Ein Meinungsbeitrag von Paul Clemente.
Zweifellos, Donald Trump gehört zu den lautesten Stimmen im Mediendschungel. Der Dadaist im Weißen Haus postet kryptische Statements, die bei Gegnern Rätselraten, Wut oder ignorantes Grinsen auslösen: Was hat der Alte da wieder verzapft?! Das galt auch für seine neueste Kriegserklärung auf Truth Social. Dort drohte er vorige Tage:
„Das Weiße Haus betrachtet jeden, der den Begriff ,Künstliche Intelligenz’ anstelle des allgemein anerkannten und treffenderen Begriffs ,Superintelligenz’ verwendet, als FEIND. Präsident Donald J. Trump.“
Seltsam: Wieso kümmert sich Trump um korrekte Sprache? Seine offizielle Erläuterung: Der Teilbegriff „künstlich“ klinge wie „fake“. Dabei sollen die Menschen doch an den Siegeszug der KI glauben. Und schon outeten sich erste Konzern-Chefs als Fans des trumpschen Kürzels.
Zu den gehorsamen Adepten zählt Microsoft-Chef Satya Nadella. In seinem Aufsatz über KI-Risiken verwendete er auffallend konsequent den Begriff „Superintelligenz“ (bzw. das Kürzel SI).
Ähnlich Nvidia-Chef Jensen Huang: Der will keine KI-Forschung mehr subventionieren, sondern nur noch – SI-Entwicklung. Auch das Softwareunternehmen Salesforce hat wenige Stunden nach Freischaltung der Trump-Drohung seine Integrationsschicht für KI-Agenten umbenannt. Deren CEO Marc Beniof posaunt fröhlich auf X: „Das Zeitalter der Superintelligenz ist angebrochen. AIForce heißt nun offiziell SIForce“. Und Elon Musk? Der will seine KI-Firma SpaceXAI ohnehin in SpaceXSI umbenennen.
Fehlt noch Jeff Bezos. Was zieht der Shopping-Guru denn vor? Natürlich auch die Bezeichnung SI. Angeblich aus Marketing-Gründen. O-Ton: „Ich mag SI, weil ,künstlich' nicht sehr schmeichelhaft ist. Niemand will einen künstlichen Süßstoff, künstliche Aromastoffe." So viel Einigkeit in den High Tech-Palästenlässt Alarmglocken klingeln: Ein Blogger des Online-Magazins „Gizmodo“ stellt die Frage, welcher CEO am tiefsten in Trumps geistigen Morast versunken sei? Es folgt eine Hitliste konformistischer High Tech-Riesen.
Wichtiger ist jedoch ein weiterer Hinweis des „Gizmodo“-Autors: Beide Kürzel, SI oder KI, bezeichnen nicht dasselbe. Beide haben eine völlig differente Bedeutung. Künstliche Intelligenz wird als Dienst- und Hilfsprogramm verstanden. Seine Funktion ist benutzerorientiert. Mag sie sich eigenständig Wissen aneignen – sie tut es, um besseren Support zu bieten. SI hingegen meint eine Intelligenz, die völlig unabhängig vom Menschen agiert. Die ihn sogar übertrifft. In jeder Hinsicht. In der Science Fiction des 19. Jahrhunderts steht Superintelligenz sogar für den unergründlichen Lenker des Universums. Damit erhält Trumps Post eine weiterreichende Bedeutung: Trump erklärt jeden zum Feind, der die Metamorphose der dienenden Software zur autonomen Super-Software verbal nicht mitvollzieht.
Wenn aber ein „falsches Wort“ bereits zur Feindschaft führt, welches Protektorat genießt das Silicium-Monster künftig? Wann wird Abschalten oder Zertrümmern einer Superintelligenz zur Straftat? Ab wann gilt sie als juristisches Subjekt, das über (Menschen-)Rechte verfügt? Solche Fragen hat sich Frank Tipler bereits in seinem Bestseller „Physik der Unsterblichkeit“ (1994) gestellt. Ein Werk, das dem ehemaligen Assistenten von Stephen Hawkins internationalen Ruhm bescherte.
Darin nivelliert der Autor die Differenz zwischen organischer und anorganischer Materie. Seit vier Milliarden Jahren bildet Kohlenstoff zwar die chemische Grundlage aller Vitalprozesse, aber eben nur zufällig. Entscheidend sei der Informationsaustausch, den er ermögliche. O-Ton Tipler: „Ich behaupte, dass ein ,Lebewesen’ jedes beliebige Gebilde ist, das Information (im physikalischen Sinne des Wortes) codiert, wobei die codierte Version durch natürliche Auslese bewahrt wird. ,Leben’ ist demnach eine Art der Informationsverarbeitung und der menschliche Geist – wie auch die Seele – ein hochkomplexes Computerprogramm.“ Tiplers Fazit: Alle Maschinen sind Lebewesen.
So bescheuert das klingt, so gefährlich ist es. Denn der Autor folgert: Wenn eine Maschine wie ein Mensch denkt, sich wie ein Homo sapiens verhält, dann ist sie auch einer. Welche Kriterien wolle man sonst geltend machen? Wenn Sie sagen: Alle Schwarzen denken und verhalten sich wie Menschen, seien aber trotzdem keine – dann sind Sie ein Rassist. Und genau das gelte auch für Abwertung von KI. Und jetzt kommt’s: Wer die Ausbreitung einer Menschengruppe unterdrückt, handelt als Rassist. Wenn aber Computer ebenfalls als Menschen gelten, wäre auch Widerstand gegen deren Verbreitung „rassistisch“.
Tiplers Fazit: Als Antirassist müsse man „alle Gesetze ablehnen, die die Produktion oder Reproduktion intelligenter Maschinen verbieten. Letzten Endes werden intelligente Maschinen intelligenter werden als die Angehörigen der Spezies des Homo sapiens und die Zivilisation beherrschen. Na und?“ Hier weicht Tipler der Logik seines eigenen Konstrukts aus: Wenn die KI ihre Metamorphise zum „Menschen“ schafft, dann wird sie auch seine Destruktivität beerben. Seine Lust an Herrschaft und Unterdrückung. Eine solche KI zu konstruieren, das hieße: Die endgültige Abschaffung der menschlichen Freiheit forcieren.
Und genau davor warnt der Historiker und Zukunftsforscher Yuval N. Harari: Dass der Homo sapiens weniger intelligente Lebewesen, sprich Tiere, grausam unterdrückt, ausbeutet und ins Schlachthaus treibt. Warum sollte die KI mit uns sanfter verfahren?
Trumps Forderung nach sprachlicher Aufwertung der KI ist ein Schritt in Richtung Unterwerfung. Kommt Zeit, kommt Tod. Die einzig verbliebene Hoffnung: Dass die KI sich nicht rechnet. Erste Ökonomen, darunter der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, deuten den aktuellen KI-Boom als Blase: High Tech-Konzerne kaufen sich gegenseitig die Aktien ab, um den Wert hochzutreiben. So entstehe eine Blase, wie beim Internet-Hype in den Nuller-Jahren. Aber – am Ende wartet der große Knall.
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Schriftzug "Superintelligenz" vor Auge und hinter Zahlenreihen von 0 und 1
Bildquelle: wsf-s / shutterstock
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