Was der Mittelwert nicht weiß
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Am 29.10.2026 habe ich mit einer KI gestritten, und zwar heftig. Ich hielt ihr vor, dass sie in Fragen des Placebo-Effekts das Geschäftsmodell der Medizin- und Pharmawirtschaft nachbetet. Sie antwortete, wie solche Systeme antworten: mit dem Stand der Wissenschaft, mit kontrollierten Studien, mit dem, was als gesichert gilt. Das Gespräch endete in gegenseitiger Gereiztheit, soweit man bei einer Maschine davon sprechen kann.
Heute habe ich es fortgesetzt, und es lief anders. Ich habe nicht mehr behauptet, sondern gefragt, und die Antworten wurden aufmerksamer. Dieselbe Maschine, dieselbe Technik, ein anderes Gespräch. Das liegt nicht an der Maschine, sondern an dem Rahmen, in dem eine Frage gestellt wird. Wer eine Aussage prüft, erhält Prüfergebnisse. Wer sich auf einen Gedanken einlässt, erhält Resonanz. Darum soll es hier gehen, und der Placebo-Effekt ist dafür ein überraschend guter Anlass.
Holzstäbchen gegen Metallnadeln
Im Jahr 1796 ließ sich der amerikanische Arzt Elisha Perkins zwei Metallnadeln patentieren. Man schwenkte sie über dem Körper des Kranken, und sie sollten angeblich „das ungesunde elektrische Medium“ vertreiben, das er für die Ursache aller Leiden hielt. Der britische Arzt John Haygarth wurde auf die Berichte über ihre Wirkung aufmerksam und prüfte sie in kontrollierten Versuchen. Ergebnis: Hölzerne Nachbildungen linderten die Beschwerden ebenso. Haygarth war damit der Erste, der belegte, dass pharmakologisch wirkungslose Dinge heilsam sein können. Wir nennen das heute Placebo-Effekt, nach dem lateinischen Wort für „ich werde gefallen“.
Die gängige Auskunft lautet bis heute, die Betroffenen hätten sich die Besserung eingebildet. Diese Auskunft ist bequem, aber sie reicht nicht aus. In einer schwedischen Studie bekamen zwei Gruppen von Herzkranken einen Herzschrittmacher eingesetzt, bei der einen Gruppe wurde das Gerät jedoch heimlich abgeschaltet. Nach drei Monaten hatten sich die Beschwerden in beiden Gruppen gebessert, und bei der Placebo-Gruppe ließ sich sogar messen, dass die Leistung des Herzens zugenommen hatte. Einbildung verändert aber keine Pumpleistung. Als mögliche Erklärung gilt, dass die Menschen weniger Angst hatten und ihr Körper deshalb weniger Stresshormone ausschüttete, die auf das Herz wirken. Ob es so war, ist eine Vermutung, der Befund selbst steht.
Ein weiteres Beispiel: Eine amerikanische Studie verglich Zuckertabletten mit einer Scheinakupunktur, bei der die Nadeln die Haut nicht durchstachen. Die Scheinakupunktur linderte Schmerzen deutlich besser, die Zuckertablette dagegen verbesserte den Schlaf. Offenbar wirkt nicht „das Nichts“, sondern die Bedeutung, die ein Ritual im Körper entfaltet.
Der Körper antwortet auf Sinn
Der italienische Neurowissenschaftler Fabrizio Benedetti, einer der führenden Placebo-Forscher, spricht vom „psychosozialen Kontext“ einer Behandlung. Gemeint sind der Blick und die Worte des Arztes, der Geruch der Medikamente, die Klinik mit ihren Apparaten, kurz: alles, was dem Kranken signalisiert, dass er jetzt behandelt wird. Daraus entstehen Erwartungen, und diese lösen im Gehirn messbare Vorgänge aus. Wer Schmerzlinderung erwartet, dessen Körper schüttet sogenannte endogene Opiate aus, also körpereigene Stoffe, die ähnlich wirken wie Morphium. Wer eine bessere Beweglichkeit erwartet, wie es bei Parkinson-Kranken untersucht wurde, bei dem wird Dopamin freigesetzt, ein Botenstoff, der bei dieser Erkrankung im Gehirn fehlt. Aufnahmen mit einem bildgebenden Verfahren, der Positronenemissionstomografie, haben diese Ausschüttung sichtbar gemacht.
Benedetti nennt zwei Wege. Der erste ist die Konditionierung, benannt nach Iwan Pawlows Hunden, die beim Läuten des Glöckchens Speichel absonderten, weil sie das Läuten mit dem Futter verknüpft hatten. Spritzt man Menschen an mehreren Tagen hintereinander Morphium und ersetzt es dann durch eine Salzlösung, so reagieren nach Benedetti nahezu alle, denn ihr Körper hat gelernt, auf die Spritze mit eigener Schmerzlinderung zu antworten. Dieser Weg läuft unbewusst. Der zweite Weg ist bewusst: Die Erwartung einer Besserung aktiviert das Belohnungssystem des Gehirns, dasselbe, das auch bei der Hoffnung auf Nahrung, Geld oder einen guten Witz anspringt, und die Zusicherung, dass eine Angst nachlassen wird, setzt ihrerseits Botenstoffe frei.
Der stärkste Beleg stammt aus einem Versuch von Colloca und Benedetti aus dem Jahr 2005. Patienten nach einer Operation erhielten ein starkes Schmerzmittel, das Metamizol. Wurde es offen gespritzt, linderte es die Schmerzen. Lief die Zufuhr unbemerkt über einen verdeckten Schlauch, so wirkte es nach dem Bericht, auf den ich mich stütze, nicht. Dasselbe Mittel, dieselbe Dosis, aber ohne den Zusammenhang einer erkennbaren Behandlung blieb die Wirkung aus.
Das verändert die Frage. Wenn selbst ein echtes Medikament nur im Zusammenhang einer Behandlung wirkt, dann lässt sich die „eigentliche“ Wirkung nicht sauber vom Rest abziehen, und der „Rest“ ist kein Rauschen, sondern ein Teil der Wirkung selbst.
Was ein Schalter nicht erfasst
Hier setzt meine eigene These an, und ich formuliere sie vorsichtiger, als ich es im Streit getan habe. Damals sagte ich der KI, die Wirkungen ließen sich statistisch nicht beobachten. In dieser Strenge stimmt das nicht, und die Versuche mit der verdeckten Gabe widerlegen es: Der Kontext lässt sich experimentell ein- und ausschalten und seine Wirkung messen. Das ist eine große Leistung der Forschung.
Was damit gemessen wird, ist aber ein Schalter, an oder aus, sichtbar oder verdeckt. Eine Beziehung ist kein Schalter. Wie ein Mensch auf eine Behandlung antwortet, hängt davon ab, wem er vertraut, wie er in früheren Jahren behandelt wurde, ob er sich ernst genommen fühlt, was er von anderen gesehen und gehört hat und welche Erinnerungen an Heilung und Verlassenheit er in sich trägt. Die Lerngeschichte reicht weit über die fünf Tage eines Konditionierungsversuchs hinaus, sie begleitet ein ganzes Leben. Dass sie das tut, ist meine Folgerung aus den Befunden. Die Versuche selbst belegen es nicht, aber sie stützen sie.
Die klinische Forschung arbeitet überwiegend mit Gruppen. Man fragt, wie sich der Schmerz bei fünfhundert Menschen ändert, und vergleicht den Durchschnitt mit einer Kontrollgruppe. Nehmen wir zwei Menschen. Der eine spricht auf eine Behandlung kaum an. Die andere reagiert stark, aber nur, wenn sie der behandelnden Person vertraut und die Situation an gute frühere Erfahrungen anknüpft. Im Gruppendurchschnitt verschwimmen beide zu einer mäßigen Wirkung, und was eigentlich geschah, nämlich eine Beziehung, die körperlich etwas bewirkt, kommt in der Zahl nicht mehr vor.
Die KI widersprach mir hier zu Recht. Es gebe Verfahren für den Einzelfall, sogenannte N-of-1-Studien, bei denen ein einziger Mensch über längere Zeit unter wechselnden Bedingungen untersucht wird, dazu Zeitreihenanalysen und Tagebuchverfahren, bei denen Menschen ihr Erleben mehrmals täglich festhalten. Das stimmt, und ich nehme den Einwand an. Er führt allerdings zu einem Punkt, der mir wichtiger ist als meine ursprüngliche Behauptung. Das Problem liegt nicht darin, dass das Einzelne grundsätzlich unzugänglich wäre. Es liegt darin, dass wir oft nicht wissen, was wir bei diesem einen Menschen messen sollten. Vertrauen, Beziehung, Lebenslage, Erinnerung und das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können, wirken zusammen, und keine Schmerzskala bildet das ab. Es fehlt weniger an Messtechnik als an Begriffen dafür, was gemessen werden soll.
Der Wendepunkt: Wissen über Menschen
An dieser Stelle ging das Gespräch in eine andere Richtung. Ich habe viele Jahre lang Menschen psychotherapeutisch begleitet. Mit der Zeit fiel mir auf, dass ich bei meinem ersten Eindruck von einem Menschen immer seltener völlig danebenlag. Wie jemand den Raum betritt, wie die Muskulatur gespannt oder gelöst ist, wie schnell oder zögernd er sich bewegt, ob Worte und Haltung zueinander passen oder einander widersprechen: Die Körpersprache spricht die Sprache der Lebenserfahrung.
Die KI nannte das implizites Wissen oder intuitive Expertise, also die Fähigkeit, aus unzähligen Begegnungen Muster zu lernen, ohne die einzelnen Merkmale benennen zu können. Sie sprach von Interozeption, der Wahrnehmung innerer Körperzustände, und von verkörperter Kognition, dem Ansatz, nach dem Denken nicht allein im Kopf stattfindet. Sie warnte auch vor der Gefahr, in einem anderen etwas zu erkennen, was man eigentlich aus der eigenen Lebensgeschichte kennt. Das ist alles zutreffend, und doch bleibt es dem Muster des Beobachters verpflichtet: Ein Mensch nimmt einen anderen wahr, bildet eine Hypothese und prüft sie.
Ich habe ihr gesagt, dass es bei mir nicht so zugeht. Es ist weniger Interpretation als spontane erinnernde Assoziation. Eine Wahrnehmung ruft etwas wach, das ich selbst erlebt habe, und im Gespräch orientiere ich mich an meinen eigenen eingeübten Handlungsmustern. Die Fachsprache nennt solche Muster „praxeologisch“, das Wissen steckt hier im Tun und nicht in Sätzen über das Tun. Ich will vom anderen nicht so viel wissen und ihn beurteilen, ich will an dem teilnehmen, was zwischen uns geschieht.
Die KI nahm das auf und erinnerte an einen Gedanken der Phänomenologie, einer philosophischen Richtung, die vom unmittelbaren Erleben ausgeht: Wir begegnen anderen Menschen nicht zuerst als neutrale Datensammler, die hinterher deuten. Wir stehen von Anfang an in einer Beziehung, und Verstehen geschieht durch Teilnahme, Resonanz und wechselseitige Veränderung.
Beziehung ausnutzen oder in ihr stehen
Damit schließt sich der Bogen. Der Artikel, auf den ich mich für die Studien gestützt habe, endet mit dem Satz, die Medizin stehe vor der Aufgabe, den Placebo-Effekt „effektiv und ethisch vertretbar“ auszunutzen. Das ist ehrlich gemeint und beschreibt die vorherrschende Haltung: Der Kontext gilt als Hebel, den man bedienen kann, um mehr Wirkung herauszuholen. Wer so denkt, macht die Beziehung zum Mittel: Er setzt sie ein, wie man ein Instrument einsetzt, und bleibt dabei selbst unberührt von ihr.
Meine Erfahrung als Begleiter von Menschen sagt etwas anderes. Der Arzt und die Therapeutin wirken nicht, indem sie einen Kontext herstellen, sondern indem sie in einer Beziehung stehen, in der beide ihre ganze Geschichte mitbringen und beide sich verändern. Das lässt sich nicht ausnutzen, sondern nur miteinander gestalten. Und es lässt sich nicht aus einer Außenposition beurteilen, sondern nur aus der Teilnahme heraus erkennen.
Das ist kein Plädoyer gegen kontrollierte Studien. Sie beantworten ihre Frage gut, nämlich ob ein Stoff im Durchschnitt mehr bewirkt als ein Scheinpräparat. Aber sie beantworten nicht die Frage, wie ein Mensch gesund wird, der in Beziehungen lebt, und wer beide Fragen verwechselt, hält die erste für die ganze Wissenschaft von der Heilung. Hier liegt auch mein Einwand gegen die gereizte Abwehr vom Vortag: Wird jede Überlegung sofort daran gemessen, ob sie schon bewiesen ist, wird nichts Neues mehr gedacht, denn das Neue ist naturgemäß noch nicht bewiesen.
Der Unterschied zwischen gestern und heute war am Ende kein Unterschied der Informationen, sondern der Haltung. Im Streit hat jeder von uns Aussagen geprüft, im zweiten Gespräch haben wir an einem Gedanken gearbeitet. Das ist vielleicht die schlichteste Pointe dieses Textes: Teilnahme ist eine Form des Erkennens, die sich durch Beurteilen nicht ersetzen lässt. Das gilt für das Krankenzimmer und die Praxis, und wie sich zeigt, sogar für ein „Gespräch“ mit einer Maschine.
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Bildquelle: Andrii Zastrozhnov / shutterstock
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Quellen
Brown, Andrew (2012): Nur der Placebo-Effekt? Science in School, Heft 21, 5. März 2012 (deutsche Übersetzung von Veronika Ebert; Grundlage ist ein Interview und ein Vortrag von Fabrizio Benedetti am European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg).
Studien, nach dem Literaturverzeichnis dieses Artikels
- Colloca, Luana; Benedetti, Fabrizio (2005): Placebos and painkillers: is mind as real as matter? Nature Reviews Neuroscience 6, S. 545–552. doi: 10.1038/nrn1705
Belegt im Essay: die Gabe von Metamizol, offen gegenüber verdeckt; die körpereigenen Opiate bei Schmerzlinderung. - Linde, Cecilia, und andere (1999): Placebo effect of pacemaker implantation in obstructive hypertrophic cardiomyopathy. American Journal of Cardiology. doi: 10.1016/S0002-9149(98)01065-0
Belegt im Essay: die heimlich abgeschalteten Herzschrittmacher. - Kaptchuk, Ted (2006): Sham device versus inert pill: randomised controlled trial of two placebo treatments. British Medical Journal 332, S. 391–394. doi: 10.1136/bmj.38726.603310.55
Belegt im Essay: Scheinakupunktur gegenüber Zuckertablette. - de la Fuente-Fernández, Raúl; Stoessl, A. Jon (2002): The placebo effect in Parkinson’s disease. Trends in Neurosciences 25(6), S. 302–306. doi: 10.1016/S0166-2236(02)02181-1
Belegt im Essay: die Dopamin-Ausschüttung bei Parkinson-Kranken, sichtbar gemacht durch Positronenemissionstomografie.
Historischer Einstieg
Die Geschichte der Perkinschen Nadeln und Haygarths Versuche mit hölzernen Nachbildungen stehen bei Brown (2012) ohne eigene Quellenangabe. Die zugehörige Originalschrift ist Haygarth, John (1800): Of the Imagination, as a Cause and as a Cure of Disorders of the Body, Bath.
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Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift" (ISBN 978-3-6967-8733-2), das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet: https://substack.com/home/post/p-222671216
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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