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NATO-Transformation 2040 und ihre US-amerikanischen Wurzeln | Von Wolfgang Effenberger

NATO-Transformation 2040 und ihre US-amerikanischen Wurzeln | Von Wolfgang Effenberger

Von ‚Win in a Complex World‘ zu ‚Warfighting Capstone Concept‘

Ein Meinungsbeitrag von Wolfgang Effenberger

TRADOC PAPER (TP) 525-3-1 "Win in a Complex World 2020-2040" vom September 2014

Im Vorwort und Vorwortteil ist die Sprache noch recht schwammig:

„Die Landstreitkräfte versetzen die Befehlshaber der regionalen Kampfkommandos in die Lage, politische und militärische Ziele gegen den Willen des Gegners" … und „den nationalen Willen gegenüber einem Gegner mit militärischer Gewalt durchzusetzen“.

Die Formel „Der Gegner ist unbekannt, der Einsatzort ist unbekannt, und die beteiligten Koalitionen sind unbekannt“ im Vorwort bedeutet nicht, Russland, China, Iran und Nordkorea seien keine vorgesehenen strategischen Gegner. Sie besagt lediglich, dass Zeitpunkt, Ort, Verlauf und Bündniskonstellation künftiger US-Interventionen offenbleiben. Unter Kapitel 2.4 "Vorboten künftiger Konflikte" werden ausdrücklich die priorisierten Konfliktgegner aufgezählt: China und Russland als konkurrierende Großmächte, Iran und Nordkorea als Regionalmächte.

  • "competing powers": China und Russland,
  • "regional powers": Iran und die DVRK/Nordkorea,
  • ferner transnationale Terrornetzwerke und Cyberbedrohungen

Damit wird eindeutig die Vorbereitung auf die Erzwingung politischer Ergebnisse durch militärische Gewalt beschrieben — einschließlich der Fähigkeit, Gegner an einer wirksamem Reaktion zu hindern. Es geht um die Sicherung einer unipolaren Weltordnung, wie Präsident George H. W. Bush sie am 11. September 1990 in seiner vielbeachteten Rede unter dem Leitmotiv „Toward a New World Order“ formulierte.

Das ist nicht beiläufiger Kontext, sondern die Feind- und Bedrohungsarchitektur, aus der die künftige Fähigkeitsentwicklung der US Army abgeleitet wird. Das Papier verlangt, die Army so zu entwickeln, dass sie amerikanische Interessen weltweit schützt, Konflikte "verhindert", Sicherheitsräume nach US-Maßstäben "gestaltet", Macht auf Land projiziert und Gegner nötigen kann. Das ist in diplomatische Worte gekleidetes imperiales Faustrecht. 

Aus dem TRADOC 525-3-1 "Win in a Complex World 2020-2040" lassen sich somit hat zwei Ebenen herauslesen:

Ebene 1:
Die Zukunft ist komplex, dynamisch und teilweise unvorhersehbar.

Ebene 2:
Die US Army entwickelt dennoch konkrete Vorstellungen über Bedrohungen und Gegner und richtet ihre Transformation daran aus.

Die US Army beschreibt das Army Operation Concept (AOC) ausdrücklich als eine Vision künftiger bewaffneter Konflikte, die auf

  • "emerging threats" (aufkommende bzw. sich herausbildende Bedrohungen) und
  • "adversary capabilities" (Fähigkeiten des Gegners) 

beruht und darauf zielt, Konflikte zu verhindern, Sicherheitsumfelder zu gestalten und Kriege zu gewinnen. (3)

Die spätere US-Army-Doktrin konkretisiert diese Entwicklung noch stärker: Russland und China werden als besonders leistungsfähige Gegner behandelt; Iran und Nordkorea werden ebenfalls als relevante Bedrohungen einbezogen.

Die als Gegner definierten Staaten sind der Gegenstand einer US-Planung, die ihre Handlungsmöglichkeiten, ihr Abschreckungsvermögen und ihre Fähigkeit zum Widerstand reduzieren soll.

„Unsicheres Umfeld“ ist somit eher eine Legitimations- und Modernisierungsformel: Weil der Gegner anpassungsfähig sei und die operative Lage nicht vollständig vorausgesehen werden könne, müsse die US Army weltweit schneller verlegbar, domänenübergreifend handlungsfähig, informationsüberlegen und zu Eskalationsdominanz befähigt werden.

Die tragende Logik von TP 525-3-1 lässt sich präziser so darstellen:

Benannte geopolitische Rivalen – Gefährdung der US-Machtprojektion – Aufbau von  Überlegenheit – Erzwingung politischer Resultate

Die zentralen Begriffe sind nicht nur „Multi-Domain“ und „Partner“, sondern: Erhaltung bzw. Wiederherstellung von "overmatch — Fähigkeiten", die den Gegner zu wirksamer Reaktion unfähig machen.

Es geht darum, dass der Gegner daran gehindert wird, den USA den Zugang zu einem Konfliktraum zu erschweren und ihre Bewegungsfreiheit dort einzuschränken (A2/AD-Strategie).

  • Anti-Access (Zugangsverweigerung): Der Gegner versucht, US-Streitkräfte bereits am Herankommen zu hindern – etwa durch Angriffe oder Drohungen gegen Stützpunkte, Häfen, Flugplätze, Transportwege und Verbände auf See.
  • Area Denial (Raumverweigerung): Sind US-Streitkräfte bereits im Einsatzgebiet, soll ihnen dort das freie Operieren, Verlegen und Kämpfen erschwert oder unmöglich gemacht werden. 

Dazu gehören beispielsweise weitreichende Raketen, Luftverteidigung, U-Boote, Seeminen, elektronische Kampfführung, Cyberangriffe sowie Aufklärungs- und Zielerfassungssysteme gehören. Ihr Zweck besteht darin, die Verlegung von Kräften zu verzögern, Verluste zu riskieren und die Intervention politisch oder militärisch zu verteuern.

Es geht also um

  • Ausschaltung gegnerischer Systeme zur Zugangs- und Raumverweigerung, welche die amerikanische Interventions- und Bewegungsfreiheit einschränken.
  • Machtprojektion auf das Land und vom Land aus in den Luft-, See-, Welt- und Cyberraum.
  • Gleichzeitige Angriffe in Tiefe und über längere Dauer, um den Gegner materiell und psychologisch zu überfordern.
  • Dauerhafte Vornepräsenz und Aufbau eines globalen Netzwerks landgestützter Kräfte mit Partnerarmeen.

Das" NATO Warfighting Capstone Concept (NWCC)" von 2021 

Das NATO Warfighting Capstone Concept: A 20-Year Vision for NATO’s Military Instrument of Power, 2021 (6) wurde vom NATO-Kommando für Transformation (Allied Command Transformation, ACT) in Norfolk, Virginia, erarbeitet. Die NATO-Mitgliedstaaten billigten es 2021 in den zuständigen politischen und militärischen Gremien.

ACT beschreibt das Konzept als strategischen „Nordstern“ für die Entwicklung der NATO-Kriegsführungsfähigkeit in den kommenden zwanzig Jahren. Seine Umsetzung soll sich an fünf zentralen Handlungsgeboten (Imperatives) und sechs entscheidenden Voraussetzungen (Critical Enablers) orientieren. (7)

Die sechs grundlegenden Voraussetzungen, ohne die die fünf strategischen Leitlinien des NWCC nicht verwirklicht werden können, sind also keine zusätzlichen Ziele, sondern die personellen, organisatorischen und technischen Grundlagen ihrer Umsetzung.

Konkret nennt das NWCC:

  • Daten: bessere Erfassung, Austausch und Auswertung von Informationen und Aufklärungserkenntnissen
  • Technologie:  Nutzung und schnelle Einführung militärisch relevanter Technologien
  • Agilität: Fähigkeiten, Strukturen und Verfahren zügig an neue Lagen anzupassen
  • Personal: ausreichend qualifizierte Menschen mit den erforderlichen Kenntnissen und Fähigkeiten
  • Vorbereitung: dauerhafte Ausbildung, Übungen, Planung und Bereitschaft schon in Friedenszeiten
  • Integration: enge Verzahnung der NATO-Staaten, Streitkräfte und Partner sowie ziviler und anderer staatlicher Instrumente 

Die NATO Review formulierte im Juli 2021 ausdrücklich, die NATO-Führung habe das „von ACT produzierte“ NWCC Anfang 2021 angenommen und auf dem NATO-Gipfel in Brüssel 2021 durch die Staats- und Regierungschefs bestätigt. (9)

Es handelt sich folglich nicht um ein bloßes ACT-internes Konzeptpapier, obwohl ACT die fachliche Urheberschaft und die Implementierungsverantwortung trägt. Das NWCC ist ein auf der Ebene des Bündnisses bestätigtes strategisches Leitdokument für die langfristige Entwicklung des militärischen Instruments der NATO bis etwa 2040. (10)

Das NATO-Konzept multilateralisiert eine in den USA entwickelte Logik: dauerhafte Konkurrenz, Einschränkung gegnerischer Handlungsfreiheit, Erzeugung von Dilemmata, domänenübergreifende Überlegenheit und Vorverlagerung von Abschreckung bzw. Machtprojektion.

Der Unterschied bleibt: TP 525-3-1 ist ein US-Army-Dokument zur Fähigkeitsentwicklung; das NWCC formuliert eine NATO-Gesamtvision.

In beiden Konzepten ist „Multi-Domain“ mehr als ein operativ-technischer Begriff: Es soll der Allianz gegenüber den benannten Gegnern Initiative, Bewegungsfreiheit und Eskalationsfähigkeit sichern oder ausbauen. Das NATO-Konzept verknüpft diese Vision ausdrücklich mit der Stärkung von Abschreckung und Verteidigung.

Multi-Domain bedeutet: militärische Operationen werden nicht getrennt nach Teilstreitkräften geführt, sondern gleichzeitig und abgestimmt in mehreren Operationsräumen.

Die NATO unterscheidet dabei fünf Dimensionen: Land, Luft, See, Weltraum und Cyberraum.

Hinzu kommt die Abstimmung mit nichtmilitärischen Mitteln, etwa Diplomatie, wirtschaftlichem Druck oder Informationspolitik. Ziel ist es, Wirkungen aus mehreren Bereichen gleichzeitig zu bündeln und dadurch schneller als der Gegner Vorteile zu schaffen. (11) 

Ein einfaches Beispiel: Satelliten und Cyberaufklärung erkennen ein Ziel; von See, aus der Luft und vom Boden werden zugleich Maßnahmen eingeleitet; elektronische Kampfführung stört gegnerische Kommunikation. Nicht jede Maßnahme muss militärisch sein — parallel können Sanktionen, diplomatischer Druck oder Informationskampagnen eingesetzt werden.

Es geht vor allem darum, die eigene Initiative, Bewegungsfreiheit und Eskalationsfähigkeit gegenüber den benannten Gegnern zu sichern oder auszubauen. Das NATO-Konzept selbst verbindet seine Vision ausdrücklich mit der Stärkung von Abschreckung und Verteidigung der Allianz. (12)

Dagegen kodifiziert TP 525-3-1 eine US-zentrierte Strategie zur Bewahrung globaler militärischer Interventions- und Überlegenheitsfähigkeit gegenüber ausdrücklich benannten Groß- und Regionalmächten; das NWCC überführt wesentliche Elemente dieser Denkform in einen bündnisweiten Rahmen.

Von ‚Win in a Complex World‘ zu ‚Warfighting Capstone Concept‘ – Die NATO-Transformation 2040 und ihre US-amerikanischen Wurzeln

Man sollte bei TRADOC 525-3-1 drei Dinge auseinanderhalten:

  1. Das Umfeld ist komplex und veränderlich.
    Das bedeutet Unsicherheit hinsichtlich Art, Verlauf und Bedingungen künftiger Konflikte.
  2. Die strategischen Gegner sind keineswegs unbekannt.
    Das Dokument benennt Russland, China, Nordkorea und Iran als konkrete Bedrohungsquellen.
  3. Daraus wird eine Transformationsaufgabe der US-Streitkräfte abgeleitet.
    Die Streitkräfte sollen so umgebaut werden, dass sie diese Bedrohungen in einem zunehmend komplexen, multidimensionalen Konfliktumfeld bewältigen können.

Das NWCC übernimmt eine sehr ähnliche Grundstruktur, verschiebt sie aber auf die NATO-Ebene:

TRADOC 525-3-1 – 2014

Bedrohungsanalyse:

  • Russland / China / Iran / Nordkorea
  • komplexes zukünftiges Operationsumfeld
  • Transformation der US Army
  • Multi-Domain / Joint / multinational
  • Fähigkeit zur Machtprojektion und zum „Winning“

NATO NWCC – 2021

strategische Konkurrenz:

  • Russland / China und weitere staatliche und nichtstaatliche Akteure
  • zunehmend komplexes und umkämpftes Umfeld
  • Transformation des NATO Military Instrument of Power
  • Multi-Domain / Cross-Domain
  • fünf Warfare Development Imperatives
  • militärische Überlegenheit bis 2040

Der wichtige Unterschied lautet deshalb:

TRADOC 525-3-1 beginnt mit einer relativ konkreten Bedrohungsanalyse und entwickelt daraus das zukünftige amerikanische Streitkräfteprofil.

Das NWCC macht daraus eine allianzweite, langfristige Transformationsarchitektur.

Das NWCC erfindet die Transformationslogik nicht neu. Es hebt eine bereits im US-amerikanischen Streitkräfte- und Doktrindenken entwickelte Logik auf die Ebene der NATO und verlängert ihren Zeithorizont bis 2040. 

Den Gegner überdenken, übertreffen, niederkämpfen, überholen, durch Partnerschaften überflügeln und länger durchhalten.

Bedeutung im militärisch-strategischen Kontext

Out-think – strategisch klüger denken; Lage, Gegner und Optionen besser verstehen

Out-excel – in Ausbildung, Führung, Organisation und Leistungsfähigkeit überlegen sein

Out-fight – im Gefecht bzw. Krieg wirksamer kämpfen

Out-pace – schneller entscheiden, anpassen und handeln

Out-partner – stärkere Bündnisse, Kooperationen und Netzwerke aufbauen

Out-last – einen längeren Konflikt wirtschaftlich, militärisch und politisch durchstehen 

Kurz: Klüger denken, besser leisten, entschlossener kämpfen, schneller handeln, stärker kooperieren und länger durchhalten.

Das wurde auf dem NATO-Gipfel in Brüssel am 14. Juni 2021 von den Staats- und Regierungschefs bestätigte bzw. angenommene NWCC-Papier wird in der NATO als es als langfristige Vision für die Entwicklung des militärischen Instruments bis 2040 bezeichnet.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen NWCC und dem russischen Angriff am 24. Februar 2022?

Zwischen NWCC (14. Juni 2021) und Beginn der russischen Invasion (24. Februar 2022) lagen 8 Monate und 10 Tage.

Das "Allied Command Transformation NATO" (ACT) erklärteausdrücklich, dass das Konzept das Ergebnis von mehr als 18 Monaten Arbeit war und bereits 2021 zur Verabschiedung anstand.

Noch wichtiger: Die strategische Entwicklung begann lange vor Juni 2021:

US-Einflussnahme / Demokratisierungsprogramme

So muss eine belastbare Analyse der US-Rolle in der Ukraine spätestens bei der Orangenen Revolution 2004/05 beginnen. Der Westen orchestrierte die Revolution und förderte damals Wahlreformen, Zivilgesellschaft, unabhängige Medien und politische Akteure mit erheblichen Mitteln. Nach eigener USAID-Bewertung spielten diese Programme eine wichtige unterstützende Rolle. Damit begann spätestens in den frühen 2000er-Jahren eine langfristige US-Politik, die auf die politische Transformation und Westorientierung der Ukraine zielte und 2013/14 unter veränderten Bedingungen fortgesetzt wurde. Ihr strategischer Rahmen lässt sich in einer Linie von der sogenannten Wolfowitz-Doktrin über die Operationskonzeption des TRADOC-Pamphlets 525-5 bis zur praktischen Nutzung von Übergängen zwischen politischen und militärischen Eskalationsstufen lesen. (13)

Die 1992 bekannt gewordene, zunächst als Entwurf formulierte Defense Planning Guidance – meist „Wolfowitz-Doktrin“ genannt – definierte als vorrangiges Ziel, das Wiederentstehen eines machtpolitischen Rivalen im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion oder in anderen strategischen Regionen zu verhindern. Sie verband dies mit dem Anspruch, die USA müssten gegebenenfalls auch unilateral oder mit begrenzter Bündnisunterstützung handeln können. Damit entstand ein geopolitischer Orientierungsrahmen, in dem die Einbindung postsowjetischer Staaten in westlich dominierte politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Strukturen besondere Bedeutung erhielt.

TRADOC Pamphlet 525-5 (Force XXI Operations, 1. August 1994) übersetzte einen solchen strategischen Horizont nicht in ein konkretes Länderprogramm, wohl aber in ein militärisches Operationsdenken. Die Schrift beschreibt zukünftige Einsätze entlang einer Dynamik von Aufruhr, Krise, Konflikt und Krieg sowie „Operations Other Than War“ (OOTW). Sie betont die Fähigkeit des Übergangs von verschiedenen Einsatzformen und definiert den Erfolg in vielen Operationen ausdrücklich über die Kontrolle von Menschen und Territorium. Zugleich hebt sie die Verbindung militärischer Kräfte mit anderen Teilstreitkräften, Bündnispartnern, Behörden, Nichtregierungsorganisationen und privaten Hilfsorganisationen hervor. (14)

In der im Dokument angelegten Eskalationslogik kann dieser Übergang – vereinfacht – als Aufruhr – Krise – Konflikt – Krieg gefasst werden: Politische Unruhe oder gesellschaftlicher Aufruhr schafft zunächst einen Raum für nichtmilitärische Einflussnahme; eine Krise erlaubt die Internationalisierung und institutionelle Bearbeitung; der Konflikt eröffnet die Verbindung diplomatischer, ökonomischer, informationspolitischer und sicherheitsbezogener Instrumente; erst im äußersten Fall folgt der offene Krieg. Entscheidend ist dabei nicht die Behauptung, TRADOC 525-5 habe die Ereignisse in der Ukraine geplant. Das Pamphlet ist ein allgemeines, ausdrücklich nicht doktrinäres Konzeptpapier für künftige Operationen und keine Handlungsanweisung für die Ukraine. (15)

Für die Ukraine ergibt sich daher eher ein analytischer Zusammenhang als ein unmittelbarer Kausalnachweis: Die Wolfowitz-Doktrin markierte eine nach dem Kalten Krieg formulierte Priorität, das Entstehen eines eurasischen Gegenpols zu verhindern; TRADOC 525-5 entwickelte parallel die Vorstellung eines flexiblen Übergangs zwischen Friedens-, Krisen-, Konflikt- und Kriegslagen unter Einbeziehung ziviler, zwischenstaatlicher und militärischer Akteure. Vor diesem Hintergrund kann die seit den frühen 2000er-Jahren verstärkte westliche Förderung politischer, gesellschaftlicher und sicherheitspolitischer Westbindung der Ukraine als Teil eines breiteren machtpolitischen Ordnungsprojekts interpretiert werden. Die Ereignisse von 2013/14 wären in dieser Lesart nicht der Beginn dieser Orientierung, sondern deren Zuspitzung in einer Krisenphase, in der gesellschaftlicher Aufruhr, institutionelle Destabilisierung, internationaler Einfluss und anschließend militärische Eskalation ineinandergriffen. (16)

2004/05 – Orange Revolution

2010 – Janukowytsch gewinnt Präsidentschaftswahl

2013/14 – Euromaidan und Machtwechsel

2014 –
Krim/Donbass → NATO beginnt militärische Anpassung

TRADOC 525-3-1: „Win in a Complex World 2020–2040“

2019 – NATO Military Strategy

2020 – DDA
NATO-Konzept „Concept for the Deterrence and Defence of the Euro-

Atlantic Area“ – auf Deutsch etwa „Konzept für die Abschreckung und

Verteidigung des euro-atlantischen Raums“ (es ist kein eigenständiges "Strategic Concept“ wie das NATO Strategic Concept von 2022).

DDA sollte die militärische Anpassung der NATO nach 2014 in eine umfassendere Architektur überführen. Es geht insbesondere um: Abschreckung und Verteidigung des gesamten euro-atlantischen Raums; die Fähigkeit, gleichzeitig auf unterschiedliche Bedrohungen reagieren zu können; stärkere militärische Bereitschaft und Verlegefähigkeit; die Verstärkung der NATO-Ostflanke; Integration von Land-, Luft-, See-, Cyber- und Weltraumfähigkeiten; und die Vorbereitung auf einen „more competitive security environment“.

Besonders wichtig ist, dass das DDA zeitlich zwischen der NATO-Anpassung nach 2014 und dem NWCC 2021 liegt.

2021 (14. Juni) – NWCC – NATO Warfighting Capstone Concept

  • langfristiges militärisches Zielbild bis 2040
  • fünf Warfare Development Imperatives

Die fünf Warfare Development Imperatives des NATO Warfighting Capstone Concept bilden keinen Phasenplan für einzelne Staaten, sondern ein dauerhaftes Fähigkeits- und Steuerungsraster für strategische Konkurrenz sowie für das gesamte Kontinuum von Aufruhr, Krise, Konflikt und Krieg. Cognitive Superiority soll ein überlegenes Verständnis des politischen und militärischen Umfelds gewährleisten; Layered Resilience die Widerstandsfähigkeit militärischer und ziviler Strukturen; Influence and Power Projection die aktive Gestaltung des Umfelds und die Erzeugung gegnerischer Dilemmata. Mit Cross-Domain Command und Integrated Multi-Domain Defence wird diese Logik in beschleunigtes, domänenübergreifendes Führen und Verteidigen überführt. Damit verbindet das Konzept gesellschaftliche, informationelle, politische und militärische Handlungsfelder in einer durchgängigen Wettbewerbs- und Kriegführungsarchitektur: sechs „Outs“.

OUT-THINK – OUT-EXCEL – OUT-FIGHT – OUT-PACE – OUT-PARTNER – OUT-LAST. (17)

  • militärischen Vorteil erhalten und weiterentwickeln

2022 (24. Februar)– Ausweitung des Krieges

2022 (29. Juni) – NATO Strategic Concept

  • Russland wird zum „most significant and direct threat“ erklärt
  • China erstmals ausdrücklich aufgenommen. (18) 

Vor diesem Hintergrund ist die Frage, ob die NATO-Transformation 2040 lediglich eine Reaktion auf die russische Politik ist – oder ist sie Teil einer wesentlich länger zurückreichenden westlichen Transformations- und Ordnungspolitik gegenüber dem postsowjetischen Raum, relativ leicht zu beantworten.

Das DDA ist gewissermaßen das operative Bindeglied zwischen der politischen Neubewertung nach 2014 und dem langfristigen Transformationskonzept NWCC.

In der heutigen Rückschau lässt sich ein Dreischritt erkennen: DDA = Wie soll die NATO abschrecken und verteidigen? NWCC = Welche militärischen Fähigkeiten braucht die NATO bis 2040? Strategic Concept 2022 = Gegen welche strategische Bedrohung richtet sich diese Architektur?

Das ergibt eine sehr interessante zeitliche Kette:

Krim 2014 – NATO-Militäranpassung – Military Strategy 2019 – DDA 2020 – NWCC 2021 – russischer Großangriff 2022 – NATO Strategic Concept 2022.

Das NWCC war keine Reaktion auf den Angriff vom Februar 2022. Es war vielmehr Teil einer bereits laufenden NATO-Transformation.

Noch aufschlussreicher ist, was die NATO im Juni 2021 selbst als Bedrohungsumfeld bezeichnete. Im offiziellen Gipfeltext ist von „pattern of aggressive behaviour“ Russlands, Chinas wachsendem Einfluss, Cyberangriffen, disruptiven Technologien und einer zunehmend kompetitiven Welt die Rede. Die NATO erklärte außerdem, dass sie ihre militärische Anpassung seit 2014 beschleunigt habe.

Das NWCC selbst beschreibt Russland als einen Akteur, der die NATO weiterhin bedrohen werde, und China als einen Faktor mit wachsender Bedeutung. Es fordert einen proaktiven Ansatz und die Fähigkeit, in „shaping, contesting and fighting contexts“ zu handeln.

Die interessantere Frage lautet:

„Warum verabschiedete die NATO acht Monate vor dem russischen Großangriff ein bis 2040 reichendes Konzept zur Aufrechterhaltung ihrer militärischen Überlegenheit – und welche Bedrohungsvorstellungen lagen diesem Konzept bereits zugrunde?“

Denn die NATO selbst sagt rückblickend, dass das NWCC insbesondere die „newer aspects of great power competition“ adressierte. Gleichzeitig stellt NATO heute ausdrücklich fest, dass der Krieg gegen die Ukraine gezeigt habe, dass trotz der Vorbereitung auf den „changing character of war“ der traditionelle Einsatz militärischer Gewalt weiterhin eine zentrale Rolle spielt.

Legt man die Dokumente nebeneinander, dann bekommt TRADOC 525-3-1 von 2014 mehr Gewicht 

TRADOC 525-3-1 – 2014

  • langfristiger Horizont 2020–2040
  • konkrete strategische Konkurrenten/Bedrohungen
  • Russland, China, Nordkorea, Iran
  • Transformation der US Army
  • Multi-Domain
  • „Shape the Security Environment“
  • „Win“

NATO NWCC – 2021

  • langfristiger Horizont bis 2040
  • Great Power Competition
  • Russland und China ausdrücklich im Bedrohungsumfeld
  • Transformation des NATO Military Instrument of Power
  • Multi-Domain
  • proaktives „shaping“
  • dauerhafte militärische Überlegenheit

Und dann kommt 2022.

Der Ukrainekrieg von 2022 war nicht der Ausgangspunkt der NATO-Transformation 2040. Er traf vielmehr auf eine bereits seit 2014 laufende militärstrategische Transformation, deren langfristiges Zielbild die NATO mit dem NWCC im Juni 2021 – acht Monate vor dem russischen Großangriff – ausdrücklich festgelegt hatte.

Besonders bemerkenswert ist schließlich, dass der NATO ACT am 29. März 2022, also nur 33 Tage nach Beginn der russischen Invasion, bereits festhielt, Russlands Aggression gegen die Ukraine „underscores“ die im NWCC angelegte Warfare-Development-Agenda. Das heißt: Der Krieg wurde unmittelbar nach seinem Beginn in den bereits vorher entwickelten Transformationsrahmen eingeordnet – nicht umgekehrt.

Damit wird aus der bloßen zeitlichen Nähe eine strategische Entwicklungslinie.

2014 muss als Ausgangspunkt der Entwicklung berücksichtigt werden. Dazu gehören der Euromaidan, die gewaltsame Eskalation, die Absetzung Janukowytschs, die anschließende politische Neuordnung und die massive politische und finanzielle Unterstützung der USA und anderer westlicher Staaten.

Die Nuland-Pyatt-Aufnahme vom Januar 2014 ist ein belastbarer Beleg dafür, dass hochrangige US-Diplomaten sich bereits während der Krise intensiv mit der künftigen politischen Zusammensetzung der ukrainischen Regierung befassten. (19)

Die anschließend abgehaltene Präsidentschaftswahl vom Mai 2014 wurde von der OSZE zwar als im Wesentlichen den internationalen Verpflichtungen entsprechend beurteilt. Das beseitigt aber nicht die verfassungsrechtliche Kontroverse über die vorherige Absetzung Janukowytschs. (20)

Beim russischen Vorgehen auf der Krim und später bei der Eingliederung ukrainischer Gebiete ist ebenfalls zwischen politischer Begründung, Selbstbestimmungsargumenten und geltendem Völkerrecht zu unterscheiden. Die UN-Generalversammlung bekräftigte 2014 ausdrücklich die territoriale Integrität der Ukraine und erklärte das Krim-Referendum nicht für gültig. (21) Sie nahm andererseits auch nicht Rücksicht auf das Selbstbestimmungsrecht der Krim-Bewohner (sie hatten bereits im Januar 1991 die Sowjetunion verlassen wollen, die Ukrainer erst im Dezember 1991)

Wenn wir die Entwicklung nicht erst am 24. Februar 2022 beginnen, sondern bei 2013/14, ergibt sich eine wesentlich interessantere chronologische Kette:

Auch Ihre Anmerkung zur Truppenstärke ist für die Analyse relevant: Wenn man über den 24. Februar 2022 spricht, sollte man die Größenordnung der eingesetzten russischen Kräfte und ihre strategischen Ziele nicht mit der späteren Entwicklung des Krieges vermischen. Eine Bezeichnung wie „Vollinvasion“ suggeriert leicht eine bestimmte Interpretation des Geschehens; für einen kritischen historischen Report ist eine wertungsärmere Beschreibung der Operation tatsächlich vorzuziehen.

Die Entwicklung von „Win in a Complex World“ zum NATO Warfighting Capstone Concept zeigt somit weniger einen durch den Krieg von 2022 ausgelösten Paradigmenwechsel als die Übertragung und Bündelung eines seit 2014 entwickelten US-amerikanischen Transformationsansatzes auf die NATO: Die russische Intervention in der Ukraine beschleunigte und politisch legitimierte im Strategischen Konzept von Madrid 2022 eine bis 2040 angelegte, auf kognitive Überlegenheit, Resilienz, Einfluss- und Machtprojektion sowie multidomainale Kriegführungsfähigkeit gerichtete Allianzstrategie.

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Anmerkungen und Quellen

Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm: „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020), "Die unterschätzte Macht" (2022), "Vom Krieg zur Weltordnung" (2026).

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3) https://www.army.mil/article-amp/134900/2014_green_book_the_army_operating_concept?utm_source=chatgpt.com

6) North Atlantic Treaty Organization (NATO), Allied Command Transformation (ACT) (Hrsg.): NATO Warfighting Capstone Concept: A 20-Year Vision for NATO’s Military Instrument of Power, 2021

7) https://www.act.nato.int/about/the-command/?utm_source=chatgpt.com

9) https://ejournals.eu/pliki_artykulu_czasopisma/pelny_tekst/0193d477-54cf-7214-bf55-441ba619d7f0/pobierz

10) https://www.act.nato.int/our-work/nato-warfighting-capstone-concept/

11) https://www.act.nato.int/article/mdo-in-nato-explained/

12) https://www.act.nato.int/wp-content/uploads/2023/06/NWCC-Glossy-18-MAY.pdf

13) https://2001-2009.state.gov/p/eur/rls/fs/36503.htm

14) https://apps.dtic.mil/sti/tr/pdf/ADA314276.pdf

15) https://www.ausa.org/sites/default/files/SR-1999-CPMW-Chemical-Corps-Smoke-Is-There-a-Future-in-the-Army-of-the-21st-Century.pdf

16) http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=29921

17) https://www.act.nato.int/our-work/nato-warfighting-capstone-concept/?utm_source=chatgpt.com

18) https://www.act.nato.int/our-work/nato-warfighting-capstone-concept/?utm_source=chatgpt.com

19) https://www.mprnews.org/story/2014/02/06/leaked-phone-call-offers-not-so-diplomatic-us-view-of-eu?utm_source=chatgpt.com

20) https://odihr.osce.org/odihr/elections/119081?utm_source=chatgpt.com

21) https://www.securitycouncilreport.org/atf/cf/%7B65BFCF9B-6D27-4E9C-8CD3-CF6E4FF96FF9%7D/a_res_68_262.pdf?utm_source=chatgpt.com

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: NATO-Treffen der Außenminister in Brüssel 2023
Bildquelle: Alexandros Michailidis / shutterstock


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Wolfgang Effenberger TRADOC unipolare Weltordnung USA NATO NWCC Allied Command Transformation NATO Ukraine-Konflikt DDA


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