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Naher Osten: Der Anruf, den niemand führen wollte | Von Dirk Ellerbrock

Naher Osten: Der Anruf, den niemand führen wollte | Von Dirk Ellerbrock

Wie der Westen seinen eigenen Niedergang verschläft

Es gibt Momente, in denen ein Telefonat mehr verrät als tausend Lagebesprechungen im Pentagon. Während Washington seine strategische Erdölreserve binnen zwei Wochen aufgebraucht haben wird und der amerikanische Präsident zum wiederholten Mal einen Angriff ankündigt, den er Stunden später wieder zurückzieht, greifen die Golfstaaten selbst zum Hörer – nicht um Beistand zu erbitten, sondern um sich von ihrem Schutzherrn abzusetzen. Das ist der eigentliche Bruch, und er ist so grundsätzlich, dass die westliche Öffentlichkeit ihn nicht einmal als Nachricht erkennt: Der Hegemon wird von seinen eigenen Vasallen umgangen, während er noch glaubt, er bestimme das Tempo.

Man kann den gestrigen Sonntag auf zwei Weisen lesen. Die eine folgt der Frage, wer mit wem wie lange telefoniert hat. Die andere fragt, was es bedeutet, dass sich Akteure, die seit Jahrzehnten als sichere Satelliten der amerikanischen Ordnung galten, offen und wiederholt um eine eigene Beziehung zu dem Staat bemühen, den sie eigentlich gemeinsam mit Washington in die Knie zwingen sollten. Nur die zweite Frage führt irgendwohin.

I. Der Zerfall der Vasallenordnung

Eine Vasallenbeziehung ist kein Loyalitätsverhältnis, sondern eine Versicherung. Man zahlt mit Gehorsam, man kauft Schutz. Sie funktioniert exakt so lange, wie der Versicherer liefert. Die Golfmonarchien haben in den vergangenen Monaten eine schlichte Rechnung aufgemacht: Ihre gesamte Infrastruktur – Entsalzungsanlagen, Energieterminals, Häfen – besteht aus singulären, nicht redundanten Punkten. Ein einziger erfolgreicher Gegenschlag genügt, um ganze Bevölkerungen von Trinkwasser- oder Stromversorgung abzuschneiden. Die Vereinigten Staaten dagegen können einen Krieg von zu Hause aus führen, ohne dass ein einziges eigenes Kraftwerk brennt. Diese Asymmetrie der Verwundbarkeit ist keine Randnotiz, sie ist der ganze Punkt.

Als der Iran begann, seine Antworten im Verhältnis von zwei, drei, zuletzt angeblich zehn zu eins zu kalkulieren, wurde diese Rechnung für jeden Golfstaat existenziell. Nicht, weil man dem Iran plötzlich Vertrauen entgegenbrächte, sondern weil die Alternative – ein weiterer amerikanischer Angriff auf iranische Energieinfrastruktur, gefolgt von der zehnfachen Vergeltung gegen die eigenen Anlagen – schlicht nicht überlebbar ist. Wenn der Preis der Bündnistreue die eigene Wasserversorgung ist, hört Bündnistreue auf, eine Tugend zu sein, und wird zu einem Rechenfehler.

Das ist der Grund, warum sich in den vergangenen Wochen ein Muster verdichtet hat, das mit klassischer Diplomatie nichts mehr zu tun hat: direkte, wiederholte, öffentlich gewordene Kontakte zwischen Teheran und genau jenen Staaten, die im Namen der amerikanischen Ordnung eigentlich auf der anderen Seite hätten stehen sollen. Pakistan als Vermittlerbrücke, die Golfstaaten als Bittsteller in eigener Sache – das ist keine diplomatische Petitesse, das ist die Reorganisation einer Region entlang der Linie, wer tatsächlich noch in der Lage ist, Konsequenzen durchzusetzen, und wer nur noch Konsequenzen androht.

II. Der epistemische Kontrollverlust des Westens

Der Westen registriert diesen Vorgang nicht, weil sein Deutungsapparat für Niederlagen schlicht nicht ausgelegt ist. Er kennt zwei Modi: Sieg oder taktischer Rückzug zur Neuformierung. Was er nicht kennt, ist ein Drittes – dass eine Ordnungsmacht die materielle Fähigkeit verliert, ihren Willen durchzusetzen, während die eigenen Institutionen weiterhin so kommunizieren, als sei nichts geschehen. Das ist kein Wahrnehmungsfehler im Einzelfall, sondern ein Kategorienfehler des gesamten atlantizistischen Deutungssystems: Man rechnet in Wochen bis zur nächsten Eskalationsrunde, in Verhandlungsspielräumen, in Drohkulissen. Man rechnet nicht damit, dass die eigenen Partner die Rechnung längst gemacht haben und zu einem anderen Ergebnis gekommen sind als dem, das die eigene Pressestelle vorgibt.

Bezeichnend ist, wo diese Realität stattdessen artikuliert wird: nicht in den Zeitungen, die sich selbst als Realitätsinstanz verstehen, sondern in einer wachsenden Parallelökonomie aus abonnementfinanzierten Insider-Formaten, die genau in die Lücke stoßen, die die Systempresse offenlässt. Dass solche Formate ihre Inhalte dramatisieren, personalisieren und als exklusive Ware verkaufen, ändert nichts daran, dass sie einen strukturellen Bedarf bedienen, den die etablierten Institutionen nicht mehr befriedigen können, weil sie ihre eigene Erzählung vom unangefochtenen Hegemon nicht preisgeben dürfen, ohne sich selbst infrage zu stellen. Der Kontrollverlust ist also doppelt: Er betrifft nicht nur das Kräfteverhältnis am Persischen Golf, sondern auch die Deutungshoheit darüber, wer im Westen überhaupt noch glaubwürdig sagen darf, was dort geschieht.

III. Zwei Seiten desselben Vorgangs

Beide Bewegungen – der Zerfall der Vasallenordnung und der epistemische Kontrollverlust – sind kein Zufall, der gleichzeitig eintritt. Sie sind derselbe Prozess, von zwei Seiten betrachtet. Eine Hegemonialordnung besteht nicht nur aus Flugzeugträgern und Sanktionsregimen, sondern ebenso aus der Fähigkeit, die eigene Version der Wirklichkeit für verbindlich zu erklären. Bricht die materielle Basis – die Fähigkeit, Verwundbare tatsächlich zu schützen –, bricht mit ihr auch die Fähigkeit, das Geschehen so zu erzählen, dass der Bruch nicht sichtbar wird. Die Golfstaaten, die sich stillschweigend vom Washingtoner Drehbuch lösen, und die Kanäle, über die diese Loslösung außerhalb der offiziellen Presse überhaupt benennbar wird, sind zwei Symptome derselben Erschöpfung.

Der Westen wird diesen 2. August, nicht als Wendepunkt verbuchen. Dafür bräuchte er ein Deutungssystem, das eine eigene Niederlage als Kategorie überhaupt zulässt. Genau das ist ihm derzeit nicht gegeben – und genau darin liegt die eigentliche Meldung, weit unabhängig davon, wer wie lange mit wem telefoniert hat.

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Bildquelle: Ivan Marc / shutterstock


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