit besuchte der greise Autor einen Bekannten. Der praktizierte dort als Arzt. Bald kam eine 18-jährige Patientin hinzu. Die hatte einen Termin: Chirurgischer Eingriff. Die Entfernung eines Abszesses im Gesicht. Der Arzt bereitete sich vor. Jünger fragte, ob er den Vorgang beobachten dürfe und erhielt grünes Licht. Die OP wurde schnell und fehlerfrei erledigt. Was den Schriftsteller jedoch wunderte: Wieso eine OP im Privatzimmer? Wäre aus Gründen der Hygiene kein Behandlungszimmer nötig? Aber der Arzt winkte ab: Wenn er einen sterilen Kachelraum anböte, wäre die junge Frau nicht gekommen. Und nicht nur sie. Alle Patienten wäre er dann los.
Alle Achtung! Welcher westliche Mensch würde der Psyche in der Medizin eine solche Bedeutung zuweisen? Obwohl die Kliniken den Charme einer Müllverbrennungsanlage aufweisen, obwohl westliche Patienten ebenso viel Angst erleiden wie die Malaysierin: Sie gehen trotzdem hinein. Man hat sie erzogen, ihre Angst zu unterdrücken, die medizinischen Marterkammern als unabdingbar zu akzeptieren.
Sie folgen einem unausgesprochenen Glaubenssatz. Der lautet: Geist und Seele gehören weitgehend Dir, aber dein Körper, der gehört den Ärzten. Der gilt als gegenständlich. Der wird in tausend Einzelteile zerlegt. Für deren Funktion gibt es Statistiken. Wer kennt sie nicht, die armen Selbstquäler, die sich den Nährwert jeder Mahlzeit errechnen?
So wie Regierungen die Bürger überwachen, so verdächtigt der Einzelne seinen Körper. Lässt ihn regelmäßig durchleuchten, kontrollieren, ausspionieren. Wem solche Versachlichung nicht bekommt, kann gerne zum Heilpraktiker wechseln. Nur: Den muss er selbst bezahlen. Eine angemessene Strafe, oder?
Der Chirurg, Ingenieur und Selbstvermarktungs-Profi Andre T. Nemat spekulierte jüngst über die künftige Transparenz des Körpers. Seine Vision: Die totale Prophylaxe, radikale Kontrolle, eine „vorausschauende Wartung“. Für Nemat besteht das Manko der Schulmedizin, dass sie Krankheiten zwar zunehmend besser erkennen und behandeln, aber deren Entstehung verhindern nicht kann. Deshalb trägt sein aktuelles Buch den Titel „Der letzte Patient“.
Schon jetzt ist Vorsorge fester Bestandteil der medizinischen Praxis. Das Entdecken früher Stadien einer Krankheit soll die späteren verhindern. Dieser Ansatz lasse sich mit KI zur umfassenden Super-Prophylaxe ausbauen: So lasse sich jede Krankheit vorab erkennen und verhindern. Dann schlägt die Stunde des „letzten Patienten“. Der kennt das Wort „Heilung“ bloß noch aus der Unfall-Station.
Wie man eine Super-Prophylaxe ermöglicht? Ganz einfach: Durch die Erstellung eines digitalen Doubles. Die optimierte Version eines Crashtest-Dummys. Und von jedem Bürger soll es eins geben. Dieser Doppelgänger wird mit sämtlichen Daten gefüttert, die über das analoge „Original“ bekannt sind: Veranlagung, Lebensstil, Umfeld. Natürlich verlangt das ständige Aktualisierung. Aber was soll’s: Die wertvollen Erkenntnisse, die Jogger auf ihren Smart Watches ergattern, würden dort einfließen. Sensoren für weitere Körperüberwachung dürften folgen. Und die Ernährungsgewohnheiten des analogen Originals? - Die sind dank bargeldlos bezahlter Lebensmittel ohnehin transparent.
Mit dem digitalen Double, so verspricht der technikaffine Chirurg, ließen sich auch Therapieformen erproben, könne man die Reaktionen des Original-Körpers antizipieren. Das setzt natürlich voraus, dass die Daten-Sammlung wenig Lücken oder Fehler birgt. Daher postuliert Nemat: Je mehr Daten, desto geringer der Fehler-Quotient. Also, immer her damit.
Über so viel Naivität lässt sich nur staunen. Als ob solche Daten-Doubles brav beim Onkel Doktor verweilten. Die werden verkauft. Jede Wette! Zwar fordert Nemat eine Datensouveränität, aber wer wird sich daran halten? Sämtliche Informationen wandern in die Krallen von Werbefachleuten, Sicherheitsdiensten und Politik. Mit solchen Daten wird man künftig Menschen erpressen, ihnen die Lebensform diktieren. Natürlich stets zum Wohle der Betroffenen. Etwa den Indianern in Nordamerika: Die Gen-Proben mancher Stämme verraten erhöhte Anfälligkeit für Diabetes 2. Das brachte US-Politiker auf eine großartige Idee: Ist die Diabetes der Reservat-Bewohner genetisch verursacht, kann man doch deren Sozialhilfe kürzen, oder? Denn wozu teure, ausgewogene Kost, wenn der prophylaktische Nutzen ausbleibt? Dann reicht doch billiges Fastfood. Klingt logisch, ist aber trotzdem falsch.
Wegen solch biopolitischer Fallstricke hat die Nation der Navajo-Indianer im Jahr 2002 ein formelles Verbot für genetische Forschung auf ihrem Territorium erlassen. Diese Sperrung feiert im kommenden Jahr ihren 25. Geburtstag. Lang soll sie leben!
Übrigens könnten auch Krankenkassen alle digitalen Doubles durchwühlen und dem Kunden einen angemessenen Lebensstil diktieren. Verweigert der Betroffene die Kooperation, ließe sich mit Nichtübernahme künftiger Behandlungskosten drohen. Oder: Entdeckt man in einem Fötus unkorrigierbare Anlagen, könnte die Krankenkasse die Abtreibung verlangen oder spätere Behandlungskosten verweigern.
Zum Schluss das allergrößte Problem: Was, wenn Mediziner im Double die Disposition zu einer Krankheit entdecken, deren Ausbruch sich weder verhindern noch heilen lässt? Freilich würde der Patient davon erfahren. Lange vor dem Outbreak. Und dann? Nun, dann würde die Zeit vor dem Ausbruch ebenfalls zum Horrortrip. Der Thriller „Solace“ von 2015 spielt ein solches Szenario durch: Die Polizei jagt einen Killer, der aufgrund seiner Psi-Begabung von Krankheitsanlagen einzelner Menschen erfährt. Bei besonders grausamen Leiden tötet er die Betroffenen noch vor Ausbruch, bevor sie von ihrem Schicksal erfahren. Nemats genetisches Double wäre das Gegenteil davon.
Der bekannte Zukunftsforscher Yuval Noah Harari erklärt, dass mit einer Medizin, die den Körper in Daten und Algorithmen übersetzt, jegliche Definition von Gesundheit und Krankheit an ihr Ende käme. Bisher gilt: Solange keine Beschwerden oder Schmerzen auftauchen, gilt man als „gesund“.
Kein Mensch bekommt die vielen Baustellen des Körpers, seine zahlreichen Reparatur-Einsätze mit. Aber eine 24/7 – Beobachtung findet immer etwas. Dann poppt plötzlich ein Fenster auf dem Smartphon auf. Nachricht: „17 Krebszellen in Ihrer Leber gefunden“. Auch wenn der Körper sie in wenigen Stunden gekillt hat: Die totale Information über alle internen Kämpfe des Körpers verlangt eine übermenschliche Verarbeitungskapazität.
Ernst Jüngers Malaysierin wäre an dieser Stelle schon längst ausgestiegen. Und der westliche Mensch? Hat der ebenfalls ausreichenden Mut dazu?
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Bild: Halogramm des menschlichen Körpers in Strahlen. Digitale Anatomie, Gesundheitsinnovation,
Bildquelle: CoreDESIGN / Shutterstock
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