Warum Washingtons Machtmittel ins Leere laufen und sich die globale Ordnung neu formiert.
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Einleitung: Das Pulverfass und die leeren Kassen
Die Diskrepanz zwischen amerikanischem Machtanspruch und realer Finanzkraft war selten so deutlich wie in diesen Augusttagen des Jahres 2026. Während Finanzminister Scott Bessent im Namen von Donald Trump die "Operation Ausgestoßener" gegen den Iran ausruft und von einem "wirtschaftlichen D-Day" spricht, hat die Staatsverschuldung der Vereinigten Staaten erstmals die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten – nach nur fünf Monaten Anstieg von 39 auf über 40 Billionen, ein Tempo von zuletzt rund sieben Milliarden Dollar täglich. Bei dieser Geschwindigkeit dürfte die 41-Billionen-Marke noch vor Jahresende fallen; das Congressional Budget Office beziffert allein das laufende Haushaltsdefizit 2026 auf rund 1,9 Billionen Dollar, wovon in den ersten zehn Monaten bereits 1,8 Billionen aufgelaufen waren.
Doch es ist nicht allein die schwindende finanzielle Handlungsfähigkeit, die das Bild einer Supermacht im stummen Abstieg zeichnet. Es ist die zunehmend absurde Rhetorik, mit der dieser Niedergang überdeckt werden soll. Trump selbst erklärte auf die Frage nach möglichen Maßnahmen zur Stabilisierung des Staatsanleihenmarkts, er verfüge über zahlreiche Interventionsinstrumente – "das äußerste Instrument sind unsere Streitkräfte". Militärische Gewalt als Mittel zur Beeinflussung von Anleiherenditen? Die Formulierung wirkt nicht nur merkwürdig, sie wird geradezu grotesk vor dem Hintergrund, dass die USA nach Einschätzung des pensionierten Vier-Sterne-Generals Barry McCaffrey faktisch den Zugang zu 15 Militärstützpunkten im Persischen Golf dauerhaft verloren haben.
Genau jenes "äußerste Instrument", mit dessen Einsatz öffentlich gedroht wird, lässt sich in der Region praktisch nirgendwo mehr einsetzen. Der Versuch, Geopolitik über das US-Dollar-System zu diktieren, stößt an seine physischen und ökonomischen Grenzen.
Die Illusion der Isolation: Warum die "Operation Ausgestoßener" scheitert
Die Ankündigung Bessents, einen "Null-Leckage-Ansatz" bei den Sanktionen gegen Iran durchzusetzen und jedes Land, das weiterhin mit Teheran Geschäfte macht, vollständig vom US-Dollar-System abzuschneiden, entbehrt jeder realen Grundlage. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.
China lehnte den Wirtschaftskrieg der USA gegen Iran umgehend ab und kündigte an, seine eigenen Interessen zu schützen. Die iranische Führung erklärte, die Handelspartner des Landes hätten sowohl in den Medien als auch durch direkte Botschaften klargemacht, dass sie die amerikanischen Drohungen nicht mehr berücksichtigen würden.
Was sich hier abzeichnet, ist die fortschreitende Entstehung paralleler, US-Dollar-freier Handelsstrukturen. Der Iran handelt längst in chinesischer Währung und arbeitet mit chinesischen Banken – das westliche Finanzsystem wird umgangen. Die BRICS-Staaten bauen ihre alternativen Zahlungsmechanismen aus, der Nord-Süd-Korridor gewinnt an Bedeutung, und Länder wie Pakistan, die einst Washington hörig waren, haben längst erkannt, dass ihre lebenswichtige Energieversorgung über Iran läuft.
Die US-Sanktionen wirken nicht als Waffe gegen Iran, sondern als Katalysator der weltweiten Entdollarisierung. Aus Sicht der USA mag dies wie eine Operation zur Ausstoßung Irans erscheinen. In Wirklichkeit sind es die Vereinigten Staaten selbst, die sich zunehmend aus dem globalen Wirtschaftssystem herausmanövrieren.
Die Geografie der Festung: Irans asymmetrische Abwehr und Logistik
Die Vorstellung, Iran durch wirtschaftliche oder militärische Isolation bezwingen zu können, kollidiert mit der geografischen Realität. Das Land verfügt über 15 Landnachbarn sowie einen Zugang zum Kaspischen Meer – ein Umstand, der jeden Versuch einer vollständigen Blockade objektiv erschwert.
Doch es ist nicht allein die Geografie, die Iran widerstandsfähig macht. Die militärischen Fähigkeiten haben sich in den vergangenen Jahren qualitativ und quantitativ transformiert. Die iranische Führung hat kürzlich eine unterirdische Fabrik zur Produktion ballistischer Raketen vorgeführt. Solche unter der Erde angesiedelten Produktions- und Forschungskapazitäten sind über das gesamte Staatsgebiet verteilt und damit ein äußerst schwieriges Ziel für äußere Einwirkung. Das Produktionstempo neuer Raketensysteme übertrifft bereits die Fähigkeit der amerikanischen Seite, ihre Raketenabwehrmittel auszubauen.
Parallel dazu zeigt sich der Ausbau der iranischen Landhandelsinfrastruktur längst nicht mehr als Ankündigung, sondern als laufender Betrieb: Die Eisenbahnlinie Rasht–Astara – Schlüsselstück des internationalen Verkehrskorridors Nord-Süd –, deren Bau nach jahrelanger sanktionsbedingter Verzögerung Anfang 2026 anlief, transportiert bereits Fracht; im Juni 2026 stieg das Frachtaufkommen über den Grenzübergang Astara gegenüber dem Vorjahr um 3,5 Prozent. Güter, die zuvor über den Persischen Golf und Dubai nach Iran gelangten, werden heute zunehmend über zentralasiatische Routen umgeleitet – nicht als Zukunftsprojekt, sondern als messbare Verschiebung.
Die Erpressbarkeit des Persischen Golfs und die Verwundbarkeit der US-Stützpunkte sind für jeden regionalen Akteur offensichtlich. Ein erheblicher Teil der iranischen Kritik richtet sich an Länder, die trotz eigener Solidaritätserklärungen mit den Palästinensern die Zusammenarbeit mit der amerikanischen und israelischen Seite fortsetzen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Setzt sich der Wirtschaftskrieg fort, wird kein einziger Tropfen Öl mehr exportiert – weder über die Meerenge selbst noch über irgendeinen anderen Punkt im Persischen Golf.
Tektonische Verschiebung in Westasien: Das Ende des alten Bündnissystems
Die vielleicht folgenreichste Entwicklung dieser Wochen findet nicht auf den Schlachtfeldern oder in den Börsensälen statt, sondern in den königlichen Palästen und Regierungszentralen Westasiens. Das traditionelle sunnitisch-schiitische Feindbild, das die USA jahrzehntelang als Instrument ihrer Regionalpolitik nutzten, bröckelt.
Der am 7. August in Mekka geschlossene Verteidigungspakt zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan hat die alte Ordnung aufgebrochen. Bezeichnend ist bereits die offizielle Selbstdarstellung: Alle drei Unterzeichnerstaaten betonen öffentlich, das Abkommen richte sich "nicht gegen ein bestimmtes Land". Diese Beteuerung verträgt sich schlecht mit der schlichten Tatsache, dass sämtliche Mitgliedstaaten direkte Nachbarn Irans sind und der Pakt inmitten des schwersten Sicherheitskonflikts am Golf seit Jahrzehnten geschlossen wurde – ein Musterbeispiel dafür, wie die deklarierte Funktion eines Bündnisses und seine strukturelle Stoßrichtung auseinanderfallen.
Nach Medienberichten unter Berufung auf iranische Quellen wurde Teheran zum Beitritt eingeladen; eine offizielle Bestätigung durch Riad, Ankara oder Islamabad steht bislang aus, doch die iranische Führung selbst spricht bereits von einer Prüfung der Einladung. Bahrain verhandelt nach Presseberichten über einen eigenen Beitritt zum Pakt – ein Golfstaat, der zugleich die 5. US-Flotte beherbergt. Und am 25. August bestätigte Bangladeschs Vize-Außenminister Humayun Kobir offiziell das Interesse seines Landes an einem Beitritt, mit Verweis auf die wachsende internationale Anerkennung der neuen Führung unter Regierungschef Tarique Rahman; ein Besuch Rahmans in Riad auf Einladung von Kronprinz Mohammed bin Salman soll nach dem Sommer folgen.
Die Gespräche zwischen dem pakistanischen Armeechef Asim Munir und der iranischen Führung in Teheran verliefen nach übereinstimmenden Berichten aus zuverlässigen Quellen "enthusiastisch". Was hier entsteht, ist keine punktuelle Absprache, sondern eine sich verbreiternde regionale Sicherheitsarchitektur, deren Sog immer weitere Staaten erfasst – von den unmittelbaren Nachbarn Irans bis nach Südasien.
Die Entstehungsgeschichte des Pakts unterstreicht diesen Pragmatismus: Er entstand nicht als emotionale Reaktion auf die Kriege in Gaza oder Syrien, sondern als kühle Machtberechnung nach den saudischen Schlägen im Jemen – in einer Phase, in der der internationale Flughafen von Sanaa getroffen wurde und ein iranisches Passagierflugzeug dort landen sollte.
Die Golfstaaten befinden sich in einem scheinbar unlösbaren Dilemma: gefangen zwischen illiquiden US-Reserven und unmittelbarer regionaler Bedrohung. Sie erkennen zunehmend, dass die Versprechen der Vereinigten Staaten, sie zu schützen, nicht mehr eingelöst werden können. Die USA machen ihre Verbündeten nicht sicherer, sondern verwundbarer.
Fazit: Der Epochenwandel – Zwang gegen pragmatische Vernetzung
Was sich hier abzeichnet, ist mehr als ein regionaler Machtwechsel. Es ist das Ende der unipolaren Ordnung – und die Geburt einer multipolaren Welt, in der die finanzielle und militärische Hegemonie der USA durch regionale Eigeninitiative abgelöst wird.
Die Asymmetrie könnte kaum deutlicher sein: Auf der einen Seite stehen US-Zölle, Drohungen und Sanktionsregime; auf der anderen Seite auflagenfreie Infrastrukturinvestitionen und pragmatische Handelskorridore. Wo Washington Zwang und Bedingungen anbietet, entstehen Alternativen ohne politische Knebelverträge.
Der Iran hat nicht nur standgehalten, sondern seine militärische und logistische Infrastruktur gemeinsam mit Partnern in Asien ausgebaut. Die sieben Jahrzehnte währende unbestrittene Dominanz der USA über den Persischen Golf und Westasien geht zu Ende.
Dieses Ende kommt nicht mit einem großen Knall – es kommt leise. Nicht plötzlich, sondern unaufhaltsam. Der Abstieg einer Supermacht erfolgt selten durch eine einzelne spektakuläre Niederlage, sondern durch die schleichende Erosion ihrer Glaubwürdigkeit, ihrer finanziellen Grundlagen und ihrer strategischen Präsenz. Die Welt formiert sich neu, während Washington in der Rhetorik der Vergangenheit gefangen bleibt. Und während die "Operation Ausgestoßener" anläuft, zeigt sich die historische Ironie dieses Prozesses: Ausgestoßen werden am Ende die Vereinigten Staaten selbst.
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Bildquelle: Alive Color Stock / shutterstock
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Quellen:
- Bessent, "Operation Economic Outcast" — RT DE, 24.08.2026: https://de.rt.com/international/289661-schlinge-enger-ziehen-trump-entfesselt/
- US-Staatsverschuldung überschreitet 40 Billionen Dollar — Finanzmarktwelt, 20.08.2026: https://finanzmarktwelt.de/us-staatsverschuldung-ueberschreitet-erstmals-40-billionen-dollar-399300/
- Fünf Grafiken zu Amerikas Schulden (CBO-Zahlen) — Euronews, 22.08.2026: https://de.euronews.com/business/2026/08/22/funf-grafiken-erklaren-amerikas-schulden-von-40-billionen-dollar
- Barry McCaffrey zu 15 verlorenen Golf-Stützpunkten — uPolitics, 24.08.2026: https://upolitics.com/news/u-s-has-probably-permanently-lost-15-gulf-bases-in-trumps-iran-war-retired-general-warns-conflict-has-become-strategic-disaster/
- Mekka-Verteidigungspakt (Überblick) — Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Mekka-Verteidigungspakt
- Iran zum Beitritt zum Mekka-Abkommen eingeladen — Weltexpresso: https://weltexpresso.de/zeitgeschehen/38344-iran-2
- Bangladesch bekundet offiziell Interesse am Mekka-Pakt — The Express Tribune / Anadolu Agency, 25.08.2026: https://tribune.com.pk/story/2625745/bangladesh-interested-in-joining-makkah-defense-pact-official
- Rasht-Astara: wachsender Frachtverkehr über Astara (Juni 2026) — ParsToday: https://parstoday.ir/de/news/west_asia-i104112-dreiseitige_absichtserklärung_zwischen_iran_russland_und_aserbaidschan_zur_steigerung_der_attraktivität_des_schienengüterverkehrs
Über den Autor:
Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, (Zen-)Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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