- und wer die Kosten trägt
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Wer im Oktober 2026 auf die Landkarte der Ukraine schaut, sieht ein Land ohne Küste. Die Häfen am Schwarzen Meer sind nach Angaben des amerikanischen Politikwissenschaftlers John Mearsheimer im Wesentlichen lahmgelegt. Die Ukraine ist damit faktisch zu einem Binnenland geworden. Mearsheimer, der Hauptvertreter des „offensiven Realismus“, einer Schule, die internationale Politik als Machtwettbewerb der Großmächte versteht, nennt das Ziel dieser Entwicklung ohne Umschweife: Russland müsse sicherstellen, dass die Ukraine ein „dysfunktionaler Reststaat“ bleibe. Das ist kein Nebenprodukt des Krieges. Es ist sein Ergebnis, und es wird gerade systematisch herbeigeführt.
Ein Krieg, der seine Hemmungen abgelegt hat
Zu Beginn im Februar 2022 trat Russland mit einer Truppenstärke an, die auf einen kurzen Konflikt berechnet war. Auf taktischer Ebene wurden damals Zerstörungen so eingesetzt, dass zivile Verluste vermieden werden sollten. Das sagt jetzt der stellvertretende russische Verteidigungsminister Junus-Bek Jewkurow selbst. Er räumt ein, man habe zu Beginn „keinen klassischen Krieg“ geführt, und führt die Veränderung auf die Erfahrungen der Armee zurück. Schon im Sommer hatte Kremlsprecher Peskow erklärt, es handle sich nicht mehr um eine „militärische Spezialoperation“, sondern um einen Krieg. Die Zurückhaltung ist damit offiziell beendet.
Wie das aussieht, zeigen die Angriffe der vergangenen Wochen, wie sie Mearsheimer und die Sprecher des Kanals The Duran beschreiben. Getroffen werden die Energieversorgung, die Eisenbahn, die Tankstellen und das Kommunikationsnetz. Nach Duran-Angaben wurden rund 500 Lokomotiven zerstört. Ersatz ist kaum zu beschaffen, denn die Ukraine nutzt wie Russland die breitere Spurweite, und Lokomotiven dafür wurden fast nur in den ehemaligen Sowjetrepubliken gebaut. In Kiew trafen die Angriffe die Brücken über den Dnipro, die Stadt selbst, das Umspannwerk Kievskaya und die Einrichtungen des Inlandsgeheimdienstes SBU. Die Folge sind großflächige Stromausfälle, eine stillgelegte U-Bahn und überlastete Abwasserkanäle. Der Bürgermeister Klitschko spricht von einem „Überlebensmodus“ und rät den Bürgern, die Stadt zu verlassen, wenn sie können.
Auffällig ist, was diese Ziele gemeinsam haben. Sie treffen nicht in erster Linie Soldaten, sondern den Staat als Organisation: seine Versorgung, seine Beweglichkeit, seine Verwaltung und seine Fähigkeit, die Front zu beliefern. Am Boden bleibt der russische Vormarsch dagegen langsam, weil Moskau Verluste scheut und die Drohnen jeden schnellen Durchbruch erschweren. Der Krieg wird also nicht dort entschieden, wo Armeen aufeinandertreffen, sondern dort, wo ein Land aufhört zu funktionieren.
Die Kasse hält nicht
Dass die Zerstörung eine finanzielle Dimension hat, wird in der Debatte meist übersehen. Nach Mearsheimer haben die Europäer der Ukraine für 2026 und für 2027 jeweils 52 Milliarden Dollar zugesagt. Im September meldete Kiew jedoch einen zusätzlichen Bedarf von 27 Milliarden Dollar, um das laufende Jahr zu überstehen. Die Ukrainer wollten deshalb Mittel aus 2027 vorziehen, was die Europäer nach seiner Darstellung „nicht besonders begeistert“ aufnahmen, denn dann fehlte das Geld im folgenden Jahr. Die Geberländer haben selbst wirtschaftliche Probleme.
Jede zerstörte Anlage verschärft diese Lage. Wo die Wirtschaft ausfällt, sinken die Steuereinnahmen. Wo die Eigenleistung sinkt, steigt der Zuschussbedarf, und dieser Bedarf fällt auf Europa zurück. Dazu kommt die Bevölkerung. Vor 2022 lebten in der Ukraine rund 44 Millionen Menschen. Die Zahlen für heute gehen weit auseinander: Die Moderatorin Lena Petrova nennt 29 Millionen, die frühere Sprecherin Selenskyjs, Julija Mendel, spricht von 20 bis 25 Millionen, von denen die Hälfte im Rentenalter sei. Mearsheimer hält 25 Millionen für plausibel. Selbst wenn man die Spanne offen lässt, ist die Richtung eindeutig. Mendel bezeichnet die Strategie Selenskyjs als „nationalen Selbstmord“, und Mearsheimer stimmt dem im Kern zu.
An der Front fehlt es an Soldaten. Es gibt eine große Zahl von Männern, die sich der Einberufung entziehen, und viele, die ihre Einheiten unerlaubt verlassen. Gehalten wird die Linie nach Mearsheimer vor allem durch Drohnen, die die Lücken schließen. Ohne sie, sagt er, hätte die Ukraine den Krieg „schon vor langer Zeit verloren“.
Wer zahlt, und wer nicht
Hier muss man genauer hinsehen, als Mearsheimer es tut. Er sagt, die Europäer müssten nicht sterben, den „Blutzoll“ zahlten die Ukrainer, und die Ukraine werde von den Europäern als „Rammbock“ benutzt, um Russland Schmerz zuzufügen. Das ist treffend, aber es bleibt bei der Beschreibung. Als Erklärung dafür, warum die Europäer trotzdem weitermachen, bietet er an, sie „glaubten“, Russland ließe sich besiegen. Das ist eine psychologische Erklärung: ein Irrtum, eine Torheit, ein falscher Glaube.
Eine strukturelle Analyse fragt anders. Sie fragt, wer an der Verlängerung des Krieges verdient und wer davon lebt. Das sind die Rüstungsindustrie, die über Jahre Aufträge bekommt, die Finanzierung, die über Anleihen und Sondervermögen Kapital bindet und verteilt, und eine politische Klasse, die ihre Stellung auf das Feindbild stützt. Der Krieg ernährt eine Klasse, und er tut es umso besser, je länger er dauert und je weniger er jemals zu einem Ergebnis kommt. Dazu passt, dass die Europäer in dieser Lage zwar Geld und Rhetorik liefern, aber das Entscheidende zurückhalten. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas räumte ein, ihre Aufforderung an die Mitgliedstaaten, restliche Luftabwehrsysteme abzugeben, sei „auf taube Ohren“ gestoßen. Das ist folgerichtig: Wer selbst ständig vor der russischen Bedrohung warnt, kann seine eigene Luftabwehr nicht verschenken. Kanzler Merz kam nach Duran-Angaben mit etwa einer Milliarde Euro nach Kiew, aber ohne Raketen, ohne Radar und ohne Luftabwehr. Die Unterstützung endet dort, wo sie die eigene Sicherheit kosten würde. Wiederaufrüstung bei gleichzeitiger Deindustrialisierung ist ein Widerspruch, den keine Rede auflöst.
Die Fiktion der Nichtbeteiligung
Offiziell ist die Ukraine kein NATO-Mitglied. Außenminister Rubio sagte vor wenigen Tagen, sie werde auch keines werden, und Präsident Trump hat das ebenfalls gesagt. Gleichzeitig sind nach den Duran-Sendungen Vertreter aller 32 Mitgliedstaaten, darunter die ranghöchsten Generäle des Bündnisses, in Kiew aufgetreten, mit der Botschaft, die Verbindung werde „immer stärker“. Wenn die Ukraine nicht in der NATO ist, was machen diese Generäle dann dort?
Die Antwort liefert Mearsheimer, ohne sie so zu nennen. Er verweist darauf, dass die Ukraine im August 2024 in russisches Gebiet bei Kursk einmarschierte und im Sommer 2025 mit westlicher Unterstützung einen Teil der strategischen Atomstreitkräfte Russlands angriff, also die Systeme, auf denen die nukleare Abschreckung beruht. Im Kalten Krieg wäre das undenkbar gewesen. Die Duran-Sprecher beschreiben das Kommandosystem, das von Wiesbaden und Brüssel aus gesteuert werde, und vergleichen die Reise der Generäle mit den Inspektionsfahrten amerikanischer Militärs nach Saigon, als die Lage in Vietnam kippte. Sie vermuten zudem, dass die Delegation weniger informieren als sich selbst beruhigen lassen wollte.
Die Formel „kein NATO-Beitritt“ erfüllt damit zwei Aufgaben zugleich. Sie beruhigt die eigene Öffentlichkeit, indem sie den Eindruck erhält, man sei keine Kriegspartei. Und sie erlaubt es, den Krieg zu führen, ohne die Verantwortung dafür zu übernehmen. Für Russland ist diese Unterscheidung bedeutungslos. Mearsheimer, der kürzlich in Moskau war, berichtet, dass die Russen die Europäer als ihren Hauptfeind sehen, die Briten und die Deutschen eingeschlossen, noch vor den Ukrainern und den Amerikanern.
Verhandlungen als Inszenierung
Der Krieg hätte nach Mearsheimer früher enden können. Schon im April 2022, wenige Wochen nach Kriegsbeginn, verhandelten Russland und die Ukraine in Istanbul und näherten sich einer Einigung. Boris Johnson und andere im Westen hätten die Ukrainer dann zum Abbruch gedrängt. Auch die Gespräche in Anchorage, die einen groben Rahmen hervorbrachten, sind inzwischen zerfallen. Außenminister Lawrow erklärte am 7. Oktober, Europa trage dafür die Verantwortung.
Der aktuelle Versuch einer Waffenruhe für den Winter folgt demselben Muster. Nach dem Nachrichtenportal Axios soll sie Angriffe auf Energieanlagen und Getreidelieferungen stoppen und die Häfen wieder öffnen. Dafür treffen sich in Miami amerikanische Unterhändler mit ukrainischen und europäischen Vertretern, Gerhard Schröder besucht Putin zu dessen Geburtstag, und Indiens Premier Modi hat vorgesprochen. Was dabei auffällt, ist, wessen Bedürfnis hier verhandelt wird. Der Winter und die amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November drängen den Westen, nicht Russland. Rubio spricht von einem „Patt“, Peskow stimmt zu und sieht keine Aussicht auf eine Waffenruhe. Die Duran-Sprecher halten die Diplomatie für erledigt und beschreiben die Vorschläge als alte Ideen in neuer Verpackung. Mearsheimer sieht das etwas anders: Er hält es für möglich, dass Kiew angesichts der Lage ernsthafter an Verhandlungen denkt als bisher. Der Winter wird zeigen, wer recht hat.
Die Dolchstoßlegende wird schon geschrieben
Wenn die Niederlage sichtbar wird, braucht der Westen jemanden, dem er sie zuschreiben kann. Die Duran-Sprecher sagen voraus, wer es sein wird: Trump. Er habe schon im ersten Jahr mit den Russen gesprochen und sich dann auf Iran konzentriert, die Ukraine sei an einer unentschlossenen Führung gescheitert, hätte man ihr von Anfang an alles geliefert, wäre alles gut gegangen. Die Folgerung wäre schon fertig: noch mehr Geld für Rüstung, und die Amerikaner müssten gebunden bleiben.
Das ist eine Dolchstoßlegende, wie es sie nach 1918 in Deutschland gab. Die Funktion solcher Legenden ist immer dieselbe. Sie schützen die Beteiligten vor der Frage nach den eigenen Entscheidungen und rechtfertigen die nächste Runde. Mearsheimer erklärt, warum die Europäer die Amerikaner um jeden Preis halten wollen: Sie sehen in den USA den Garanten dafür, dass sich die europäischen Staaten nicht gegeneinander wenden, ein Zweck, der schon im Kalten Krieg auch die Sowjetunion beruhigte, die den Fortbestand der NATO wegen des wiedervereinigten Deutschlands sogar wünschte. Trump will dagegen aus Europa heraus. Der strategische Zwang, sich auf China zu konzentrieren, wirkt in dieselbe Richtung. Wenn es so kommt, wird der Streit um die Verantwortung für den Rückzug mit der Niederlage in der Ukraine verschmelzen.
Was bleibt
Mearsheimer nennt die Ausgangslage am Ende ohne jede Hoffnung auf eine europäische Sicherheitsordnung, die Russland einschließt: Die Beziehungen würden vergiftet sein. Er hält die Entscheidung, die Ukraine in die NATO aufnehmen zu wollen, für einen der größten strategischen Fehler der modernen Geschichte, zumal Merkel und Sarkozy damals dagegen waren und die Regierung Bush sie durchsetzte. Das lässt sich heute nicht mehr rückgängig machen.
Vor allem zeigt der Winter, den die Ukraine vor sich hat, was geschieht, wenn ein Land nicht Subjekt, sondern Verbrauchsgut einer Auseinandersetzung ist, die andere führen und deren Kosten es trägt. Die Rechnung wird gerade geschrieben. Bezahlen werden sie, wie immer, diejenigen, die sie nicht aufgesetzt haben.
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Bildquelle: Yevgen Goncharenko / shutterstock
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Quellen: The Duran (Deutsch), drei Sendungen, 8./9.10.2026; John Mearsheimer bei „Weltpolitik im Kontext“, Oktober 2026.
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Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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