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Iran-USA-Konflikt: Der Würgegriff, der ins Leere greift | Von Dirk Ellerbrock

Iran-USA-Konflikt: Der Würgegriff, der ins Leere greift | Von Dirk Ellerbrock

Warum „Operation Economic Fury" an einer Welt scheitert, die es nicht mehr gibt

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

US- Finanzminister Scott Bessent hat in der vergangenen Woche große Worte gewählt. Man solle genau hinschauen, kündigte er in einem Fernsehinterview an, es kämen Maßnahmen, wie sie die Geschichte wirtschaftlicher Isolation eines Landes noch nicht gesehen habe. Zusammen mit der laufenden Seeblockade der iranischen Häfen soll dieser „Doppelschlag" – Botschafter Mike Waltz gab ihm den Namen „Operation Economic Fury" – Teheran nach fast einem halben Jahr Krieg in die Knie zwingen.

Der amerikanische Journalist und Ex-CIA-Analyst Larry Johnson hat auf seinem Substack-Kanal eine Analyse vorgelegt, die diesem Anspruch mit trockener Rechenarbeit begegnet – nicht mit moralischer Empörung, sondern mit einer schlichten strukturellen Beobachtung: Bessent bedient sich eines Instruments, dessen Wirkung an eine Weltordnung gekoppelt war, die es materiell nicht mehr gibt.¹ Das lohnt eine genauere Betrachtung, denn es ist ein Lehrstück in genau jenem Kategorienfehler, der westliche Machtpolitik seit Jahren begleitet: die Anwendung einer Handlungslogik auf eine Realität, die diese Logik längst hinter sich gelassen hat.

2015: Wie Isolation funktionierte

Das Sanktionsregime, das 2015 zum Atomabkommen JCPOA führte, war wirksam, weil es zwei Monopole gleichzeitig kontrollierte. Erstens: Keine bedeutende Volkswirtschaft hielt eine Hintertür offen – Russland und China waren im UN-Sicherheitsrat eingebunden und trugen die Isolation mit. Zweitens: Der Welthandel, allen voran der Ölhandel, lief praktisch vollständig über ein Dollar-Clearing-System, das Washington kontrollierte. Wer sanktioniert wurde, hatte buchstäblich keinen Ausgang.

Genau diese doppelte Kontrolle besitzen die USA heute nicht mehr – und das ist keine Randnotiz, sondern der Kern des Problems.

Die materielle Basis hat sich verschoben

Der Iran ist seit Januar 2024 BRICS-Mitglied und bewegt sich auf eine Mitgliedschaft in der New Development Bank zu – eine Finanzierungsstruktur außerhalb des westlichen Systems, die es 2015 in dieser Form nicht gab.
Wichtiger noch: Russland und China sind nicht mehr bloß Staaten, die westliche Sanktionen nicht mittragen. Nach dem Beginn des Krieges Ende Februar 2026 gingen beide, Johnson zufolge, von passiver Nichtdurchsetzung zu aktiver materieller Unterstützung über – Russland mit Echtzeit-Positionsdaten westlicher Kriegsschiffe und beschleunigten Luftverteidigungslieferungen, China mit Satellitenaufklärung und Zugang zu seinem BeiDou-Navigationssystem, so alarmierend für Washington, dass Außenminister Rubio im Mai drei chinesische Satellitenfirmen deswegen sanktionierte.² Diese Kooperation ruht auf einer über Jahre gewachsenen Vertragsarchitektur: einer 20-jährigen Iran-Russland-Partnerschaft von 2025, einem 25-jährigen Iran-China-Abkommen von 2021, einem Dreierpakt vom Januar 2026.

Dazu kommt die pakistanische Landbrücke: Seit dem 25. April 2026 verbinden sechs neue Transitkorridore die Häfen Karachi, Port Qasim und Gwadar mit iranischen Grenzübergängen – eine direkte Reaktion auf die Hormuz-Blockade, die den Seetransport durch explodierende Kriegsrisikoprämien praktisch unrentabel gemacht hatte. Eine Blockade kann keinen Lastwagen in Belutschistan aufhalten.

Das Geld hat den Dollar verlassen

Der entscheidende Punkt liegt aber im Zahlungsverkehr, und hier schließt sich der Kreis zu dem, was an dieser Stelle bereits zur Rolle von Chinas Cross-Border Interbank Payment System (CIPS) ausgeführt wurde³: Der Iran verkauft sein Öl inzwischen zu über 80 Prozent an China und rechnet in Yuan über CIPS ab – ein System, das die chinesische Zentralbank explizit aufgebaut hat, um das dollarbasierte Clearing zu umgehen. Johnson dokumentiert den Umfang der Verschiebung: Das tägliche CIPS-Transaktionsvolumen erreichte im März 2026 einen Rekordwert, die vom Atlantic Council registrierten täglichen Zahlungsströme stiegen mit Kriegsbeginn deutlich an, mittlerweile nutzen über hundert Länder das System.⁴ Eine Transaktion, die niemals eine amerikanische Bank berührt, kann Washington nicht einfrieren. Das ist keine Umgehung am Rand – es ist der Wegfall des eigentlichen Würgegriffs.

Der Kategorienfehler als Selbstbeschädigung

Was diese Analyse über die reine Faktenlage hinaus interessant macht, ist ihre historische Volte: Die iranisch-russisch-chinesische Militärkooperation ist kein Kriegsprodukt. Die erste gemeinsame Marineübung der drei Staaten fand bereits im Dezember 2019 statt – und eine Operation dieser Komplexität braucht nach professionellen Maßstäben zwölf bis achtzehn Monate Vorlauf. Die Planung begann also 2018, exakt zeitgleich mit dem amerikanischen Ausstieg aus dem JCPOA.

Das bedeutet: Die Allianz, die heute jeden Sanktionsdruck abfedert, ist keine Reaktion auf den gegenwärtigen Krieg, sondern eine Spätfolge der Entscheidung, das Verhandlungsformat von 2015 aufzukündigen und zu einseitigem Maximaldruck zurückzukehren. Genau dieselbe Logik, die Bessent jetzt erneut verfolgt, hat vor acht Jahren die Struktur geschaffen, an der sie heute scheitert. Das ist der Kategorienfehler in Reinform: Macht wird als Fähigkeit zur einseitigen Durchsetzung gedacht, während sie faktisch längst von der Kooperationsbereitschaft anderer Mächte abhängt – Mächte, die man durch die eigene Politik erst zur Kooperation gegeneinander getrieben hat.

Auch die eigene Logistik trägt nicht

Selbst die Blockade als vermeintlich robusteste Karte krankt an einem handfesten, nicht-ideologischen Problem: der Versorgungskette der US Navy. Die Zahl der schnellen Versorgungsschiffe (T-AOE), die eine Trägerkampfgruppe während einer Fernblockade versorgen, wurde seit Mitte der 2010er-Jahre halbiert. Nach der Zerstörung großer Teile der Naval Support Activity Bahrain in den ersten Kriegstagen musste die Flotte ihren Logistik-Hub nach Diego Garcia verlegen – gut 3.500 Kilometer von den Einsatzgebieten entfernt. Ein Vizeadmiral räumte laut Johnson öffentlich Rückstände bei Verpflegung und Post ein. Eine Blockade ist nur so dauerhaft wie ihre Logistik – und diese Logistik gerät bereits an der Bordküche ins Straucheln.

Fazit

Die Sanktionen tun dem Iran weh – das bestreitet auch Johnson nicht, und niemand sollte das leugnen: Ölverkäufe mit erheblichem Abschlag, chronische Reibungsverluste, eine Wirtschaft unter Dauerstress sind real. Aber Schmerz ist nicht dasselbe wie Kapitulation. Der Iran von 2026 verfügt über eine BRICS-Anbindung, eine pakistanische Landbrücke, eine dollarfreie Öleinnahme-Struktur und Partner, die aktiv an seiner Luftverteidigung mitbauen – Bedingungen, die der Iran von 2015 nicht hatte. Je härter Washington auf die verschlossene Seite der Box drückt, desto schneller entweicht der Druck durch die Seite, die längst offensteht. Das wahrscheinlichste Ergebnis ist nicht der Zusammenbruch Teherans, sondern ein Iran, der leidet, aber sich noch enger an genau jene Mächte bindet, deren Kooperation Washington eigentlich bräuchte, um ihn zu erdrücken.

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Bildquelle: Maxim Elramsisy / shutterstock

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Quellenangaben:

¹ Larry Johnson, „The Walls Have Doors Now: Why Bessent's 'Unprecedented' Sanctions on Iran — Operation Economic Fury — Will Fail", Substack, 18./19.08.2026.


² sowie ³/⁴ ebenda; CIPS-Daten unter Berufung auf das GeoEconomics Center des Atlantic Council.

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Über den Autor:

Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft und Unternehmensberatung – und lernte damit das System ökonomischer Effizienz von innen kennen. Mitte der 1990er Jahre brach ein radikaler existenzieller Wandel diese Logik auf: Es folgte eine jahrelange, intensive Erforschung mystischer Traditionen – Advaita-Vedanta, (Zen-)Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, ergänzt durch die „Quantenpsychologie" Stephen Wolinskys als Brücke zwischen östlicher Weisheit und westlichem Denken.

Aus dem Suchenden wurde ein Lehrender: Er leitete Meditationsgruppen, begleitete Menschen auf ihrem inneren Weg und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen selbst als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Inzwischen wendet er diese analytische Schärfe auf das Zeitgeschehen an: Er schreibt regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


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