Ist das Ergebnis des Kriegs gegen den Iran die größte Niederlage der USA seit 25 Jahren?
Ein Standpunkt von Jochen Mitschka.
Einer der besten Kenner Westasiens und westlicher Politik gleichzeitig, der Chefredakteur vom Middle East Eye, David Hearst, schrieb am 17. Juni einen Artikel über das Ergebnis des Angriffskriegs von Israel und den USA gegen den Iran. Darin finden sich einige interessante Feststellungen, die auch für europäische Politik wichtig sind. Er schreibt, dass das Scheitern, den Iran zu unterwerfen, ein viel größeres Ziel gestoppt oder gar zunichtegemacht habe: ein Projekt zur Umgestaltung des Nahen Ostens mit einem „Großisrael“ an der Spitze.
Hearst meint, dass von allen militärischen Niederlagen, die die USA in den letzten 25 Jahren im Nahen Osten erlitten haben, die gegen den Iran wohl die folgenreichste sei. Anders als bei den amerikanischen Militärinterventionen in Afghanistan, Irak, Jemen, Libyen und Syrien habe die Islamische Republik nicht einfach nur einen weiteren US-amerikanischen Versuch eines Regimewechsels überstanden. Im US-israelischen Krieg gegen den Iran sei es nie nur um das Schicksal eines einzelnen Regimes gegangen. Das Scheitern der Iran-Eindämmung habe ein viel größeres Ziel gestoppt oder gar zunichtegemacht: das Projekt, die Gestalt des Nahen Ostens, oder um es nicht-kolonialistisch zu nennen, Westasien, zu verändern, mit einem "wiedergeborenen" und gestärkten „Großisrael“ an der Spitze.
Das sei das strategische Ziel der Abraham-Abkommens gewesen, und als Saudi-Arabien sich weigerte, dieses zu unterzeichnen, wurde stattdessen ein Krieg mit dem Iran inszeniert. Ironischerweise, so meint der Autor, brauchte es „den größten Freund Israels im Weißen Haus“, um den größten Traum des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu zu zerstören.
Trump musste aus dem Kaninchenbau von Alice im Wunderland herauskommen
Für US-Präsident Donald Trump war es eine beschlossene Sache, wieder einen klaren Kopf zu bekommen und Netanjahu nicht weiter blind in dessen Sackgasse zu folgen, meint Hearst. Für Netanjahu dagegen sei Trumps Kehrtwende im Iran-Konflikt eine Katastrophe, deren Folgen noch Generationen spürbar sein könnten.
Die US-Inflation, angetrieben durch die kriegsbedingt höheren Energiekosten, befinde sich auf einem Dreijahreshoch; Trumps Zustimmungswerte seien auf einem historischen Tiefstand; er sehe sich wachsendem Widerstand in der eigenen Partei gegenüber; die Lähmung der Golfstaaten belaste den Trump-Clan finanziell; und die bevorstehenden Zwischenwahlen könnten ihm die Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses kosten. Trump wollte einen schnellen Sieg nach venezolanischem Vorbild, und sobald klar wurde, dass der Iran sich nicht kampflos ergeben würde, habe der 80-jährige Präsident gedanklich abgeschaltet.
Israels Kriegsberichterstatter waren sich einig.
Alon Ben David, Militärkorrespondent von Kanal 13, sagte, der Krieg habe das Kräfteverhältnis verändert. Vorher hätte Israel mit amerikanischer Unterstützung als führende Militärmacht in der Region gelten können. Jetzt ist der Iran die bedeutendste Macht.
Amos Harel, Militäranalyst der Haaretz, schrieb, Trumps Abkommen mit dem Iran sei Netanjahus größtes sicherheitspolitisches Versagen seit dem Hamas-Anschlag vom 7. Oktober 2023.
Ein Chor rechter Kräfte spielte mit dem Gedanken, Israel solle nun 'allein handeln', eine Option, die im Kabinett diskutiert wurde.
Trump verschärfte die Situation noch, indem er der New York Times sagte, wie dankbar Netanjahu ihm sein sollte:
'Denn wenn der Iran eine Atomwaffe hätte, gäbe es Israel keine zwei Stunden mehr.'
Am Dienstag griff er das Thema in Kommentaren gegenüber Reportern in Frankreich beim G7-Gipfel erneut auf, indem er sagte, ohne die USA 'gäbe es kein Israel', und fügte hinzu, dass es ihm nicht gefalle, dass 'zwei Stunden vor der Unterzeichnung des Abkommens ein Luftangriff im Libanon, in Beirut, stattgefunden hat'.
Avigdor Lieberman, der Vorsitzende der rechtsgerichteten, säkularen Oppositionspartei Jisrael Beiteinu, erklärte, Israel solle eine ballistische Raketenstreitmacht aufbauen und den Mossad anweisen, sich ausschließlich auf den Sturz des iranischen Regimes zu konzentrieren.
Der rechtsextreme Finanzminister Bezalel Smotrich versprach, den Kampf gegen das Regime 'selbst und auf kreative Weise' fortzusetzen.
Der ehemalige Premierminister Naftali Bennett, der durchaus Netanjahus Nachfolger werden könnte, sagte zu Piers Morgan:
'Ich möchte dem iranischen Regime sagen: Ich werde euer schlimmster Albtraum aller Zeiten sein.'"
Ein strategischer Rückschlag
Die Puzzleteile der israelischen Regionalstrategie, die Netanjahus strategischen Rückschlag überstehen könnten – das von Israel besetzte und von seinen Bewohnern gesäuberte Gebiet im Gazastreifen, im Südlibanon und in Syrien, der nicht deklarierte Sicherheitspakt mit Abu Dhabi, die Nutzung Somalilands als Basis für die militärische Projektion – all dies bleibe bestehen, meint der Autor.
Das Projekt könne jederzeit fortgesetzt werden. Doch was Netanjahu verloren habe, sei das Interesse des amtierenden US-Präsidenten an diesem Vorhaben.
"Und es ist unwahrscheinlich, dass sich bald ein Nachfolger findet."
Es werde lange dauern, bis einem israelischen Ministerpräsidenten erlaubt wird, einem amtierenden US-Präsidenten im Lagezentrum des Weißen Hauses gegenüberzusitzen, wie Netanjahu es am 11. Februar dieses Jahres mit Trump tat, … und ihm Lügen aufzutischen. Hearst fragt, ob irgendjemand in Israel ernsthaft glaube, dass Vizepräsident JD Vance so etwas zulassen würde, sollte er jemals Präsident werden? Das israelische Establishment habe nur Sekunden gebraucht, um diesen tiefgreifenden Wandel bei seinem engsten Verbündeten zu erkennen und Verrat zu schreien.
Yinon Magal, die Journalistin von Kanal 14, die weithin als Netanjahus Sprachrohr gilt, bezeichnete die US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner als „kleine Juden“ – ein offener Akt des Antisemitismus, wenn es je einen gab. Er nannte Trump einen Verlierer und Vizepräsident JD Vance „Abschaum“.
Ein vergiftetes Bündnis
Wenn der Völkermord in Gaza den Mythos, Israel sei eine Demokratie, die nach Frieden strebt, aber nur Krieg findet, endgültig widerlegt habe, so hätte der Angriff auf den Iran Israels Glaubwürdigkeit in Washington als Militärverbündeter einen ähnlichen Schlag versetzt, glaubt Hearst. Israel sei in den USA zu einer "vergifteten Marke" geworden – "daher ändern seine Befürworter ihre Taktik".
Es gebe einen deutlichen Wandel nicht nur in den Meinungsumfragen, sondern auch in der Rhetorik politischer Kampagnen. AIPAC, die mächtigste pro-israelische Lobbygruppe, werde bei den Demokraten zunehmend verpönt. Immer weniger aufstrebende Politiker wollten Israels Geld annehmen, und die Vorstellung unter Republikanern, Israel kontrolliere die US-Außenpolitik, sei mehr als nur ein antisemitisches Klischee.
Im vollen Bewusstsein des Wandels der öffentlichen Meinung in den USA werden verschiedene Gesetzesinitiativen unternommen, um das militärische und geheimdienstliche Bündnis zwischen den USA und Israel zu festigen, stellt er lakonisch fest. Ein US-Präsident ist gesetzlich verpflichtet, Israels „qualitativen militärischen Vorsprung“ zu gewährleisten. Die Israel-Lobby versuche nun, zwei Maßnahmen in ein vom Kongress zu verabschiedendes Gesetz einzubringen, die Israel in der US-Politik priorisieren sollen.
Ein vorgeschlagener Gesetzesentwurf im National Defense Authorization Act (NDAA) sieht die Schaffung einer Exekutive vor, die für die Integration der israelisch-amerikanischen Verteidigungs- und Sicherheitskooperation in allen US-Regierungsabteilungen zuständig ist. Darüber hinaus soll israelische Technologie in größere US-Rüstungsbeschaffungen integriert werden. Der Intelligence Authorization Act (IAA) enthält eine Maßnahme für einen umfassenden Geheimdienstaustausch zwischen Israel und jedem arabischen Land, das die Beziehungen zu Israel normalisiert. Ein dritter Bestandteil der israelischen Strategie ist die Schaffung eines direkten Weges für Waffen- und Technologielieferungen, der den Kongress umgehen würde.
All dies seien Versuche, eine militärische Partnerschaft zu festigen, die derzeit unter starker parteiübergreifender politischer Beobachtung steht.
Ein verlorenes Spiel
Mit den zunehmenden Risiken der Israel-Unterstützung wachse auch der Zwang, den Israel verspüre, die USA stärker an sich zu binden. So oder so, Israel befinde sich auf dem "absteigenden Ast", meint der Autor. Der Iran gehe aus diesem Abkommen als bedeutende Regionalmacht hervor, seine strategischen Hebel seien gestärkt. Er behalte sein Urananreicherungsprogramm bei, hat aber auf hochangereichertes Uran verzichtet.
Da der Iran laut aufeinanderfolgenden IAEA-Berichten ohnehin nie ein Atomwaffenprogramm hatte und seinen Bestand an hochangereichertem Uran erst nach Trumps Ausstieg aus dem mit Barack Obama ausgehandelten Atomabkommen aufbaute, sei dies kein großes Opfer. [Anmerkung: Die Anreicherung hatte immer nur dem Zweck gedient, Druck auf eine Wiederaufnahme des JCPOA auszuüben, hörte man oft aus dem Iran.]
Trump werde immer wieder behaupten, er habe Teheran am Bau der Atombombe gehindert. Was weder er noch der Mossad jemals verhindern können, sei Irans Know-how als Atommacht. Angesichts der Zahl der jährlich ausgebildeten Atomphysiker ist dies ein Geist, der sich nicht mehr in die Flasche zurückstecken lasse.
Der Iran verfüge weiterhin über seine Raketenflotte, die sich als Abschreckungsmittel bewährt habe. Sie habe auch die schwersten und präzisesten Bombenangriffe des US-Militärs überstanden.
Irans Verbindungen zu seinen regionalen nichtstaatlichen Verbündeten sind heute wohl stärker als zum Zeitpunkt des ersten Angriffs. Der Krieg habe dieses Bündnis als schlagkräftige Kampfeinheit gestärkt, die koordinierte Angriffe auf Israel und die Golfstaaten durchführen kann. Abrüstung des Irans und seiner Verbündeten sei nach wie vor ein US-Traum, doch im Libanon genauso weit von der Realität entfernt wie Trumps Vorstellungen von Iran. Stattdessen habe der Iran gezeigt, dass seine Verbündeten nicht bloß ein Instrument seiner Machtprojektion sind, das nach Belieben Teherans ein- und ausgeschaltet werden kann, sondern dass Iran es ernst meine mit ihrer Verteidigung.
Die Verbindung zwischen dem Iran und der libanesischen Hisbollah beruhe auf Gegenseitigkeit. Diese Woche tauchten am Eingang von Dahia, dem Zentrum der Hisbollah im Süden Beiruts, Plakate mit Khamenei, Vater und Sohn und einem großen „Dankeschön“ auf.
All dies stürzt die Nachkriegsstaaten des Golfs in einen Strudel der Unsicherheit, meint der Artikel. Die Blase ihres Reichtums und ihrer Unbesiegbarkeit sei geplatzt. Der Golf-Kooperationsrat sei bedeutungslos.
Der Kaiser ohne Kleider
Die Sicherheitsstrategie des Golfs, in der sich die USA mit ihrem Netzwerk aus Militärbasen, Frühwarnsystemen und Raketenabwehrbatterien als Garant der Golfsicherheit präsentierten, bot bestenfalls einen lückenhaften Schutz vor iranischen Drohnen. US-Basen gelten mittlerweile mehr als Belastung als als Nutzen, erklärt der Artikel.
"Wenn die Debatte in Katar während des Konflikts zwischen den beiden Polen – dem Abzug des US-Zentralkommandos (Centcom), das die US-Militäroperationen im Nahen Osten leitet, und dem Sturz der Hamas – ins Stocken geriet, so haben die Dienste Katars als Vermittler für Trump die Befürchtungen vor einer solchen schwierigen Entscheidung vorerst gemildert. Es erwies sich als deutlich einfacher, Iran für einen Angriff zu bezahlen, wie es die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) getan haben.
Sie bestritten, Milliarden von Dollar gezahlt zu haben, als die VAE Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde zu einem Treffen mit Scheich Tahnoun bin Zayed Al Nahyan, dem nationalen Sicherheitsberater der VAE und stellvertretenden Herrscher von Abu Dhabi, empfingen. Doch auch bestritten die VAE, Netanjahu empfangen zu haben, was zweifellos geschehen war.
Ob man es nun gutheißt oder nicht, alle Golfstaaten wurden durch Irans Reaktion auf den Angriff auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Sowohl Bahrain als auch Kuwait haben seit dem Arabischen Frühling mit Legitimitätsproblemen gegenüber ihren schiitischen Bevölkerungsgruppen zu kämpfen. Irans Wiederaufstieg zur Regionalmacht birgt erhebliches Konfliktpotenzial.
Einige Staaten wie Oman und Katar, die das Abkommen ausgehandelt haben, sind besser davongekommen als andere, doch alle leiden unter derselben strategischen Unsicherheit. An wen sollen sie sich nun wenden? An China, Indien oder Pakistan?
Ihre enorme Wirtschaftskraft hängt fortan von Irans Wunsch ab, die Straße von Hormus offen zu halten.
Alle Augen auf Gaza
Sollte Trump seinen Teil der Abmachung brechen oder Israel einen weiteren Angriff starten, könne der Iran Hormus genauso schnell und einfach wieder schließen, wie er ihn geöffnet hat, meint Hearst. Dementsprechend werde der Iran so oder so einen Preis für das Privileg fordern, die Kontrolle über diese enormen Mengen an Benzin, Gas und Ölprodukten zu haben.
Sollte Netanjahu seinen Angriff auf Gaza wieder aufnehmen, wird die Weltöffentlichkeit erneut empört sein, und Israel wird feststellen, dass seine Wirtschaft einem globalen Wirtschaftsboykott nicht gewachsen ist.
Vieles werde davon abhängen, wie der Iran seine Macht gegenüber seinen Nachbarn ausübt. Es wäre ratsam, nicht Israels Beispiel des „Alles-oder-Nichts“-Prinzips zu folgen, meint Hearst. Ein angeschlagener Netanjahu werde dagegen versucht sein, seinen Krieg gegen die Palästinenser zu verschärfen, vermutet er, um seinen Verlust an regionaler Macht auszugleichen. Die Palästinenser, die bereits jetzt unvorstellbarem Rassismus ausgesetzt sind und überall dort, wo sie ihren bewaffneten israelischen Machthabern begegnen, willkürlich an Kontrollpunkten ins Visier genommen und getötet werden, werden wohl weiter erwarten müssen, dass Netanjahu sein Projekt der Landräumung mit aller Härte fortsetzen wird.
Israel sei zu einem Serienmörder der Palästinenser geworden, und je mehr sie morden, desto mehr müssen sie morden.
Weder Trump noch der lächerlich falsch benannte Friedensrat würden Netanjahu daran hindern, immer größere Teile des Gazastreifens unter seine Kontrolle zu bringen. Die Hamas wird genauso wenig abrüsten wie die Hisbollah oder der Iran. Selbst wenn Israel den gesamten Gazastreifen wiederbesetzt, bleibe das Problem für Israel dasselbe.
Der Gazastreifen habe gezeigt, dass sein soziales Gefüge stark genug ist, um der beispiellosen Unterdrückung standzuhalten. Gaza werde nicht zerbrechen. Jede Familie steht auf den Gräbern ihrer unbestatteten Freunde und Verwandten. Und sie werden dieses Land jetzt nicht verlassen.
Sollte Netanjahu seinen Angriff auf Gaza fortsetzen, so der Artikel weiter, werde die Weltöffentlichkeit erneut in Aufruhr geraten, und Israel müsse feststellen, dass seine Wirtschaft nicht in der Lage ist, einen globalen Wirtschaftsboykott zu überstehen. Der Nahe Osten, also Westasien, habe sich zwar verändert, aber nicht so, wie Netanjahu es sich gewünscht hätte. Sein Angriff auf den Iran führte zum ersten großen strategischen Bruch zwischen Israel und seinem wichtigsten Verbündeten seit über einem Vierteljahrhundert.
Iran verfüge dadurch über mehr Soft Power, und der Widerstandsgeist in Palästina, im Libanon und in der Region sei stärker denn je, selbst nachdem Syrien nicht mehr unter iranischem Einfluss steht.
Mit seinen endlosen Kriegen und seiner expansionistischen Ideologie wird Israel – ganz allein – bald feststellen, dass es an die Grenzen seiner militärischen Macht gestoßen ist und ein Rückzug unausweichlich sein wird. Dies gilt für Syrien ebenso wie letztlich für den Libanon.
Viele weiterführende Links finden sich im Originalartikel.
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Washington,DC, Vereinigte Staaten, 7. April 2025, Präsident Donald J. Trump begrüßt den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu im Weißen Haus
Bildquelle: Joey Sussman / shutterstock
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